Maleficius – Tatort 1102 / #Crimetime 437 // #Tatort #Ludwigshafen #SWR #Odenthal #Stern #Malefiz #Exoskelett #Chipimplantat #Hirnjogging

Crimetime 437 - Titelbild © SWR, Sabine Hackenberg

Exoskelett, Endoplatine

Die Digitalisierung macht nicht halt, nicht einmal vor Deutschland. Aber eine Platine falsch eingesetzt und schon ist die Aussicht auf den Nobelpreis futsch. Kein Wunder, dass Lena Odenthal beim Joggen über den Sinn des Ganzen ins Philosophieren kommt. Es gibt bei diesem Tatort viel zu besprechen, das Wichtigste steht in der -> Rezension. Zur Einleitung etwas von Twitter:

Handlung

Ein Rollstuhl steht am Ufer des Rheins. Sein Besitzer ist verschwunden, nur eine Brieftasche ist zurückgeblieben. Ein Suizid? Ein tragischer Unfall? Oder doch ein Verbrechen? Lena Odenthal und Johanna Stern recherchieren die Krankengeschichte des Verschwundenen und stellen fest: Alles spricht für Suizid. Doch dann wird die Leiche einer Ärztin gefunden. Sie arbeitete in der Hirnforschung, wo Menschen mit Handicap mit Hilfe von Gehirnstimulation Bewegungsfähigkeit zurückgewinnen sollen und auch der verschwundene Rollstuhlfahrer Hilfe gesucht hatte.

Lena und Johanna fragen sich, ob der selbstbewusste, nobelpreisverdächtige Chef der Assistenzärztin in ihren Fall verwickelt ist. Der behandelt nicht nur Lähmungen, sondern hegt hochfliegende Pläne von der Verschmelzung des menschlichen Gehirns mit künstlicher Intelligenz. Bei Lena Odenthal aber wachsen die Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit. 

Die Möglichkeiten der Gehirnstimulation und der Ehrgeiz neuronaler Forschung beschäftigen Autor und Regisseur Tom Bohn in seinem „Tatort: Maleficius“. Sebastian Bezzel spielt darin einen Forscher, für den in seiner eindrucksvollen klinischen Welt alles möglich scheint.

Rezension

Welch ein gehaltreicher Tatort. Man weiß kaum, wo man anfangen soll. Vielleicht am besten so, wie die Assoziationskette es vorgibt. Lena Odenthal ist eine nachdenkliche Person. Deswegen denkt sie beim Joggen über darüber nach, wie weit Wissenschaft gehen darf. Sie nimmt dabei die Stellung vieler von der Natur bevorzugter Menschen ein: Natürlich ist immer noch am besten. Im Rahmen dessen gehört sie und gehört ihre Darstellerin allerdings erkennbar zu den größten Selbstoptimierer*innen, die jemals einen Tatort betreten haben. Und ist das, was durch Wissenschaft an weiterer Optimierung denkbar ist und angegangen wird, nicht eine konsequente Fortsetzung des täglichen Ernährungs- und Fitnesswahns? Ist ein Körper wie der von wie Lena Odenthal „natürlich“ und ist extrem viel Sport nicht auch ein Eingriff in den vorgezeichneten Lauf der Alterung und ab einem gewissen Grad nicht auch eine Sucht? Und welchen Unterschied macht es, ob jemand sich täglich stundenlang im Fitnessstudio modelliert oder ob er auch noch etwas mit Botox, Haarverpflanzung und dergleichen nachhilft? Das sind doch alles nur Stufen und Grade der immerwährenden Suche nach dem perfekten äußeren Selbst.

Was aber ist mit der Ungleichheit? Ärmere Menschen können sich die technische Selbstoptimierung gewiss nicht leisten, denn sie wird keinesfalls von den Krankenkassen bezahlt.

Und wenn man das äußere Selbst beeinflussen darf, wieso nicht auch das Innere, indem man zum Beispiel Alzheimer technisch entgegenwirkt?

