Schmuggler – Tatort 826 / #Crimetime 439 // #Tatort #Schmuggler #Konstanz #SWR #Blum #Perlmann

Crimetime 439 - Titelfoto © SWR, Peter Hollenbach

Darin muss man sich zurechtfinden

Nein, es geht nicht um den Plot. Der ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber letztlich sauber konstruiert und inszeniert. Es geht ums System, das es den Menschen nicht einfach macht, sich darin klarzufinden. Hinter diesem Krimi steckt eine ganz große Frage an den Kapitalismus, aber auf die süddeutsche Art. Kein erhobener Zeigefinger in Form von prätentiösen Kommentaren seitens der Ermittler, sondern eine Handlung, die kaum Interpretationsspielräume zulässt. Show, don’t tell. Und viele, nette oder böse Details werden in diesem Film mit dieser Frage verknüpft. Mehr gefällig? Dann bitte die -> Rezension lesen.

Handlung

Der Zollbeamte Robert Riebsahl wird ermordet. Die Zollstation ist erschüttert. Riebsahl galt als besonders korrekter Beamter. Klara Blum und Kai Perlmann suchen nach einem Motiv für die Tat. Offenbar war Riebsahl auf der Spur von Unregelmäßigkeiten in der Zollstation. Angesichts der regen Schmuggelaktivitäten an der Grenze liegt es nahe, dass der ein oder andere Kollege in dunkle Geschäfte verstrickt ist. Zum Beispiel die jungen Zöllner Marie Schreiber und Kevin Kümmerle, die Riebsahl kurz vor seinem Tod heimlich bei der Arbeit fotografierte. Die beiden Kommissare stoßen auf ein Geflecht aus Korruption und Begünstigung. Aber ist dies tatsächlich das Motiv für den Mord oder haben sie es mit einem ganz anderen Drama zu tun?

Die Grenze der Stadt Konstanz zur Schweiz und ihren dem deutschen Fiskus entzogenen Banken bildet den Hintergrund für Klara Blums aktuellen Fall. Die Autoren Leo P. Ard und Birgit Grosz sowie Regisseur Jürgen Bretzinger erzählen von der erstaunlichen Unbekümmertheit, mit der kleine und große Steuerbetrüger Geld transferieren und von den Versuchen, mit Bestechung für reibungslosen Ablauf am Zoll zu sorgen. Dem einfallsreichen Verstecken der Geldschmuggler steht dabei die untrügliche Nase des Geldspürhundes Money gegenüber, der manchmal der einzige Unbestechliche am Zoll zu sein scheint …
(Besetzung, Stab, Handlung: DAS ERSTE)

Rezension

„Schmuggler“ ist wieder einer jener Konstanz-Tatorte, die wir schätzen gelernt haben. Nicht ganz so grandios wie „Herz aus Eis“, einem von drei Neunern, die wir bisher vergeben haben. Aber auf einer Höhe mit den beiden Achtern, „Schlaraffenland“ und „Der Kormorankrieg“. Die beiden Ermittler sind unspektakulär kapabel, die Handlung ist durchdacht und die Kritik an unserem Wirtscchaftssystem ist viel fundierter, tief- und hintergründiger als bei manchem Sozial-Rührstück im Tatortgewand. Dabei bleibt es ein richtiger Krimi. Der Anreicherung durch zwei Actionszenen, deren Letztere auch etwas gerafft wirkt, war okay, wäre aber nicht notwendig gewesen.

Eindringlichkeit erreicht man durch Konzentration aufs Wesentliche. Weitgehend hat „Schmuggler“ das berücksichtigt, indem er sich viel mit der Figur der Zollbeamtin im mittleren Dienst namens Marie Schreiber (Julia Koschitz) befasst und sie gleichzeitig, wie alle anderen Figuren und Szenen, in den Dienst der Sache stellt. Die Sache ist vordergründig die, dass deutsche Steuerhinterzieher und die Schweiz als das Land, das sich an ihnen mästet, an den Pranger gestellt werden. Dahinter steckt aber mehr – wir werden das in der Rezension behandeln.

Uns hat „Schmuggler“ als Konzept überzeugt, als ein geschlossenes System, in dem es bei genauem Hinsehen kaum Wackler gibt. Nur Perlmann darf ein wenig seinem Spieltrieb frönen, indem er Faxen in Richtung einer Überwachungskamera macht. Keinem nehmen wir das so gerne ab wie ihm, dem wohl sympathischsten unter allen männlichen Ermittlern der gegenwärtigen Tatortszene.

