Verlockung – Polizeiruf 110 Fall 100 / Crimetime 386 / #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Fuchs #Berger #Verlockung #Postklau

Crimetime 386 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD, Hans Ulrich Roßberg (der Film ist in Farbe)

Präzision, Vertrauen, Künstlerpech

Nach dem außergewöhnlichen Vorgängerfall 99 „Ein Schritt zu weit„, den wir kürzlich rezensiert haben, geht es  trotz des großen Jubiläums zurück zum Polizeiruf-Alltagsgeschäft. Etwas Melodrama ist in beiden Filmen, aber auf ganz unterschiedliche Weise: Während „Ein Schritt zu weit“ sehr subtil auf persönliche Seinszustände schaut, ist „Verlockung“ wieder ein sehr offensiv ideologisch ausgerichteter Film – mit interessanten Brechungen, wie sie in den 1980ern durchaus üblich waren. Im Mittelpunkt steht ein junger Mann, der aus der Familientradition heraus einen Beruf ergreift, den er nicht liebt und aus unerfüllten Wünschen entwickelt sich ein wahrhaft tragischer Fall, über den wir in der -> Rezension mehr erzählen.

Handlung (Wikipedia)

Sven Seidel, Sohn des Leiters des Post- und Fernmeldeamts Potsdam Wolfgang Seidel, ist künstlerisch begabt. In seiner Freizeit modelliert er Figuren aus Ton und würde am liebsten auf der Kunsthochschule studieren, doch setzt sein Vater durch, dass Sven Postangestellter wird. Schon der Großvater arbeitete bei der Post, sodass Sven nicht zuletzt eine Familientradition aufrechterhalten soll. Für die Arbeit interessiert er sich jedoch kaum, kommt häufig zu spät und verbringt die meiste Zeit damit, die Postangestellte Monika zu beobachten, in die er sich verliebt hat. Er ist ihr zu langweilig und so wird aus ihr und dem vorbestraften Fahrer Ebert ein Paar. Sven findet nur in Gerhard Frohberger, dem Leiter des kleinen Postamtes Grünstedt, einen Vertrauten. Frohberger unterstützt Svens künstlerische Ambitionen, schenkt ihm einen Brennofen für die Tonfiguren und regt an, dass Sven im Betrieb einen Keramikzirkel ins Leben ruft.

Eines Tages fehlt in einer Postsendung aus Neuendorf die Wertsendung in Höhe von 10.000 Mark. Sie wurde ordnungsgemäß losgeschickt, kam jedoch in Grünstedt nie an. Die Ermittler unter der Leitung von Hauptmann Peter Fuchs rekonstruieren den Abladevorgang und es wird deutlich, dass die Sendung mehrere Minuten unbeachtet auf der Laderampe stand. Später verließen sowohl Sven als auch sein Kollege Hugo Zander einmal den Raum, während die Sendung aus Neuendorf bearbeitet wurde. Im Müll findet sich die Plombe der Post, deren Schnüre ordnungsgemäß einmal durchschnitten wurden. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel.

Sven gesteht seiner Mutter Elke, dass er den kleinen Geldsack an sich nahm, da er sich unbedingt einen Brennofen für die Tonfiguren kaufen wollte. Unerwarteterweise war er am Tag des Diebstahls mit Freunden bei Frohberger zu Gast. Er verbarg den Geldsack unter seinem Anorak, den er jedoch in der Wohnung abgeben musste. Den Geldsack versteckte Sven hinter der Rohrverkleidung auf Frohbergers Toilette, wo er herunterrutschte und nun nur noch durch Aufschrauben der Rohrverkleidung geborgen werden kann. Frohberger weiß nicht, dass das Geld in seiner Wohnung liegt. Dass er Sven kurz nach dem Diebstahl einen eigenen Brennofen schenkte, war reiner Zufall. Sven plant, den Geldsack heimlich aus dem Versteck zu holen, als er den Brennofen aus Frohbergers Wohnung abholt, doch lässt dieser ihn nicht ins Bad. Da Frohberger in einer zum Postgebäude zugehörigen Wohnung lebt, sind sämtliche Etagen mehrfach gesichert. Anders als mit Frohbergers Erlaubnis kommt man nicht bis zu seiner Wohnungstür. Nun wird Wolfgang Seidel in Svens Tat eingeweiht. Er ist entsetzt, sieht er doch auch seinen guten Namen in Gefahr. Er verspricht Sven, alles in Ordnung zu bringen.

