Drei Schlingen – Tatort 78 / Crimetime 388 // #Tatort #Essen #Haferkamp #WDR #Tatort78 #Schlingen

Crimetime 388 - Titelfoto © WDR

Der Henker von Essen

Nun ist er also nach neun Jahren wieder einmal ausgestrahlt worden, der ehemalige Giftschrank-Tatort „Drei Schlingen“ mit Kommissar Haferkamp. War er nun nach heutigen Maßstäben so brutal, dass man ihn dafür 25 Jahre wegschließen musste und was gibt es sonst darüber zu schreiben? Es steht – in der -> Rezension.

Handlung

Bei einem brutalen Überfall auf einen Geldtransporter wird der Fahrer Fink erschossen, als er einer vermeintlich verletzten Frau helfen will.

Haferkamp sucht nun nach den drei Gangstern, der Frau und ihren zwei männlichen Komplizen. Finks Partner Schiesser, der vor Jahren wegen seiner harschen Vorgehensweise aus dem Polizeidienst entlassen wurde, hält Haferkamp für unfähig. Bald muss Haferkamp zwei weitere, als Selbstmorde getarnte Morde klären. Die Spur führt ihn in einen Judoclub.

Rezension

Heinz Haferkamp ist einer der Legenden, die den Tatort groß gemacht haben. Ein wenig kann man auch in „Drei Schlingen“ erahnen, warum er so beliebt war – traditionell, ernst, als Person gut sichtbar und nicht perfekt und mit Kreutzer hatte er einen der prägnantesten Assistenten jener Ära. Es wirkt alles weitgehend stimmig.

Nach der Ausstrahlung gestern fiel der bisher mit Rang 153 in der Fundus-Liste sehr gut bewertete Film prompt auf Rang 177 zurück. Die neuen Kommentar sind noch nicht sichtbar, aber einiges deutet darauf hin, dass die gestrige Ausstrahlung dem Film eher kritische Stimmen eingebracht hat. Nicht zu Unrecht, wie wir meinen.

Dabei kommt uns zu Hilfe, dass wir seit April 2019 auch die Reihe Polizeiruf sichten und dadurch eine weitere Vergleichsmöglichkeit haben. Die Geldtransporte sind zwar in Essen wesentlich elaborierter als bisher in einem Polizeiruf gesehen und die Wagen, mit denen sie ausgeführt werden, haben eine realistische Sicherheitsausstattung. Auch die Summen sind hoch, es geht um 2.070.000 Millionen DM Beute. Aber es fällt sofort auf, dass es wieder um ein Thema geht, das auch in Polizeirufen häufig vorkommt: Wie gehen Mitarbeitende mit den Sicherheitsbestimmungen um? In diesem Fall steigt der junge Fahrer Finke entgegen den Vorschriften aus dem VW-Transporter, um einem vermeintlichen Unfallopfer zu helfen und wird in der Folge getötet.

Immerhin geht es nicht nur um Schlamperei, zumindest nicht im Moment der Abweichung von den Bestimmungen, sondern auch um ein humanes Motiv. Die Verantwortung für die Gesellschaft wird im Westen auf die Verantwortung für das Unternehmen reduziert und Haferkamp ist nicht der Typ, der zu allem eine Meinung äußert. Diese Zurückhaltung, die dem Zuschauer das Nachdenken überlässt, schätzen wir an den frühen Tatorten sehr.

Keine Frage, „Drei Schlingen“, in dem drei Todesfälle gezeigt werden, ist einer der bis dahin brutalsten Filme – auch, weil man gleich zwei Opfer sieht, die mit einem Strick erhängt wurden und eine weitere Person, der das auch beinahe passiert wäre. Das Erschießen auf offener Straße ist mittlerweile keine Besonderheit mehr, war aber für damalige Verhältnisse auch recht offensiv. Die meisten Tötungshandlungen wurden und werden in Tatorten immer noch offscreen gezeigt und die Polizei trifft später am Ort des Geschehens ein.

