Bittere Trauben – Tatort 731 / #Crimetime 441 // #Tatort #SR #Saarbrücken #Kappl #Deininger #Trauben #Tatort731

Crimetime 441 - Titelfoto SR, Manuela Meyer

Vorwort 2019

Aus Zeitgründen bzw. weil heute Abend drei Tatorte gezeigt werden, zu denen wir bisher keine Rezension im neuen Wahlberliner veröffentlicht haben – die letzte der drei nun als „Original-Original“. Mit Originaltext, aber auch weitgehend in Originaloptik – das Aussehen und die Gliederung passen wir normalerweise bei Wiederveröffentlichungen ans aktuelle Schema an, hin und wieder erlauben wir uns aber eine Abweichung. In diesem Fall bietet sich eine Abweichung an, denn „Bittere Trauben“ ist die dritte Rezension, die wir verfasst haben, mittlerweile sind es beinahe 800, die Krimi-Reihen Tatort und Polizeiruf 110 betreffend. Wenn man so will, hat die Wiedergabe des Originals rezensionshistorischen Charakter. Die damals eigens erstellten „Auflösungsbeiträge“ sind nicht mehr anklickbar und noch nicht vom „ersten“ Wahlberliner ins Archiv des neuen überführt – wenn das geschehen ist, werden wir sie an diese Rezension anhängen, nicht mehr als eigene Beiträge veröffentlichen. Die Anwendung jener Methode blieb übrigens auf genau diese Rezension beschränkt.

Inhalt:

Der Tatort „Bittere Trauben“ ist der vierte Fall von Maximilian Brückner und Gregor Weber. Er führt die beiden in die Weinberge im deutsch-luxemburgischen Grenzgebiet. Am Stadtrand von Saarbrücken wird der Weinkontrolleur Gerhard Nieser, vom saarländischen Institut für Lebensmittelchemie, tot aufgefunden. Die Weinhandlungen fürchteten im Tatort „Bittere Trauben“ seinen Besuch und die Winzer der Umgebung erzitterten vor ihm. An seinem Todestag machte Nieser eine Weinprüfung bei einigen Winzern im saarländischen Bernheim, einer nahe der französisch-luxemburgischen Grenze gelegenen kleinen Gemeinde.

Für die beiden Kommissare Deininger und Kappl liegt im Tatort „Bittere Trauben“ der Anfangsverdacht nahe, dass der Mord mit der Weinprüfung in Verbindung steht. So rücken die beiden Weinbauern Alwin Eckers und Richard Altpeter schnell in das Visier der Ermittler. Doch auch das Ehepaar Isabel und Jean-Paul Weickert gerät ins Visier der Ermittlungen. Sie betreiben eine Weihnhandlung in der Landeshauptstadt.

Die beiden Kommissare machen auf dem Weinfest von Bernheim, auf dem ihn die Weinkönigin den Kopf verdreht, im Tatort „Bittere Trauben“ eine interessante Entdeckung. Im selben Zeitpunkt kommen sich im Tatort „Bittere Trauben“ in Saarbrücken Gerda Braun und Ludwig Kappl näher. (Inhaltliche Zusammenfassung übernommen aus „Tatort Fans“.)

Kritik:

1. Das Ermittlerduo Kappl / Deininger (Maximilian Brückner / Gregor Weber)

Der Machtkampf ist entschieden, Kappl ist nicht nur formal, sondern auch im ganzen Auftreten der Chef. Deininger hat es halbwegs verwunden, dass er nicht Nachfolger von Max Palü (Jochen Senf) wurde, dem er zuvor assistiert hat – sondern, dass ihm ein Bayer vor die Nase gesetzt wurde. Eben jener Franz Kappl. Der zweite Bayern-Franz, der an und in Tatorten ermittelt, nach dem Franz Leitmayr aus dem Team München. Schwamm drüber, dass der Name auch in Bayern heute nicht mehr typisch ist. Dabei wirkt Franz Kappl nicht übertrieben bayerisch. Sondern, man muss es sagen, manchmal ein wenig farblos. Er kriegt die Frauen, auch in diesem Tatort wieder, Kollege Deininger schaut in die Röhre, auch in diesem Film wieder. Die Frage nach dem Warum stellt sich nur dann nicht, wenn man den direkten Vergleich zu Deininger zieht.