Elke Seidel arbeitet bei der PGH Aufbau und lässt eigenmächtig ein Gerüst am Postgebäude errichten. Über das Gerüst soll Wolfgang bei Gelegenheit durch ein Außenfenster in Frohbergers Wohnung eindringen und den Geldsack aus dem Badezimmer holen. Es kommt jedoch anders: Das Gerüst steht und Frohberger wird spontan zu einem Außentermin gerufen. Sven dringt nach Dienstschluss in Frohbergers Wohnung ein und schraubt die Verkleidung im Bad auf. Er ist fast fertig, als Frohberger betrunken vorzeitig nach Hause kommt. Sven flüchtet durch das offene Fenster, doch kann Frohberger ihn auf dem Gerüst fassen. Bei einer Rangelei stürzt Frohberger mehrere Stockwerke in die Tiefe und bleibt reglos liegen. Eine Postmitarbeiterin ruft den Krankenwagen. Sven befürchtet, Frohberger umgebracht zu haben, doch erhält Wolfgang einen Anruf, dass Frohberger schwer verletzt überlebt habe. Später wird deutlich, dass er sich an nichts erinnern kann. Wolfgang deklariert den Geldsack als Fehlleitung der Post, sodass das Geld nach kurzer Zeit im regulären Postkreislauf auftaucht. Sven hat starke Gewissensbisse, die jedoch von seinen Eltern kleingeredet werden. Am Ende sei ja nichts passiert.

Eines Tages erfährt Wolfgang, dass Frohberger seinen Verletzungen erlegen ist. Sven will sich nun endlich der Polizei stellen, doch verbietet ihm Wolfgang, das Leben der Familie durch diese Aktion zu zerstören. In zahlreichen Tonfiguren hat Sven den Sturz Frohbergers dargestellt. Er nimmt die Figuren an sich und flieht. Sein Weg endet auf dem Gerüst am Postgebäude. Er reiht die Figuren vor sich auf und wirft eine nach der anderen in die Tiefe. Eine Anwohnerin hat die Polizei alarmiert, die längst Sven als Täter unter Verdacht hatte. Seine Schuhspuren fanden sich auf dem Gerüst und Fingerabdrücke in Frohbergers Wohnung. Eine vergessene Tonfigur in Svens Zimmer zeigte zudem einen Mann, der einen Geldsack in seinem Mantel verschwinden lässt. Nun wird das Haus umstellt und Polizisten dringen heimlich bis in Frohbergers Wohnung vor. Sven bekennt auf dem Gerüst stehend seine Schuld und klagt seinen Vater an, die Tat für ihn vertuscht zu haben. Er will springen, wird jedoch von den Polizisten festgehalten und verhaftet. Der Polizeiwagen fährt mit ihm davon. Allein zurück bleiben Wolfgang und Elke Seidel.

Rezension

Die künstlerische Begabung von Sven wird in der Wikipedia-Handlungsbeschreibung denn gleich zu Beginn erwähnt und sie ist tatsächlich  zentral dafür, dass alles schiefgeht.

Die Bevormundung, das umsorgt und gleichzeitig eingeengt sein in der Familie und der im Film tatsächlich zu hörende Aufruf, mal etwas zu wagen, ein Lebensrisiko einzugehen.

Warum schießt uns, wenn wir an die späte, festgefahrene DDR denken, angesichts solcher durchaus verständnisvoller Jugendlichen-Porträts immer wieder durch den Kopf: Lüge!

