Ein Schritt zu viel – Polizeiruf 110 Fall 99 / Crimetime 378 / #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Waldbühne #Hübner #Reichenbach #EinSchrittzuviel

Crimetime 378 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Der Schritt vom Wege kann zum Tod oder zur Erkenntnis führen

„Ein Schritt zu viel“ ist der erste Polizeiruf mit dem Ermittler Reichenbach, den wir rezensieren. Mit dem Jahrgang 1985 der Reihe sind wir hingegen schon ein wenig vertraut, weil Filme aus dieser Zeit im Moment gerade häufiger wiederholt werden. Das muss eine recht gute Zeit gewesen sein, künstlerisch gesehen – gesellschaftspolitisch hingegen waren deutliche Rückzugserscheinungen zu bemerken. Darüber und über mehr zum Film schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Geiger Martin Veltin erscheint eines Tages erst nachts zu Hause. Er scheint angetrunken zu sein, ist kaum ansprechbar und sein Wartburg hat vorn eine Beule. Seine Frau Luise stellt ihn am nächsten Tag zur Rede und Martin gesteht ihr verstört, dass er nachts nach einem Konzertauftritt eine Frau umgefahren und sie tot im Straßengraben liegengelassen habe. Luise bringt den Wagen in die Werkstatt und fragt Hauptmann Reichenbach bei einem zufälligen Treffen, ob er etwas von einem Autounfall bei Tannenwalde wisse. Im Theater, zu dem auch Martins Orchester gehört, werde gemunkelt, der Täter sei vom Theater. Hauptmann Reichenbach hat von einem solchen Unfall nie gehört und auch Oberleutnant Jürgen Hübner weiß von nichts. Vermisst wird jedoch die junge Silke Tanner, die in einer Popband spielt. Sie wollte mit ihrem Freund Axel zu einem Konzert, zerstritt sich jedoch mit ihm. Seit mehreren Tagen ist sie verschollen und schließlich gibt ihre Mutter eine Vermisstenanzeige bei der Polizei auf.

Martin Veltin hatte sich in Wirklichkeit nach dem Konzert mit Silke getroffen, die er bereits bei einem Konzert ihrer Band gesehen und bewundert hatte. Sie gingen zusammen essen und anschließend in der Sächsischen Schweizunweit der Felsenbühne, wo das Konzert stattfand, spazieren. Dabei animierte Silke ihn dazu, sie zu küssen. Martin küsste sie und fiel über sie her, doch sie wehrte ihn ab. Als sie abfällig über seine „Stehgeigermoral“ sprach, ohrfeigte Martin sie. Silke stand zu nah am Abgrund und stürzte in die Tiefe. Martin glaubt nun, dass sie tot ist. Sein Wissen belastet ihn enorm und so ist er bei Proben für die Freischütz-Premiere des Orchesters unkonzentriert und kommt schließlich gar nicht mehr zur Aufführung, weil er immer betrunken ist. Axel war Silke am Tatabend gefolgt und hatte die Szene beobachtet. Er erscheint bei Martin, gibt vor, sein Verhalten nachvollziehen zu können, und fordert von ihm 10.000 Mark, da die Band ohne Sängerin finanzielle Einbußen erlitten habe. Martin zahlt. Seiner Frau gesteht er schließlich den Mord und sie versucht nun, ihn zu decken, auch wenn sie nicht glaubt, dass Martin Silke nur an dem Abend getroffen habe.

Als im See unterhalb der Absturzstelle Silkes Tasche gefunden wird, intensivieren Jürgen Hübner und Hauptmann Reichenbach die Ermittlungen. Weitere Kleidungsstücke Silkes, darunter ein Schuh, werden gefunden, jedoch keine Leiche. Es wird wahrscheinlich, dass Silke den Sturz in das Wasser überlebt haben könnte. Tatsächlich hatte sie sich ans Ufer retten können und war seither in Axels Urlaubshaus am See. Sie wollte Ruhe haben und wurde in ihrem Wunsch von Axel unterstützt. Axel sollte auch Martin berichten, dass Silke überlebt hat, was er jedoch nicht tat. Nun, einige Tage nach dem Unfall, kehrt Silke nach Hause zurück. Sie ist überrascht, dass die Polizei nach ihr sucht. Sie begibt sich zu Martin, der an der Felsenbühne probt. Er reagiert schockiert, als er sie sieht, und flieht vor ihr. Er erleidet einen Nervenzusammenbruch und wird ins Krankenhaus gebracht. Auf der Polizeiwache zeigt sich Silke reuevoll, dass sie ihren Tod durch ihr Fernbleiben inszeniert hat, gibt jedoch auch zu, sauer auf Martin gewesen zu sein, schließlich habe er sie nach ihrer Animation vergewaltigen wollen. Sie reagiert schockiert, als sie erfährt, dass Axel Martin nichts von ihrem Überleben gesagt hat, sondern Martin im Gegenteil noch erpresst hat. Axel jedoch zeigt sich abgebrüht: Das Geld sei nicht für ihn, sondern für die Band gewesen. Unmoral müsse zudem bestraft werden.

