Schreck 2018, Reden über Tageszeitungen 2019: Nur noch digital? #Journalismus #Zeitung #taz

Im Juni 2018 hieß es auf dem Spezialportal für Medienmacher „meedia.de“, die taz werde alsbald ihre Printausgabe einstellen und nur noch digital erreichbar sein. Bisher ist das nicht passiert, aber irgendetwas ist transformationsmäßig im Busch. Wir kriegen es nicht so mit, weil wir sowieso online lesen und weil die taz sich in letzter Zeit nach unserer Ansicht nur maßvoll verändert hat – freilich gibt es diese Linien wie „taz Bewegung“, die wir registrieren, aber ein richtiges Bild ergibt sich daraus nicht, das Was ist Was betreffend.

Wir wollen in diesem Beitrag ein wenig über die Zeitungen nachdenken und den taz-Innovationsreport 2021 empfehlen, der sehr viel übers Blätter machen verrät – in dieser unserer Zeit, in der nicht nur die Digitalisierung, sondern auch die nachlassende Lesebereitschaft und Lesefähigkeit der Menschen Schneisen in die Produktion hochwertiger Texte schlagen – müssen. Die Banalisierung des Journalismus zu beklagen, aber sich an dessen Marginalisierung zu beteiligen, ist billig, sogar zulässig, aber trägt dazu bei, dass Politik nicht mehr analysiert, sondern nur noch instant vermittelt wird. Große Intellektuelle wie der amerikanische Präsident Donald Trump tragen massiv zu dieser Entwicklung bei und wie soll die Vierte Macht sich wehren, wenn niemand mehr den Nerv hat, ihre Produkte wertzuschätzen? Es ist alles ein neoliberales Desaster, aber die Zeitungen, die auf der rechten Schiene fahren, merken nicht, wie sie sich selbst das Wasser abgraben. Die taz tut das nicht, sie ist auch pluralistisch, wie sie selbst schreibt, aber von links gibt es auch bei ihr einiges zu beklagen, die Entwicklung des grünen Mainstreams oder die Entwicklung der Grünen hin zum Mainstream, der Ökologie und Soziales gut voneinander trennen kann, hat sie ganz gut mitvollzogen.

Die Zahl der verkauften gedruckten Tageszeitungen ging von 1991 bis 2018 von 27,3 auf 14,1 Millionen Exemplare zurück, quasi eine Halbierung. Ökologisch gesehen: Weniger Papier, aber mehr Online-Zeit und alles, was mit dem Betrieb von Rechnern und Smartphones ökologisch nicht stimmt. Wir schätzen, dass die Ökobilanz dieser Entwicklung nicht so positiv ist, wie man, den ersten Blick auf den geringeren Verbraucht von Holz gerichtet, denken könnte.

Der Verlust an Qualität und Vielfalt ist ein zusätzliches Problem. Rechte Medien sprießen wie Pilze aus dem Boden, online natürlich und meist mit der Möglichkeit verknüpft, freiwillig zu zahlen. Ähnlich wie bei der taz, Modul „tzi“, „taz zahl‘ ich“. Aber natürlich nicht verbunden mit genossenschaftlichen Strukturen, die es bei der taz ebenfalls gibt. Die es bei anderen klassischen Zeitungen keineswegs gibt.

Die Umstellung von  Print auf Online ist tückisch. Man sollte glauben, dass dadurch viel Geld eingespart werde kann, denn die Kosten fürs Lesen werden teilweise auf die Leser*innen verlagert. Distribution mit Provisionen, Druckkosten über die gesamte Produktionskette hinweg entfallen. Was entfällt, könnte man in die Redaktionen stecken. Denn: Das Abrufen von Online-Medien zahlen die Leser*innen dadurch, dass sie nun die Infrastruktur bezahlen. Die Rechner oder Handys, den Strom, was immer benötigt wird. Leider ist das alles schon „eingepreist“. Online-Abos sind häufig wesentlich günstiger, wenn sie etwa gleiche Inhalte bieten, als die Druckausgaben-Abos. Bei der taz gibt es mehrere Bezahlmodelle, daher ist eine Gegenüberstellung schwierig, aber vom Grundangebot bis zu Lockangeboten und Vergünstigungen aller Art kann man unschwer errechnen, dass klassische Tageszeitungen an einem / einer Online-Leser*in nicht das verdienen, was sie an einem / einer Druck-Abonnent*in einnehmen, alle Mehrkosten fürs Gedruckte eingerechnet.

Wichtig ist aber auch die Reichweite, vor allem, wenn es um die Werbung im digitalen Raum geht, und diesbezüglich haben sich die Tageszeitungen unterschiedlich entwickelt.

