Schön ist anders – Tatort 783 / #Crimetime 440 // #Tatort #Leipzig #MDR #Saalfeld #Keppler #Tatort783

Crimetime 440 - Titelfoto © MDR, Junghans

Io sono Keppler

„Du siehst müde aus.“
„Wenn man eine Mutter wie dich hat, braucht man keine Feinde.“

Wer in einem Film solche Dialoge sprechen muss wie Mutter und Tochter Saalfeld den obigen, der braucht keine feindlichen Kritiker. Solcher Grusel wirft ein Schlaglicht daauf, warum das Publikum gerade bei den Leipzig-Tatorten oftmals das ungute Gefühl hat, irgendetwas ist falsch. Gerade in den Krimis mit Eva Saalfeld und Andreas Keppler als Ermittlern kommen solche sprachlich und psychologisch besonders schwachen Momente leider häufig vor.

Zum Glück ist schön nicht immer so anders wie in dieser Szene, soweit es die Folge 783 betrifft. Viele Dialoge sind recht gut, viele Szenen stimmig, auch das Zwischenmenschliche betreffend. Und was? Es steht in der -> Rezension.

Handlung

Als Polizisten auf einer Baustelle ein verlassenes und demoliertes Fahrzeug finden, machen sie eine grausige Entdeckung. Im Kofferraum des Autos liegt eine Leiche. Die herbeigerufenen Hauptkommissare Eva Saalfeld und Andreas Keppler ermitteln, dass es sich bei dem Toten um Jörg Korsack handelt, den Personalleiter der städtischen Verkehrsbetriebe. Er ist brutal erschlagen worden.

Seine ständigen Affären mit jüngeren Frauen waren seiner Frau Sabine – auch wenn sie das Gegenteil behauptet – ein Dorn im Auge. Auch in seinem Betrieb war Korsack nicht sehr beliebt. Besonders sein Verhältnis zu der langjährigen Mitarbeiterin Moni Fischer war angespannt. Da das Auto, in dem der Tote gefunden wurde, ihrem Ehemann Uwe Fischer gehört, rückt das Ehepaar ins Zentrum der Ermittlungen. Dabei erfahren die Kommissare, dass ihr 17-jähriger Sohn Tobias, der eine Lehre im Verkehrsbetrieb beginnen sollte, mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus liegt. War er eifersüchtig auf Korsack, weil der ein Verhältnis mit der hübschen Straßenbahnfahrerin Mandy Wachowiak angefangen hatte, in die der Junge heillos verliebt war? Korsacks Stellvertreter Siggi Mertens hat eine ganz eigene Sicht auf seinen Chef, mit dessen Führungsstil und Disziplinarverfahren er nicht einverstanden war …

Rezension

Dieser Film hat es mit dem Alkoholismus, mit Kepplers Vergangenheit, die auch etwas mit Alkoholismus zu tun hat, sie dealt mit Ostalgie und eine Darstellerin darf sogar sächsisch sprechen. Klingt furchtbar, oder? Empfanden wir nicht so. Im Gegenteil, für uns ist „Schön ist anders“ der bisher beste Leipzig-Tatort, den wir für den Wahlberliner rezensieren dürfen.

Wir mussten, um zu dieser Ansicht zu kommen, den Daumen für ein Mehr an Privatleben und Familiendrama gegenüber dem Mord an einem ÖPNV-Personalmanager heben und haben das nach einiger Abwägung getan, würdigen die starken Schauspielleistungen und sehen weitgehend darüber hinweg, dass der Fall ein wenig unlogisch – besser: unstimmig – geraten ist. Detalliert gehen wir auf Stärken und Schwächen von „Schön ist anders“ in der untenstehenden Rezension ein.

Ein weibliches Team (Drehbuch: Kathrin Bühlig, Regie: Judith Kennel) ist für die Gestaltung dieses sehr ernsten und dramatischen Tatorts verantwortlich. Desegen ist keineswegs ein Frauenfilm daraus geworden, die Männer kommen besser weg. Die Frauen trinken, hassen, schmeißen sich ran, die Männer halten zusammen, schützen, flirten auch ein wenig. Es gibt beiderseits Ausnahmen, wie den bösen Personalchef-Wessi Korsack und die taffe Ermittlerin Eva Saalfeld.

Selten hat man in einem Tatort das Trinkerdrama, das schon beinahe ein eigenes Genre darstellt, so konsequent ausgepielt wie in „Schön ist anders“ – zumindest unter den 182 Tatorten, über die wir bisher geschrieben haben, findet sich nichts Vergleichbares. Alkoholismus kommt zwar in meheren anderen dieser Folgen auch vor, aber er wird nicht so schonungslos rübergebracht. Das Kunststück, stimmige Charaktere aus einer Sozialstudie in einen Krimi zu übertragen, in dem sie wesentlich weniger Spielzeit für das Problem- und Konflikthema haben, gelingt gut. Einer Szene beinahe am Ende des Films verdankt das Thema besonders viel.

