Katjas Schweigen – Tatort 225 / #Crimetime 438 // #Tatort #Duisburg #WDR #Schimanski #Thanner #Riemann

Crimetime 438 - Titelfoto © WDR, K.-H. Vogelmann

Missbrauch einer Stellung nach § 29 JGG?

Horst Schimanski kann grundsätzlich alles – außer leise sein. Und da beim American Football viel gegrölt wird und alles sehr exaltiert zugeht, kann man sich gar keinen besseren Trainer für diese Sportart denken als den Kommissar aus Duisburg. Anders als eingangs der folgenden Handlungsbeschreibung erwähnt, wird im Film nicht darauf hingewiesen, dass Schimanski wenig Ahnung vom American Football hat. Aber was ist mit § 29 JGG? Und was vor allem ist mit Kaja? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Sehr viel Ahnung hat Schimanski nicht vom Football; dennoch trainiert er seine Mannschaft, die vor allem aus ehemals straffällig gewordenen Jugendlichen besteht. Jannek, ihr Bewährungshelfer, kann als Chef von Discount-Märkten materielle Hilfe bieten, und so sähe alles zum Besten aus, wenn da nicht im Zusammenhang mit Einbrüchen in Supermärkten ein Polizist erschossen worden wäre. Schimanski ist viel zu engagiert für seine Jungen, um Thanners Vermutung, sie könnten in die Tat verwickelt sein, auch nur in Erwägung zu ziehen. Dennoch erhärtet sich Thanners Verdacht und zielt ausgerechnet auf Tommy, den Spielführer und Favoriten Schimanskis. Tommys Schwester Katja versucht, bei Schimanski gut Wetter zu machen, aber der kann sich den Argumenten seines Kollegen auf die Dauer nicht verschließen. 

Bei dem Versuch der beiden Kommissare, Tommy festzunehmen, wird der Junge erschossen. Selbst für Schimanski muß es so aussehen, als ob Thanner den Todesschuß abgegeben hätte. Doch Thanner bestreitet das vehement. Schimanski gerät in den Konflikt, entweder dem eigenen Augenschein zu trauen oder dem Freund und Kollegen zu glauben. Denn beweisen läßt sich Thanners Unschuld nicht, es sei denn, man fände den Täter. Schimanski ahnt, daß Katja ihm bei seinen Ermittlungen helfen könnte. Aber das junge Mädchen hat das Vertrauen in den „Bullen“ verloren und hüllt sich in Schweigen.

Rezension

Er hat sie nicht flachgelegt, um eine Wette aus der Vorschau aufzulösen, wir haben also gegen uns selbst gewonnen. Vermutlich wäre es für Katja Riemanns Karriere auch gar nicht so gut gewesen, wenn der olle Polizist mit der gleichnamigen Titelfigur tatsächlich mehr anfangen hätte, als ihr den Kopf zu tätscheln, nachdem er ihr mitteilen musste, dass ihr Bruder tot ist. Nur: Unter „gefallenes Mädchen“ geht’s wieder mal nicht. Es hätte ausgereicht, dass auch Katja straffällig geworden war, damit sie mit dem Bewährungshelfer Jannek hätte in Kontakt komme können. Wir werden auch älter, aber trotzdem gehen uns die Altherrenfantasien, die manchmal in Drehbüchern ausgelebt werden, auf den Zeiger. Immerhin wurde im Verlauf der Schimanski-Ära die Variante, dass tatsächlich ein Verhältnis entsteht, seltener ausgespielt.

Interessant dabei wiederum: Die Tatorte, in denen er wirklich zum Zuge kommt, werden meist höher bewertet und wurden demgemäß vom WDR vor einigen Jahren bereits wiederholt, die „berühmteren“ seiner Fälle. Daher dachten wir zu dem Zeitpunkt, das sei fast immer so.

