Bienzle und der süße Tod – Tatort 505 / Crimetime 412 // #Tatort #Stuttgart #Bienzle #SWR #Tatort505 #SüßerTod

Crimetime 412 - Titeltofo © SWR, Stephanie Schweigert

Bitte keine Kampagne gegen Schokolade!

Das Leben ist nicht süß. Es ist eine Pralinenschachtel, man weiß vorher nie, was drin ist. Nirgendwo kann man das besser feststellen als in Tatorten. Wie ist es, wenn man Konzertpianistin war und von einer heimtückischen Krankheit erfasst wird, mit der man den Beruf nicht mehr ausüben kann. Nicht mehr gehen kann. Keinen Sex mehr haben kann. Wie wird man dann, wie verändert sich die Wahrnehmung auf die Welt und mit ihr die Persönlichkeit? Wie reagiert die Umwelt drauf und was passiert, wenn eine Verkettung unglücklicher Umstände zum Tod des einzigen Kindes führt, an dem man sich noch festgeklammert hat, um weiterleben zu können? Darüber reflektiert  „Bienzle und der süße Tod“ und wir schreiben mehr dazu in der -> Rezension.

Handlung

Wegen des unerklärlichen Todes eines achtjährigen Jungen werden Bienzle und Gächter ins Krankenhaus gerufen. Sascha Reimer starb an einer Vergiftung, deren Ursache den Ärzten ein Rätsel ist. Sonja Brandstätter, Saschas Tante und Babysitter, hatte den Kollaps nicht ernst genommen. Für Saschas Mutter Ariane steht fest: Ihre Schwester ist schuld am Tod ihres Sohnes.

Ariane Reimer war Pianistin, bis eine schwere Muskelerkrankung sie in den Rollstuhl zwang. Mit der fortschreitenden Krankheit hat sie sich anscheinend abgefunden. Zu schaffen machen ihr dagegen die Vernachlässigung durch ihren Mann und der Verdacht, dass er sie betrügt. Womöglich sogar mit ihrer eigenen Schwester Sonja. Nach Saschas Tod wird der Graben zwischen den Eheleuten eher noch tiefer. Die beiden können sich in ihrer Trauer keine Hilfe sein.

In der Pathologie stellt sich heraus, dass Sascha gestorben ist, weil er mit Digitalis vergiftete Pralinen gegessen hat. Sie stammten aus der Süßwarenfabrik, in der Marcel Reimer arbeitet. Bei Ariane Reimer finden sich erstaunlich große Vorräte des Herzmittels. Marcel Reimer und Marion Kertesz, Arianes Physiotherapeutin und beste Freundin, legen Bienzle nahe, dass Ariane aus Verzweiflung Selbstmord verüben und ihren Sohn mit in den Tod nehmen wollte.

Dem Kommissar jedoch will diese Theorie nicht einleuchten. Sein Misstrauen wird bestätigt, als sich herausstellt, dass Marion Kertesz die Geliebte Marcel Reimers ist. Tief enttäuscht bricht Ariane den Kontakt zu ihrer Freundin ab. Nun traut sie ihrem Mann alles zu: Womöglich war sie selbst das eigentliche Ziel des Anschlags. Immerhin war das Gift in einer Praline ihrer Lieblingssorte, die Marcel ihr immer aus der Firma mitbringt.

Dann wird ein weiteres Kind mit Digitalisvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert. Und wieder sind es Pralinen der Firma Borchardt. Bienzle beginnt, sich gründlicher mit der Schokoladenfabrik Borchardt zu beschäftigen. Obwohl Borchardt versucht, es zu vertuschen, lässt sich nicht länger verbergen, dass seine Firma erpresst wird. Möglicherweise wurde Sascha Reimer getötet, um den Druck auf die Firma zu erhöhen. Bienzle und Gächter nehmen den Erpressungsfall ins Visier, um den Mordfall zu lösen.

Trotz aller Ermittlungen hat Bienzle aber auch noch ein Privatleben. Seine beruflichen Erfahrungen sollten ihn vielleicht gelehrt haben, dass die Ehe eine gefährliche Institution ist. Andererseits ist ihm über die zwölf Jahre mit Hannelore der Gedanke an die Fortentwicklung einer Beziehung nicht fremd geblieben. Warum es also nicht doch einmal mit Heirat probieren? Hannelore will er die Idee wechselweise mit Blumen oder Trollinger nahe bringen, aber sie hat ein mächtiges Hindernis in die Wohnung gebracht: Agamemnon Schächterle, der Bernhardiner einer Freundin, braucht vorübergehend Asyl. Agamemnon erweist sich als äußerst lästig auf dem Weg zum Heiratsantrag.

