Vier Frauen und ein Mord (Murder Most Foul, UK 1964) #Filmfest 49

Filmfest 49 A

Das investigative Element im Theater des Lebens

Der dritte der vier Miss Marple-Filme, in denen Margaret Rutherford die Detektivin verkörpert, wurde 1964 von der britischen Sektion der MGM gedreht, die Vorlage von Agatha Christie basiert nicht auf einem Miss Marple-Roman, sondern auf einem Krimi mit Christies sehr beliebter Detektivfigur Hercule Poirot. Der deutsche Titel insofern irreführend, als es keine erkennbare Vierergruppe von Frauen im Film gibt. Dafür einiges an Theater. Wie immer, schlüpft Miss Marple in eine Rolle (in „16 Uhr 50 ab Paddington“ sieht man sie als Hausangestellte, in „Der Wachsblumenstrauß“ als Urlauberin auf einem Reiterhof, hier als Laienschauspielerin und in „Murder Ahoi!“ als Mitglied eines nautischen Clubs an Bord eines Schiffes).

Wie der Profi als Amateurin ankam und vieles mehr zu „Vier Frauen und ein Mord“ steht in der -> Rezension

Handlung

Margaret McGinty, eine Bardame und ehemalige Schauspielerin, wird erhängt in ihrer Wohnung aufgefunden. Da ein eintreffender Polizist den vermeintlichen Täter scheinbar auf frischer Tat ertappt hatte, erscheint die Verurteilung des Angeklagten nur noch eine Formsache zu sein. Miss Marple ist eine der zwölf Geschworenen in dem Fall und als Einzige von der Unschuld des Mannes überzeugt. Da ein Urteil nur einstimmig beschlossen werden kann, und die alte Dame sich nicht von ihrer abweichenden Meinung abbringen lassen will, kommt es zu keiner Urteilsverkündung, und der Fall wird auf eine Neuverhandlung verschoben. Dies gibt Miss Marple die Zeit, selber zu ermitteln und ihre Zweifel mit Fakten untermauern zu können. Unterstützt wird sie von dem Bibliothekar Mr. Stringer.

Die Spuren führen zu der kleinen Theatergruppe von Driffold Cosgood, die durch die Provinz tingelt. Kurzerhand tritt Miss Marple der Gruppe bei, um im Umfeld ermitteln zu können. Miss Marple soll in einem von Cosgood geschriebenen Theaterstück eine Amateurdetektivin spielen. Nachdem auch zwei Mitglieder der Theatertruppe ermordet werden, hat sie bald genug Material zusammen, um den Mörder zu überführen, und lässt dazu Inspektor Craddock in das Theater kommen. Der wird jedoch bei der Entlarvung des Mörders verletzt und landet, wie auch Cosgood, im Krankenhaus. Cosgood versucht, Miss Marple als Mäzen für das nächste Theaterstück zu gewinnen, was sie jedoch ablehnt. Kurz vorher enthüllt ihr Inspektor Craddock, dass er nach der erfolgreichen Aufklärung des Falles zum Oberinspektor befördert wurde (Zusammenfassung aus der Wikipedia).

Rezension

Auch dieses Muster ist aus den beiden vorherigen Filmen bekannt: Miss Marple findet eine Situation vor, die von der Polizei nicht ernst genommen oder mit einer einfachen Lösung als schon geklärt angesehen wird. Die ältere Dame mit dem eigensinnigen Charakter ermittelt auf eigene Faust und dringt unter Annahme einer falschen Identität – als verdeckte Ermittlerin oder „undercover“ – in das Milieu ein, in welchem sie den Täter oder die Täterin vermutet. Dort bringt sie sich in Gefahr, weil sie den Täter provoziert, um ihn überführen zu können. Der Höhepunkt des Films ist, wie sie in letzter Minute gerettet wird, dabei darf dann auch gerne die ansonsten immer etwas inkompetent wirkende Polizei mitwirken.

Wir haben 16 Uhr 50 ab Paddington als einen unserer Krimi-Lieblinge beschrieben, an ihn kommt „Vier Frauen und ein Mord“ nicht ganz heran. Es mag an der Zusammensetzung der Theatertruppe aus beunruhigend schrägen Typen liegen, die hier das Figurenpanorama bilden, oder an Details in Margaret Rutherfords Spiel selbst. Vielleicht hat es auch mit dem Ende zu tun, das mindestens in der deutschen Synchronisation etwas schroff und uncharmant geraten ist und nicht dem sonstigen Wortwitz von Miss Marple entspricht. Möglicherweise liegt das an der von den drei anderen Filmen abweichenden Vorlagenverwendung.

Dieses Mal spielt die Handlung nicht im gehobenen Milieu, wie sonst üblich, sondern eher dort, wo die Geldsorgen groß und die Aussichten klein sind. Miss Marple schließt sich einer Provinzschauspielertruppe an – eines der Mitglieder muss ein Mörder oder eine Mörderin sein. Der Widerpart ist nach James Robertson Justice und Robert Morley, die herrlich versnobte Oberschichtfiguren verkörpern, im dritten Miss-Marple-Film nun Ron Moody, der einen beinahe ebenso blasierten Theaterdirektor, Regisseur und Verfasser von grottenschlechten Stücken gibt.

Ein wenig weiß man natürlich, wie die Dinge laufen werden, wenn man die ersten beiden Filme kennt. Zum Beispiel, dass dieses männliche Gegenbild, das ähnlich schrullig gezeigt wird die Dame Marple selbst, nicht der Mörder sein kann. Denn diese Figuren mit ihren ausgeprägten Macken werden stets von Miss Marple gezähmt, und zwar so sehr, dass sie die Miss Marple heiraten wollen, aber nie hinter Gitter gebracht.