Die Schweiz!

Ein Schweizer Banker, den man damit foltern kann, dass man ihn in eine nicht ganz saubere Zelle steckt und ihm dann auch noch als Höchststrafe einen Clochard beigesellt – da packt er wirklich aus und verrät das Bankgeheimnis. Das ist so witzig und hinterfotzig zugleich, dass man schon für diese Idee einen bis zwei Sonderpunkte vergeben müsste.Dass Schweizer unter einem Wasch- und Putzzwang leiden, könnte man weiterfrotzeln, liegt wohl daran, dass sie so viel mit Geldwäsche zu tun haben. Schon die Nazis haben angesichts dieser Mentalität dankbar zugegriffen und die Schweiz hat auf diese Weise dabei geholfen, den Krieg zu verlängern, denn dem aufgrund Überrüstung eigentlich bankrotten Deutschland wäre früher die Puste ausgegangen, wenn nicht jüdisches und anderes Beutevermögen in der Schweiz in Devisen für Hitlers Kriegsmaschinerie hätte verwandelt werden können wie einst an anderer Stelle Wasser in Wein. Heute und schon seit vielen Jahren ist es die Steuerflucht. Aber ist es die Schweiz? Natürlich, auf eine Weise schon. Sie profitiert, ebenso wie andere Steueroasen, immer noch gewaltig von dem, was anderswo erwirtschaftet und dann am Fiskus vorbeigesteuert wird. Jedem Schweizer, der über schlechtere Standards in Deutschland und über soziale Probleme hierzulande die Nase rümpft, würden wir eine Diskussion liefern. Dabei ginge es sogar um Moral. Nach der Diskussion würden wir dann fragen, wie’s denn so mit den Aufnahmebedingungen aussieht. Weil wir Deutschland mit seinen Sparorgien im eigenen und in fremden Ländern, seinen frustrierenden Dauerproblemen, seiner ausgereizten Art zu leben und zu arbeiten, seiner Einbindung in alle möglichen übergeordneten Sachzwänge, manchmal ganz schön satt haben. Wir haben schon einmal im Ausland gelebt, in einem der Schweiz nicht ganz fremden Land – wir kennen uns ein wenig aus. Nicht so übel war’s.In gewisser Weise können wir Leute verstehen, die ihr Geld an einen anderen Ort bringen und hoffen, es ist wirklich sicher.

Nicht nur die Schweiz

Nur ein Wirtschaftssystem, das große Ungleichheiten zwischen Menschen erlaubt und sogar fördert, die ähnlich viel leisten oder deren ärmere Schichten, wie hier die einfachen  Zollbeamten, sogar mehr fürs Ganze tun als zum Beispiel ein Politiker, der sich als Sparkommissar mit dummdreisten Sprüchen hervortut und gleichzeitig sein Geld auswandern lässt, nur ein solches System kann Länder wie die Schweiz so stellen, dass sie davon so stark profitieren. Die Leute dort waren ein mittelmäßig situiertes Bergvolk, bis sie auf die glorreiche Idee kamen, ihre berühmte Unabhängigkeit finanziell nutzbar zu machen. Wer sich darüber echauffiert, begeht kein Unrecht, denkt aber zu kurz. Denn letztlich ist es eine Systemfrage, ob die einen so auf Kosten der anderen leben können. Nur vagabundierendes Kapital kann dies ermöglichen.

„Schmuggler“ beschreibt die vertrackte Situation hervorragend. Die Zöllnerin Marie, die Finanzprobleme sozusagen geerbt hat, ist hin- und hergerissen und eine Opfertäterin ersten Ranges. Wir fanden’s schade, dass sie am Ende ihren Kollegen auf dem Gewissen hat, da sitzt sie dann am Ufer des Bodensees und schaut zu, wie zwei stolze Schwäne auf dem Wasser ziehen: Sinnbild ihrer gescheiterten Träume von einem integeren Leben und einem Leben mit dem Kollegen Robert Riebsal (André Berndorff), der zunächst wirkt wie ein Saubermann, dann wieder nicht – und es am Ende doch ist. So sehr, dass er seine Freundin Marie in ärgste Nöte stößt, woraufhin sich während einer Auseindersetzung ein Schuss löste, der ihn niederstreckt.

