Schweigegeld – Tatort 106 / Crimetime 434 // #Tatort #Essen #WDR #Haferkamp #Schweigen #Geld

Crimetime 434 - Titelfoto © WDR

Schach dem Schwager

„Schweigegeld“ ist eine Schachpartie – aber es kommt zu strategischen Fehlern, die daher rühren, dass mehr Figuren im Spiel sind, als nach dem Spielstand auf dem Feld stehen dürften. Beim Schach zuschauen ist für Nichtschachspieler vermutlich besser als das Einnehmen einer Tablette, wenn Schlafstörungen zu überwinden sind. Ist das bei „Schweigegeld“ ebenso? Wir spüren dem nach in der -> Rezension.

Handlung

Beim Briefmarkenhändler Klaven wird eingebrochen. Der Täter findet eine relativ geringe Beute, am nächsten Tag jedoch heißt es, dass eine wertvolle Sammlung verschwunden ist. Klaven hat offensichtlich bei sich einbrechen lassen, um die Versicherung zu betrügen.

Klavens Schwager Storck, der die Tat beobachtet, den Einbrecher verfolgt und ihn dabei unbeabsichtigt getötet hat, sieht eine Möglichkeit, seine katastrophale finanzielle Lage aufzubessern – er erpresst seinen Schwager Klaven wegen des Versicherungsbetrugs.

Kommissar Haferkamp hat Mühe, sich in dem Fall zurechtzufinden. Welche Rolle spielt Gertrud, die Frau des getöteten Einbrechers? Hat Gertruds Bruder Stefan etwas mit der Sache zu tun? Erst als Haferkamp dahinterkommt, daß Storck von seinem Schwager Klaven ein Schweigegeld verlangt, findet er den Schlüssel zur Lösung des Falles.

Rezension

Es wird niemals geklärt, ob der Briefmarkenhändler mit Jaguar und Fellmantel auf unehrliche Weise zu Reichtum gekommen ist. Die Vermutung, die sein Schwager, der gescheiterte Architekt, aufstellt, liegt aber nah. Aus wunderbar gezeichneten und gespielten Charakteren, die von Wolfgang Kieling, Dieter Kirchlechner und Hannelore Hoger verkörpert werden, erwächst ein Psychospiel, das wir sehr genossen haben. „Schweigegeld“ ist bester, alter Tatort, in dem alles aus den Charakteren kommt. Sie sind so angelegt, dass eine ziemlich unwahrscheinliche Konstruktion funktioniert. Außerdem ist diese Konstruktion logisch sauber aufgebaut – mit ein paar kleinen Schwächen, wie zum Beispiel der Platzierung des kleinen Briefmarkensets als einzigem Teil der angeblich zwei Millionen Mark schweren Beute.

Wenn Storck den großen Rest doch anscheinend perfekt versteckt, lässt er ausgerechnet diese vier Marken so blöd im Regal stehen und natürlich findet die Kripo sie bei der Hausdurchsuchung sofort. Insgesamt hält der Schluss nicht ganz das Niveau der ersten 70 Minuten – inklusive der Tatsache, dass Haferkamp mal wieder eine unzulässige Falle stellt. Polizisten, die Tatverdächtige reinlegen, sind keine Zeugen und das, was sie ausbaldowern, darf vor Gericht nicht verwendet werden – auch wenn sie selbst das Gegenteil behaupten. Das wird sich hoffentlich auch nie ändern. Das, was wir hier wieder sehen ist eine andere Sache als reines Abhören, das ja mittlerweile ziemlich freizügig gehandhabt wird. Hätten die Ermittler zum Beispiel nach den ersten Verdachtsmomenten, dass Klaven den Einbruch selbst hat ausführen lassen, dessen Telefon angezapft und dabei mitgehört, wie Storck oder auch Stefan versuchen, ihn zu erpressen, das wäre okay gewesen, aber nicht eine zusätzliche Manipulation.