Es kommt zu mindestens einer Handlungsklemme: Beim ersten Schlingen-Opfer wird ein Drittel der Beute gefunden, obwohl es später heißt, man habe das Geld gemeinsam versteckt und vereinbart, es vorerst nicht auszugeben – vermutlich, weil es „heiß“ ist. Einige Scheine können dann auch anhand ihrer Seriennummern identifiziert werden. Damals gab es noch durchgängige Fiktionalisierung von Unternehmen, es ist klar erkennbar, dass die die Firma Safetrans für die Dresdner Bank arbeitet. Außerdem scheint man als Geldfahrer zumindest mehr zu verdienen als ein Polizeihauptmeister.

Es gibt aber keinen dienstlichen Grund, warum Schiesser (geschrieben wie die Wäschemarke) nun aus Hamburg gewechselt ist, auch wenn ein Ex-Kollege ihn beinahe belastet und offenbar mit dem perfektionistischen und mürrischen Mann nicht gut klarkam. Weil wir immer so scharf darauf achten, wie Arbeitsplätze gezeigt werden und unser Erstaunen über die häufig zu betrachtenden rohen Umgangsformen in dem Realsozialismus, der in den Polizeirufen der ersten 19 Jahre gezeigt werden – auch bei Safetrans werden die Oberpeniblen gerne ein wenig hopp genommen, obwohl für eine solche Firma die Präzision der Abläufe besonders wichtig ist, und ihr Sozialverhalten wird durchaus bewertet.

Allerdings ist „Drei Schlingen“ auch ein besonders düsterer Tatort. Die Essen-Filme waren ohnehin bezüglich der gezeigten Settings und der Farbgebung nicht auf die Darstellung strahlenden Wohlstands in der Sonne ausgerichtet, aber „Drei Schlingen“ zeigt besonders viel Grau und Braun, vor allem zum Ende hin. Wichtig dabei ist, dass auch Haferkamps Wohnung eher eine dunkle Höhle ist, wenngleich man immer den Zeitgeschmack berücksichtigen muss, und der ging Ende der 1970er rapide in Richtung Dunkelbraun. Es passt aber auch sehr gut zum Geschehen.

Trotz des starken Motivs und obwohl Schiesser als ehemaliger Polizist, offenbar auch bei der Kripo beschäftigt, gut ermitteln kann, wirkt sein Handeln ziemlich überzogen, außerdem ist erstaunlich, wie gut er über die drei Täter Bescheid weiß, während Haferkamp noch im Nebel stochert. Das bedeutet auch, dass Schiesser durch Kombinieren darauf gekommen sein muss, wie der nachgemachte Autoschlüssel entstehen konnte – dadurch, dass man ihm den echten im Judoclub für eine Zeit entwendet hat. Wie man einen Autoschlüssel nachmacht – nun ja, das wird dann wohl auch nicht bei einem Schlüssdienst, sondern bei einem Spezialisten für illegale Nachschlüssel geschehen sein und damals enthielten Autoschlüssel noch keine elektronischen Komponenten, die dafür sorgen, dass ein Falsifikat nicht verwendbar ist.

Finale

„Drei Schlingen“ ist durchaus dramatisch und für die Verhältnisse seiner Zeit schnell und brutal, es gibt auch einen oder zwei Momente, die berührend sind, etwa die Trauer der Familie um den jungen Geldfahrer Finke, die enge Beziehung der beiden Kollegen zueinander. Und es gibt doch eine sehr witzige Einlage – den angeblich für den WDR produzierten Film mit Vico Torriani, der eine handfeste Klamotte darstellt und auf die Spur eines der drei Täter führt- des Stuntgirls, das in Wahrheit ein Stuntman ist und zur Judoclub-Connection gehört. Rache ist das Motiv und der Rächer ist der Henker, also derjenige, der einst für die Exekution des gerechten Strafmaßes zuständig war. Wenn man will, kann man das als Plädoyer für das Prinzip „Auge um Auge“ oder für die Todesstrafe deuten. Aber gleich alle drei Räuber umzubringen, obwohl nur einer auf Kumpel und Ziehsohn Finke geschossen hat, ohne Not übrigens, ist auf keinen Fall mehr gerecht und im Übrigen geht es nur um Zaster.

