Voll auf Hass – Tatort 198 / Crimetime 416 // #Tatort #Stoever #Brockmöller #NDR #HH #Hamburg #Hass #Skins #Neonazis #Nazis

Crimetime 416 - Titelfoto © NDR

Vorwort 2019: Der Tatort „Voll auf Hass“, der sich mit Rechtsextremismus beschäftigt, war im Jahr 1987, als er Premiere hatte, ein Vorreiter, so zentral wird das Thema bis heute selten in einem Krimi verarbeitet. Aber der Film ist auch sehr zeitgebunden. Das Gleiche gilt für die Rezension aus dem Jahr 2012, die wir hier, lediglich optisch an unser heutiges Schema angepasst, wiederveröffentlichen.

Der Begriff der NSU war bereits bekannt, aber nicht alle Hintergründe dieser Rechtsterror-Zelle und wie die Morde heute eingeordnet werden – und es gab beispielsweise noch nicht die AfD. Unsere Aussagen zur Antifa basieren auf mangelnder Sachkenntnis, aber er gehört zur Zeitbedingtheit auch dieses Textes. Es ist jedoch evident, dass sich die Antifa heute aus naheliegenden Gründen wieder mehr zeigt oder im medialen Interesse ist als Anfang der 2010er. Dadurch, dass wir wieder mehr politisch „am Ball“ sind und durch ein entsprechendes Umfeld in den sozialen Medien viel mehr mitbekommen als 2012, beziehen wir auch Wahrnehmungsunterschiede in die distanzierte Betrachtung sowohl des Films, der vor 32 Jahren erschien, als auch unserer sieben Jahre alten Rezension ein.

Voll auf Anfang

KHK Peter Brockmöller ohne Schnauzer, KHK Paul Stoever und sein Kumpel ohne Jazz. So sonderbar trist und doch so vertraut. Anfangs einige seltsame Minuten. Die Kommissare treten noch nicht auf und da wir den Tatort aufgezeichnet hatten und uns in dem Moment nicht mehr erinnert hatten, wo er spielt, herrschte erst einmal Desorientierung. Dann die Erleichterung, die uns beinahe zu Tränen rührte, nach der erschütternden Restaurantszene. Auftritt Stoever und Brocki. Die Jungs (und das sind sie ja beinahe noch, im Jahr 1987) werden den Fall schon richtig anpacken und die passenden Kommentare abgeben. Ob man sie 25 Jahre nach diesem Film noch als passend empfindet, darüber und über andere Aspekte des Films schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Mehmet Bicici hat sich seinen Traum erfüllt: ein eigenes Restaurant. Doch nun erscheinen drei zwielichtige Gestalten und fordern von ihm Schutzgeld. Wenn er nicht zahle, seien er und seine Familie in Gefahr.

Am Abend richtet der türkische Lokalbesitzer für seinen Sohn Erdal eine große Verlobungsfeier aus. Die Braut, Dagmar Lobeck, ist eine Deutsche. Dagmars Eltern, besonders der Vater, waren von Anfang an gegen die Verbindung ihrer einzigen Tochter mit einem Türken. Plötzlich sind sie da: Mit voller Wucht schlagen die Skins zu, machen vor nichts halt. Zurück bleibt ein zertrümmertes Restaurant, mehrere Verletzte und ein Toter – Erdal Bicici.

Für die Kommissare Paul Stoever und Peter Brockmöller scheint anfangs alles klar, ist doch der Ausländerhaß, sind doch die Aktionen der Skinheads nichts Neues. Nach den ersten Ermittlungen glaubt Stoever, daß die Schlägertruppe benutzt worden ist; aber von wem? Brockmöller stößt auf die Schutzgeld-Organisation, erfährt von den Erpressungsversuchen gegen Mehmet Bicici, glaubt an einen Zusammenhang. Die Skins als Handlager des Syndikats? Diese Spur verwischt sich, als deutlich wird, daß Bicici mit seinen Erpressern zusammenarbeitet.

Rezension

Mit den Kommentaren halten sie sich anfangs erstaunlich zurück, so wenig, wie es angesichts des Geschehens möglich ist, wird darüber reflektiert didaktisch kommt erst, als Stoever einen jungen Skin in der U-Bahn bearbeitet und noch einmal für diejenigen, die etwas schwer von Begriff sind, im Dialog mit Brockmöller an der Wurstbude.