Als Bienzle jedoch herausgefunden hat, wie man eine positive Beziehung zu einem riesigen Hund mit friedlichem Charakter aufbaut, erweist Agamemnon sich im richtigen Augenblick als Rettungshund des Kommissars.

Zusatzinfos (ARD)

Zum Jubiläums-Bienzle: Mit diesem „Tatort“ feiert Bienzle sein zehnjähriges Dienstjubiläum. Am 6. Dezember 1992 löste der „schwäbische Columbo“ seinen ersten Fall in „Bienzle und der Biedermann“. Bis zur jüngsten Ausgabe des SWR-„Tatorts“ aus Stuttgart versieht er seinen Dienst immer ohne Waffe in der Hand, aber mit dem Herz auf dem richtigen Fleck. Den Erfolg verdankt die Reihe vor allem zwei Menschen: dem Schauspieler Dietz-Werner Steck und dem Autor Felix Huby. Dem Stuttgarter Schauspieler scheint die Rolle des grummelig-einsilbigen Kommissars geradezu auf den Leib geschrieben. Die große Kontinuität der Filme, die wie aus einem Guss wirken, erklärt sich durch seinen Autor. Felix Huby schuf die Romanfigur Bienzle 1976 und schreibt seit 1992 auch alle „Bienzle“-Drehbücher.

Rezension

In der Vorschau haben wir geschrieben, dass wir sehr gespannt auf diesen Film sind, weil er in der Bienzle-Rangliste recht weit oben steht. Ja, das Thema ist für großes Drama gut geeignet, der Tod eines Kindes wird immer als besonders erschütternd empfunden, denn Kinder seien doch unschuldig haben noch so viel Leben vor sich. Letzteres stimmt und es handelt sich um Emotionen, nicht um rationale Abwägungen, wenn es darum geht, um wen wir besonders trauern. Deshalb sollte man allerdings auch nicht mit unsinnigen Scheinargumenten arbeiten.

Gerade wegen dieses Szenarios muss man aber konstatieren, dass Ernst Bienzle sich schon mehr als Gemütsmensch gezeigt hat als im Tatort Nr. 505. Der Stimmungsübergang zwischen den Szenen, in denen er arbeitet und den privaten Momenten ist krass und es wirkt, als ob der versierte Kriminaler den Fall von einer auf die andere Minute komplett hinter sich lassen kann. Das ist äußerst professionell, mit der Einstellung kann man im Dienst uralt werden. Trotzdem war uns der Wechsel in die Szenen mit Hannelore und mit Agamemnon zu abrupt, auch wenn der Hund an einer Stelle tatsächlich in den Fall eingebunden wird und furchtbar knuffig ist.

Dass die im Hintergrund laufende Epressungsgeschichte den Tod des Jungen verursacht, wenn man die Zurechnung nicht mitten in der Kausalkette abbricht, weil diese irgendwann aus der Lebenswahrscheinlichkeit läuft, bedeutet auch, dass der Vater diesen Todesfall verursacht, weil er mit dem Erpresser die Idee entwickelt, wie man den eigenen Arbeitgeber am besten zu einer höheren Zahlung veranlassen kann.

Aber warum erpresst der Prokurist seinen Chef, der ihm doch offenbar sehr vertraut und zugewendet wirkt? Damit kommen wir wieder zum Ausgang: Weil der Manager sich von seiner Ehefrau trennen will, ohne diese selbst umbringen zu müssen und trotzdem finanziell abgesichert zu sein – er würde angeblich nichts erben, im Todesfall. Den Pflichtteil schon, meinen wir, wenn er sich nicht erhebliche Verfehlungen hat zuschulden kommen lassen, die eine komplette Enterbung rechtfertigen würden. Aber zum Beispiel bekäme er nicht das gemeinsame Wohnhaus. Er müsste sich also alles neu aufbauen.

