Der Wachsblumenstrauß (Murder at the Gallop, UK 1963) #Filmfest 48

Filmfest 48 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftMiss Marple zu Pferd

„Der Wachsblumenstrauß“ von 1963 ist der zweite von vier Miss-Marple-Filmen, in denen die urige Margaret Rutherford die Figur von Agatha Christie verkörpert, die Rezension zum ersten, „16 Uhr 50 ab Paddington“, ist hier nachzulesen.

Die Atmosphäre aller vier Filme ist großartig und sie gehören – mit gewissen Abstufungen innerhalb des Quartetts – zu unseren Lieblingen, wenn es um klassische Krimis und um die Atmosphäre des guten, alten, in vielfacher Hinsicht noch sehr imperialen England geht. Was kennzeichnet diese Filme? Darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

Miss Marple und der Bibliothekar Mr. Stringer treffen, als sie Geld für einen guten Zweck sammeln, auf den gerade sterbenden schwerreichen Mr. Enderby. Aufgrund der Tatsache, dass sich in der Nähe des Totenein Lehmbrocken mit einem Schuhabdruck, sowie eine Katze befinden, vor denen Mr. Enderby, wie allseits bekannt war, eine Todesangst hatte, informiert sie Inspektor Craddock über die Möglichkeit, dass es sich vielleicht um Mord und nicht, wie durch den Arzt des Toten bestätigt wird, um einen natürlichen Todesfall handelte.

Inspektor Craddock schenkt jedoch den Vermutungen keinen Glauben und Miss Marple ermittelt nun selbst, unterstützt von Mr. Stringer. So kommt es, dass sie bei ihren Ermittlungen heimlich die Testamentseröffnung belauscht. Dort hört sie zum einen ein handfestes M

ordmotiv, nämlich eine sehr große Erbschaft, die auf mehrere Hinterbliebene aufgeteilt werden soll, und zum anderen, dass die Schwester des Toten, Cora Lanscenet, ebenfalls einen Mord an dem Erblasser vermutet.

Zwecks Recherche findet sich auch Miss Marple im Reithotel ein. Hector Enderby begrüßt Mr. Stringer

Nach weiteren Recherchen im örtlichen Umfeld besucht Miss Marple unter einem Vorwand die Schwester des Toten. Doch sie kommt zu spät und kann diese ebenfalls nur nochh tot vorfinden. Diesmal war es jedoch einwandfrei Mord, und Inspektor Craddock schaltet sich verärgert über Miss Marples Einmischung in die Ermittlungen ein.

Obwohl die Polizei nun offiziell ermittelt, bucht Jane Marple unter dem Vorwand, einen Reiturlaub machen zu wollen, ein Zimmer im Reithotel „Gallop“, dessen Eigentümer einer der Hinterbliebenen ist und wo sich aufgrund des ersten Todesfalles zur Zeit alle Erbberechtigten und damit die Verdächtigen aufhalten.

Dort geschieht ein weiterer Mord und tatsächlich kann Miss Marple Inspektor Craddock, der gegenüber den Hinterbliebenen ihre heimlichen Ermittlungen deckt, tatkräftig unterstützen und schließlich alle drei Morde, wenn auch unter Lebensgefahr, aufklären.

Rezension

Die Figuren sind ebenso aus dem Vollen geschnitzt wie die Milieus, in denen die vier Krimis jeweils spielen. In „Der Wachsblumenstrauß“ kommt Miss Marple so britisch wie in keinem anderen der vier Filme – in erster Linie natürlich, weil sie sich als passable Reiterin in hohem Alter erweist, von der wir erfahren, dass sie in ihren frühen Jahren ein Champion war. Es versteht sich von selbst, dass sich der Reithoteleigentümer Hector Enderby (Robert Morley) aufgrund dieser Eigenschaften für die  Dame interessiert.

Dass sie bei ihm eincheckt, weil sie sein Hotel nach zwei Morden inspizieren will, weil sie dort die Tatverdächtigen vermutet und ihn selbst dazuzählt, erfährt er spät und nimmt es ihr nicht einmal krumm. Er ist auch nicht besonders in Gefahr, denn die besonders individuell gestaltete, nach Miss Marple ungewöhnlichste und kurioseste Figur, das wissen wir aus den übrigen Filmen, die ist niemals der Mörder.