Ein recht harter und realistisch wirkender Tatort für die 80er-Verhältnisse – und auch für heutige. Der Realismus ist sowieso eher auf dem Rückzug, aber auch die direkte Gewaltdarstellung hat sich seit damals nicht verschärft, wenn man „Voll auf  Hass“ als Maßstab nimmt.

Das Thema gewaltbereiter Rechtsradikalismus hat man sehr beherzt, wenn auch etwas simplifiziert angepasst. Dass braune Horden umherziehen und es durch Eskalation zu einem Todesfall kommt, wirkt allerdings angesichts der Erkenntnisse zum NSU eher archaisch und zeigt zwar, wo es mit dem Hass hinführen kann, aber nicht, welche durchweg verbrecherischen Typen tatsächlich zur Szene gehören. Geradezu puppig wirkt, dass 1987 noch Leute mit stino Kurzhaarfrisuren als Skins durchgingen. Nicht nur die Mode hat sich geändert. Heute tummeln sich im allgemeinen Business auffallend viele Jungglatzen. Der puristisch-martialische Kahlkopf ist gesellschaftsfähig geworden. Ein Schelm, wen das nachdenklich macht.

Die Anfänge der Skinheads reichen bis in die 70er Jahre und den Punk und man kann sich vorstellen, dass die optische Unterscheidung zum damaligen, langhaarigen Mainstream deutlich ausfiel. Heute könnte jemand tagsüber einen Businessanzug tragen und am Abend mit Bomberjacke zu einer rechtsextremistischen Veranstaltung gehen – ohne Frisurwechsel.

Es ist alles etwas unübersichtlicher geworden. Die Gewalt hat insgesamt zugenommen, es gibt aber gerade in Berlin auch Bereiche, in denen es ruhiger geworden ist. Was seltsam wirkt, denn die Probleme des Systems haben in letzter Zeit nicht gerade abgenommen, mit der Gerechtigkeit ist es nicht besser bestellt als 1987. Es gibt aber derzeit keinen sichtbaren, radikalen Antifaschismus und Antikapitalismus. Es gibt einen Haufen guter Leute, die hin und wieder gegen Nazis auf die Straße gehen und meinen, damit ist es gut. Demo, Gegendemo und dazwischen die Polizei, alles ritualisiert und irgendwie an der Wirklichkeit vorbei und an den drängenden Fragen der Zeit.

Die 1980er bis zur Wende werden heute gerne, wie die 50er, als eine Art zähe Zeitmasse mit Tendenz zu Verfestigung und Stillstand angesehen – das war sie selbstverständlich nicht, politisch hat sich von ihrem Beginn bis 1989 eine Menge getan – unter anderem die Marginalisierung der RAF und der Einzug der Grünen auf die politische Bühne. Man kann genausogut behaupten, dass die Wende mit ihren besonderen Anforderungen den gesellschaftlichen Fortschritt erst einmal gebremst und schließlich in manchen Bereichen sogar umgekehrt hat – besonders seit der Agenda 2010, und auf verchiedene Weise mit dazu beigtragen hat, dass der Rechtsradikalismus auch heut noch existiert. Dass aber auch Länder, die beinahe keine sozialen Probleme haben, wie Norwegen, nicht vor Taten ganz anderen Kalibers sicher sind, als sie hier im Film gezeigt werden, haben wir auch erleben müssen.

Dass man sich in jener Dekade neuen Herausforderungen gestellt hat und sich auf diese konzentrieren konnte, zeigt „Voll auf Hass“. Zu Beginn wirkt der Film antiquiert, wir dachten spontan: Naja, die Schauspielerei war damals doch etwas anders als heute. War sie auch, aber im Verlauf wurde der Tatort 198 immer lebendiger und, wenn man so will, knackiger. Eine Szene wie die Verwüstung des türkischen Restaurants von Mehmet Bilici bis hin zum tödlichen Hieb gegen dessen Sohn Erdal mit einem Baseballschläger ist selbst für heutige Verhältnisse brutal. Vielleicht gerade für heutige Verhältnisse, wie auch die folgende Szene der Trauer und des Schmerzes.