Tragisches Ende, für Menschen mit Gerechtigkeitssinn nicht leicht zu verdauen. Aber man hat sich das getraut, in diesem Tatort. Dass jemand, der sich verfängt in seinen Problemen, bitter dafür büßen muss, das hat man gezeigt. Das ist die ganze Konsequenz, denn es ist das System, das Marie beschädigt. Sie muss es qua Dienstauftrag erhalten und wird von ihm angenagt, Tag für Tag. Sie widersteht lange, aber als der Gerichtsvollzieher zum zweiten Mal vor der  Tür steht, wird sie schwach. Wer würde das nicht, wenn er als alleinerziehende Frau eine Tochter durchbringen muss und gleichzeitig die Möglichkeit hat, ein ganz kleines Krümelchen vom großen Schweizer Kuchen zu ergattern und sich damit vor der Pfändung zu retten?

Perlmann nennt die Zahlen: 175 Milliarden Euro haben sich mittlerweile auf unrechtmäßige Weise aus Deutschland in die Schweiz davongemacht. Was sind dagegen die Fünftausend, die sich Marie in ihrer Not zurückholen will?

Sie wird korrumpiert, ebenso wie ihr Chef, der seit langem und regelmäßig geschmiert wird, damit die Autos, die das Geld transportieren, an der Grenze nicht kontrolliert werden. Selbst der Schweizer Banker, der das alles organisiert, ist ein Opfer seiner Provisionszahlungen, mithin seiner Zwänge und seiner Gier. Im Vertrieb sind die Leute genauso unter Druck wie beim Zoll. Nur der Politiker Krämer (Florian Sonnefeld), der ist ein echter Heuchler, der den Kommissaren eine halbe Assistentenstelle wegstreichen will und gleichzeitig mit illegalen Transfers von eigenem Geld in die Schweiz dafür sorgt, dass solche Sparzwänge erst entstehen.

Wer wollte die Hand dafür ins Feuer legen, dass es nicht Politiker gibt, die Wasser predigen und Wein trinken? Eigentlich tun es alle, denn ihre Bezüge liegen in der Regel so hoch, dass sie gar nicht spüren, wie das Normalvolk rein gar nichts vom Wirtschaftswunder der neuesten Generation hat, das zudem mit steigender Staatsverschuldung einhergeht. Der Tag wird kommen, an dem die Rechnung aufgemacht wird, und bezahlen werden sie die einfachen Menschen, die nichts absetzen können – schon gar nicht sich selbst. Menschen wie Marie Schreiber, die als kleine Beamtin lediglich ca. 1.800,00 € brutto im Monat verdient und sich und ihre Tochter und die Schulden ihres Exmannes damit durchbringen muss. Eine Frau, welche die Schweiz als Neubürgerin gar nicht aufnehmen würde, weil sie nicht das erforderliche Kapital mitbringen könnte.

Keine mildernden Umstände und die Entdeckung der Langsamkeit

Dadurch, dass auf Schweizer Seite keine Polizisten beim Ermitteln helfen (müssen), verschärft sich die Kritik, die in diesem Tatort steckt, noch einmal. Kein Reto Flückiger, der verständnisvoll hilft und damit beweist, dass man doch im Grunde auf demselben Planeten lebt. Keine Entschuldigungen und keine Relativierungen. So ist es richtig und gut. Da kommt schon ein wenig Schadenfreude auf, als die Beck-Vertretung Tanja Kraft (Alwara Höfels) mit ihrer gemächlichen Art – absichtlich – dafür sorgt, dass der Anwalt des in seiner schmutzigen Zelle ausharrenden Scheizer Bankers nicht beizubringen ist, weil sie so lange trödelt, bis der Rechtsbeistand nach Mallorca entschwunden ist.

Ist das ein zusätzlicher kleiner Tritt ans Schienbein der Schweiz, die so langsam wirkt und in Finanzdingen so quick ist wie kaum ein anderes Land dieser Erde? Vielleicht verstecken sich die Schweizer ja auch nur hinter ihrer langsamen Spreche und ihrer etwas provinziell wirkenden Art. Meister ihres Faches sind immer auch Meister der Tarnung. Wer wirklich was kann, ist diskret. Diskretion, das ist die Geschäftsgrundlage, wie es der Banker (Urs Jucker) gegenüber Perlmann an einer Stelle klischeehaft und doch so wahr ausdrückt. Wie sollten illegale Geschäfte auch ohne Diskretion funktionieren? Das Verschwiegenheitsgebot gilt für alle Ganoven dieser Welt. Überhaupt ist die Schweiz ein Symbol für einen globalisierten Kapitalismus ohne Fesseln.

