The Naked Spur (Nackte Gewalt, USA 1953) #Filmfest 36

Filmfest 36 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftKopfgeld oder Liebe?

Einst friedlicher Farmer mit einer Ranch und einer Verlobten, muss Howard Kemp (James Stewart) nach seiner Rückkehr aus dem Bürgerkrieg die bittere Erfahrung machen, dass seine Liebste sich inzwischen einen anderen Mann erwählt und die Farm verkauft hat, um mit jenem anderen Mann auf und davon zu gehen. Um die beträchtliche Summe für den Rückkauf von Haus und Land aufzutreiben, verdingt sich der sichere Schütze Kemp als Kopfgeldjäger. Mehr zum Film steht in der -> Rezension, deren Urversion am 9. April 2011 als FilmAnthologie Nr. 3 im „ersten“ Wahlberliner veröffentlicht wurde.

Handlung (KINO-ZEIT)

Als er den windigen Banditen Ben Vandergroat (Robert Ryan) durch die Wüste Colorados verfolgt, findet er mit dem glücklosen alten Goldgräber Jesse Tate (Millard Mitchell) und dem traumatisierten einstigen Bürgerkriegsoffizier Roy Anderson (Ralph Meeker) Verbündete. Die beiden orientierungslosen Männer sind bereit, Mühen und Belohnung mit Kemp zu teilen, und zu dritt gelingt es ihnen bald, Vandergroat und seine hübsche Freundin Lina Patch (Janet Leigh) aufzuspüren.

Doch der beschwerliche Rückweg mit dem Gefangenen gestaltet sich nicht gerade einfach, denn Vandergroat ist ein schlauer Kopf, der die angespannte Situation nutzt, um Zwietracht unter den drei Männern zu säen. Als Kemp bei einer kriegerischen Kontrontation mit einer Gruppe von Native Americans verwundet wird, ist es Lina, die sich um ihn kümmert. Zwischen Kemp und der jungen Frau, die sich zunehmend von Vandergroat distanziert, entsteht eine zarte persönliche Verbindung, und inmitten der sich überstürzenden Ereignisse, bei denen der alte Tate von Vandergroat getötet wird, positioniert sich Lina schließlich eindeutig für Kemp.

Rezension

In den 1950er Jahren etablierte sich der Regisseur Anthony Mann vor allem durch seine Filme mit James Stewart in der Hauptrolle als bedeutender Western-Regisseur, der auf eine sorgfältige Charakterzeichnung seiner Figuren sowie auf  psychologische Aspekte setzte.

Nackte Gewalt von 1953, der eine Oscar-Nominierung für das Beste Drehbuch von Sam Rolfe und Harold Jack Bloom erhielt, entstammt dieser Schaffensperiode, die 1950 mit Winchester ´73 und Meuterei am Schlangenfluß / Bend of the River (1952) begann, sich mit Über den Todespaß / The Far Country (1954) und Der Mann aus Laramie / The Man from Laramie (1955) fortsetzte und eine Spielart des Genres entwickelte, die weniger pathetisch wirkt als etwa die berühmten Western von John Ford und auf einen einzelnen Mann mit gebrochener Biografie fokussiert ist, der vor einer Entscheidung steht die einen Wendepunkt in seinem Leben, einen Wandel seines Charakters bedeuten könnte. In der Regel entscheidet der Protagonist sich für die Rückkehr in die Ordnung der Zivilisation.

Nach „Die Welle“, den wir am selben Abend gesehen hatten, wollten wir eine weitere Versuchsanordnung begutachten und sind dafür filmhistorisch ein gutes Stück rückwärts gewandert. Aber alte Filme haben oft große Stärken in ihrer schnörkellosen Art, auf Themen zuzugehen – und sind darüber hinaus nicht von allen möglichen visuellen Gimmicks überlagert. Insbesondere jene Filme, die heute noch von den Öffentlich-Rechtlichen gezeigt werden, sollte man rezensieren, denn das Angebot an Filmen aus der klassischen Hollywood-Epoche dort ist mitterweile so ausgedünnt, dass man dahinter schon eine qualitative Selektion jenseits einstmals gekaufter Filmpakete großer Hollywood-Studios vermuten darf.