Kleine Fehler. Bei der ersten Rezension schrieben wir noch, die vier Miss Marple-Filme seien kriminaltechnisch sauber konstruiert – das müssen wir nach vielen Tatort-Kritiken und einer gewissen Übung ganz leicht revidieren.

Vor allem zu Beginn hat „Der Wachsblumenstrauß“ einige Schwächen, zum Beispiel die im Grunde sehr nette Szene, in denen Miss Marple und Mr. Stringer bei der Testamentseröffnung nach dem Tod des alten Enderby durchs Fenster des Notarbüros schauen. Zum einen konnte Miss Marple die dubiose Cora Lanscenet aus ihrer Position nicht von vorne sehen und somit auch nicht Miss Millcrest unter deren Maske erkannt haben – zum anderen haben die offenbar zu dem Zeitpunkt noch Anwesenden nicht bemerkt, dass Inspektor Craddock von draußen nach Miss Marple ruft; das hätte aber unbedingt auffallen müssen.

Das ist aber wohl mehr ein filmischer Fehler, der im Buch „After The Funeral“ von Agatha Christie wohl nicht zutage treten dürfte, ansonsten gilt das bereits für die erste Rezension Geschriebene: Die erstklassigen  Kriminalroman-Vorlagen verhindern Logikschwächen, wie sie bei Originaldrehbüchern nicht selten zu bemerken sind.

So sehr britisch. Dafür ist „Der Wachsblumenstrauß“ herrlich gespielt und Robert Morley ist für uns der beste der vier männlichen Gegenparts, die Miss Marple in vier Filmen hatte. Und am Ende will er sie sogar ehelichen und wird wieder recht grob abschlägig beschieden, allerdings mit einem netten Argument, das recht aktuell ist. Der Pferdeliebhaber ist auch ein Jagdfan – und Miss Marple bezeichnet die Fuchsjagd als blutigen Sport. Alle Tierschützer und ökologisch Bewegten werden sie für diese Schlussaussage lieben.

Trotz dieser damals sicher nicht mehrheitsfähigen Meinung ist die Privatermittlerin dieses Mal besonders schön und harmonisch gezeichnet. Das wird daher kommen, weil sie auf dem Anwesen des Mr. Enderby in ihrem eigenen Milieu operiert – der oberen Mittelschicht. Das wirkt natürlich und flüssig, darüber hinaus ist der Humor einfach köstlich und je älter diese Filme werden, desto wundervoller wird die Patina, die auf ihnen liegt. Mit jedem Tag, an dem Großbritannien sich entfernt von dieser Zeit, in der das Empire schon beinahe komplett verloren war, die Menschen aber noch ganz aus der Zeit stammen, in der es noch Bestand hatte, desto liebenswerter wird die gesamte Szenerie.

Viele nette Details tragen dazu bei, dass hier ein Kosmos entsteht, den man trotz aller humoristischen Überzeichnung für echt und irgendwie auch erstrebenswert nehmen kann. Da kann es Morde hageln und da können Menschen aus den Fugen geraten wie die dämonisch-bescheidene Miss Millcrest, die wegen eines Bildes namens „Der Wachsblumenstrauß“ gleich mehrere Personen um die Ecke bzw. ums Leben bringt, wie Mr. Enderby es schön vollständig und altmodisch ausdrückt – die Welt dieser Klasse bleibt stabil und steht auf uralten, starken Fundamenten. Niemand denkt auch nur entfernt übers Große und Ganze nach und Mordlust, Geiz, Geldgier und der Wunsch, den nächsten Verwandten lieber tot zu sehen, sind nicht Ausfluss eines Gesellschaftssystems, sondern allgemeinmenschliche Eigenschafte, die in besseren Kreisen so schön hinter gepflegten Fassaden hervortreten und nicht gleich eine hässliche Fratze haben. Sehr schön deshalb auch die Szene, in welcher der zur Familie gehörende Kunsthändler Crossfield (Robert Urquhart) mit der weiteren Erbin Rosamund Shane (Katya Douglas) um das Bild streitet und Hector Enderby (Robert Morley) entscheidet, das Bild doch lieber selbst behalten zu wollen.

Seinen wirklichen Wert hat jedoch nur Miss Millcrest erkannt und Miss Marple ahnt das sehr bald. Es ist doppelt so wertvoll wie eines der Erbteile, welche Enderby seinen Nachfahren vermacht hat. Wegen des Bildes mussten er und Cora Lanscenet sterben und schließlich auch der Kunsthändler Crossfield, dem die Tatsache nach genauerer Betrachtung auch nicht entgangen war, dass es sich hier um einen besonderen Kunstgegenstand handelte. Zu den ironischen Gags des Films gehört, dass Miss Marple die tödliche Spritze, die Miss Millcrest ihr verabreichen will, damit abwendet, dass sie das Bild als Schild verwendet – und seinen Wert damit gewiss schwer mindert.