Aber was soll man machen, wenn man des Drehbuch unnötig und im wörtlichen Sinn festfährt? Man hätte es so einrichten können, dass am Ende doch die einfachen Mitwisser, die gleichzeitig die zweite Erpresserpartei darstellen, einen Fehler gemacht haben, als sie das Auto des Diebes vom Tatort wegverbracht haben. Zum Beispiel in der Form, dass sie gesehen wurden. Diese Möglichkeit wird nicht ausgereizt. Dann hätte es den Twist nach dem eigentlichen Finale nicht gegeben, wo der Schachspieler plötzlich mit der Handfeuerwaffe arbeiten will und um ein Haar einen Polizisten erschossen hätte. Hoffentlich trug das Storck-Double wenigstens eine schusssichere Weste unter dem Trenchcoat. Die vorausgehende Flucht von Storck hingegen fanden wir psychologisch nachvollziehbar, obwohl klar war, dass sie, wie Haferkamp richtig sagt, nutzlos ist. Es ist meist nutzlos, wenn der Fluchtreflex im falschen Moment die Oberhand gewinnt. Vor allem, wenn er zu spät wirkt. Zu früh ist auch nicht gut, aber führt in der Regel nur zu suboptimalen Karriereverläufen, nicht zum Einsitzen.

Trotz der obigen Kritikpunkte muss man von einem cleveren Drehbuch sprechen. Die erste Stunde des Plots ist makellos konstruiert und zudem gut auf die erwähntermaßen gelungen Figuren abgestimmt. Derjenige, der sich alles ausdenkt, das Hirn eines Coups, mag noch so versiert sein – wenn er sich Helfern bedienen muss, die weniger im Kasten haben, misslingt die Sache meist. Dieses Muster sehen wir in vielen Tatorten der 1970er und schon Heist-Movies, die noch viel älter sind, haben das in tausend Varianten und bis zum Exzess durchgespielt – und nicht selten wurden Krimikomödien aus dem intellektuellen Gefälle zwischen den Tatbeteiligten gefertigt. Die Alternative, mit der man ein Heist-Movie zu einem Gaunerdrama werden lassen kann, ist die, dass eine Masche eine Zeitlang funktioniert, doch irgendwann kommt es doch zu einem Fehler oder einer unvorhergesehenen Lage und der Schlamassel beginnt.

Der Clou am Drehbuch von „Schweiegegeld“ ist aber, dass selbst dann, wenn der Einbrecher nicht redselig gewesen wäre, für Klaven immer noch das Problem mit dem Schwager bestanden hätte. Man wohnt nicht nur in Sichtweite, es gibt auch ein Netz aus Beziehungen und Friktionen, die vor allem daher kommen, dass Storck nach einer, man darf annehmen, psychischen, Erkrankung nicht mehr richtig auf die Beine kam und nach dem Karriereknick keine Anstellung mehr findet. Beinahe ein avantgardistisches Szenario damals, heute nichts Besonderes mehr. Das heißt auch, heutiges Publikum, das nicht mehr sein gesamtes Berufsleben bei einem einzigen Arbeitgeber verbracht hat, dessen kapitalistischer Durchgriff zwecks maximaler Ausbeutung zudem durch die damals noch starke Arbeitnehmerorganisation gebremst wurde, müsste eher auf Storcks Seite sein – und verpasst damit möglicherweise einen besonderen Trick in diesem Film. Oder doch nicht, nach Jahrzehnten neoliberaler Indoktrinierung?

Jedenfalls sind die Charaktere so klug gezeichnet, dass es zumindest uns so ging, dass wir nicht durchgängig auf Storcks Seite waren, sondern, als sich Klaven künstlich darüber entrüstet, dass sein Schwager ihn erpressen will, obwohl er doch immer wieder seiner Frau – der eigenen Schwester – finanziell aushilft, das erst einmal nachvollziehbar fanden. Es ist ein guter Trick, mit dem man das Gerechtigkeitsgefühl gut manipulieren kann, sofern ein Zuschauer sich bis zu dem Zeitpunkt noch nicht eindeutig festgelegt hat, wen er in diesem Schachspiel siegen sehen will. Am Ende überschätzen sich beide Nachbarn und es ist wieder alles im Lot: Bei Storck tat’s uns leid, dass er sich so verstrickt hat, bei Klaven spätestens seit dem pelzigen Auftritt in der Tiefgarage nicht mehr. Nein, eigentlich war das Ding schon viel früher gegessen. Nichts gegen Briefmarkenhändler, Architekten stehen uns aber doch näher, vor allem, wenn sie als Freizeitgrafiker ihr Dasein fristen müssen.