Manchmal sind die Unterschiede ganz fein: Nachdem Frohberger verstorben und sich nichts mehr ändern oder durch Reue einigermaßen beheben lässt, drückt Hauptmann Fuchs erst einmal sein Bedauern darüber aus, dass Sven sich nicht der Polzei anvertraut hat, schon nach dem Klau der 10.000-Mark-Wertsendung. Aber sein „Abführen!“ klingt dann doch ziemlich hart. Realistisch wohl, aber eher so: Nun selbst schuld!

Dass die Eltern Seidel alles unterm Deckel halten wollen und damit das eigentliche Unglück heraufbeschwören, kann so oder so interpretieren: Es geht nicht an, dass Familien sich von der Gesellschaft abkapseln und ihre Probleme nicht vortragen, auch nicht um des guten Rufes willen. Das ist die eine Variante. Die andere Lesart: Wie konnte es passieren, dass diese Aufrechterhaltung einer Fassade nach fast 40 Jahren DDR noch so wichtig ist?

Zu ersterer Auslegung passt, dass der Verlauf des Films belegt, dass man durch Verschweigen und heimliches reparieren wollen von Fehlverhalten alles nur immer schlimmer macht; die Kausalkette von Svens vom Vater forcierter und schlechter Berufswahl bis hin zum Tod des Chefs, den er doch so mag, die tragische Allegorie, das ist gut nachvollziehbar aufgebaut, wenn auch in der Ausführung etwas überzogen: Die Frau des Postrats, obwohl in der passenden PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) beschäftigt, kann eigenständig Aufträge für die Renovierung eines Postamts vergeben, ohne dass ihr Mann als allein zuständige Person unterzeichnet?

Letztere Ansicht wird aber dadurch gestützt, wie sich die Postler verhalten. Um es offen auszudrücken: In einem solchermaßen ruppigen Kollektiv wie diesem Postamt, in dem es sofort bösartig und unkollegial zugeht, als die 10.000 Mark verschwinden, einem Team also, in dem viele angestaute Aggressionen vorhanden sind und die Sensiblen nicht gerade die besten Chancen haben, ist keine Atmosphäre für eine Künstlerseele gegeben.

Und natürlich wieder die Frage: Warum wird ein solches Arbeitsumfeld, das sehr staatsnah ist, so dargestellt? Auch die Arbeitspräzision ist nicht die allerbeste, Dienstvorschriften werden nicht immer eingehalten. Das kann man dem allzu verständnisvollen und weichen Chef Frohberger zuschreiben, der  andererseits als die mit Abstand sympathischste Figur gezeigt wird, als die einzige Person, die sich nicht nur um andere kümmert, sondern sich auch um einen empathischen Zugang zu ihnen bemüht – besonders zu Sven, von dem er weiß, dass der Junge nur bei der Post ist, weil die Seidels immer bei der Post waren und dem Druck nicht standhält, der durch seine Stellung als Sohn des Postrats auf ihm lastet.

Hauptmann Fuchs, der nominelle Chefermittler des Polizeirufs während der DDR-Phase, ist hier in seinem 58. Fall zu sehen und arbeitet mit einem jungen Kollegen namens Berger zusammen, der aber in der Polieiruf-Liste nicht als eigenständiger Teampartner angegeben ist. Wie häufig in den damaligen Filmen der Reihe stehen die Polizist*innen aber nicht im Vordergrund, sondern treten hinter die Episodencharaktere zurück – und hätten den Fall Nr. 100 nicht lösen können, wäre nicht Sven zum Tatort zurückgekehrt, mitsamt den Tonfiguren, die den Tatverlauf zeigen und die er dann vom Gerüst wirft.

Dass er selbst springt, kann gerade noch verhindert werden. Nicht weiterverfolgt wir die Spur der Fingerabdrücke, die man in Frohbergers Wohnung genommen hat und bei denen es Auffälligkeiten gibt, weil gerade im Bad sich welche finden, die nicht dem Wohnungsinhaber gehören – dem man seine dann auch post mortem abgenommen haben muss. Man kann sich einen alternativen Verlauf aber auch so denken, dass man auf diese Weise starke Indizien für Svens Täterschaft erhalten hätte, ebenso wie mit den Turnschuhen, hätte dieser sich nicht auf eine besondere Weise quasi selbst gestellt und symbolisch sein künftiges Künstlerleben weggeworfen.