In den Stuttgarter Tatorten der Bienzle-Ära geht es häufig ums Geld, Habgier löst alle möglichen Katastrophen aus. Hier erscheint das Ganze aber nicht so recht zwingend. Natürlich, der Mann fährt einen Porsche, aber Rudern ist jetzt nicht die teuerste aller Sportarten und sonstige Extravaganzen sind nicht festzustellen. Das, was er tut, wirkt, als sei es von seinem Gehalt gedeckt, auch wenn sein Frau als Konzertpianistin früher wohl das Meiste zum Haushaltseinkommen beigesteuert hat, und als sei er durchaus in der Lage, sich eigenes Vermögen aufzubauen. Und dann setzt er wirklich alles aufs Spiel und tut sich mit eine Typ zusammen, der erkennbar nicht die Durchdringung hat, um cool im Takt zu bleiben – der Ideengeber verliert konsequenterweise die Kontrolle über das Geschehen.

Er hatte die Manipulierung der tödlichen Pralinenschachtel nicht angewiesen. Aber bleiben wir beim Abgleich von Motiv und dem, was dann passiert: Die Pralinen so hochgradig zu vergiften, dass ein Todesfall dadurch  ausgelöst werden kann, ist nicht vom Vorsatz des Prokuristen umfasst, da geht der Kollege Erpresser eigene Wege. Nun gut, Dirk Borchardt ist auf solche Rollen abonniert, aber die extreme Gewissenlosigkeit hinter dieser Aktion ist doch etwas unglaubwürdig. Vor allem – nachdem ein Todesfall offenbar wurde, würde doch normalerweise nicht die  geforderte Summe gezahlt, sondern die Polizei käme ins Spiel, wie wir es hier auch sehen – und die Produktion würde erst einmal gestoppt, die ausgelieferte Ware aus den Regalen der Supermärkte genommen. In dem Moment hat der Erpresser sein Druckmittel verloren und riskiert bei einem Mittelständler wie diesem Schokladenfabrikanten, dessen Unternehmen offenbar auch eine recht dünne Kapitaldecke aufweist und der offenbar auch privat nichts locker machen kann, die Pleite der Melkkuh.

Hier hat der „Focus“ eine Reihe von Lebensmittel-Erpressungsfällen zusammengestellt – bitte nicht nachmachen, okay? Mit einigen Erstaunen haben wir gelesen, dass nicht weniger als 50 bis 200 Fälle dieser Art jährlich in Deutschland vorkommen – aber selten an die Öffentlichkeit gelangen. Alle gelisteten Vorgänge fanden allerdings in den Jahren 2008 bis 2017 statt, „Bienzle und der süße Tod“ kam 2002 heraus. Wir wollen mal hoffen, dass er keinen Blaupause für solche Ideen war. Und wie sieht es mit dem verwendeten Roten Fingerhut „Digitalis“ aus?

Der rote Fingerhut Digitalis purpurea ist eine Heil- und Giftpflanze, welche Herzglykoside wie das Digitoxin enthält. Die aktiven Inhaltsstoffe werden aus den Blättern gewonnen und als Fertigarzneimittel für die Behandlung einer Herzinsuffizienz und von Herzrhythmusstörungen eingesetzt. Aufgrund der Giftigkeit sollen keine Tees oder andere Zubereitungen aus der Arzneidroge zubereitet werden. Zu den häufigsten möglichen unerwünschten Wirkungen gehören Kopfschmerzen, Müdigkeit, Herzrhythmusstörungen und Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen. Eine Vergiftung oder Überdosierung ist lebensgefährlich.

Es gibt also sachlich nichts an der Art auszusetzen, wie hier Lebensmittel vergiftet werden, moralisch sieht es leider anders aus.

Finale

Wie der Verlauf von dessen plötzlicher Erkrankung bis zum Tod des Jungen dargestellt wird, ist durchaus berührend, aber danach wird diese Part zu sehr ausgespielt.

Sicher ist die Mutter in einer psychisch besonderen Verfassung, aber man musste den Film doch ziemlich dehnen und auf eine etwas gekünstelt wirkende Art anreichern, um 90 Minuten mit dieser Handlung zu füllen. Die Erpressung gerät dadurch für lange Zeit ganz im Hintergrund, obwohl der Typ, der sie weiter fortsetzen möchte, doch keiner ist, der sich lange geduldet.