Und was, wenn jemand tatsächlich querschnittsgelähmt ist? Die Schuldfrage stellt sich in dem Fall nicht, auch nicht bei einem selbst verursachten Autounfall, sondern nur: Was kann man tun, um das Leben betroffener Menschen zu erleichtern oder zu bereichern? Und darf man es nicht tun, weil es Teufelswerk ist, wie der Klinikpfarrer ausführt? Oh ja, es wird viel über Natur, Kultur, Zivilisation und Zivilisationskritik, über die Endlichkeit unserer Möglichkeiten und über die Zwänge diskutiert, die einen anderen Freiheitsbegriff erfordern, damit die Freiheit über sich selbst und den Umgang mit sich selbst, die in „Maleficius“ eine Rolle spielt, nicht bald zum Erliegen kommen wird – aus Gründen der Erhaltung des globalen Ganzen. Wir haben dazu vor dem Tatort noch ein wenig gelesen.

Die Wahrheit ist: Es gibt keine eindeutigen Grenzen. Das, was geht und das, was darf, muss jeden Tag und anhand jedes Einzelfalls, der die Grenzen erweitert, neu ausgehandelt werden. Man darf es nicht einfach laufen lassen, sondern muss den Ethik-Diskurs ständig an die Gegebenheiten anpassen, man darf aber auch nicht jeden Fortschritt – sic! – verteufeln. Dabei ist die Darstellung der „neuronalen Forschung“ im „Maleficius“ nicht sehr hilfreich denn es ist ziemlich klar, auf welcher Seite der Autor und Regisseur steht. Wir wiederholen es gerne: Die Schönen und Gesunden haben leicht reden und reden oft extrem egozentrisch: Wir könnten ja dadurch, dass technisch immer mehr geht und die, die nicht so generös ausgestattet wurden, sich pimpen, unsere Vorteile verlieren, denn wir können eh kaum was tun, um noch besser rüberzukommen! Sind natürliche Vorteile gerecht? Welche Gerechtigkeit ist gemeint? Die göttliche, die gigantische Ungleichheit offenbar okay findet? Oder der Gleichstellungsauftrag, der in modernen Menschnrechtskatalogen niedergeschrieben ist? Führt Demut der Schöpfung gegenüber dazu, dass man Geschöpfe, die es nicht so gut erwischt haben, nicht diskriminiert werden von jenen, die besser bedacht wurden? Wir haben da im Laufe unsere Lebens viele Eindrücke mitnehmen dürfen, die genau das Gegenteil belegen. Wer optisch oder materiell bevorzugt ist, schaut gerne mit grandioser Überheblichkeit auf andere herab, als wär’s ein eigenes Verdienst (was es selbst im zweiten Fall oft nicht ist, und selbst wenn – null soziales Denken?)

Der Wunsch zu helfen, der Wunsch sich wohler zu fühlen, der Machbarkeitswahn, die Absicht, die Verkünstlichung der Welt immer weiter voranzutreiben und sich selbst immer perfekter zu machen, zählen zu den Themenkreisen, die man nicht in einem 90-Minuten-Tatort abhandeln kann, der ja auch noch einen Kriminalfall beinhalten soll. Man kann allenfalls sehr verkürzt argumentieren und genau das sehen wir in „Maleficius“. Auch wenn die Nachdenkszene von Lena beim Laufen zu den schönsten im Film zählt, auf dem Niveau kann man das alles nicht abhandeln. Man kann vielleicht den Trigger setzen, das hat bei uns offensichtlich gewirkt. Insofern ist „Maleficius“ kein wertloser Versuch.

In der Vorschau haben wir uns mit dem Abstieg von Lena Odenthal in der Gunst der Fans auseinandergesetzt, jetzt ist es wieder passiert. Wir haben gerade nachgeschaut – aktuell steht „Maleficius“ in der Fundus-Rangliste genau neben dem dort erwähnten „Waldlust“ – ein Desaster, dieser Rang 1058 von 1102. Liegt es nur daran, dass die Menschen nicht gerne über solche Fragen nachdenken, wie sie hier aufgeworfen werden? Dass ihnen nach dem Anschauen vonTatorten wie diesem die Endlichkeit und die Beschränkungen des eigenen Seins zu sehr bewusst werden? Vielleicht auch dies, aber wohl nicht nur.