„The naked Spur“ (wörtlich: „Nackte Sporen“, das kann man übertragen durchaus mit „nackte Gewalt“ übersetzen) ist eine Versuchsanordnung, ein psychologischer Western. Wenige Personen finden zufällig zusammen und verfolgen ein gemeinsames Ziel. Einen Mörder zu finden und die Belohnung von 5.000 US-$ dafür zu kassieren. Wie in „Der Schatz der Sierra Madre“ (Treasure of the Sierra Mardre, John Huston, 1947) ordnet sich das ganze Verhalten einer Gruppe dem Ziel unter. Aber, wie in dem legendären Schatzsucherfilm mit Humphrey Bogart, treten Risse in der Gruppe auf und auch die Personen zeigen hinter der Fassade divergente Eigenschaften. Damit kommen Probleme zwischen ihnen auf, welche die Lage komplizieren. Hinzu tritt, dass das Objekt der Begierde, als es endlich in den Händen der Verfolger ist, sich keineswegs geschlagen gibt und stumm abtrangsportieren lässt, sondern mit den Jägern interagiert, sie manipuliert und zusätzliche Spannungen heraufbeschwört.

Bei aller psychologischen Feinzeichnung, die den Film bei Kritikern seinerzeit so beliebt gemacht hat: Man konnte in 90 Minuten nicht alles erklärbar machen und hätte man, wie zuweilen im schwarzen Film der 40er Jahre, mehr in einer Art  Andeutung gezeigt als explizit in Dialogen und Gesten, hätte  mehr Interpretationsspielraum angeboten, wären die fraglichen Aspekte nicht so aufgefallen, die aus heutiger Sicht kaum zu übersehen sind.

  • So wirkt zum Beispiel der alte Goldsucher Jerry Tate anfangs zwar glücklos, aber auch stoisch und erfahren, keineswegs so dumm, wie er sich dann verhält, indem er dem Gefangenen zur Flucht verhilft, nur, weil dieser ihm eine Gelegenheit vorlügt, wie man schnell reich werden kann – und dann von diesem, arglos wie ein Kind, hereingelegt und erschossen zu werden. Eine Figur, die James Stewart auf ähnliche Weise in Schwierigkeiten bringt und dafür sterben muss, gibt der wunderbare Walter Brennan, der Sidekick großer Stars, in „Über den Todespass“, wobei diese Entwicklung aufgrund der langjährigen Freundschaft der beiden ungleichen Männer berührender – aber auch ein wenig melodramatischer und kompromissbereiter wirkt als die Anordnung in „The Naked Spur“.
  • Weiterhin kommt es überaus plötzlich, in jenem Moment, da das Drehbuch es zwecks Fortführung der Handung gerade verlangt, dass der flüchtige Verbrecher plötzlich etwas mit Gold zu tun haben soll. Da mussten sich die Figurenzeichnung und auch die Logik klar der Dramaturgie oder auch dem Wunsch, aus einer Plotsackgasse zu kommen, unterordnen.
  • Der Schurke Vandergoat bzw. sein Darsteller Robert Ryan überzieht zuweilen. Hier ist nicht klar, ob er seine sich mit der Zeit entblätternden Hintergründe, sein Wissen über Kemp, nicht nur manipulativ einsetzt, oder ob er wirklich eine vielschichtige Figur ist. Man darf eher von Ersterem ausgehen, diese manchmal exzessiv durchtriebene Mimik, die man der Figur mitgegeben hat, deutet darauf hin. Das Handlungselement, dass Kemp mit einem alten Bekannten konfrontiert wird, gibt es auch in „Meuterei am Schlangenfluss“. Das weite Land des Westens ist eben doch nicht so gut geeignet, die Vergangenheit abzuschütteln, wie man denken mag.
  • James Stewart war nie schlecht in einem Film, er ist wunderbar als verbissener Howard Kemp, als jener betrogene Farmer, der zum Egozentriker geworden ist, dem es nur ums Geld geht. Dank Stewarts schauspielerischen Fähigkeiten ist seine Figur in ihrer Gebrochenheit nachvollziehbar und er trägt demgemäß den Film, weil er als wichtigster Charakter genug Identifikationspottnzial einerseits und Spannung andererseits vermittelt. Man nimmt ihm den sturen Westerner, der sich nicht etwa woanders eine Farm sucht, sondern den verlorenen Grund und Boden zurückhaben will, ohne Weiteres ab. Diese langsame, aber entschlossene Sprechweise, die dem angepassten Bewegungen und der wache, aber skeptische Blick – perfekt. Das personifizierte, vorsichtige Misstrauen, das aus schlechten Erfahrungen herrürht.
  • Nicht ganz ausgeformt sind die Charaktere des unehrenhaft aus der Armee entlassenen Offiziers Roy Anderson und der einzigen Frau, Lina Patch, die sich vom Verbrecher Vandergoat ab- und Howard Kemp zuwendet. Als Love Interest in einem Western ist die zu Beginn der 1950er sehr gefragte Janet Leigh beinahe zu hübsch, man hat das mit einer einfachen, kurzen Frisur und einem eher männlichen Outfit etwas zu dämpfen versucht.