Tag für Tag greifen 38,1 Millionen Bürger in Deutschland zu einem gedruckten Zeitungsexemplar. Die Reichweite der Tageszeitungen liegt damit bei 53,9 Prozent. Das heißt, mehr als jeder zweite Deutsche ab 14 Jahren liest täglich eine Printausgabe (Quelle: ma Tageszeitungen 2019).

Ergänzt wird dies durch die steigende Reichweite der digitalen Zeitungsangebote: Sie verzeichnen täglich 14,6 Millionen Nutzer und erreichen damit 21,2 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 16 Jahren (AGOF digital facts April-Juni 2019). (Presseportal)

Insgesamt konnten Zeitungen ihre digitale Reichweite steigern, aber Reichweite ist eben nicht gleich Umsatz. Was außerdem niemand messen kann: Wie viele Zeichen liest jemand täglich? Online-Nutzer*innen greifen nach unserer Ansicht viel selektiver zu als jene, die beim Frühstück und dann in der Bahn „ihre“ Zeitung lesen. Selbstverständlich erhöht die Möglichkeit der Selektion die Vergleichbarkeit, so war es einmal gedacht: Das Internet ist auch deshalb demokratisch, weil zu einem Ereignis viele Quellen studiert werden können. Wenn es sich um Artikel mit Paywall handelt, endet allerdings die Demokratie und wir spüren den Zwiespalt. Irgendwie müssen diejenigen, die Content erstellen, ja Geld verdienen. Wir können aber nicht alle Paywalls überwinden, dazu sind unsere Interessen zu vielfältig und unser Budget zu begrenzt. Viele Zeitungen fahren auf dieser Schiene: Sie bieten ein Grundangebot und einen „Plus-Bereich“, diese Angebote wirken von der Machart übrigens so ähnlich, dass die Vermutung naheliegt, dass sie technisch eine ähnliche oder gleiche Basis haben.

Das Angebot ist also riesig, aber die Hürden, es zu nutzen, nehmen zu. Die Finanzierung über freiwillige Zahlungen oder nur durch Werbung und Anzeigen dürfte sich für die meisten Zeitungen nicht ausgehen, zumal Online-Anzeigen in der Regel für den Auftraggeber günstiger sind als Printanzeigen und bezüglich ihrer Ausgestaltung noch lange nicht so gut individualisierbar daherkommen. Vor allem die Größe spielt im Internet begreiflicherweise keine Rolle, nur die Priorisierung kann gesteuert werden. So diversifiziert die Bezahlmodelle für die redaktionellen Inhalte geworden sind, so schwierig wird es, die Vielfalt offline geschalteter Anzeigen online abzubilden.

Einer Entwicklung sind klassische Zeitungen ohnehin kaum gewachsen: Der Polarisierung, die von dezidierten Meinungsmedien aufgegriffen und gefördert wird. Diese Medien sind darauf ausgerichtet, ihre Inhalte so weit wie möglich zu verbreiten, ihre Betreiber können sich in der Regel nicht durch diese Medien finanzieren, sondern haben Jobs, mit denen sie die wirtschaftlichen Grundlagen für diese Medientätigkeit absichern. Die Qualität der Beiträge ist hingegen oftmals nicht schlechter als die von „Leitmedien“. Mit einem großen Unterschied allerdings: In Sachen Recherche können sie mit professionellen Redaktionen nicht mithalten, sind also auf deren Darstellungen als Erstquellen angewiesen. Was immer also im Zeitungsbereich geschieht: An der Recherche darf nicht gespart werden. Wenn man sich dazu mehr zusammenschließen muss, dann schränkt dies die Quellenzahl  ein, aber es ist besser, als immer mehr zu schludern.

Was über die Meldungen der Agenturen hinausgeht, muss also mehr im Kollektiv erarbeitet werden als bisher. Wäre das so schlimm? Nur, wenn Recherche-Kollektive sich dazu aufschwingen, die Deutungshoheit über wirklich alles erringen zu wollen. Die klassischen Zeitungen mit ihren beeindruckenden Redaktionen haben durchaus eine Zukunftschance. Ob die in einer nachhaltigen Welt nur aus Online-Angeboten besteht, ist für uns nicht sicher. Allerdings müssen dann auch die Journalist*innen über ihre eigenen Haltungen nachdenken. Zum Beispiel darüber, wie sie Transformation denken. In diesem Bereich sind die meisten Medien viel zu passiv. Sie werden nur für die schnelle Informationsbeschaffung über alles Mögliche genutzt, aber sind zu wenig Partner bei der Erforschung der Möglichkeiten für eine Welt, in der das geschriebene Wort, wie alle geistigen Tätigkeiten, wieder mehr geschätzt wird.

TH 

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