Wir haben uns heute mal entschlossen, die Twitter-Timeline des offiziellen Tatort-Accounts der ARD abzubilden, auch wenn die Rezension dadurch recht länglich wird:

Ja, die Dialoge sind teilweise furchtbar, wieder einmal. Dass Lena Odenthal alle paar Minuten den Stand der Dinge zusammenfasst und am Ende noch einmal auf eine wirklich dramatisch wenig kinohafte Weise, ist keine Stärke des Films: Der Mörder war Dr. Frankensteins exoskelettierte neueste Kreatur. Das wirkt wie aus einer Anleitung für nicht vollendete Krimis abgelesen, in denen schlicht die Zeit für die Auflösung fehlt.

Der Regisseur und Autor wollte verständlich bleiben, das hat er dadurch natürlich erreicht. Aber es lässt das Ganze auch statisch und wenig inspiriert wirken. Der ARD-Tatort-Account bringt aber auch politische Botschaften unter, die alles andere als subtil sind: Könnte man nicht 27 Prozent der Sachsen und Sächsinnen einen Chip einpflanzen, der dafür sorgt, dass sie nicht mehr AfD wählen? Okay, immer noch besser als Napalmbomben abzuwerfen, aber so kann man natürlich auch Meinung machen. Der Tatort darf ja eine Meinung haben, die Frage ist nur, mit welchen Begründungen man technische Eingriffe in den Körper und das Denken des Menschen tatsächlich rechtfertigt. Klar, wenn wir uns alle elektronisch gleichschalten lassen, gibt es keine Probleme mehr mit unbequemen Abweichlern aller Art. Die Betonung liegt auf „aller Art“, also auch nach links. Das ist eben die andere Seite, die im Film auch tatsächlich angesprochen wird: Es geht um eine Form der Optimierung, die in Wahrheit grundpessimistisch ist. Dem Menschen wird nicht zugetraut, in seiner aktuellen Konstitution die Erde für sich selbst zu bewahren, also muss er technisch so geändert werden, dass er endlich ein globales Bewusstsein entwickelt.

Klar liegt das nah, wenn man sich anschaut, wie bekloppt sich die Mehrheit jeden Tag verhält und alles, was uns trägt, nach Kräften ruiniert. Das macht es ja so tricky und so unbefriedigend, es auf eine so ausgreifende Weise in einen Tatort zu packen.

Ein weiterer Minuspunkt sind einige der Darsteller*innen. Sebastian Bezzel werden wir für immer als zweiten Ermittler hinter Klara Blum am Bodensee in Erinnerung behalten, der in dieser Rolle immer etwas leidend wirkte. Von dort zum manisch-genialen Hirnforscher ist der Weg dermaßen weit, den schafft niemand innerhalb weniger Jahre. Dementsprechend verstärkt sich der zombiehafte Eindruck, den der gesamte Film aufgrund seiner vielen Klischeeanordnungen macht, durch den Hauptdarsteller noch einmal wesentlich, der wirkt, als habe man ihm einen Chip mit Sätzen eingepflanzt, die ein technikgläubiger Wissenschaftler halt zu sprechen hat, dabei aber vergessen, den ganzen Aura-Kram beizufügen. Er trägt wirklich einen Chip, fällt uns gerade ein. Na bitte.

Gegenüber der grundgeweißten Forschungsklinik-Darstellung wirkt das Gegenmilieu der Tuning-Freaks geradezu angenehm prollig und das Klischee bringt wenigstens einige schöne Autoklassiker ins Bild und wir finden es durchaus nett, dass Odenthal sich für eines dieser analogen Mobile begeistert. Eine AC Cobra. Aber es zeit auch die Widersprüchlichkeit in uns allen: Als fußläufige Ökotante, die sie ja sonst mittlerweile gibt, dürfte sie das gar nicht. Gut, dass es noch die recht natürlich wirkende Johanna Stern gibt, auch wenn sie manchmal etwas schnöselhaft rüberkommt und mit dem Tuningwerkstattbesitzer einen verbalen Austausch als Running Gag aufbauen muss, der allein dadurch, dass er nicht situationsentsprechend variiert wird, auf sprachliche Grenzen beim Autor des Plots schließen lässt. Hätte man es durch Variation gemildert, hätte das Edle und Gute auch nicht so klotzig verkrampft gewirkt, wenn Stern es ausspricht.