Am meisten zwingend von allem, was in diesem Film an Logik zu beobachten ist, bleibt bis heute der Aspekt, dass Stellen an Bewerber vergeben werden, die gemäß Papierform ein möglichst reibungsloses Funktionieren zu gewährleisten scheinen. Dass Ende der 1970er Jahre, als erstmals nicht mehr jeder dringend gebraucht wurde und die Arbeitslosigkeit stieg, über Diskriminierung im Bewerbungsprozess nachgedacht wurde, hätte zu verfeinerten Verfahren und einer anderen Sichtweise auf Skills führen können, doch es lief aufgrund des konservativen Rollbacks ab den 1980ern genau umgekehrt und wir wollen an dieser Stelle lieber nicht darüber nachdenken, was dadurch bis heute an Potenzial liegengelassen oder vernichtet wird.

Finale

Wir wollen schlussendlich nicht vergessen, die guten Dialoge zu erwähnen, ohne sie wären natürlich auch die Figuren nicht so überzeugend geworden. Einiges davon wirkt sehr modern, vieles differenziert und recht subtil – vor allem, wenn es um ober- und unterschwellige Hierarchien und Diskriminierungen geht. Das haben wir in diesem Film nicht zum ersten Mal beobachtet. Die Rezension ist auch dem Produzenten Werner Kließ gewidmet, zu dem wir während der Laufzeit des „ersten“ Wahlberliners Kontakt hatten. Wir unterstellten damals, bezüglich der Dialogtechnik und der Figurenzeichnung habe sich der Tatort einiges vom Neuen Deutschen Film abgeschaut, die Veränderungen gegenüber der Vorgängerreihe „Stahlnetz“ sind sehr augenfällig. Kließ spielte das aber zu einer Zufälligkeit herunter. Wir fanden das sehr bescheiden, denken auch, das war ein wenig geflunkert. Denn selbstverständlich schauten sich die Fernsehfilmer an, was im Kino lief und wie dort Gesellschaftskritik neu interpretiert wurde.

Natürlich schielte man zur Avantgarde und mit Hannelore Hoger spielt hier auch eine Darstellerin mit, die im „NDF“, zuvor „JDF“ („Junger Deutscher Film“) bekannt wurde. Einen Tatort gibt es in“Schweigegeld“ nicht sofort, auch das war damals durchaus keine solche Ausnahme wie heute. Die ersten Minuten gehören den Episodenfiguren, damit man sie kennenlernen kann – es dauert ein wenig, biss es zum Todesfall kommt. Danach gewinnen Haferkamp und Kreutzer aber viel Präsenz – und auch deren Verhältnis ist recht gut inszeniert. Bis auf ein paar Wischer und etwas, das leider neben der „Falle“ einen weiteren Abzug bringt: Den Unfall von Ingrid. Wir sind bis jetzt nicht dahinter gestiegen, welchen Sinn dieser hat. Dass Haferkamp dünnhäutiger dargestellt werden kann ist als sonst? Oder nur, damit die Szene stattfinden kann, in welcher er durch einen Anruf aus der Klinik abgelenkt ist, Storck aus dem Präsidium entwischt und es zu der dramatischen Verfolgung auf dem Bahngelände kommen kann, in welcher der Täter zum Retter des Kommissars wird?