Die perfekte Konstellation. Die Miss Marple-Filme sind ähnlich den Tatort-Folgen im deutschen Fernsehen angelegt. Es gibt einen festen Bestand an Figuren, im Mittelpunkt die nur vom eigenen Ehrgeiz  getriebene Ermittlern Miss Marple. Diese steht außerhalb der Polizei, was die Polizei, vorwiegend in Person von Inspektor Craddock (Charles Tingwell) verkörpert, nicht selten in Rage bringt.

Eine urbritische Konzeption und Geisteshaltung, die man u. a. von Alfred Hitchcock kennt, und sie ist ein wenig Cockney: Die Polisten sind nicht so helle und müssen erhebliche Hilfe von versierten Privatleuten bekommen, ohne darum gebeten zu haben, damit sie ihre Fälle lösen können. Da spielt die Lust am Hinterfragen von Autoritäten hinein. So pompös die imperiale Tradition des Landes heute noch wirkt, diese untertänige Hörigkeit gegenüber Staatsautoritäten, die sich die Deutschen immer noch mühsam abgewöhnen müssen, war den Briten immer schon fremd. Sie sind eben auch ein wenig zynischer und realistischer und gewinnen nicht zuletzt daraus ihren berühmten Humor, die Menschen von der  Insel.

Dann gibt es noch den reizenden Mr. Stringer (Stringer Davis), einen älteren Herrn, der mit Miss Marple befreundet ist und ihr, obwohl ein wenig furchtsam, immer beflissen zur Hand geht und sich ihrer resoluten Persönlichkeit unterordnet. In gewisser Weise ist er der Dr. Watson für die gewiefte Detektivin und natürlich aus einem Grund unverzichtbar: Miss Marple kann ihm und damit dem Leser bzw. Zuschauer erklären, was sie über den Fall gerade denkt.

Diese Dauerfiguren werden in jeweils verschiedene Plots gestellt und es ist  schade, dass sie es nur auf vier Filme gebracht haben. Die Konstellation funktioniert blendend, auch wenn man schon sagen muss, dass die Kombinationsgabe und das, was sie sich aus Kriminalromanen angelesen hat, sich bei Miss Marple zu einer außergewöhnlichen Befähigung zum Lösen von Mordfällen führt. Sehr interessant auch, wie sie dieses Mal sogar auf ein Buch von Agatha Christie Bezug nimmt, in dem die Mordmethode, die im Film verwendet wird, beschrieben ist. Gewissermaßen spiegeln die Filme ihre eigenen Grundlagen, ein netter Kniff. Dieser ist aber nur dadurch sinnvoll, weil immer wieder ausgefallene Mordmethoden in Agatha Christies Romanen eine Rolle spielen, vor allem mit Substanzen aller Art kannte sich die große Kriminalschriftstellerin offensichtlich blendend aus.

Darüber hinaus hat Miss Marple eine unwiderstehliche Neugier, sie spioniert und ist ständig hinter Dingen her, die sie eigentlich  nichts angehen – und natürlich wimmelt es von Zufällen, das muss man bei diesem Plot mit einem Augenzwinkern nehmen. Und alles beginnt damit, dass sie für wohltätige Zwecke, zusammen mit Mr.  Stringer, das Anwesen des alten, wohlhabenden Enderby betritt, der noch nie im Leben etwas gespendet hat – und Zeugin seines Todes wird. Ein Herzinfarkt, aber mit Hintergrund: Eine Katze, und jedermann weiß, er hasst Katzen, hat man so platziert, dass er sich bei ihrem Anblick unweigerlich zu Tode erschrecken musste. Wir geben es gerne zu, wir stellen an die  Glaubwürdigkeit vor allem der Ereignisse, welche die Handlungen ins Rollen bringen, nicht die Anforderungen wie bei modernen Tatort-Folgen, die ja diesbezüglich auch einen anderen Anspruch haben.

Behagliche Schauer. Die vier Miss-Marple-Filme mit Margaret Rutherford sind nicht besonders komplex konstruiert und nicht actionreich – vom letzten namens „Mörder Ahoi!“ vielleicht abgesehen, der um einiges überdrehter geraten ist als die ersten drei und auch einen recht komplexen Sachverhalt zeigt.