Weiters ist da ein subjektiver Unterschied. Die gutbürgerliche Welt der Miss Marple, die Oberschichtmilieus, in die sie eindringt, die sind beinahe überzeitlich und haben jedes auf seine Weise etwas Stabiles und Beruhigendes, eben Britisches, auch wenn immer wieder ein böser Mensch mittendrin lebt und zu enttarnen ist. Dieses Theatermilieu hingegen ist etwas, das heute antiquiert wirkt, vielleicht am ehesten mit Musikbands zu vergleichen, die durch kleine Clubs tingeln und auf den Durchbruch hoffen, doch diese tun das meist nicht hauptberuflich, ebenso wie Laienschauspieler*innen.

Es fühlt sich dichter, existenzieller an als sonst, auch wenn eine spleenige junge Adelige dabei ist, die einfach nur Theater spielen will, um aus den Konventionen auszubrechen. Der Film hat eine dunklere Note als die drei übrigen, zeigt Figuren, die mehr oder weniger dieselben Formen von Sehnsüchten, Komödiantentum oder Verworfenheit zeigen wie in den anderen Filmen, jedoch sind auch Grenzgänger wie die somnambule Jungschauspielerin Eve dabei, eine verloren wirkende Figur ohne Hintergrund, die im Wesentlichen eingesetzt wird, um melancholischen Effekt von „Vier Frauen und ein Mord“ zu verstärken.

Es kommt zu Szenen, in denen Mitglieder der Truppe unfreiwillig komischen Situationen ausgesetzt werden. Da ist etwas in dem Film, das an das Gerechtigkeitsgefühl appelliert und dieses sträubt sich dagegen, wie hier in einer Szene die Schauspieler lächerlich gemacht werden, in der kurz vor dem Höhepunkt falsche Personen durchs Bild laufen. Etwas Ähnliches, eine Diskreditierung von eigentlich armen Teufeln, gibt es in keinem der anderen Marple-Filme. Auch in Bezug darauf ist die harsche Reaktion von Miss Marple am Ende nicht verständlich. Das Ansinnen von Cosgood, sie als Mäzenin zu gewinnen, hätte sie eleganter abweisen können.

Möglicherweise hatte Margaret Rutherford selbst gespürt, dass dieser Film abweicht, sie hatte gewiss ein feines Gespür für die eigene Darstellung und tatsächlich einige Schrullen, die belegen, wie eigen sie war – und sie bezeichnete „Vier Frauen und ein Mord“ als „lausig“. Das ist er nicht, die qualitativen Unterschiede zu den beiden anderen, die wir im Wahlberliner bereits beschrieben haben, sind beim Anschauen eher an Nuancen festzumachen.

Der Kriminalfall selbst ist aber auch dieses Mal ansehnlich konstruiert, man konnte ja entlang eines fiktionalen Falles von Agatha Christie filmen, und deren Bücher sind bekanntermaßen klassische Whodunits, in denen alles durch erstklassige Kombination und ohne überbordende Zufälle gelöst – und in denen es keine wesentlichen Logikschwächen gibt.

Teilweise ist das Personal bei allen Filmen identisch, wir treffen zum Beispiel immer wieder auf den Polizeiinspektor Craddock, der nach „Vier Frauen und ein Mord“ wegen seiner guten Arbeit, die in Wirklichkeit von Miss Marple stammt, zum Oberinspektor befördert wird. Die einzige Ambition der patenten Hobbydetektivin ist, Recht zu behalten, nicht aber in Konkurrenz zu anderen Karriere zu machen, daher gönnt sie ihm selbstverständlich seinen Aufstieg.

Auch seine Person stört ein wenig mehr das Gefühl, dass alles im Film richtig ist, als im ersten des Quartetts. In „16 Uhr 50 ab Paddington“ kann er sie noch für schrullig halten, ohne dass man ihm daraus einen Vorwurf machen kann, schließlich ist sie eine seltsame Person, die bislang nie durch kriminalistische Ambitionen und schon gar nicht durch Meisterschaft im Fälle lösen hervorgetreten ist. Bis dahin tritt sie nur als eine leidenschaftliche Leserin von Kriminalromanen und ist nach Craddocks Meinung sehr fantasiebegabt. Das wirkt glaubwürdig.

Im dritten Film jedoch wertet er die Arbeit, die sie in den ersten Filmen erkennbar für ihn und für seinen unverdienten Ruhm geleistet hat, besonders stark ab und glaubt zum wiederholten Mal nicht an ihren Spürsinn. Das lässt ihn nicht nur undankbar, sondern auch besonders engstirnig wirken und er fällt ab in einem Szenario, in dem es nur mehr oder weniger nette Menschen gibt – bis auf den Mörder.

Zum Ausgleich erscheint dieses Mal das Motiv für den ersten Mord in der Weise nachvollziehbar, dass man den Mörder versteht. Leider entgleitet ihm die Situation und er muss zwei weitere Morde begehen. Der vierte Mord, schon geplant und in die Wege geleitet, wäre der an Miss Marple selbst gewesen.

Wir schrieben oben, es sind eher Nuancen, aus ihr folgt eine Rangfolge unter den vier Miss Marple-Erstverfilmungen aus den 1960ern. Zehn Punkte Abstand zum großartigen Auftakt „16 Uhr 50 ab Paddington“ halten wir bei „Vier Frauen und ein Mord“ für angemessen.

74/100

© 2019, 2014, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie George Pollock
Drehbuch David Pursall
Jack Seddon
Produktion Ben Arbeid
Musik Ron Goodwin
Kamera Desmond Dickinson
Schnitt Ernest Walter
Besetzung

 

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