Warum aber wurde Katjas Bruder getötet? Weil Thanner auf ihn geschossen hat, nach der zu dem Zeitpunkt maßgeblichen Darstellung von Thanner, Schimmis Kollegen erschossen. Womit wir mittendrin wären in der üblichen Problemzone eines Schimanski-Tatorts. Wie zum Henker konnte es passieren, dass Schimanski dabei war und nicht gesehen hatte, dass Thanner nur in die Luft schoss, also noch jemand anderes vor Ort gewesen sein muss. Von dem dann selbstverständlich die KT keinerlei Spuren gefunden hat. Leider war das Projektil unbrauchbar, weil durch Einschlag in die Wand plattgedrückt und gefunden wurde nur die Patronenhülse von Thanners Warnschuss. Nicht nur, dass Schimmi offenbar mit Sekundenblindheit geschlagen war, seit fast zehn Jahren ermitteln die beiden zusammen und natürlich glaubt Schimanski sofort, dass der andere Gemütsmensch vorwarnungslos einen Jugendlichen erschießt. Old Acquaintance that is doomed to be forgotten.

Dass es der Bewährungshelfer war, wussten wir leider sofort. Weil wir vorher schon ahnten, wo ein Pleitgen, da ein Gauner. Komisch, dass man 30 Jahre später noch sofort merkt, wo der Zander schwimmt, der ein Hecht ist. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass so viel Zeit verging. Es gibt im Dreieck zwischen Schimmi, den Jugendlichen und dem Bewährungshelfer einige kleinere Ungereimtheiten und eine dermaßen krasse, dass wir jetzt auch mal den Standardsatz des hilflosen Kurzkommentators loswerden müssen, der nicht so viele Zeichen für eine Rezension verbrauchen kann, wie er will: Wer denkt sich solch einen Schwachsinn aus?

Ein Bewährungshelfer nach § 29 JGG kann diesen Job für eine ganze Gruppe von Jugendlichen niemals nebenbei machen und hauptsächlich eine Gruppe von Discountläden führen. Das ist ein hauptamtlicher Job, für den man Sozialarbeiter sein muss. Oder wollte man 1989 schon darauf hinweisen, dass alles privatisierbar und der Ausbeutung zugänglich ist? Für eine andere Form der Bewährungshilfe hat man das ja irrsinnigerweise dann 2007 im allgemeinen Privatisierungswahn wirklich so gehandhabt, wie wir in der Wikipedia nachgelesen haben – aber eben nicht für die für diese jungen Menschen vielleicht sozial und sogar physisch überlebenswichtige Hilfe zur Bewährung nach dem Jugendgerichtsgesetz, wo es auch darum geht, Suchtverhalten zu kontrollieren und zu bekämpfen und Wiederholungstaten, erneutes Abrutschen ins Milieu etc. zu verhindern. Aber anstatt ein vorbildliches Gepräge zu demonstrieren, kommt der „Bewährungshelfer“ mit seinem neuen Mercedes-Coupé alle naslang aufs AF-Spielfeld gefahren et ludis apparatu distribuit.

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Es handelt sich nicht um den Missbrauch der Stellung des Bewährungshelfers, sondern um eine Darstellung selbiger, die kompletter Mumpitz ist.

Als es später zu einer wilden Schießerei mit jener Kunstfigur Jannek kommt, bei der Schimanski nicht ein einziges Mal trifft, fakt er einen Treffer später in der Tiefgarage und „überführt“ so den Jannek. Und nicht genug damit, er wickelt auch noch seine Jacke um seine Dienstwaffe. Schimanskis legendäre Jacke ist natürlich genauso unkaputtbar wie er selbst und zeigt später nicht mal ein Loch bzw. mehrere, so, wie er das Teil gehalten hat – und was wollte er damit bezwecken? Den Krach des Schusses dämpfen? War trotzdem laut, man hat es deutlich gehört, wie’s durch die Garage hallt. Wie verdammt gut, dass da sonst gerade kein Mensch zugegen war.