Möglich, aber doch arg weit gegriffen. Eher hat man noch ein paar Minuten füllen wollen und dabei das konzentriere Kammerspiel ein wenig gestört. Was sie hingegen wieder gut hingekriegt haben: Meistens lag tatsächlich Schnee. Dann, wenn es wichtig ist. Tatorte mit Winterfeeling sind ja sehr riskant, weil das Wetter so schnell umschlagen kann. Was man daran sieht, dass z. B. keiner mehr da ist, als Klaven sich selbst zur Brücke bestellt und nicht abgeholt wird. Also mittendrin. Gut, damit meinen wir also eher: Dass die vermutlich vorher schon gefilmte Bahngelände-Szene wieder in Weiß ist. Schienen im Schnee sind einfach so malerisch. Dass der Klaven mit seinem schicken Auto durch so eine tiefe Pfütze fahren muss, als er den Ort des geplatzten Meetings wieder verlässt – oh, oh.

8/10

Vorwort: Der Westen ist schweigsam

So eine schöne Idee vom WDR, im Anschluss an „Katjas Schweigen“ (1989) mit Horst Schimanski den genau zehn Jahre älteren Tatort „Schweigegeld“ mit Heinz Haferkamp zu senden. Der Westen ist als verschwiegene Region bekannt. Besonders die Gegend von Duisburg bis Essen. Will uns der WDR dies sagen? In Berlin kann man Tatorte, die vom Klappe halten handeln, jedenfalls nicht so gut machen – obwohl doch Ermittler nichts zu ermitteln hätten, würde jeder an einem Verbrechen Beteiligte sofort plaudern.

Anders als „Katjas Schweigen“ in der Schimanski-Rangliste gilt „Schweigegeld“ aber als einer der besten Filme mit dem Vorgänger und steht mit Rang 140 von 1101 gegenwärtig auch insgesamt hoch in der Gunst der Fans, die sich auf der Plattform Tatort-Fundus versammeln und kurze Kommentare mit Wertungen abgeben. Auch dieses Werk haben wir bisher nicht gesehen und so sorgt der WDR beinahe im Alleingang dafür, dass unsere Tatortanthologie, die im neuen Wahlberliner in das Feature „Crimetime“ eingebettet ist, weiter vervollständigt wird, weil er nicht nur sehr alte Fälle aus seinem Bestand wiederholt, sondern auch genau jene, die nicht vor ein paar Jahren schon einmal gezeigt wurden, als die beiden Kommissare schon einmal eine Retrospektive bekamen.

Wir werden den Film aufzeichnen und eine Besprechung schreiben, damit unserer Leser*innen erfahren, wie gut der 106. Tatort wirklich ist.

Einen Hinweis, den wir hier nicht abgebildet haben, fanden wir bei der Auflistung des Stabes von „Schweigegeld“. Der Film scheint auf 16mm-Material gedreht worden zu sein. Das trifft offenbar auf viele Haferkamp-Fälle zu und erklärt die Grobkörnigkeit und die kodakchromatische Farbgebung, die in diesen Filmen beim Entwickeln sehr in Richtung düster gedreht worden ist. Schade, dass wir den Produzenten Werner Kliess nicht mehr fragen können, mit dem wir während der Laufzeit des ersten Wahlberliners Kontakt hatten. Er ist leider mittlerweile verstorben. Kameramann Josef Vilsmaier, der damals viele WDR-Tatorte ins Bild gesetzt hat, wurde später ein bekannter Regisseur.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Kommissar Haferkamp – Hansjörg Felmy 
Kreutzer – Willy Semmelrogge 
Ingrid Haferkamp – Karin Eickelbaum 
Storck – Dieter Kirchlechner 
Ira Storck – Hannelore Hoger 
Klaven – Wolfgang Kieling 
Isolde Klaven – Gisela Zülch 
Gertrud – Liane Hielscher 
Stefan – Erich Ludwig 

Buch – Herbert Lichtenfeld 
Regie – Hartmut Griesmayr 
Kamera – Josef Vilsmeier 
Kostüme – Regine Baetz 
Bauten – Werner Achmann 
Produktionsleiter – Richard Deutsch 
Produzent – Werner Kliess 

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