Einsatz in Leipzig – Tatort 432 / Crimetime 411 // #Tatort #Leipzig #Sachsen #MDR #Ehrlicher #Kain #Einsatz #Tatort432

Crimetime 411 - Titelfoto © MDR

Warum Ehrlicher und Kain die Stadt wechselten

Nun wissen wir, warum Ehrlicher und Kain von Dresden nach Leipzig gegangen sind. Tolle Idee, auf diese Weise die wichtigsten sächsischen Städte gleichermaßen mit einem Tatort-Duo zu versehen. Ob der dann dauerhafte Wechsel von Dresden nach Leipzig langfristig geplant war? Wo kommen eigentlich die beiden Kommissar her? Dass sie eine Ostbiografie haben mussten, war selbstverständlich. Peter Sodann (Ehrlicher) stammt tatsächlich aus Meißen in Sachsen, sein Co Bernd Michael Lade (Kain) aus Ost-Berlin. Weiter mit Infos und einer Meinung zu „Einsatz ins Leipzig“ geht’s in der -> Rezension.

Handlung

In regelmäßigen Abständen werden in Leipzig Banken überfallen. Die Geldräuber konnte man noch nicht ergreifen. Werden die Täter von einem Maulwurf bei der Polizei rechtzeitig über den Stand der Ermittlungen informiert? Die unbefangenen Dresdner Kommissare Ehrlicher und Kain sollen den potenziellen Verräter finden.

Da gerät eine Streifenpolizistin in einen der Banküberfälle und stirbt im Kugelhagel. Die nächste Zielscheibe: Ehrlicher selbst! Eine junge Frau namens Jenny, die von Beamten als Augenzeugin des letzten Bankraubes registriert wurde, führt die beiden ermittelnden Polizisten schnell auf die Spur zweier Verdächtiger, die auf unerklärliche Weise zu erstaunlichem Reichtum gelangt sind. Bob und Frieder Vodenka leben mit Jenny in einer luxuriösen Villa.

Spätestens als Ehrlicher dort hinter der Tapete eine Stahltür zum Keller entdeckt, begreifen die Kommissare, dass in diesem Haus einiges nicht mit rechten Dingen zugeht. Zumal Jenny plötzlich verschwindet und ein hochinteressantes Notizbuch hinterlässt. Eine Leiche, eine Verschwundene und zu wenig Beweise, um die Brüder hinter Schloss und Riegel zu bringen – die Kommissare stehen unter Druck. Doch Ehrlicher lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und vertraut der Psychologie: „Gefühle tragen weiter“.

Rezension

Der Tatort Nr. 432 ist einer der besten Fälle der beiden. Das schreiben wir an dieser Stelle einfach schon mal. Filmisch gesehen schätzen wir „Einsatz in Leipzig“ (nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls hoch eingeschätzten „Quartett in Leipzig“, das die Sachsen zwei Jahre später mit den Kölnern Ballauf und Schenk bildeten) besonders hoch ein. Kontrastreiche Schnitttechnik mit interessanten Szenenwechseln, manchmal schöne Kamera-Perspektiven wie der Fast-Topshot während des Waschsalon-Tangos, überraschende Wendungen und Einstellungen, flotte Erzählweise, die bei dem für Leipziger Verhältnisse komplizierten Plot notwendig ist, um die 90 Minuten Spielzeit einzuhalten.

Der Fall selbst ist typisch und untypisch zugleich. Die Wessis, die sich im Ostern niederlassen oder eher wie die Zecken festsetzen, sind natürlich wieder von beispielloser Geldgier gekennzeichnet – sie soll ja eher beispielhaft sein. Klar, das gab es alles, und die Tatorte dienen ja auch als Katalysatoren für die Ost-Befindlichkeit, aber dieses Mal, und das ist untypisch, kommt noch ein Schuss Verruchtheit hinzu, mit einem recht sexy Kaufrausch-Syndrom und dem schwulen Element des Films. Dieses sorgt auch für die Verbindung zum eigentlichen Fall: Denn Ehrlicher und Kain kommen nicht ursprünglich nach Leipzig, um Morde aufzuklären, sondern nachzugucken, wer in der Polizei immer Informationen an Bankräuber gibt, die jeden Zugriff zunichte machen.

Das Link im Link ist, dass der Polizeichef schwul ist und sich vom Räuberhauptmann, einem Schnösel mit Diplom, ficken lässt – und damit erpressbar macht, weil in der Polizei offiziell keine Homosexuellen tätig sind. Wie im Mannschaftssport und überhaupt, wo es um Autorität geht, wie Ehrlicher an einer Stelle analysiert und wo gewiss etwas dran ist – mit abnehmender Tendenz sicherlich, aber auch fast 20 Jahre nach dem Dreh von „Einsatz in Leipzig“ hat das noch Relevanz. Je rauer und je mehr von rigiden Typen durchsetzt eine Branche ist, desto schwieriger auch heute noch ein Outing, bis hin zur Unmöglichkeit. Allerdings gibt es immer Ausnahmen, wobei wir konkrete Personen im Kopf haben, allerdings auch das fortschrittliche Berlin.

Allerdings gibt es beim homosexuellen Szenario auch den größten Flaw des Films: Die Szene mit dem von einem schwarzen Laken verdeckten Liebhaber, damit der Zuschauer nicht erfährt, was er längst ahnt – nämlich, wer der Singvogel im Polizeiapparat ist. Da wär’s weitaus besser gewesen, das Licht auszuknipsen und eine Szene im Fast-Dunkel so zu filmen, dass allenfalls Konturen sichtbar werden, welche den Erpresser gerade noch erkennen lassen, aber nicht die andere Person. Technisch alles kein Problem, zumal dieses Team, wie erwähnt, eine überzeugende Kameraarbeit geleistet hat.