Finale

Wie viel Talent geht verloren, weil es sich nicht entfalten darf? Vermutlich liegt der Anteil höher als der von Menschen, die tatsächlich Künstler werden und das leben, wovon sie geträumt haben. Wieder ein Mensch, welcher der Welt verloren geht. Es wird nicht erläutert, aber Sven dürfte ein hohes Strafmaß erhalten. Er hat zwar nicht vorsätzlich getötet, aber die Todesfolge für Frohberger fahrlässig im Wege der Begehung eines anderen Delikts bzw. der Vertuschung von dessen Spuren herbeigeführt. Wie die DDR-Justiz mit Menschen umgegangen ist, die auf diese Weise fehlen, können wir noch nicht exakt bestimmen, aber es wäre langsam an der Zeit, sich damit zu befassen. Es kommt in den Polizeirufen, wie auch in jenen Tatorten, die eher dramatisch ausgelegt sind, vor, dass eine eher geringe kriminelle Energie schwerwiegenden Folgen zeitigt.

Dieses Ausloten des Täters und Filmen aus dessen Perspektive ist eine Herangehensweise, die für die Polizeiruf-Filmer einfacher umzusetzen war als für ihre westdeutschen Kollegen, weil Tatorte immer aus der Sicht der Ermittler erzählt werden – wenigstens für den überwiegenden Teil der Spielzeit und meist auf eine Weise, dass man es in Kenntnis narrativer Strukturen geradezu als störend empfindet, wenn die Perspektive gewechselt wird – also Szenen gezeigt werden, in denen andere Figuren untereinander agieren, ohne dass die Ermittler dabei sind und dieselben Infos bekommen wie die Zuschauer – Die Polizeirufe sind aufgrund ihrer Handlungsstruktur ziemlich dicht an den Episoden-Hauptfiguren dran und sie können dadurch intensive Persönlichkeitsstudien abliefern, die den Krimi-Anteil der Filme überwiegen.

In „Verlockung“ ist uns das manchmal etwas zu statuarisch und symbolisch geworden, man muss sich auch die Zeit nehmen und so eingestellt sein, dass man Svens zunehmender Verstrickung folgen und die als falsch dargestellten Prinzipien seiner Eltern ausloten mag – wir tun das hier selbstverständlich und bei uns hat es zu den beiden oben dargestellten Interpretationslinien geführt.

„Verlockung“ ist ein unangenehmer Film, aber Polizeirufe machen den Zuschauer nicht zum Kumpel cooler Polizisten. Er kann sich auf Ermittler wie Fuchs jederzeit verlassen, die moralisch und fachlich untadelig sind, das muss als Anker ausreichen. Ansonsten wird, vor allem in den frühen Filmen der Reihe, ideologische Festigung betrieben oder wenigstens Klarheit geschaffen – aber im Laufe der Zeit vermehrt der Finger in gesellschaftliche Wunden gelegt, die offenbar auch in der DDR nicht zu schließen waren. Zuweilen sieht man auch Filme wie „Ein Schritt zu weit“, die man in jedem System so oder ähnlich inszenieren könnte. Auffällig oft aber werden Verbrechen gezeigt, die durch Ausbruchsversuche zustande kommen, nicht, wie im Westen, dadurch, dass man seine Stellung im System verbessern will.

Obwohl Svens Talent schon in der Schule hätte auffallen müssen, gab es dort offenbar niemanden, der die Eltern angesprochen und versucht hätte, die eher von ihnen als vom Sohn getroffene falsche Berufswahl zu verhindern. Dass eben künstlerische Tätigkeit als gleichrangig angesehen und Menschen, die aus dem Spießigen ausbrechen möchte, doch eine Verständnis-Brücke gebaut wird, halten wir fest.

7,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Gunter Friedrich
Drehbuch Manfred Hoffmann
Produktion Gabriele Rötger
Musik Bernd Wefelmeyer
Kamera Horst Klewe
Schnitt Gerti Gruner
Besetzung

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