Trauer auch beim Chronisten: Die Biebricher Straße 14 in Neukölln musste nach kurzem Kampf mit einer ABWENDUNGsvereinbarung Vorlieb nehmen / @derjochen @biebricher14 @HeimatNeue // #Mietenwahnsinn #wirbleibenalle #Berlinkaufdichzurück #Vorkaufsrecht #Abwendungsvereinbarung #Verdrängung #Neukölln #Neukoelln

Unser letzter Häuserkampf-Bericht war einer Initaitive in Schöneberg gewidmet, nun kehren wir in den Bezirk zurück, über dessen Probleme mit dem Mietenwahnsinn wir bisher die meisten Beiträge geschrieben haben: Neukölln.

Es ist erst zwölf Tage her, da wurden wir durch einen Tweet des Bezirks-Baustadtrats Jochen Biedermann auf einen neuen Vorgang aufmerksam:

Die Biebricher Straße ist eine Seitenstraße, die von der bekannten Herrmannstraße abgeht und mitten im Herzen von Neukölln liegt – sie gehört zum Milieuschutzgebiet Flughafenstraße / Donaustraße. Wir erinnern uns, dass Jochen Biedermann vor einigen Monaten gemeldet hatte, nunmehr sei ganz Neukölln-Nord im Milieuschutz angekommen. Wäre das bei der Biebricher Straße nicht so, hätte sie nicht ums bezirkliche Vorkaufsrecht kämpfen können, das nur in sozialen Erhaltungsgebieten ausgeübt werden kann. Gerne kamen wir der Bitte im Tweet nach und waren kurz darauf via Twitter mit der Biebricher Straße 14 verbunden.

Die wichtigsten Daten hatten wir folgendermaßen vermerkt:

  • 12. Juli 2019 – Verkauf des Hauses
  • 11. September 2019 – Ende der Frist für die Ausübung des bezirklichen Vorkaufsrechts
  • 23. August: Erstes Hoffest geplant.

Und damit kommen wir zu dem Grund, warum wir bisher nicht über die Biebricher Straße 14 berichtet haben: Üblicherweise geben wir alle erhältlichen Infos in Verknüpfung mit der ersten Demo / dem ersten Hoffest eines Hauses an unsere Leser*innen weiter, in der Regel ein bis zwei Tage vor dem Ereignis und in Form eines Solidaritäts-Aufrufs. Offenbar haben sich bei der Biebricher Straße jedoch die Ereignisse überschlagen, alles ging viel schneller als zu erwarten war, denn immerhin wäre am heutigen 6. August noch über einen Monat Zeit für die Ausübung des Vorkaufsrechts. Wir stellen wesentliche Momente der Chronologie dieses Kampfes zusammen.

Zunächst holen wir die Infos nach, die man auch auf der Webseite des Hauses finden kann:

Wir sind 16 Mietparteien, die nun massiv von Verdrängung durch Sanierungen, Mieterhöhungen und Umwandlung in Eigentum bedroht sind. In unserem Haus leben Rentner*innen, Studierende, Schüler*innen, Kita-Kinder, Schauspieler*innen, Hartz-IVEmpfänger*innen, Akademiker*innen, Dokumentarfilmer*innen, Handwerker*innen, Angestellte, Arbeiter*innen, Musiker*innen und Katzen. Wir haben unterschiedliche Muttersprachen und kommen aus verschiedenen Ländern der Welt. Wir sind zwischen 1 und 75 Jahre alt. Wir wohnen hier zum Teil schon seit über 40 Jahren. Wir alle lieben unsern Kiez, unser Haus mit dem Blick ins Grüne. Wir kennen uns alle und wir unterstützen uns gegenseitig.
Die extrem gestiegenen Mietpreise in der Nachbarschaft beobachten wir mit großer Sorge. Wenn wir aufgrund von Sanierungen, Mieterhöhungen und Umwandlung in Eigentum aus unserem Haus verdrängt werden, finden wir in unserem geliebten Kiez keinen bezahlbaren Wohnraum.

Die Forderungen der Hausgemeinschaft:

  • Bezahlbaren Wohnraum für alle! Mietwohnungen statt Spekulationsobjekte!
  • Engagement von Politiker*innen des Bezirks Neukölln und der Stadt Berlin für dauerhafte Lösungen für bezahlbaren Wohnraum und damit auch konkret eine Lösung für unser Haus
  • Wir fordern den Neuköllner Bezirk und die Stadt Berlin auf sich mit allen Mitteln für bezahlbares und sozial verträgliches Wohnen einzusetzen und den Verkauf unseres Hauses durch das bezirkliche Vorkaufsrecht zu verhindern
  • Übernahme unseres Kaufvertrages durch eine städtische Wohnungsbaugesellschaft oder eine Genossenschaft.