Die Tatorte damals nahmen sich nämlich Zeit. Da wird sehr genau hingehalten, Szenen sind nicht so verhuscht und angedeutet wie heute. Einerseits hat man dem Zuschauer mehr Klarheit geboten, andererseits aber auch mehr zugemutet. Haben wir heute noch die emotionale Konsistenz, uns anzuschauen wie die Eltern Bilici über ihrem toten Sohn gebeugt über eine halbe Minute lang klagen? Uns alles so genau anzuschauen, entspricht das unserer heutigen Art, Bilder aufzunehmen und unserer inneren Haltung? Wünschen wir uns nicht, es käme endlich die nächste Szene, die Ermittlungen begännen? Doch, uns ging es so, und wir beobachten die eigene Metamorphose in der multimedialen, schnellen und wenig verbindlichen Welt von heute. Wir wundern uns ein wenig, wie fremd uns diese erst 25 Jahre lang vergangene Vorwendezeit mit ihren Typen, ihrer Mode, ihren Verhaltensweisen, ihrer Art, mit dem Thema Gewalt im Umfeld von Ausländern umzugehen, heute erscheint.

Einerseits sind wir an alles mehr gewöhnt, erwachsener und offener geworden, aber die Passion, einen Moment auszuleben und die Augen nicht zu verschließen vor dem Entetzen, die fehlt uns vielleicht mehr als damals. Demgemäß sind die heutigen Tatorte schneller, optisch anspruchsvoller, fassadenlastiger und facettenreicher, kaum aber noch so einfach konstruiert und Realitätsnähe suggerierend wie „Voll auf Hass“. Der Fall ist wirklich leicht nachzuvollziehen und man hat von Beginn an das Gefühl, dass der Vater von Dagmar Lobeck (Heike Faber), gespielt von Ulrich Pleitgen, nicht umsonst Tränen auf den Schreibtisch tropfen lässt und dass er etwas mit der Gewaltszene im Restaurant Istanbul zu tun hat. Er wollte nicht den Tod des Schwiegersohnes in spe, aber so ist das, wenn man den die braunen Geister aus der Flasche lässt, es gibt keine Sicherheit, dass die Lage nicht eskaliert, und schon die Absicht, das Restaurant verwüsten zu lassen, damit sich’s die Tochter noch anders überlegt, ist so unglaublich dumm, dass man fassungslos über diese einfache, psychologisch aus dem Gruselkabinett der Tatort-Steinzeit entsprungene Motivation der letztlichen Tötung ist. Aber, ehrlich – genau so ist es zwar nicht wahrscheinlich, aber vorstellbar, wären die Kleinbürger der 80er ein klein wenig ruchloser gewesen und hätten einen Agent provocateur wie seinen vermutlichen Geschäftsfreund, dessen Stellung wird nicht klar erläutert (Gerhard Olschewski) gehabt.

Auf einer anderen Ebene ist die Einfachheit von „Voll auf Hass“ sogar ziemlich tricky. Wir sind erstaunt zu sehen, wie Paul Stoever für einen besonders simpel gestrickten Skinhead sogar etwas wie Sympathie, jedenfalls Mitleid empfindet, und ihn eher als Opfer von Manipulation ansieht denn als Täter. Damit gibt er dem druckgeladenen Szenario ein Ventil – und die Macher wussten wohl, dass es viel wirkungsvoller ist, bestimmte Mitläufer als bemitleidenswert darzustellen als sie zu verteufeln. Der heutigen Realität wird dieser Typ wohl nicht entsprechen, zu sehr müssen wir davon ausgehen, dass die Rechten genau wissen, was sie tun und worauf sie hinauswollen und wie viel elaborierter man Hassparolen sprachlich verkapseln kann. Aus dieser treudoofen Gefolgschaft, die man hier sehen kann, ist nach unserer Ansicht mehrheitlich eine Inszenierung neonazistischer Gesinnung geworden, die sich ihrer Wirkung in vollem Umfang bewusst und die deshalb auch nicht mit Stoeverscher Jovialität zu behandeln ist.