Rezension

Offenbar hören wir in letzter Zeit zu wenig Klassik, sonst hätte uns „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber wohl nicht so gefangen genommen. Am Ende des Films waren wir beinahe erschossen. Außerdem bekommen die interessantesten Filme oft vergleichsweise niedrige Wertungen in der IMDb (hier 6,4/10), aber es kommt darauf an, worauf man Wert legt.

Ein Reißer ist der 99. Polizeiruf nicht, sondern das, was wir beim Tatort als Krimi-Kammperspiel kennen. Fast alles ist Psychologie, nicht Aktion, und wir finden, es ist ausgezeichnet inszeniert. In diesem Film wird mehr über das Verhältnis älterer Männer zu jüngeren Frauen erklärt als in vielen schwülstigen Abhandlungen. Es wird fast nur gezeigt und ganz wenig geurteilt. Die einzige negative Figur ist Silkes Freund, der versucht, aus dem unglücklichen Verlauf des Dates zwischen dem Violinisten und der Popsängerin im wörtlichen Sinn Kapital zu schlagen. Raffiniert und fehlerlos ist der Plot aufgebaut, auch wenn es nicht so einfach ist, Silkes Verhalten immer konsistent darzustellen – also ist es nicht stringent, sondern eben das einer Frau Mitte 20, die sich ausprobiert, wie man im „Jugendjargon“ damals sagte, der hier explizit von außen, nämlich aus der Perspektive des Mannes betrachtet wird, der eine Generation älter ist, aber aufgeschlossen.

Die Sängerin hält ihre Musik für vergänglich, der im Orchester spielende Mann grämt sich über die Nichtbeachtung derer, die nicht auf der Bühne stehen, sondern im Graben sitzen. Wir müssen zugeben, daran haben wir noch nie gedacht, dass Theater-Orchester ja nicht, wie Sinfonieorchester oder Bands, die Aufmerksamkeit für sich haben, sondern sie denen gilt, die im Licht stehen und singen oder tanzen. Der Ausbruch aus dem Bekannten spielt in dem Film eine ganz große Rolle und die beiden Hauptfiguren gehen dabei einen großen Schritt aufeinander zu – und einen zu weit. Sie provoziert ihn, er lässt sich provozieren. Der manchmal feine und in einer erregenden Situation nicht immer leicht zu ermittelnde  Unterschied zwischen dem Gewünschten und dem Übergriff oder der sexuellen Belästigung, Nötigung, wird großartig herausgearbeitet, niemand ist am Ende komplett schuldig an der Situation, aber beide haben ihre Anteile daran. Das ist ein Film zum Nachdenken und er ist überzeitlich.

Was wir sehen, ist komplett unabhängig von der Gesellschaftsordnung, denn dass Menschen nicht erfüllt sind und sich eine romantische Vorstellung von der Neuerfindung der eigenen Person machen, das wird es immer geben. In solidarischen Gesellschaften nicht? Niemals sind alle zufrieden und immer wird es Defizite geben, die man nicht in therapeutischen Anordnungen beseitigen kann und werden Menschen den Wunsch nach einer Veränderung oder sogar einem letzten großen Abenteuer haben. Das macht sie ja so menschlich, das Sehnsuchtsvolle, das in der Szene am Unglücksort sehr berührend gefilmt wird und beide Generationen werden sehr gut porträtiert, über den gesamten Film hinweg.

Auf jeden Fall ist dies der feinfühligste Polizeiruf, den wir bisher gesehen haben, beinahe ein Liebesfilm, in dem die Liebe nicht wachsen kann, und ist das Ende tragisch oder nur dramatisch? Natürlich hofften wir, dass Veltin nicht verstirbt und dass es offen bleibt, lässt auch alle Entwicklungen für die  Zukunft offen – nicht.

Man spürt deutlich, dies wird keine Affäre werden, egal, ob der ältere der beiden Musikmenschen sich nochmal erholen wird. Selbstverständlich ist auch das Milieu gut gewählt und wenn man eine gesellschaftliche Kritik sehen möchte, dann in dem Kommerzialismus, den Bandmitglieder und andere Mensche mit eher unkonventionellen Berufen und Tätigkeitsprofilen immer wieder entwickeln. Axel, Silkes Freund, ist aber nicht mehr so deutlich wie in frühen Polizeirufen als das asoziale Element, das Symbol für alles Antisozialistische, in Szene gesetzt, obwohl er von Wolf-Dieter Lingk gespielt wird, der auf solche Rollen abonniert war (wie z. B. zehn Jahre zuvor in „Reklamierte Rosen“ oder in „Traum des Vergessens“ – die Rezension ist noch nicht veröffentlicht). In der eher ruppigen Umgangsweise innerhalb der Band gegenüber den feingeistigen Orchestermusikern und ihrem Umfeld kann man eine Kritik sehen, vielleicht wird aber auch nur die rauere, realistischere und durchaus weltnähere Art einer leicht desillusionierten Jugend dargestellt, die es wohl in der Spätphase der DDR wirklich gab.