Der Fokus verschiebt sich auf die Beziehungen in der Familie und im engen Bekanntenkreis. Man glaubt sowieso von Beginn an kaum, dass es die Schwester der erkrankten Pianistin war, die Tante des Jungen war, dafür wird sie zu sehr in den Vordergrund gerückt. Eher schon, warum auch immer, traut man es der Behandlerin  zu, die offenbar eine Art Kompetenz für alles hat und auch ein Verhältnis mit dem Produristen. Was zumindest bei uns gut funktioniert hat – auf den Zusammenhang mit einer Lebensmittelerpressung sind wir nicht vorzeitig gekommen. Aus einem recht einfachen Grund allerdings: Dass es sich bei dem Unternehmen um einen Lebensmittelhersteller handelt, kommt frühestens zum Vorschein, als man die Produkte auf der Ablagefläche im Büro des Chefs stehen sieht. Und da muss man schon genau hinschauen, um es zu bemerken, den Rückschluss auf die Branche und von dort auf die Erpressung zu vorzunehmen.

Üblicherweise geht es ja eher um krumme Geschäfte oder private Tatbestände, mit denen jemand von einem Mitwisser zu Vermögensverschiebungen gezwungen wird, andernfalls sie ans Licht gebracht oder interessierten Personen hinterbracht werden.

6,5/10

Aus der Vorschau

Hatten wir das mit vergifteten Pralinen nicht schon mal in einem anderen Tatort? Hoffentlich kommt es bei „Bienzle und der süße Tod“ nicht zu dem Fail, dass wir irgendwo eine Rezension verbuddelt haben, die sich durch die Suchfunktion nicht freilegen ließ. Denn das könnten wir angesichts des enormen Überschusses an noch zu sichtenden Tatorten und Polizeirufen derzeit gar nicht brauchen – dass wir einen Film nochmal anschauen müssen, über den wir schon geschrieben haben. Nicht einmal, wenn es einer mit Ernschd aus Stuttgart ist.

Immerhin erwartet uns ein Fall, der in der Bienzle-Rangliste auf der Plattform Tatort-Fundus derzeit auf Rang vier steht (296 von ca. 1.100 in der Fundus-Gesamtrangliste), Stand 7. August 2019. Insgesamt hat Bienzle mit Gächter 25 Fälle gelöst, die Mehrzahl davon haben wir bereits gesehen, unabhängig davon, ob wir mit dem süßen Tod schon mal zugange waren oder nicht. Wir können uns aber nicht an den Tod von zwei Kindern im Zusammenhang mit dem Schwaben-Ermittler erinnern und nicht daran, dass Bienzle eine Frau im Rollstuhl schiebt.

Aus dem Zusatztext erfahren wir, dass Ernst Bienzle mit diesem Fall sein zehnjähriges Dienstjubiläum begeht – er ermittelte dann noch weitere fünf Jahre. Dass die Bienzle-Filme „aus einem Guss“ sind, stimmt durchaus, denn sie stammen alle aus der Feder von Felix Huby, der Bienzle zunächst als Romanfigur erfunden hatte und später auch die Drehbücher verfasste. Die Einheitlichkeit muss allerdings nicht immer vorteilhaft sein, wie viele eher als Routineprodukte zu bezeichnende Bienzle-Tatorte belegen. Qualitätsunterschiede gibt es trotzdem und nicht alle Bienzle-Krimis haben das gleiche Handlungsmuster.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Dietz Werner Steck – Ernst Bienzle
Rüdiger Wandel – Günter Gächter
Rita Russek – Hannelore Schmiedinger
Bettina Kupfer – Ariane Reimer
Jophi Ries – Marcel Reimer
Ursula Maria Schmitz – Sonja Brandstätter
Walter Renneisen – Dr. Markus Borchert
Dirk Borchardt – Heiko Plass
Katharina Abt – Marion Kertesz
Bärbel Strecker – Annette Germeroth
Klaus Spürkel – Dr. Bernhard Kocher
Patrick Baehr – Sascha Reimer
Jonathan Dümcke – Johannes
u.a.

Drehbuch – Felix Huby, Zoran Solomun
Regie – Arend Agthe
Kamera – Thomas Makosch
Schnitt – Carola Hülsebus
Musik – Matthias Raue, Martin Cyrus

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