Wir wollen uns hier nicht zu oft wiederholen, aber: Wer schreibt sowas und welcher Sender winkt es durch? Der WDR war’s wieder mal. Das Schlimmste in diesem Zusammenhang ist aber, dass wieder einmal der Rechtsstaat durch Polizistenverhalten einen Arschtritt kriegt. Cops lassen Beweise verschwinden, wenn die Gründer aus ethischen Gründen die falschen sind, sie stellen Fallen am laufenden Band, die in der Realität vor Gericht nicht als Beweismittel zugelassen wären, aber einen Beweis künstlich herzustellen, weil das Drehbuch sich dermaßen verfahren hat, dass anders innerhalb von 90 Spielminuten kein Ermittlungserfolg mehr möglich ist, das ist in etwa das Krasseste, was man sich beim Thema Beweisfälschung vorstellen kann.

Kein Wunder, dass Thanner, der vom plötzlich leitenden Ermittler zum Verdächtigen wird, und Schimanski ständig auf 180 sind, noch mehr als in vielen anderen Fällen, die sie gemeinsam lösen sollen, währenddessen sie sich aber nicht selten gegenseitig im Weg stehen. Gerade dabei stört dieses manierierte Abbrechen mitten im Satz, das Götz Georges Interpretation der Schimanski-Figur neben vielen anderen Macken kennzeichnet, besonders, weil es so abgezirkelt wirkt. Ein gewisser Unsicherheitsfaktor kommt immerhin dadurch rein, dass der gute Königsberg weg ist und die beiden einen neuen Chef haben, bei dem man auch nicht so genau weiß, ob er wirklich einer von den Guten ist. Ist er aber. Doch.

Wie wirkt nun in diesem Szenario Katja Riemann? Nichts gegen sie, aber wir wären nicht auf Anhieb auf die Idee gekommen, ihr für die ihre Darstellung einen Nachwuchspreis zu verleihen. Sie zeigt schon einen für die Zeit und besonders als Kontrast zu den heißlaufenden Cops einen modernen, heißkalten Stil und am Ende darf sie etwas aus sich herausgehen – aber die Titelfigur, und das gilt für alle anderen mehr oder weniger auch, hat viel zu wenig Spielzeit und wird kaum mit Tiefe ausgestattet, sodass man daraus keine fulminante Charakterstudie hätte machen konnte. Den ursprünglich geplanten anschließenden Satz, für den wir keine Fehldeutungen unzugängliche Formulierung finden konnten, haben wir lieber gecancelt.

Finale

„Katjas Schweigen“ ist nicht einmal zentral für den Film, denn die Polizei löst ja ihre Ermittlungsprobleme auf eine wirklich sehr eigenartige Weise ganz unabhängig von ihr. Auch geht die Figur der Katja nicht über das hinaus, was in Schimanski-Filmen für Frauen vorgesehen ist (Ausnahmen wie in „Zabou“ oder „Zahn um Zahn“ bestätigen die Regel immer dann, wenn es zu einer Beziehung mit Schimmi kommt) und die Duisburg-Tatorte sind so eindeutig wie bei kaum einer anderen Schiene Jungsfilme. Filme für etwas einfach gestrickte Jungs, muss man hinzufügen, die notabene das erwachsen werden noch vor sich haben. In gewisser Weise die Vorgänger der Münsteraner. Manchmal wird auch der grundsätzlich seriösere Thanner tief in den Strudel der Methode Schimanski hineingezogen, so wie im 225. Tatort. Der eine ermittelt mit Herz und stets dem Herzinfarkt nah, aber ohne viel Verstand, der andere fühlt sich durch durch eine Tat emotional belastet, die er gar nicht begangen hat. Da kann man sehen, was der Schimanskiismus auch bei Kollegen anrichtet.