Wer diesem Film aber sein Gesicht verleiht, ist der wunderbare Herbert Köfer, er war für uns kein Unbekannter, aber hier als Schauspieler eine echte Entdeckung und eines der populärsten Fernsehgesichter der DDR mit ungebrochener Karriere nach der Wende.

Im Westen wäre es undenkbar gewesen, dass Tagesschau-Sprecher auch in Krimis mitmachen, es sei denn, hin und wieder in Cameo-Rollen; das Fiktionale war bezüglich der Personen vor der Kamera strikt vom Nachrichtlichen getrennt. Aber Köfer hat fast alles gemacht, was man sich im Bereich der „Performing Arts“ denken kann, Theater, Film, Fernsehen, Kabarett, konnte ernste Rolle ebenso wie Humoristisches überzeugend spielen und lebt, anders als in „Ein Schritt zu viel“, friedvoll und im 98. seiner erfüllten Jahre am Seddiner See.

Nicht so friedvoll wirkt es, dass der erfahrene Oberleutnant Hübner, anders als sein Kollege Fuchs, nie befördert wurde und nun sogar einen Hauptmann vor die Nase gesetzt bekommt, der scharfsinniger und viel dynamischer wirkt als der altgediente Polizeiruf-Ermittler, der hier seinen 50. Fall feiern darf. Sogar die Tatort-Masche, dass dieser Kommissar mit wichtigen Episodencharakteren bekannt ist, wird hier etwas angetippt – aber aus der anderen, der Perspektive derer, die ins – hier vermeintliche – Verbrechen verwickelt sind. Aufgrund der prägnanten Darstellung der Episodenfiguren treten die Polizisten hier auch für Polizeiruf-Verhältnisse sehr in den Hintergrund, es gibt ja auch kaum etwas zu ermitteln, weil das einzige eindeutige Verbrechen der Erpressungsversuch von Axel ist. Dass jemand, der als Opfer daherkommt, selbst an einem solchen Delikt teilnimmt, ist nicht ganz neu, aber wie hier durch Zufälle und für sich nachvollziehbare Verhaltensweisen ein verhängnisvolles Szenario entsteht, ist gut geschrieben und tadellos umgesetzt.

Dabei bedient man sich wieder der Konstruktion mit mehreren Zeitebenen, um den Zuschauer Schritt für Schritt ins Bild zu setzen, wie kürzlich im Rügen-Polizeiruf „Vergeltung?„, den wir ebenfalls zu den besonders starken Produktionen der Reihe rechnen. Es ist ein großer Vorteil, dass die Filme damals auch schon länger waren als zu Beginn, wo das Grundmaß bei einer Stunde lag, zuzüglich, manchmal sogar abzüglich einiger weniger Minuten. „Ein Schritt zu viel“ hat hingegen mit 82 Minuten Laufzeit beinahe Tatort-Länge und nimmt sich besonders viel Zeit für die Figuren.

Finale

„Ein Schritt zu viel“ ist unbestreitbar ein Qualitäts-Polizeiruf, exakt und schön gefilmt, spiegelt die Musikrichtungen, die darin Erwähnung finden oder gezeigt werden, in einer Mischung aus klassischen Motiven und moderner Inszenierung und es ist schon sehr hintergründig, dass Silke und Martin einander kennenlernen, als sie in die Zuschauerrolle wechselt und er nicht im Graben sitzt, sondern mit einem Quartett Kammermusik macht und damit auch ein sichtbarer Mensch, ein kleiner Star geworden ist.

Die Basis gegenseitiger Bewunderung kann durchaus tragen, wenn sonstige Barrieren überbrückt werden müssen, damit man zueinander finden kann. Am Ende steht nicht die Erfüllung oder gar die Wiederherstellung der Ordnung, die in traditionellen Krimis so wichtig ist, zumal in einem System, das ein Abweichen von seiner Ordnung besonders hart sanktionieren muss, um zu überleben. Dieser auch sehr melancholische Film mit ebensolchem Ende kann sogar auf einer weiteren Ebene gelesen werden. Die Jugend emanzipiert sich – wohin auch immer und es ist komplett offen, welche Tendenz man daraus ableitet. Hingegen führt ein allzu leise Solidarität dazu, dass sich Unschuldige schuldig machen.

8,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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