Eine fast perfekte Sache – Polizeiruf 110 Fall 40 / Crimetime 435 / #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Ostberlin #Fuchs #Arndt

Crimetime 435 – Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Spannende Spannungen im System

Mit dem System ist heute nicht der Realsozialismus gemeint, sondern das kleine soziale System einer Bande, die eine seltene Kombination aus Trickdiebstahl und Diebstahl durch Eindringen in fremde Wohnungen begeht. „Eine fast perfekte Sache“ zeigt ein Gaunertrio, das eine auch rechtstechnisch interessante Methode entwickelt hat, um regelmäßig und gewerbsmäßig fremdes Gut in seinen Besitz zu bringen.

Handlung (Wikipedia)

Die Diebesbande um Rosi Voss, Keule und den Anführer Bernd geht bei ihren Einbrüchen raffiniert vor. Stets wird das Objekt vorher in Augenschein genommen, so antwortete einer der Einbrecher zum Beispiel auf ein Inserat einer Dame, die ihr Silberbesteck verkaufen wollte, und sah sich Besteck und Wohnung an. Anschließend wird dem Bewohner bei einem Einkauf die Tasche gestohlen und der Hausschlüssel gegen einen anderen Schlüsselbund ausgetauscht. Die Tasche wird im Laden an der Information abgegeben, die über den Ausweis dann den Besitzer ausruft. Bis der ausgetauschte Schlüssel bemerkt wird, haben die drei Einbrecher längst die Wohnung nach Wertsachen durchsucht und sind geflohen. Bei Rita Geier gehen die Täter genauso vor und erscheinen als vermeintliche Klempner in der Wohnung, wodurch sie bei den Nachbarn kein Misstrauen erregen. Beim Einbruch in die Wohnung von Frau Hirte hingegen treffen sie deren kranke Enkeltochter Isa an, die die vermeintlichen Ärzte ausfragt. Bernd verabreicht dem Mädchen eine Überdosis Schlaftabletten, bevor das Trio an die Arbeit geht. Keule, der Schichtarbeiter ist, benachrichtigt schließlich von der Arbeitsstelle aus anonym die Polizei, und Isa kann gerade noch gerettet werden.

Bernd, als intellektueller Kopf des Trios, beschließt nach dem nunmehr sechsten Bruch in Folge erst einmal eine Pause einzulegen. Zwar sind Rosi und Keule eher dagegen, fügen sich jedoch. Das Diebesgut haben die drei im Sommerhaus des Juweliers und Goldschmieds Friedrich Bader gelagert. Bader ist der Chef von Rosi und nutzt das Haus im Winter nicht. Als er dennoch mal nach dem Rechten sehen will, stößt er auf die gestohlenen Sachen. Er ruft die Polizei, die das Haus nun observiert. Leutnant Lutz Subras ist vor Ort, andere Polizisten warten im Streifenwagen. Das Trio hingegen hat längst bemerkt, dass ihr Versteck entdeckt wurde. Sie benachrichtigen einen Nachbarn von Bader, dass sich jemand in Baders Haus befinde. Als der Nachbar, der einen Schlüssel zu Baders Haus besitzt, und ein Bekannter nachsehen, werden sie von Lutz Subras für die Einbrecher gehalten und festgenommen. Während Subras und andere Polizisten die beiden abführen, nehmen Bernd und Keule einen Großteil der eingelagerten Beute an sich. Oberleutnant Peter Fuchs und Leutnant Vera Arndt sind peinlich berührt, dass sie vorgeführt worden sind. Sie wissen nun jedoch, dass der Täter aus dem Umfeld von Friedrich Bader stammen muss. Nur er und der ABV wussten, dass die Polizei das Versteck entdeckt hatte. Isa berichtet den Ermittlern, dass zwei Männer und eine „schicke Frau“ die Einbrecher waren. Die Polizisten legen einen Köder aus.