Im Film ist es beinahe rührend zu sehen, wie der Kommissar mit dem angeschlagenen Skin in einer stüsseligen Kneipe ein Bier trinkt und ihn zum Sprechen bringt – indem er ihm Vertrauen geradezu abnötigt. Wie echt sein Mitgefühl ist, angesichts eines so unschuldigen und sinnlosen Todesopfers wie Erdal Bilici, erfahren wir nicht, auch nicht im späteren Dialog mit dem Kollegen Brockmöller.

Im Stil seiner Zeit gibt „Voll auf Hass“ einen guten Einblick in die Gemütslage zwischen Deutschen, Ausländern und Rechtsextremen der Zeit kurz vor der Wende. Es gab noch keine Migranten und noch keine rechtsterroristischen Zellen, nur Menschen unterschiedlicher Herkunft, von denen manche nicht verstehen wollten, dass die anderen eine Bereicherung sein könnten und eben nicht in erster Linie Areitsplatzklauer. Am Ende des Films, an der Würstchenbude, wird aber noch einmal resümmiert, was vorher schon anklingt: Dass es zwischen den Kulturen nicht so einfach sein würde mit der Verständigung, jenseits primitiver Parolen und politischer Randgruppen. Der im Film getötete Erdal Bilici ist noch nicht in Deutschland geboren, sein Vater kam erst in den 70ern hierher. Inzwischen lebt hier eine dritte Generation muslimischer Menschen, von denen viele (auch) die deutsche Staatsbürgerschaft haben. Der Trail der Immigranten hat sich in viele Gruppen und Schicksale aufgespalten, die ganz unterschiedlich sind. Neben hervorragenden Beispielen für ein Miteinander und für richtig verstandene Integration durch notwendige gegenseitige Anpassung gibt es jetzt auch trostlose Verhältnisse, für die man keine einfachen Lösungen ewarten darf.

Heute wissen wir das und leben damit und wenn wir mal wieder zu fatalistisch auf die Dinge blicken, die sich vor unseren Augen oft als wenig kompatibel erweisen, dann sollten wir daran denken, wie zum Beispiel 1987 sehr direkt der Finger in eine Wunde der Gesellschaft gelegt wurde, wie man damals, vor den Zeiten der political Correctness, auch höchst kontroverse Diskussionen in Kauf genommen hat, indem man mit sehr klaren Statements unterwegs ist und auf Ausgewogenheit verzichtet hat. Wir würden nicht alles unterschreiben, was im Film gesagt wird, auch nicht das, was von den Guten kommt. Man merkt schon, wie neu die Thematik damals noch war, zumindest im Tatortformat. Aber wir sind angetan von der Offenheit und Direktheit, wie das Thema der damals aufkommenden Neonazi-Szene angegangen wird.

Finale

Leider ist die vom WDR (2012, A. d. Verf.) gezeigte Version von „Voll auf Hass“ gekürzt worden, die Zeit der Aufzeichnung ist kürzer als die im Tatort-Fundus angegebene Spielzeit von etwas mehr als (ohnehin kurzen) 83 Minuten. Der Film war die siebte Folge mit Manfred Krug als Kommissar Paul Stoever und gilt noch heute als eine seiner besten.

Während einer Wiederholung 1993 musste der Sender abbrechen, da es erhebliche Zuschauerproteste gab – am Tag zuvor waren nach einem Brandanschlag in einem Solinger Heim für Asylbewerber fünf Menschen ums Leben gekommen.

Wir werten trotz der formalen Zeitgebundenheit und einiger Simplifizierungen für das Thema ebenfalls hoch. Da der Fall dabei sehr einfach geriet und wir nebenbei auch der Meinung sind, dass sich Schutzgelderpresser nicht ohne Weiteres in politische Dinge hineinziehen lassen, auch nicht für mglw. zusätzliches Schutzgeld, kann „Voll auf Hass“ kein Meisterwerk, wenn auch die Qualität als Krimi eine Rolle spielt, aber er zählt für uns zu den wichtigen Folgen.

7,5/10

© 2019, 2012 Der Wahlberliner

Kommissar StoeverManfred Krug
Kommissar BrockmöllerCharles Brauer
Mehmet BiciciDjamchid Soheili
Erdal BiciciTayfun Bademsoy
Shirin BiciciSabahat Bademsoy
Dagmar LobeckHeike Faber
Lili LobeckJohanna Liebeneiner
Buch und Regie:Bernd Schadewald
Kamera:Jochen Radermacher

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