Klar macht es dann wieder Spaß zu sehen, wie auch die Sparwut an sich durch den Kakao gezogen wird, festgemacht an diesem Bewegungsmelder, der das Licht im Kommissarsbüro steuern soll, und der am Ende nicht mehr funktioniert, weil niemand sich bewegt. Wehe dem, der angesichts dieser Technik still im Zimmer sitzen und eine Akte lesen will. Apropos Akte: Wir glauben nicht, dass ein rein nach Buchstaben angelegtes System Ordner spart, das sagt uns unser siebter Bürokratensinn. Es sind ja immer noch genausoviele Schriftstücke wie bei der logisch- chronologischen Ablage nach Fällen bzw. Aktenzeichen. Auch das ist sicher nicht zufällig – dass hier eine gutwillige Erfüllungsgehilfin der heuchlerischen Sparkommissare Blödsinn fabriziert, nur um einen Präsentkorb von ebenjenem Effizienzheuchler für die Abteilung zu gewinnen, die am meisten einspart. Erinnert uns alles ein wenig an KVP-Programme im Verwaltungsbereich, aber man soll es mit der Böswilligkeit auch nicht übertreiben. Wer so langsam ist wie Tanja Kraft, muss hingegen auf jeden Fall versuchen, effizient zu arbeiten.

Finale

Ein wenig hängt es sicher davon ab, welche Stellung man zu den im Film gezeigten Problemen einnimmt, ob man „Schmuggler“ durchschnittlich oder richtig gut findet. Schlecht ist er objektiv aber nicht gemacht und wir mögen ihn, weil vieles darin der Realität sehr gut abgeschaut ist. Damit meinen wir nicht, dass der halbe Zoll in Bestechungen verstrickt ist, so ausgeprägt ist der Lockruf des Geldes, der an die Beamten dort ausgesendet wird, in der Wirklichkeit vielleicht auch nicht – erstens wird es andere Transportwege geben, außerdem sind ja erst Summen ab 10.000 € angabepflichtig. Es steht also jedem frei, einmal pro Woche in die Schweiz zu fahren und jedesmal 9.999 € zum Shoppen mitzunehmen. Da kommt übers Jahr auch ganz schön was zusammen, wenn man es dann auf die Bank trägt, anstatt es auszugeben.

Realität bedeutet für uns vielmehr die Systemwirklichkeit. Die Steuerflucht ist nur eines von vielen Symptomen dafür, dass diese Form der Wirklichkeit nicht auf ewig wird Bestand haben können. Die Reibungsverluste allerorten sind viel zu groß, der Ressourcenverbrauch ist zu hoch und der Ertrag an echtem Glück viel zu niedrig im Vergleich mit dem Stress, dem Risiko, der Angst. Auch das zeigt das Schicksal von Marie Schreiber. Um ein kleines bisschen Glück zu gewinnen, geht sie einmal ein für ihre Verhältnisse hohes Wagnis ein und verliert, nachdem sie sich lange gewehrt hat. Nachdem sie sich zwar etwas holen will, aber sich im engeren Sinne damit nicht einmal korrumpiert. Nicht zuletzt dieser differenziert angelegte Charakter und der eher monolithische, aber herrliche Schweizer Banker Röttli sind Nebenrollen, die uns auf unterschiedliche Weise gefallen haben.

Sie stehen für zwei Pole einer Welt von vorgeblichen Gewinnern und Verlierern und verlieren doch beide. Tröstlich ist das nicht. Denn es gibt tatsächlich nur eine Welt, und in der müssen Schweizer, Deutsche und andere langfristig gemeinsame Lösungen zum Nutzen aller und mit Rücksicht auf andere finden, wenn sie darin weiterhin einigermaßen gemütlich leben wollen. So wie Perlmann, der einen Salat auf Kosten des Hauses zu sich nimmt und mal nicht an der Vertragstankstelle tankt, ohne dass er dies mit seinem sonnigen Gemüt als Vorteilsannahme oder als Verstoß gegen eine Dienstanweisung wahrnimmt.

8/10

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Hauptkommissarin Klara Blum – Eva Mattes
Hauptkommissar Kai Perlmann – Sebastian Bezzel
Marie Schreiber – Julia Koschitz
Kevin Kümmerle – Florian Fischer
Röttli – Urs Jucker
Isabel Schreiber – Mala Emde
Boris Krämer – Florian Sonnefeld
Polzner – Thomas Bestvater
Neuerer – Falk Rockstroh
Tanja Kraft – Alwara Höfels
Robert Riebsahl – André Benndorff
u.a.

Stab
Drehbuch – Leo P. Ard, Birgit Grosz
Regie – Jürgen Bretzinger

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