5,5/10

Vorschau: Ein junges Mädchen wie Katja

Katja Riemanns titelgebende Figur wird in in der untenstehenden ARD-Handlungsbeschreibung „junges Mädchen“ genannt. Ja, die Zeit, die ist unerbittlich uns allen gegenüber. Und ob wir so viel davon mit dem Wahlberliner und seinen Rubriken verbringen sollten, die bei weitem nicht mehr die Aufmerksamkeit erzielen wie beim „ersten“ Wahlberliner im Jahr 2011, das fragen wir uns nicht so selten. Es wäre doch im Grunde viel logischer, endlich ein gutes Drehbuch zu schreiben, wo wir doch vor allem die Skripte bzw. sie am meisten kritisieren, der Regie oder den Schauspieler*innen hingegen meist viel Kredit geben. Was vielleicht gar nicht immer gerechtfertigt ist.

Auch „Katjas Schweigen“ gehört zur Gilde der Schimanski-Tatorte, die der WDR der Vollständigkeit halber wieder ausstrahlt, nachdem die Top-Tatorte aus Duisburg vor einigen Jahren verstärkt zurück auf den Bildschirm fanden. Es ist ein Film aus dem „unteren Drittel der Rangliste„. Also einer, von dem wir vermutlich wieder schreiben werden, das Drehbuch war ja nun nicht das Gelbe vom Ei. Über Götz Georges Spiel zu urteilen, ist hingegen schwierig. Manche mögen dieses Overacting richtig gerne, das sie anderen Darstellern nie zugestehen würden, weil sie offenbar zum Typ passt, den er hier verkörpert. Wir sind mittlerweile eher Fans von Thanner, seinem Co-Ermittler, der viel aushalten muss und dabei den besseren Humor bewahrt. Wenn er sich aufregt, dann wirkt es auch nicht übertrieben oder gestellt, es passiert meist dann, wenn die meisten wohl aus der Haut fahren würden.

Man hätte meinen können, Katja Riemann sei schon beim Dreh dieses Films eine größere Hausnummer gewesen, daher habe man ihren realen Vornamen für den Titel verwendet. Das stimmt aber nicht. Sie war nicht mehr „ein junges Mädchen“, sondern 25 Jahre alt, aber noch ziemlich unbekannt. Das änderte sich mit diesem Film, für den sie einen Preis als Nachwuchsdarstellerin erhielt. In Tatorten kann man sich sehr gut nach vorne spielen, weil sie ein so großes Publikum haben. Das gilt heute noch immer.

Das Schema, dass Schimanski auf eine attraktive Göre trifft, der er in irgendeiner Form näherkommt und dann wieder abgestoßen wird, alles im Zwielicht steht, ein hübsches Hin und Her, wird auch dieses Mal offenbar wieder inszeniert. Man kann vielleicht, wenn man sich selbst überraschen will, darauf wetten, ob die beiden im Bett landen oder nicht. Wir tippen dieses Mal auf nicht.

Die Summer-of-19-Schimanski-Darbietungen des WDR sind bisher Produktionen gewidmet, die wir noch nicht gesehen haben, daher erst einmal nur diese Vorschau. Wir werden den Film bei seiner Ausstrahlung am 3. September 2019 ausstrahlen und sehen, was Katja Riemann 30 Jahre beitragen kann, damit wir 30 Jahre nach dem Entstehen des Werks schreiben können – es war doch ein recht guter Film, besser, als Rang 23 von 29 in der aktuellen Schimanski-Liste des Fundus.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Schimanski – Götz George 
Thanner – Eberhard Feik 
Hänschen – Chiem van Houweninge 
Ossmann – Gerhard Olschewski 
Katja – Katja Riemann 
Jannek – Ulrich Pleitgen 
Tommy – Paul Cabanis 
Zander – Will Danin 
Schaaf – Edgar N. Böhlke 
Frau Schaaf – Maddalena Kerrh 
Billy – Nellis du Biel 

Buch – Uwe Erichsen 
Regie – Hans Noever 
Kamera – Kurt Lorenz 
Szenenbild – Christoph Simons 
Musik – Tony Carey 
Schnitt – Claudia Minzloff 
Produktionsleitung – Herbert Häußler 
Produzent – Wolfgang Hesse 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s