Die alte Frau Bernhardt erscheint mit einem wertvollen Schmuckstück bei Friedrich Bader, um den Verschluss reparieren zu lassen. Rosi Voss nimmt das Stück entgegen und erscheint wenig später bei Frau Bernhardt, um einen neuen Reparaturbon vorbeizubringen, sei der alte doch verloren gegangen. Sie besieht sich die mit Antiquitäten und kostbaren Bildern ausgestattete Wohnung genau. Wenig später versucht sie, Bernd für einen Einbruch in die Wohnung zu gewinnen. Der lehnt rigoros ab. Rosi hat Bernd an seiner Arbeitsstelle aufgesucht – er arbeitet in der Bäckerei seines Vaters – und sieht nun, wie Bernd von seinem Vater beschimpft wird, dass er seine Liebschaft bis in die Bäckerei mitbringe. Sie verliert den Respekt vor Bernd und überredet nun Keule, mit ihr zusammen den Einbruch auszuführen. Bei ihren Vorbereitungen wird jeder Schritt von der Polizei überwacht. Sie entwenden Frau Bernhardt auf einem Markt die Handtasche. Allerdings misslingt der Versuch Keules, einen Fluchtwagen zu stehlen. Bernd jedoch rettet sie mit seinem Wagen und will den Einbruch erfolgreich zu Ende führen. Er misstraut der Angelegenheit aber und lässt einen Jungen in der Wohnung von Frau Bernhardt einen braunen Einkaufsbeutel für die vermeintlich gehbehinderte Rosi holen. Peter Fuchs und Vera Arndt, die in der Wohnung warten, verstecken sich im Hausflur. Als der Junge mit einer großen Einkaufstasche die Wohnung verlässt, wird er von einem Hausbewohner aufgehalten, der bei der Beschreibung von Auftraggeberin Rosi misstrauisch wird. Als der Junge mit dem Hausbewohner vor der Tür erscheint, flüchtet das Trio. Peter Fuchs und Vera Arndt leiten die Verfolgung ein, und bald darauf kann das Trio gestellt werden. Alle drei werden verhaftet, und Frau Bernhard erhält von Peter Fuchs und Vera Arndt zum Dank für ihre Mitarbeit einen großen Blumenstrauß.

Rezension

Ist nun das Vorgehen der Bande von Rosi, Bernd und Keule ein Diebstahl (§ 242 StGB) oder ein besonders schwerer Fall des Diebstals (§ 243 StGB)? Dazu BGHSt 21, 189:
„Die verschärfte Strafandrohung […] beruht ersichtlich auf dem Gedanken, daß das Eindringen […] mittels falscher Schlüssel […] verwerflicher und daher strafwürdiger erscheine als die bloß unbefugte Verwendung eines echten Schlüssels zu diesem Zweck, gegen die sich der Berechtigte im Allgemeinen auch besser schützen kann“.

Ist das so? Die Erstellung falscher Schlüssel beruht doch in der Regel darauf, dass echte Schlüssel zwischenzeitlich in den Besitz unberechtiger Personen gelangen. Und gegen das unbefugte Nachmachen ist man bei heutigen Systemschlüsseln besser geschützt als gegen Trickdiebstahl, der z. B. in der U-Bahn oder, wie hier, in Kaufhäusern begangen wird. Klar, auch moderne Rucksäcke haben besser verschließbare Fächer als eine klassische Damenhandtasche und man bemerkt es, wenn sie einem vom Rücken geklaut werden, doch eher. Jedenfalls erscheint uns die Unterscheidung des Regelbeispiels „falscher Schlüssel“ in § 243 etwas arg spitzfindig, wenn davon nicht ein echter, geklauter Schlüssel umfasst sein soll.

Hier dürfte aber Bandendiebstahl (§ 244 I Nr. 2 StGB) ein erhöhtes Strafmaß für die Rosi, Keule und Bernd erbringen Trotzdem würden wir es reizvoll finden, aus „Eine fast perfekte Sache“ eine Klausur für Studenten zu konstruieren. Besonders witzig ist die Nutzung der Datsche von Herrn Bader, die aber auch eine erhebliche Schwäche des Drehbuchs offenbart.

„Eine fast perfekte Sache“ ist zweifelsohne einer der witzigsten Polizeirufe, die wir bisher gesehen haben, das Gaunertrio wird wundervoll dargestellt, auch wenn Rosi mit einem stark wechselnden Verhalten verblüfft, das sie freilich auch als gute Schauspielerin ausweist. Das Ganze ist eindeutig in Ostberlin angesiedelt und die Figuren sind erkennbar mit Spaß am typischen Witz dieser Stadt gezeichnet, wie er allerdings immer mehr verloren geht,weil nun einmal immer mehr Zugezogene wie wir hier leben, welche die Berliner Schnauze nicht so schnell adaptieren können, wie sie insgesamt verloren geht. Einige migrantische Milieus weisen aber durchaus ähnliche Formen von Humor auf.