Um bei den Problemen des Films zu bleiben, noch eines, das auf anderer Ebene liegt: Warum wird unnötig dramatisiert, indem auch auf Ehrlicher geschossen wird? Was hätte es denn genützt, wenn man ihn umgebracht hätte? Erstens hätte man den im Ganzen mitwissenden Kain dann auch ermorden müssen und KT-Chef Walter am besten noch dazu, und was hätte das wohl für einen Staub aufgewirbelt, angesichts der Tatsache, dass die drei als interne Ermittler unterwegs waren? Als Ersatz hätte man sicher eine ganze Kohorte nach Leipzig geschickt. Dieses Handlungselement ist nicht überzeugend.

Wunderbar gelungen hingegen das Team. Ehrlicher und Kain finden wir sowieso immer besser, je länger wir sie beobachten und je mehr Filme wir von ihnen gesehen haben. Manch dröges Werk haben sie mit ihrem Spiel gerettet, und in einem guten Film wie diesem glänzen sie wirklich. Vor allem das Dreigespann mit Walter, dem dieses Mal vergleichsweise viel Spielzeit eingeräumt wird, macht Laune. Der trocken-skurrile Humor der drei ist, das haben wir anlässlich einer früheren Rezension bereits geschrieben, das Beste seit dem Ende von Stoever und Brockmöller und bevor Münster kam – okay, das war jetzt etwas tricky, denn das Ende der einen Ära fiel beinahe mit dem Beginn der anderen zusammen, aber die Sachsen haben eine ganz eigene, höchst gelungene Note eingebracht, die leider nicht so selten durch eine zu biedere filmische Gestaltung eines Teil ihrer potenziellen Wirkung beraubt wurde.

„Einsatz in Leipzig“ bietet eine Vielzahl von Assoziationsmöglichkeiten. Selten, dass man die Spuren zur eigentlichen Haltung so gut verwischt hat wie hier oder vielleicht sogar sagen will, es darf keine eindeutige Haltung geben, die alles zu sehr vereinfacht. Wir meinen nämlich, auch wenn zum Schluss der Stellvertreter des bisherigen und neue Chef der Kripo Leipzig, dem Ehrlicher künftig unterstellt sein wird, sagt: „Ich bin übrigens auch schwul – wir machen’s aber nicht zur Pflicht“, dass der Film mindestens in der Wirkung eher zwiespältig ist. Homosexualität macht erpressbar, wenn man sie nicht offenlegen kann, das ist die Prämisse. Dann diese entgegengesetzte Anlage der Figur des Hauptverbrechers, und von wegen Stereotypen: Genau so stellt man sich einen Homosexuellen normalerweise nicht vor, nämlich als ein höchst autoritäres Arschloch, das alle in seiner Umgebung manipuliert und benutzt. Tatsächlich? Warum sollen derlei Charakterzüge nicht unabhängig von der sexuellen Ausrichtung oder auch der ethnischen Zugehörigkeit anzutreffen sein?

Für uns eine der großen Stärken des Films, dass hier Homosexualität nicht hauptsächlich als exaltierte Tuntigkeit gezeigt wird, wie in älteren Tatorten gerne mal genommen, sondern dass wir sehen, dass es unter Homosexuellen  eine ebenso große Charakterspreizung gibt wie bei den Heteros. Außerdem diese offensichtliche Abneigung von Ehrlicher, eine Schwulenbar zu betreten, als würde dahinter etwas besonders Verwerfliches lauern. Oder will er nicht in einem Milieu schnüffeln, das ihn sofort als Außenstehenden erkennen wird? Man kann darüber grübeln, wenn man will, und dass ein Film das bewirkt,  anstatt, dass die üblichen Muster der Zuschreibung im Eiltempo ablaufen, empfinden wir als positiv.

Finale

„Einsatz in Leipzig“ ist für uns einer der interessantesten Ehrlicher-Kain-Tatorte, reich an Handlungselementen, an witzigen und nachdenklich machenden Details, nicht fehlerfrei, nicht in allen Punkten auflösend, die der innere Ordnungssinn vielleicht gerne abschließend geklärt hätte, aber eine Empfehlung nicht nur für diejenigen, die wissen wollen, warum die beiden Kommissare von Dresden nach Leipzig gewechselt sind.

Ehrlicher freut sich schon ein wenig auf seinen neuen Job, aber Kain will nicht mitwechseln. Da packt Ehrlicher seine Lehrertasche und geht –und in der Tür steht Kain, der es dann doch nicht ausgehalten hat, auch nur ein paar Minuten ohne seinen Bruno zu sein. Nicht schwul, die beiden, trotz der hintersinnigen Pensionsszene, aber lieben tun sie einander doch.

8/10

© 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Ehrlicher – Peter Sodann
Kommissar Kain – Bernd Michael Lade
Josef Casati – Jürgen Heinrich
Richard Merz – Hannes Hellmann
Bob Vodenka – Roman Knizka
Frieder Vodenka – Olaf Rauschenbach
Jenny Golenhofen – Nadeshda Brennicke
und andere

Musik – J.J. Gerndt
Kamera – Frank Küpper
Buch – Fred Breinersdorfer
Regie – Thomas Freundner

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