Dafür sind sie gemütliche Whodunnits, die man sich erstklassig bei einer Tasse Tee anschauen kann, ohne sich sehr zu erschrecken. Vielleicht gruselt man sich ein wenig, wenn man diese Filme zum ersten Mal sieht, immer in den Momenten, in denen Miss Marple die Mörder dadurch enttarnen will, dass sie diese aus der Reserve lockt. Das muss sie tun, denn Beweise im engeren Sinn gibt es nie. Nein, die Polizei hat im Grunde das Problem, dass sie nichts in der Hand hat. Genau genommen kann sie die Fälle gar nicht lösen, wie Miss Marple es tut, weil sie nicht deren Theater spielen kann. Dabei gerät die Dame jedesmal in Gefahr, weil irgendetwas nicht ganz funktioniert wie geplant.

In „Der Wachsblumenstrauß“ macht sie selbst einen Fehler, indem sie die Klingel, mit denen sie die Polizei herbeirufen will, als Miss Millcrest an ihrem Bett erscheint, in der Maske von Cora Lanscenet, zu weit abseits auf den Nachttisch stellt. Die Szene ist eigentlich nicht logisch, denn Inspektor Craddock muss ja hinter den Vorhängen sein, damit er das Geständnis von Miss Millcrest mitanhören kann, also von selbst wissen, wann der richtige Moment zum Erscheinen ist und nicht erst warten müssen, biss Miss Marple klingelt. Ansonsten hätte die Szene keinen Sinn. Aber so sind sie, die Polizisten in den Miss Marple-Filmen. Man muss sie bis ins Kleinste anleiten.

Finale

„Der Wachsblumenstrauß“ ist nicht ganz so perfekt wie „16 Uhr 50 ab Paddington“, aber hat viele eigenständige Reize. Die Frische, die der Junge reinbringt, der in „16 Uhr 50“ eine wichtige Rolle spielt, die gibt es hier nicht, dafür ein schönes Reithotel und einen gut aufgelegten Robert Morley, der gar nicht so viel tun muss, um eine reizvolle Britenfigur abzugeben – und Miss Marples Mimik allein ist eine große Show, die für kurzweiliges Vergnügen sorgt. Wir halten „Der Wachsblumenstrauß“ für den  zweitbesten der vier Miss Marple-Filme, die von der britischen MGM in den 60er Jahren mit Margaret Rutherford in der Titelrolle gedreht wurden.

Sie mag optisch und im Auftritt nicht der Detektivin entsprechen, die Agatha Christie im Sinn hatte und die wohl ihrer eigenen Person etwas näher hätte kommen sollen, aber sie hat der Figur ein hochindividuelles, einprägsames Gesicht gegeben und es allen späteren Darstellerinnen von Miss Marple damit schwer gemacht – auch wenn diese wesentlich eleganter gewesen sein mögen als dieses ermittlerische Urgestein mit der guten Spürnase und der scharfen Kombinationsgabe. Dass auch „Der Wachsblumenstrauß“ eigentlich ein Hercule Poirot-Krimi ist, ebenso für Miss Marple umgeschrieben wie „Vier Frauen und ein Mord“, ist eine andere Sache. Man kann Figuren sehr wohl austauschen und gewinnt dabei sogar Freiraum, wie etwa den, eine Siebzigjährige als versierte Reiterin zu zeigen, der außerdem vom ersichtlich jüngeren Robert Morley der Hof gemacht wird. Das alles sind reizende Elemente, die den Film möglicherweise noch um einiges witziger und skurriler machen als die Buchvorlage.

Auch „Der Wachsblumenstrauß“ verwendet die Titelmusik, die für „16 Uhr 50“ entwickelt wurde und die heute ein Klassiker ist. Komplett echt 60er Jahre mit einem dominierenden Spinett, das sie leichter und ironischer wirken lässt, als wenn man ein Klavier verwendet hätte. Dieser Soundtrack ist vor den 60er Jahren nicht denkbar gewesen und danach auch nicht und trägt viel zur Stimmung der Filme bei.

79/100

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie George Pollock
Drehbuch James P. Cavanagh
Produktion George H. Brown für Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) (UK)
Musik Ron Goodwin
Kamera Arthur Ibbetson
Schnitt Bert Rule
Besetzung

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