Deininger in Person von Gregor Weber ist aber nicht nur ein echter Saarländer, er  verhält sich vielfach auch so. Glaubwürdig in dem Maß, wie er schon als Sohn von Heinz Becker (Gerd Dudenhöfer) agiert hat, damals noch mit anderer Figur und mit Haaren auf dem Kopf. Ein Spezialist für saarländische Befindlichkeit also. Man verzeiht ihm das zeitweilige Überagieren, dieses etwas zu häufige Zurückziehen der Mundwinkel, das nun einmal eine defensive Geste ist und begleitet von Bewegungen der Schultern, des Oberkörpers, des Kopfes, die gleich ein Rangverhältnis zu Kappl symbolisieren, der viel hermetischer wirkt. Richtigerweise kommt diese Gestik dann nicht zum Vorschein, wenn zum Beispiel Tatverdächtige befragt werden, sondern nur, wenn das Team unter sich, im Dienstgebäude oder privat ist.

Der prägnantere Schauspieler im Team ist gleichwohl Gregor Weber. Seine wurschtigen Bemerkungen, eine gewisse Mischung aus Mangel an Konvention und Mangel an weltmännischer Eleganz, auch das ist durchaus echt und landestypisch – immer an einem bestimmten Durchschnittsbild orientiert, an dem wir hier fröhlich mitstricken und außer Acht lassen, dass speziell das Publikum der Landeshauptstadt genauso städtisch ist wie in irgeneiner anderen Großstadt auch. Deininger aber ist von seiner Art „einer vom Land“. Kappl und er beiden funktionieren, in ihrem vierten Fall. Im ersten mussten die mentalen Claims noch abgesteckt werden, wurden viele Saarland-Klischees bemüht, um dem Bayern (und nebenbei dem auswärtigen Publikum) die Gegend in Dreiländereck zu erklären, im zweiten dachte man, Deininger verliert jetzt bald den Verstand, so aufsässig und kontraproduktiv verhielt er sich zeitweilig gegenüber Kappl. Das war zuviel an Neurose beziehungsweise zu wenig an Professionalität, das haben in der Folge auch die Tatort-Macher eingesehen.

Hier ist das Team nun etwas zur Ruhe gekommen, durchaus konträr, durchaus skurril, in komischen Situationen oft stärker als in den ernsteren, aber am Ende sitzen beide auf der Mauer auf der Cloef und beobachten die Saarschleife, nachdem sie einen weiteren Todesfall nicht verhindern konnten, obwohl sie rechtzeitig eintrafen. Dazu hat Kappl die Frau verloren, die er gerade erst erobert hat. Schlussszene: Männerromantik denn doch und viel Natur drum herum. Irgendwie schön.

2.      Die übrigen Figuren

Was ist mit Dr. Rhea Singh, der schönen, indischstämmigen Gerichtsmedizinerin? Einmal steht sie mit Kappl im Aufzug, vielsagende, melancholische Blicke, Schluss. Offenbar fehlt uns in der Chronologie dieser Beziehung, die sich bereits im ersten Tatort des neuen Teams ergeben hat, ein Baustein. Oder Dr. Singh wurde der Dramaturgie geopfert, da Kappl ja jemand Neues kennen lernen musste. Die Welt ist unbeständig geworden, das merkt man auch hier wieder. Menschen als Figuren sind eben – wie im Schach – Verfügungsmasse der Spieler. Und die Spieler, das sind die Drehbuchschreiber und Regisseure. Die haben sich in Folge 731 etwas Nettes einfallen lassen. Der Urbayer Ludwig Kappl, Vater von Franz, gespielt vom veritablen Bayern Konstantin Wecker als Gaststar, fällt ins Saarland ein, macht seinem Sohn etwas Kummer und findet in der Saarländerinnen-Prototypin Gerda Braun (Alice Hoffmann) eine Seelenverwandte. Ausgerechnet.

Alice Hoffmann als schon Max Palü treu ergebene, gute Assistentinnen-Seele ist ohnehin einer der stillen Stars der Serie. Auch sie kommt aus dem Heinz-Becker-Stall, war dessen erste Frau, bevor sie lieber ihr eigenes Ding machte und noch macht (Kabarett als Vanessa Backes). Die beständigen Figuren Deininger und Braun können ihre in anderen Formaten erprobten Charaktere im Tatort quasi beibehalten und sorgen mit ihrem Verhalten immer wieder für Überraschungen.