Die Politik ist bei der Umsetzung dieser Forderungen ebenso gefragt wie unter Druck, aufgrund der vielen Verkaufsfälle, aber wir hatten ein gutes Anfangsgefühl, weil Jochen Biedermann sich sofort geäußert und sich, so hatten wir es interpretiert, hinter die Hausgemeinschaft gestellt hatte, nachdem sie sich im Netz zeigte. Der oben eingebettete erste Tweet spricht auch von der Prüfung des Vorkaufsrechts. Schon einen Tag später, am 26. Juli, gab es ein kleines Video:

Am selben Tag kamen aus Friedrichshain super Nachrichten und wir hatten uns sehr über diesen Tweet der Hausinitiative der Biebricher Straße 14 gefreut:

Kurz darauf erreichten weitere Häuser in die Kampfzone, die in der obigen Adressenliste noch nicht erwähnte sind: Heckmannstraße 8, Leinestraße 8, die Corinther Straße 53 und die Taborstraße 20, die oben genannt sind, waren auch gerade erst dazugekommen. Es tut Not, dass wir demnächst eine neue Ausgabe des „Verdrängungsberliners“ erstellen, einer Liste von Häuserkämpfen mit den Ergebnissen, um den Überblick zu behalten.

Am 29. Juli wurde „Bieberine“ aus der Taufe gehoben, so weist zumindest die Bilddatei den Namen des Logo-Mädchens der Hausgemeinschaft aus. Das ist wirklich sehr süß und gelungen und schon deswegen hätten es Hausgemeinschaften verdient, in genau der Zusammensetzung, die sie sich wünschen, die Stadt weiterhin zu bereichern. Das unterscheidet alle Menschen , die solche Ideen haben, von der kalten, unkreativen Art, wie die Immobilienwirtschaft sie immer wieder beweist. Auch in Timelines von Tweets der Biebricher 14 haben wir Dinge gelesen, die uns zum Kopfschütteln veranlasst haben. Wir haben das Wesen, das trotzig auf seinem Platz in der Biebericher Straße 14 sitzt und mit verschränkten Armen in Richtung der Miethaie schaut, als Titelbild verwendet und hoffen, das ist okay.

Wieder einen Tag später kam der Aufnahmetweet unserer Freunde von der IG HAB, die eine Twittergruppe für bedrohte Hausgemeinschaften betreibt und jedes Haus, das zur Kampfzone wird, gerne dabeihaben möchte, um mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken:

Ebenfalls am 30. Juli hat sich das „nd“ (Neues Deutschland) auf den Weg zur Biebricher Straße 14 gemacht und einen ebenso aufschlussreichen wie berührenden Bericht geschrieben.

Wir können darin unter anderem nachlesen, dass Privatvermieter auch vollkommen ohne Mietendeckel und andere angeblich investitionshindernde Instrumente ihre Häuser verkommen lassen und nur Geld herausziehen. Genossenschaften hingegen verfügen meist über sehr gut instandgehaltene Gebäude, ohne die Mieter*innen bis zum Anschlag auszuquetschen, die ja schließlich auch Eigentümer*innen sind. Sogar einen Leerstand von 20 Prozent mitten in Neukölln lesen wir aus dem Artikel heraus.

Am Folgetag kam erstmals ein Video auf die Homepage der Biebricher, in dem eine Bewohnerin vorgestellt wird. Es ist bis heute das einzige – man hatte sich auf einen viel längeren Kampf eingestellt, dafür gibt es einige Indizien.

Wieder einen Tag später waren Politiker*innen aus dem Bezirk zu Gast in der Biebricher Straße 14.

In diesem Tweet ist bereits von schockierend begrenzten Handlungsmöglichkeiten des Bezirks zu lesen und wir hatten ziemliches Bauchgrummeln – aber wir hofften weiterhin mit der Hausgemeinschaft auf ein gutes Ende des Kampfes. Wieder zwei Tage später war es dann leider so weit, Befürchtungen hatten sich bestätigt, Hoffnungen nicht:

Auch Jochen Biedermann hatte sich sofort wieder geäußert. Wenn man so will, rahmen wir diese Dokumentation mit seinen Tweets:

Es gab in den letzten Wochen und Monaten viele Erfolge zu feiern, das wollen wir an dieser Stelle nicht vergessen, mehrere Vorkäufe, die Entstehung von DIESEeG, aber gerade deshalb ist es für Hausgemeinschaften besonders furchtbar, die es nicht schaffen. Dadurch, dass die Menschen in der Biebricher Straße 14 in der kurzen Zeit bis zur offenbar überraschend früh zustande gekommenen Abwendungsvereinbarung kein Hoffest durchgeführt hatten, über das wir zusammen mit der IG HAB hätten berichten können, hat sich zwar nicht der Spin entwickelt („Spin“ ist gerade DAS journalistische Modewort beim Thema #Mietenwahnsinn) wie bei einigen anderen Häusern, aber wir müssen nur auf das süße Logo schauen und sind furchtbar traurig und fühlen mit den Bewohner*innen.

Wir hoffen, die Abwendungsvereinbarung ist wenigstens richtig stramm geworden und verhagelt den Investoren so gut wie möglich die Spekulation, auf der nach Ansicht der Hausgemeinschaft ihr Kauf beruht.

Wir können jetzt nur noch die Bitte äußern, die wir an alle Hausgemeinschaften richten, die ihren Weg auf die eine oder andere Weise gegangen sind, erfolgreich, mit einem eher bescheidenen Ergebnis und manchmal sogar ohne Abwendungsvereinbarung: Bleibt dabei und helft denen, die jetzt vom Mietenwahnsinn bedroht sind und noch bedroht sein werden. Berichtet von euren Erfahrungen, denn ihr seid alle wichtige Kapitel der Erzählung darüber, wie die Stadt zurück an ihre Bewohner geht. Wir müssen noch viel stärker und lauter werden, damit dieser Raid on Berlin endlich aufhört.

TH

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