„Ab morgen werde ich nicht mehr trinken“. Verschieben wir’s auf morgen, wie alle ungelösten Probleme, die zu lösen wir allein zu schwach sind und denen wir uns nicht mit aller Härte zu stellen wagen, die ein Umsteuern erfordert, wenn der Verfall so weit fortgeschritten ist. Das mit der Suchtproblematik der Frau eenso wie ihres Sohnes konfrontierte Ehepaar Moni Fischer und Uwe Fischer wird von Jule Böwe und Martin Brambach eindrucksvoll verkörpert, Letzterer gehört für uns ohnehin zu den besten ARD-Vertragsschauspielern und kann Typen wie diesen Familienvater in beinahe prekären Verhältnissen glaubhaft machen.

Ebenso glaubhaft wirkt die Spiegelung des Akoholismus im Vorleben von KHK Andreas Keppler. Jetzt haben wir den Grund für die damalige Trennung von Eva Saalfeld. Ein Enthüllungstatort oder Schlüsselfilm zur Verständnis der früheren Eheleute, die sich immer noch sehr mögen, aber nicht ohne Weiteres wieder zusammenfinden können. Dass in den vorherigen Folgen der beiden keinerlei Anspielung auf diesen Trennungsgrund vorkommt, obwohl viele Situationen erstklassig Gelegenheit dazu geboten haben, liegt einfach daran, dass man die Figuren nicht von Beginn an mit so konkreten Hintergründen ausgestattet hat, sondern erst, als dieses Thema kam, die Freigabe für das biografische Element erteilt haben dürfte, dass Andreas Keppler ein trockener Alkoholiker ist.

Und wie gut ihm das steht. Seine rau-mürrische, zurückgenommene, manchmal gegenüber Kollegen und Verdächtigen auch sehr reizbare Art ist doch genau diejenige, die wir einem Menschen zurechnen, der sich stark disziplinieren muss, um nicht aus seiner zu engen Haut zu fahren. Ein Typ der sich früher vielleicht viel zu sehr in alles selbst involviert hat, was ihm beruflich begegnet ist und damit nicht fertig wurde, dass das Leben als Kriminaler ihn immer wieder in die Abgründe des menschlichen Daseins geführt hat. Diese Realbelastung eines jahrzehntelangen Alltags im Wirkungskreis des Verbrechens wurde in deutschen Fernsehkrimis lange Zeit verschwiegen. Dank Keppler und anderen Grenzgängern im Polizeibetrieb, wird uns das sehr pointiert sichtbar gemacht. Sicher etwas über die Wirklichkeit hinausgeschossen, wie diese Menschen manchmal dem Drehbuch folgend auftreten, aber es öffnet den Blick für die kaum zu vermeidenden Brüche und es ist in Ordnung, dass diese besonders offenbar werden, wenn in einem Mordfall Wunden aufgerissen werden.

Ob es wirklich ein Alkoholikergen gibt, also eine vererbbare Prädisposition für bestimmtes Suchtverhalten, wollen wir nicht beurteilen, doch es spielt letztlich keine Rolle, ob vorgelebtes Verhalten in der Umwelt oder eine Veranlagung dafür verantwortlich ist, dass jemand schon als 17jähriger so alkoholabhängig ist, dass er letztlich mit 3,6 Promille in eine Klinik eingeliefert wird und möglicherweise an seiner Sucht stirbt – das Ende das Films lässt dies offen.

Neben dem Alkoholikerdrama gibt es eine Geschichte von Untreue und Eifersucht, in der immerhin Corinna Harfouch die langjährig duldnde Ehefrau eines aus Prinzip fremdgehenden Managers spielt, welche dann gegenüber einer jungen Straßenbahnfahrerin die Beherrschung so stark verliert, dass es zu einer Attacke kommt, bei der die ältere Frau stirbt und die jüngere schwer verletzt wird. Schön ist anders, nicht nur beim Hochprozentigen, sondern auch bei hochgradig unbefriedigten Gefühlen. Corinna Harfouch spielt die Ehefrau mit gewohnter Präzsion, kommt aber dieses Mal nicht so zum Zug wie in anderen Rollen, weil der Film von der Trinker-Tragödie beherrscht wird. Vielleicht hätte man sich auf ein Drama beschränken sollen und ansonsten die Ostalgie beibehalten, die unwidersprochen in „Schön ist anders“ gelebt wird.