Die Figuren in dem moselsaarländischen Weindorf, in dem die Handlung sich zuträgt, sind okay, guter Tatort-Durchschnitt und in der Lage, den Plot zu transportieren und glaubwürdig zu machen (Auflösung 1).

3. Der Plot

Ja, das kann gehen. Versetzte Weine, geschäftliche Interessen,  Liebe, Eifersucht vor idyllischer Provinzkulisse. Glaubwürdig deshalb, weil gerade dort, wo jeder jeden kennt, leicht eine Gemengelage entstehen kann, in der sich über Jahre Gefühle aufstauen und sich dann entladen. Selten tun sie das allerdings in Schüssen, wie hier gezeigt. Aber das ist ja ein Kennzeichen aller Tatorte, dass es in der Provinz mehr spektakuläre Morde gibt als in Wirklichkeit, unter den vielen Gewaltverbrechen in der Stadt muss man sich hingegen diejenigen aussuchen, die dem Zuschauer noch halbwegs als logisch zu vermitteln sind. Wenn man ein ganz strenger Krimifan ist und sagt, ein Whodunit (zu dieser Klasse von Rätselkrimis gehört der Tatort 731) ist nur dann gut, wenn die Lösung nicht durch wenig wahrscheinliche Zufälle bestimmt wird, dann muss auch dieser Tatort, wie die meisten anderen, passen (Auflösung 2).

Gut aufgebaut das Spiel mit den Möglichkeiten, die falschen Fährten. Nämlich, wer ist deshalb verdächtig, weil er mit dem Mordopfer, dem Weinkontrolleur Gerhard Nieser, irgendetwas offen hatte. Da kommt fast jeder im Ort in Frage. Der ambitionierte Winzer Altpeter (Thomas Sarbacher), der Weingroßhändler Jean-Paul Weickert (Marco Lorenzini), der Bürgermeister Alwin Eckes (Timo Dierkes) (Auflösung 3).

Rätsellösungsfans, und da sind wir wieder bei der reinen Krimilehre, können zwar den richtigen Täter erraten. Aber nur per Zufall (Auflösung 4).

Etwas Sozialkritik steckt auch in diesem Tatort wieder. Geschäft geht vor (Wein-) Kultur, allerdings kunstvoll ausbalanciert. Keiner der Winzer hatte absichtlich seinen Wein „verkehrsunfähig gemacht“, wie die Fachleute sagen. So viel wollten die Tatortmacher den Weinbauern dann doch nicht einschenken, nachdem diese viele Jahre brauchten, um nach dem Glykolskandal das Image der Branche wieder auf die Beine zu bekommen.

Dafür aber bemerkenswerte Dialog der Kommissare im Auto, als sie hinter Weickerts herfahren und im Rückfenster der kleine Junge auftaucht. Da geht es darum, dass der Kleine alles Geld und eine gute Zukunft hat, die beiden Kommissare sich aber aus einer eher kleinbürgerlichen Kindheit hochgekämpft haben. Man ahnt es gemäß der Disposition aller Tatortmacher schon: Da muss etwas nicht stimmen, mit dieser Familie. Tut es ja auch nicht. Weickert hat seine Frau geheiratet, weil er sie liebt und nie nach dem Grund ihrer Traurigkeit gefragt und diese selbst ist ein Mensch, der durch kein Gut der Welt glücklich sein kann. Und natürlich steht der Titel für die bitteren Trauben von Verletzungen, mit denen Erfolg erkauft wurde und auf denen Rache fußt. Rache ist hier nicht süß, sondern so bitter wie verdorbener Wein.

Da ist es doch besser, wie die beiden Jungs, wie die Gerade Braun die ihr vorgesetzten Kommissare nennt, am Ende dasitzen und die Seele baumeln lassen, und so könnten sie da oben mit Blick auf die Saarschleife sitzen,  bis der nächste Mord ansteht.

4. Formales

Keine Besonderheiten, in ruhigen Bildern gefilmt, die Kamera und der Schnitt treten bewusst hinter den Inhalt zurück – und hinter die hügelige, grünen Provinz, deren Boden nicht nur guten Wein, sondern auch langjährige Verflechtungen wachsen lässt, die, genau wie der Wein, irgendwann sauer aufstoßen.

Nachträgliche Bewertung (11.06.2011): 7,0/10

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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