Bei genauerem Hinsehen hat man gerade in „Nackte Gewalt“ – und zwar mehr als in anderen Stewart / Mann-Filmen, die Psychologie der Charaktere einem spannungsreichen Plot und dessen Twists untergeordnet. Das Agieren der Menschen miteinander, die Gier, die immer wieder aufflammt und das gemeinsame Vorhaben letztlich zum Scheitern bringt, ist aber schön und realistisch inszeniert und hat eine klare Botschaft. Diese Botschaft mit der Feinzeichnung und Stringenz aller Figuren in Einklang zu bringen, war in den vorgegebenen 90 Minuten offenbar nicht möglich. Gut ist in „Nackte Gewalt“ jedoch wieder  die Implementierung der Hintergründe der Figuren in die Handlung gelungen. Das ist stimmig und logisch in Bezug auf das, was sie (geworden) sind und wie sie sich (zunächst) verhalten.

Der Film ist für damalige Verhältnisse reich an Gewaltszenen, daher ist der Titel berechtigt – obwohl ja gerade Wert auf die Dialoge und die Hintergründe der Figuren gelegt wird. Eine straffe Dramaturgie und die Konzentration auf wenige Akteure lassen Spannung und gleichermaßen das Gefühl aufkommen, dass die Geschichte sich entwickeln darf.

Finale

In den psychologischen Ansätzen wollte die Kritik seinerzeit etwas Neues erkennen (das Drehbuch wurde für den Oscar nominiert), mit dem heutigen Überblick kann man feststellen: Es gab Entwicklungslinien hin zum Spätwestern mit seiner Entmythologisierung des amerikanischsten aller Genres, der naturalistischen Inszenierungsweise und den gebrochenen, teilweise verrohten Figuren, wie sie etwa Sam Peckinpah bis in die Siebziger gezeigt hat. Hingegen ist eine Verbindung zu den Italo-Western der folgenden Dekade eher unscharf, trotz des Schurken Vandergoat, der eine Art Prototyp für die fiesen Kerle darzustellen scheint, die in den Spaghetti-Versionen eines amerikanischen Genres kunstvoll zu Tode gebracht werden. Im Grunde ist er aber als Role Model nicht lakonisch genug.

Trotz einiger Scchwachpunkte gerade in dem Bereich, für den man den Film gerne preist, ein spannender und kompakt inszenierter Western mit guten Schauspielern.

75/100

© 2019, 2014, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Anthony Mann
Drehbuch Sam Rolfe
Harold Jack Bloom
Produktion William H. Wright
Musik Bronislau Kaper
Kamera William C. Mellor
Schnitt George White
Besetzung

 

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