Da geht es um die Leipziger Verkehrsbetriebe. Um Menschen, die schon früher dort waren, die glänzende Personalchefs abgegeben hätten, aber so ein Wessi wird ihnen vor die Nase gesetzt. Wie im richtigen Leben. Da wird über den früheren Zusammenhalt gesprochen und wie er vor die Hunde geht. Ist es besser, eine stark alkoholabhängige Mitarbeiterin im Betrieb zu halten, um ihr Halt zu geben, oder sie zu kündigen und ihr damit vielleicht einen Neuanfang zu ermöglichen?

Keppler ist aus eigener Erfahrung (Eva hat sich von ihm getrennt und er wurde trocken weil er bemerkte, dass es so nicht weitergehen konnte und er alles, nach seiner Frau vermutlich irgendwann auch den Job verlieren würde) anderer Ansicht als der verhinderte Personalchef Siggi Mertens, der sich um jeden seiner doch nicht wenigen Mitarbeiter kümmert wie kaum ein Vorgesetzter von dieser Welt, der die Solidarität weit über alles stellt . Der vielleicht genau deshalb nicht aufsteigen konnte. Das alles ist nicht einfach abzuwägen, man spürt das Dilemma und die Didaktik von These und Antithese und misstraut ein wenig der überragenden Gemeinschaft in der DDR, weil sie nun einmal nicht durch freiwilliges Verhalten hervorgebracht wurde, sondern dadurch, dass alle sich in einem Mangelsystem arrangieren mussten und dies sehr findig und auf eine oftmals liebenswürdig verschrobene Art hinbekommen haben.

Finale (mit Auflösung)

Der Mord ist am Ende kein Mord, sondern eine dieser unglücklichen Eskalationen von Gewalt, die immer dann in Tatorten vorkommen, wenn der Täter im Grunde der Gute ist. Er wollte nicht töten, es ist einfach geschehen aus einer Aktion heraus, in der provoziert, gedemütigt, Macht ausgeübt wurde. Demnach wird Siggi Mertens nicht wegen § 211 StGB verurteilt werden sondern vermutlich wegen §§ 212, 213, aber die Tragik vermindert dies nicht, dass jemand, der andere schützen wollte und vielleicht auch ein wenig Hass gegen den anderen und dessen kaltschnäuzige Art aufgebaut hatte, sich eines Verbrechens schuldig macht.

In dem Geflecht verschiedenster Abhängigkeiten, das in „Schön ist anders“ gewoben wird, konnten sich die Beteiligten nur verfangen, selten war ein Tatort so düster und Ausweglosigkeit so greifbar. Hier hat kein starker, verbrecherischer Wille gewirkt, kein gewaltiges Ego eine Schneise der Verwüstung durch einen wohl bestellten Garten zwischenmenschlicher Beziehungen gezogen, gibt es keine dunklen Mächte und Unterweltmachenschaften, nur eine Reihe von Personen, die sich verstrickt haben und zum Scheitern verurteilt sind.

Ein durchaus mutiger Tatort, bei dem die Abwesenheit von Rasanz und exorbitanter Spannung nicht als wesentlich angesehen werden können – unter der eingangs erstellten Prämisse, dass wir uns dafür entschieden haben, das Drama nicht als sachfremd anzusehen, sondern die Qualität seiner Darstellung zu würdigen und die Beherztheit, die darin liegt, zur Sonntagabend-Primetime Lebenslagen zu zeigen, von denen man wirklich sagen kann, schön ist anders. Dass Keppler mit jungen Italienerinnen flirten darf, die ausgerechnet in seiner Pension absteigen und dort beinahe surrealistische Gespräche führt, verstärkt beinahe noch die Stimmung von Trostlosigkeit und Perspektivlosigeit, der diesen 783. Tatort durchzieht. 

8,0/10

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Eva Saalfeld – Simone Thomalla
Hauptkommissar Andreas Keppler – Martin Wuttke
Kriminaltechniker Wolfgang Menzel – Maxim Mehmet
Dr. Johannes Reichau [Gerichtsmediziner] – Kai Schumann
Inge Saalfeld – Swetlana Schönfeld
Sabine Korsack – Corinna Harfouch
Moni Fischer – Jule Böwe
Uwe Fischer – Martin Brambach
Mandy Wachowiak – Susanne Bormann
Siggi Mertens – Peter Kurth
Tobias Fischer – Philipp Gerstner
Nele Fischer – Carla Sewczyk
Dr. Pierre Holsten – Oliver Bootz
Jörg Korsack – Christian Maria Goebel

Drehbuch: Kathrin Bühlig
Regie: Judith Kennel

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