Wir hatten in der Vorschau die Vermutung geäußert, dass der SWR die guten Drehbücher immer nach Stuttgart gibt – nach „Maleficius“ müssen wir auch darüber nachdenken. Durchaus möglich, dass man beim Sender diesen Plot für etwas Besonderes hielt. Weil er ja so ein krasses Thema hat. Außerdem gab es in Schwaben schon den Tatort „HAL“ über die KI, der einen anderen Aspekt beleuchtet, nämlich, wie die künstliche Intelligenz anfängt, Menschen zu beherrschen. Ein weiteres großes Thema im Thema, das unbedingt diskutiert gehört, weil sich hier dystopische Szenarien der möglichen Wirklichkeit annähern.

Im Gegensatz zum oben und in der Vorschau angesprochenen Waldlust wird sich dieses Mal unsere Bewertung nur wenig von derjenigen der vielen Nutzer des Tatort-Fundus unterscheiden, die diesen Film für ein gescheitertes Experiment mit experimenteller Technologie halten. Ganz sicher kann man daraus enorm viel machen, aber es ist eben misslungen. Platine zielgenau neben den Ort gesetzt, an dem sie Positives bewirkt. Nämlich uns davon überzeugt, dass wir es mit einer realen Gefahr und mit realen Möglichkeiten zu tun haben.

Finale

Es hilft nichts, wir müssen uns nun auch noch der Tortur unterziehen, herauszufinden, wie weit von der Wirklichkeit das in „Maleficius“ Beschriebene entfernt ist. Exoskelette werden tatsächlich entwickelt und in der Tat ist ein Anwendungsgebiet neben vielen anderen, durch einen Schlaganfall gelähmten Patienten wieder einen gewissen Bewegungsspielraum zu verschaffen. Wer kann sich ernsthaft mit ethischen Argumenten gegen eine solche Form der Gehhilfe stellen? – um einen der obigen Gedankengänge wieder aufzugreifen.

Kann man mit Chips schon posttraumatische Belastungsstörungen vermeiden, wie Soldaten sie nach Kriegseinsätzen haben? Oder gar die Tötungshemmung oder suboptimales Handeln in Gefahrensituationen unterbinden, um an dieser Stelle nochmal etwas weiterzugehen als der Film?

In diesem Interview, das die Berliner Zeitung geführt hat, steht alles drin, was auch in „Maleficius“ eine Rolle spielt, wenn es um die Argumente der Forscher geht. Das Zitat von Dr. Bordauer über die Veränderung der Evolution durch Technik wirkt wie aus diesem Bericht oder aus den Büchern des dort interviewten Futuristen übernommen. Aber an einer erwähnten Technologie sieht man auch sofort, dass nicht alles muss, was geht: Der Atomkraft. Viele Länder setzen sie weder zu friedlichen noch zu kriegerischen Zwecken ein und in Deutschland gab es das, was der technikgläubige Wissenschaftler eine Rückentwicklung nennen würde: Nach dem Fukushima-GAU von 2011 wurde die Energiewende plötzlich mehrheitsfähig und das erkannte die Generalopportunistin Angela Merkel und Deutschland ist mittlerweile fast atomkraftfrei. So schnell kann es gehen, auch wenn die Energiewende mangelhaft ausgeführt wird. Ob wir uns uns allerdings IQ-mäßig weiterhin mit 100 oder so begnügen, wenn wir alle durch Chips 250 haben und endlich vernünftig werden könnten, ist eine andere Frage. Wird man die Möglichkeiten einsetzen, um Menschen sozialer machen und was wird mit urkomischen Situationen, die aus Fails entstehen? Oder wird man vor allem darauf achten, dass wir alle noch besser kapitalistisch verwertbar sind? Siehe oben, und es bleiben viele Fragen.