Helmut Krätzig, der für die Inszenierung und für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, hat also wieder die für ihn typischen starken Figuren entworfen und entsprechend auftreten lassen, hingegen weist das Drehbuch einen ganz auffälligen Fehler auf: Hätte die Polizei, was nun wirklich zum Grundwerkzeug gehört, das Umfeld von Herrn Bader sofort nach dessen Meldung gecheckt, dass seine Datsche als Lager für die Diebesbeute verwendet wird, hätte ihnen Rosi sofort auffallen müssen, denn sie kennt die älteren, recht wohlhabenden Kundinnen, die beim Juwelier Bader ein- und ausgehen und es hätte sich leicht feststellen lassen, dass alle bisher bestohlenen Personen zu diesem Kundinnenkreis zählen.

Auch die Verwendung der Datsche an sich ist nicht so schlau, wie Bernd allgemein gerne sein will, da hätte sich irgendein Keller besser geeignet, um ungestört lagern zu können. Aber vielleicht waren die Keller in Ostberlin auch alle feucht. Logisch ist dieser Part aber schon, denn Rosi kennt die Gewohnheiten ihres Chefs und wann er sein Zweithaus benutzt, denn, es wird zumindest angedeutet, sie hat ein Verhältnis mit ihm. Die Ehefrau tritt auf, der Ton ändert sich. Das Timing stimmt bei Krätzig, da gibt es nichts zu bemängeln und das kommt auch der Darstellung des internen Spannungsfeldes der Bande zugute.

Viele Trickdiebe arbeiten zumindest in Filmen in einer Dreierbande zusammen. Einer klaut, ein zweiter nimmt sofort ab, ein Dritter übernimmt. Auf diese Weise fällt es schwer, jemanden in flagranti zu erwischen. Zumindest war das so, bis fast jeder öffentliche Raum lückenlos mit Kameras überwacht wurde. In U-Bahnen oder dergleichen nützen allerdings auch die Kameras nichts, denn die Diebe sind über alle Berge, bis jemand eingreifen kann. Um das zu ändern, müsste man eine Bahn so lange mit verschlossenen Türen im Bahnhof lassen, bis Polizei eingetroffen ist.

„Eine fast perfekte Sache“ ist mindestens der zweite Polizeiruf, in dem wir ein Trickdiebe-Dreiergespann bei der Arbeit beobachten durften.

Vier Mal räumen die drei Bandenmitglieder Wohnungen aus, ohne dass die Polizei ihnen auf die Schliche kommt, erst die Entdeckung des Lagers durch den Besitzer ergibt eine brauchbare Spur – besonders witzig, wie denn die Falle der Polizei nicht funktioniert, weil der junge Leutnant Subras einen Fehler macht. Der Film hat einen leicht englischen Einschlag, weil er die Polizei zwischenzeitlich auch mal als etwas deppert darstellt. Selbst heute ist das in deutschen Krimis noch eher die Ausnahme – aber gerade Polizeirufe spielen oft damit, dass die Polizei erst einmal ratlos ist und das entspricht bei Delikten wie fortgesetztem Diebstahl auch eher der Realität, als dass alles sofort aufgedeckt wird. Opfer heutiger Einbruchserien in Berlin können ein Lied davon singen. Es sind dann oft Zufälle und am Ende auch Geständnisse, die zur Lösung führen, denn was soll die Kriminaltechnik schon ausrichten, wenn Wohnungseinbrüche mit Handschuhen ausgeführt werden?

Die drei „Klempner“ hätten ihre Handschuhe, um unauffälliger zu wirken, allerdings beim Verlassen der Wohnungen ruhig ausziehen dürfen und dass die gelockte und stets geschminkte Rosi für einen Mann gehalten wird, nur, weil sie einen Blaumann trägt – nun ja.