7/10

Vorschau

Für 25 Jahre weggesperrt: Die Tatort-Folge 078 „Drei Schlingen“ aus dem Jahr 1977, zugleich Kommissar Haferkamps elfte Ermittlungsarbeit, wurde gleich nach der Erstausstrahlung in den so genannten Giftschrank verbannt. Hier landen seit jeher Tatort-Episoden, die seit ihrem Fernsehdebüt nicht mehr wiederholt werden dürfen. Im Fall von „Drei Schlingen“ hatten sich zahlreiche Zuschauer über die offen gezeigte Brutalität bei der Sendeanstalt ARD beschwert. Auch die Aussage, Epileptiker würden zu Gewalttaten neigen, hinterließ beim Tatort-Publikum einen schalen Beigeschmack.

Erst im Jahr 2002 wurde die Folge erneut durch einen Jugendschutzbeauftragten überprüft und für Wiederholungen freigegeben; im Mai 2003 wurde der Tatort „Drei Schlingen“ dann ein zweites Mal gezeigt. Als die Episode 2010 erneut beim WDR wiederholt wurde, schnitt man den Satz über Epilepsiekranke in einer neuen, überarbeiteten Version heraus.

So steht es auf der Webseite der Tatort Fans zu lesen. 2010, das war das Jahr, bevor wir mit der „TatortAnthologie“ begannen, wir haben also die damalige Ausstrahlung verpasst. Aber es wäre ohnehin die zensierte Version gewesen. Ein altes Thema: Glättet man oder lässt man die Zuschauer oder Leser mit der Originalversion eines Films oder Buches allein oder sperrt man das Teil weg oder zieht es ein? Wir sind für die Originalversion. Keine leichte Entscheidung, aber wir mögen uns gar nicht vorstellen, wie in einer Zeit, in der sowieso wieder alles zur Zensur drängt, immer weitere Stellen, die möglicherweise nicht von allen als politisch korrekt empfunden werden, aus allen möglichen Medienprodukten entfernt werden.

Selbstverständlich hat ein öffentlichrechtlicher Sender hohe Maßstäbe an seine Produktionen anzulegen und es gab mal einen möglicherweise antisemitischen Tatort namens „Tod im Jaguar“, das geht natürlich nicht. Trotzdem hätten wir gerne gesehen, wie stark und eindeutig diese Tendenz ausgeprägt ist. Wer weiß, wie die Zeiten sich noch ändern, vielleicht gibt es solche Werke mal als „Vorbehaltsfilme“ im Kino und mit Kommentar, wie einige Werke aus der NS-Zeit – und hätte jemand gedacht, dass der wirklich grottige gelbe Unterrock mal wieder gezeigt wird? Der SWR hat es vor ein paar Jahren aber getan und wir danken sehr für diese Schamüberwindung.

Die meisten Haferkamp-Tatorte haben wir mittlerweile gesehen und es sind wirklich gute darunter, wie etwa „Rechnung mit einer Unbekannten“, einer der atmosphärisch dichtesten und psychologisch ausgefeiltesten Tatorte bis heute. „Drei Schlingen“ rangiert in der Fundus-Rangliste derzeit auf Platz 5 von 20 Haferkamp-Filmen, das ist beachtlich und deutet darauf hin, dass die Brutalität des Films, die oben erwähnt wird, heute eher relativ gesehen wird – und die Diskriminierung von Menschen mit einer Nervenkrankheit ist sowieso eliminiert worden. Unabhängig von unserer oben geäußerten Meinung: Ist doch gut, wenn das geht, ohne dass dadurch der Film nicht mehr verständlich ist.

Und im Film gibt es einen Cameo-Auftritt von Vico Torriani. Wie kann man eine solche Sensation dem Publiku 25 Jahre lang vorenthalten?

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Heinz Haferkamp – Hansjörg Felmy
Kreutzer – Willy Semmelrogge
Werner Fink – Andreas Seyferth
Horst Schiesser – Traugott Buhre
Peter Rieger – Helmut Wildt
Gerda Fink – Simone Rethel
Sekretärin – Roswitha Dost
Frau Küppers – Else Quecke
Müller – Lutz Hochstraate
Ingrid Haferkamp – Karin Eickelbaum
Priester – Hans Beerhenke
Lu Lay – Marie Luise Marjan
u.a.

Buch – Karl Heinz Willschrei
Bauten – Jochen Schumacher
Kamera – Josef Vilsmeier
Produktion – Werner Kliess
Kostüme – Paul Seltenhammer
Regie – Wolfgang Becker

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