Wegen des Nachdenkens, das dieser Film bei uns zwar nicht ausgelöst, aber für den Moment fokussiert und um einige Aspekte erweitert hat, geben wir

6/10

Mehr leider deshalb nicht, weil „Maleficius“ als Tatorte so unterbelichtet ist. Vielleicht sollte der erste Im-Gehirn-Chip, der auf breiter Basis zur Awendung kommt, Drehbuchautor*innen helfen, bessere Handlungen und Dialoge zu schreiben. Wir können uns vorstellen, dass wir den Nutzen dieser Technologie durchaus anerkennen würden.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau mit Bewertungsgrafik: Im Dienst seit 1989, 69. Mordfall

Kennt jemand noch den geradezu intellektuellen Fluch „Malefiz!“? „Tatort Fans“ schreiben zur Erklärung des Titels:

Maleficium ist die Übeltat, das Verbrechen, formuliert in lateinischer Sprache. Der Maleficius jener, der in bösartiger Absicht handelt (…)“.

Wir wollen nicht unken, aber Tatorte mit sehr exzeptionellen Titeln sind meist nicht die besten. Woran das liegt, können wir nicht erklären, aber eines ist sicher: Wenn Lena Odenthal alias Ulrike Folkerts wirklich weitermachen will, bis sie „nicht mehr laufen und schießen kann“, wie sie in einem Interview vor einiger Zeit erklärt hat, und nicht etwa die Wünsche des Publikums in den Vordergrund stellt, dann sollte der SWR dafür sorgen, dass das Publikum sich daran erfreuen darf, dass Odenthal gute Drehbücher bekommt. Wir freuen uns darüber, dass sie eisern durchhalten will, um auf jeden Fall den ewigen Rekord für die längste Dienstzeit zu behalten. Dafür müssen vor allem die Münchener bald in Rente gehen, die zwei Jahre weniger als sie dabei sind. Rechtfertigen lässt sich alles: Einige Kommissare haben weit über das reale Pensionseintrittsalter hinaus gearbeitet. Gerade haben wir den letzten Polizeiruf mit Kurt Groth rezensiert, sein Darsteller Kurt Böwe war 69, als er aufgehört hat oder aus gesundheitlichen Gründen Schluss machen musste. Ulrike Folkerts ist 1961 geboren. Wenn sie nicht frühpensioniert wird, hat sie auch dann noch sieben Jahre vor sich, wenn sie die „reale“ Ruhestandsgrenze einhält.

Wir haben unsere Arbeit mit den Bewertungsgrafiken wieder aufgenommen, die sich aus Ranglisten des Tatort-Fundus generieren. Für Lena Odenthal haben wir die letzte dieser Grafiken im November 2015 erstellt und zeigen hier nach fast vier Jahren und sechs Tatorten, die inzwischen hinzugekommen sind, eine neue Version:

Die Kurven beginnen bei allen Ermittlern erratisch (linke Seite), weil jeder einzelne Film sich in den Anfangsjahren stark auf das Gesamtergebnis auswirkt. Lena Odenthal musste sich erst etablieren, das sieht man deutlich – und hatte dann ihre beste Zeit etwa ab der Jahrtausendwende mit einer fast ununterbrochenen Aufwärtsbewegung bis Anfang der 2010er Jahre. Seitdem aber geht es rapide bergab. Vor allem kam in den letzten Jahren kein einziger neuer Film mehr mit ihr zur Ausstrahlung, der eine sichtbare Gegenbewegung verursacht hätte. Eine gute Nachricht ist sicher, dass in dem langen Zeitraum zwischen 2015 und 2019 keine Gesamtverschiebung mehr nach unten stattgefunden hat, wie wir sie von 09/2014 bis 11/2015 deutlich erkennen. Die wenig beliebten damals neuen Tatorte wirkten sich offenbar auch auf die Bewertung älterer Filme aus. Dass diese Tendenz fast gestoppt ist, belegt, dass die Fans nicht Odenthal „bashen“, sondern mit ihren neuesten Filmen unzufrieden sind.