Finale

Es gibt in dem Film schon Ansätze zur Hinterlegung der Charaktere. Zum Beispiel steht Bernd, der Chef des Trios, total unter der Fuchtel seines dominanten Vaters und will sich unbedingt als eigenständiger Charakter beweisen. Deswegen gibt er so an und was wir dabei auch lernen: Die Westgang ist in Verbrecherkreisen das Höchste, in einer solchen, behauptet Bernd, würde er ebenfalls eine hervorragende Rolle als Kopf oder Hirn des Ganzen spielen. Die Szenen von Bernd mit seinem Vater, im Bäckermilieu angesiedelt, sind derb und realistisch und sagen viel darüber aus, wie junge Menschen auf die schiefe Bahn kommen, ohne dass auch nur eine Spur von Sozialromantik zu entdecken ist. Die relative Kürze der Original-DDR-Polizeirufe (in diesem Fall 71 Minuten) erforderte es, einiges zu verdichten, was in Tatorten manchmal zu sehr ausgewalzt wurde, die Filme verlangsamte, ohne dass dadurch mehr Erkenntnisdichte zustande gekommen wäre.

Eine kleine Verfolgungsszene mit Autos gibt es dieses Mal auch wieder als Bonus, resultierend aus einer wiederum sehr gelungenen und zum Schmunzeln anregenden Unfallszene, wie sie auch den am besten planenden Gaunern passieren kann. Richtig bösartig wirkt vor allem die Sache mit dem Kind und den Schlaftabletten. Das Kind wird von den Filmemachern als Mädchen ausgegeben, ist aber relativ gut erkennbar ein Junge. Etwas übersetzt kann man Bernds Vater-Sohn-Konflikt als Hintergrund für seine Gefühllosigkeit der bzw. dem Kleinen gegenüber heranziehen.

Wieder einmal stehen die Verbrecher im Mittelpunkt, aber zu ihrer Art passt Oberleutnant Fuchs als Ermittler mit seinem kompakten und resoluten Wesen hervorragend, Leutnant Arndt und Leutnant Subras können sich weniger profilieren als in anderen Filmen. Wir haben nicht viel Ideologisches zu berichten – weil es wenig davon gibt, teilweise wird es sogar unterlaufen, etwa durch die Familienkiste von Bernd, die seine Handlungen erklärbar macht. Klar, man kann sagen, dass eine kleine Familienbäckerei doch eine Brutstätte für asymmetrische Verhältnisse ist, anders als ein VEB Backwaren mit seinen vielen sozialen Ankerpunkten und seinem ausgeklügelten – nun, sagen wir, Kommunikationswesen. Die alten Damen, die noch zum Besitzbürgertum gehören, werden zwar als Auslaufmodelle, aber sympathisch bis gewitzt dargestellt, eine von ihnen hilft der Polizei aktiv bei der Aufklärung. Die zweite Falle klappt, dank Rosenlikör.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

RegieHelmut Krätzig
DrehbuchHelmut Krätzig
ProduktionHans W. Reichel
MusikChristian Steyer
KameraWalter Küppers
SchnittBert Schultz

Peter Borgelt: Oberleutnant Peter Fuchs
Sigrid Göhler: Leutnant Vera Arndt
Alfred Rücker: Leutnant Lutz Subras
Regina Beyer: Rosi Voss
Rolf Römer: Bernd
Kaspar Eichel: Keule
Alfred Struwe: Friedrich Bader
Antje Ruge: Prof. Rita Geier
Ursula Braun: Frau Hirte
Jutta Krause: Isabell Hirte
Marga Legal: Frau Bernhardt
Egon Geißler: Herr Moritz
Willi Neuenhahn: Herr Frieder
Karl-Heinz Danowski: Herr Bürger
Klaus Tilsner: Genosse Lüder
Peter Friedrichson: Disco-Pitt
Gert Hänsch: Nachbar
Gerhard Lau: Bernds Vater
Liselott Baumgarten: Nachbarin
Walter Lendrich: Wartburg-Fahrer
Henning Weiß: Kind
Willi Schrade: Erster Abschnittsbevollmächtigter
Klaus-Jürgen Steinmann: Zweiter Abschnittsbevollmächtigter
Peter Kalisch: Erster Kriminaltechniker
Frank-Burkhard Habel: Zweiter Kriminaltechniker
Christl Jährig: Ärztin

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