Möglicherweise kein Problem für die Darstellerin, wenn man so intrinsisch motiviert ist wie Ulrike Fokerts. Nach unserer Ansicht aber sehr wohl ein Problem für den Sender SWR, der sie betreut, es sei denn, dem SWR ist es egal, wie seine Produktionen im Vergleich dastehen. Auffällig ist aber auch etwas anderes: Nämlich, dass die Stuttgart-Schiene derzeit die angesehenste von allen ist. Sicher sind Lannert und Bootz (Richy Müller, Felix Klare) ein kapables Duo, aber das allein erklärt den Unterschied nicht. Vielmehr scheint es so, dass der SWR alle Top-Drehbücher, die er kauft, für Stuttgart reserviert oder dass gute Drehbuchautor*innen lieber für diese Schiene schreiben.

Allerdings müssen wir eine weitere Ebene betrachten: Unsere Bewertung der Odenthal-Tatorte, gerade jener, die in den letzten Jahren bei vielen Zuschauern eine wenig erfreute Rezeption fanden, liegen oft höher, als der Durchschnitt der Fundus-Nutzer punktet. Sehr auffällig war dieser Unterschied zuletzt beim Tatort „Waldlust“ (Nr. 1050), der von den Fundus-Nutzern geradezu verrissen wurde (Wertung 4,74/10), das war ein Love-it-or-leave-it-Film – und wir mochten ihn recht gerne (7,5/10). Langfristig möchten wir unsere eigenen Bewertungen daher mit denen beim Fundus abgleichen, aber erstens fehlen uns noch einige Odenthal-Tatorte, zweitens ist dazu eine Form der Beitragsstatistik notwendig, die wir aus Zeitgründen im Moment nicht in Angriff nehmen können.

Man kann aber unabhängig von der eigenen Meinung die Tatsache nicht beiseite schieben, dass Lena Odenthal derzeit im Ermittlerranking nur auf Platz 15 von 22 liegt und damit unter den arrivierten Kommissar*innen das Schlusslicht bildet. Alle, die dahinter liegen, sind nicht oder noch nicht so recht in den Herzen der Fans angekommen. Wenn Odenthal wirklich bis 65 oder sogar darüber hinaus weitermacht, muss sich der SWR nach unserer Ansicht dringend etwas einfallen lassen, was über die Ablösung von Kopper durch Stern als Ermittlungspartner*in hinausgeht. Stern als „nächste Generation“ finden wir stimmig und freuen uns auch darüber, dass der Zickenkrieg mittlerweile beendet wurde, denn eigentlich ist dieser doch sehr unfeministisch und bestätigt bloß Klischees.

Nur, was kommt, um innere Spannung aufzubauen, die über den Einzelfall hinausweist? Oder muss das gar nicht, wie etwa bei den Münchenern, die meist sehr harmonisch miteinander arbeiten oder eben den Kollegen aus Stuttgart? Es gäbe eine Möglichkeit, etwas Neues zu machen und einen Schritt weiterzugehen. Odenthal und Stern ein Verhältnis miteinander haben zu lassen. Der SWR hatte 1978 mit Marianne Buchmüller die erste Frau als leitende Ermittlerin, so konservativ ist man im Südwesten also nicht. Aber würde man sich das Zeigen einer lesbischen Beziehung trauen und würden die Darstellerinnen mitmachen? Das ist nur eine Idee. Super Drehbücher mit tollen Kriminalfällen drin wären auch nicht schlecht. Vielleicht schon morgen Abend mit „Maleficius“? Wir werden unsere Eindrücke in einer Rezension aufschreiben.

Besetzung und Stab

Lena OdenthalUlrike Folkerts
Johanna SternLisa Bitter
Prof. BordauerSebastian Bezzel
Ali KaymazGregor Bloéb
Jacqueline MalinaDominique Chiout
WolfiTim Ricke
Pfarrer ElligHeinz Hoenig
Fritz MarquardtMax Tidof
Dr. Marie AnzellJana Voosen
Lukas PirchnerIgor Tjumenzev
Frau KellerAnnalena Schmidt
Peter BeckerPeter Espeloer
Dr. ÖzcanKailas Mahadevan
Musik:Hans Franek
Kamera:Cornelia Janssen
Buch:Tom Bohn
Regie:Tom Bohn

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