Medizinmänner – Tatort 230 / Crimetime 443 // #Tatort #Duisburg #Schimanski #WDR #Tatort230 #Medizin

Crimetime 443 - Titelfoto © WDR

Endlich jemand, der schweigt

In der Vorschau haben wir uns mit einigen Spezifika der Schimanski-Tatorte auseinandersgesetzt – inspiriert durch die WDR-Sommerserie „Unsere Besten im Westen“ – bezogen auf Filme der Reihe „Tatort“. Es waren bei Weitem nicht die Besten unter den Schimanski-Tatorten, die im Sommer 19 ausgestrahlt wurden, sondern eher diejenigen, die man vor einigen Jahren nicht gezeigt hatte, als wirklich die Besten der Schimanski-Filme wiederholt wurden. Selbstverständlich gibt es aber auch unter denen, die jetzt gelaufen sind, Unterschiede. Wie kommt „Medizinmänner“ dabei weg? Wir schreiben darüber und über anderes in der -> Rezension.

Handlung

Jochen Bähr, Abteilungsleiter in einem pharmazeutischen Betrieb, wird an einem frühen Sonntagmorgen in seinem Boot erschossen aufgefunden. Am Tatort befindet sich sein kleiner Sohn Walter, der unter Schock steht und nicht zum Sprechen zu bringen ist. Schimanski, der die Aussage des Jungen braucht, versucht, seine Verkapselung aufzubrechen. Er hat erste Erfolge – da wird Walter unter den Augen des Kommissars entführt.

Die Suche nach dem Kind führt Schimanski, Thanner und Hänschen nach Rotterdam. Dort kommen sie einem illegalen Medikamentenhandel mit Entwicklungsländern auf die Spur, in den vor allem jene Firma verwickelt ist, für die Jochen Bähr gearbeitet hat. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß sowohl das Kind als auch die Medikamente an Bord eines Handelsschiffes sind, das kurz vor der Ausfahrt nach Afrika ist. Schimanski schleicht sich an Bord, findet Walter und kann sich mit dem Jungen auf hoher See in einem Rettungsboot absetzen. Die beiden treiben hilflos im Meer, bis sie entdeckt und von der holländischen Marine geborgen werden. Dabei erlebt Walter einen erneuten Schock; die Folge ist, daß er wieder zu sprechen beginnt und Schimanski einen Hinweis geben kann, der zum Mörder seines Vaters führt.

Rezension

Medizinmänner war der Aufgalopp zum Schlussakkord, als noch einmal Schimanski-Filme in rascher Abfolge gedreht wurden (Fall 230, 232, 234, 235 der Reihe „Tatort“). Möglicherweise war damals klar, dass Götz George aufhören wird. Der Film „Kinderlieb“, der als den Fundus-Nutzern als sein bester gilt, die Nr. 244 und der zweitletzte, wurde aber weder im Besten-Sommer 2019 noch in der Retrospektive vor einigen Jahren gezeigt, das ist eigentlich ein Skandal. Denn Schimanski und Kinder, das passt schon, schließlich ist der Kommissar der am meisten an die Psyche eines Kindes angenäherte Ermittler bis heute. Die Münsteraner mögen klamaukig sein, aber sie haben mehr Anknüpfungspunkte an die Welt der Erwachsenen, mit ihren mehr oder weniger stark ausgeprägten sozialen Funktionen, bei Schimanski aber sieht man vor allem eines, wenn er sich nicht nur verbal, sondern auch tatkräftig engagiert: Er hat ein Herz für Kinder.

In „Medizinmänner“ ist es ein Junge, der nicht reden will und in Kombination mit jedem anderen Ermittler von einigen Zuschauern als „nervig“ apostrophiert worden wäre. Aber wenn jemand mit Schimmi nicht interagiert, dann kommuniziert der Duisburg-Cop eben One-Way. Das ist durchaus witzig und macht „Medizinmänner“ zu einem stimmungsvollen Film. Vor allem die Szene, in welcher der Junge verschwindet, ist eindrucksvoll gefilmt, hat Thriller-Qualität und ist auch musikalisch passend unterlegt. Schade, dass solches Niveau in Schimanski-Filmen nicht durchgehalten wird. Aber die besten Momente haben immer mit Thomas, dem Jungen zu tun, der Zeuge der Erschießung seines Vaters wurde – und nicht nur das, er wird sogar in einem Ruderboot unter dem fallenden Mann begraben. Auch die Szenen auf dem Frachter sind wieder ansprechend gefilmt – wir hätten allerdings erwartet, dass Schimanski das Rettungs-Schlauchboot bis nach Hause rudert bzw. bis an eine Küste. Zu warten, bis ein Schiff oder Flugzeug das rote Inselchen auf dem Meer sieht und sich dann von einem Hubschrauber der holländischen Küstenwache retten lassen, das ist doch etwas dröge, oder?

Aber was soll man machen, mit blutigen Händen? Das konnten wir sehr gut nachvollziehen, wir bekämen auch Blasen, wenn wir ein paar Meter rudern müssten. Im Fitnessstudio (nach längerer Zeit) wieder etwas sporteln und in einem Ruderboot die Handinnenflächen so richtig einsetzen müssen, sind eben zwei verschiedene Dinge.

Wie sieht es mit dem Hintergrund aus? Die konkrete Story einer deutschen Medizinfirma, die billigst Pillen herstellt, die man mit Alkohol und anderen Stoffen zusammen einnimmt, ganz schnell süchtig wird und außerdem super müde, ist sicherlich erfunden, aber irgendwas muss damals gewesen sein, dass man auf die Idee kam, eine solche Art von Export von Industrieländern – auch die Niederlande sind maßgeblich beteiligt – nach „Schwarzafrika“ zu erdenken. Wie es heute aussieht, beschreibt dieser Focus-Beitrag. Das ist schlimm, auch, weil, trotz anderer Distributionswege und anderer Drogen, Afrika nun tatsächlich in den Fokus des weltweiten Drogenhandels gerückt ist und dabei eine Heroin-Renaissance stattfindet.

Selbst für 1989 steckt das Drehbuch voller Übergriffe, nicht nur einen Witz über den Schwarzhandel nach Zentralafrika betreffend, sondern auch das deutsch-niederländische Verhältnis. Ob sich diese geschickte Verwendung-Negierung-Verstärkung von Klischees und Aversionen dadurch entschuldigen lässt, dass der Holländer Chiem van Houweninge, der auch „Hänschen“ spielt, das Skript verfasst hat, wollen wir nicht unbedingt behaupten. Was hängen bleibt, ist, dass im nordwestlichen Nachbarland die Polizei insgesamt eine ziemlich laxe Einstellung gegenüber dem Drogenhandel hat. Selbst wenn das so ist, sollte man ein wenig vorsichtig sein damit, es von hier aus zu bewerten und es dann noch mit dem Zweiten Weltkrieg, speziell mit der Bombardierung von Rotterdam, zu vermengen. Irgendwie lebt der Film auch von diesen vielen verrückten Dialogen, sie sind, für sich betrachtet, sogar ziemlich gelungen und sorgen für viel Komik, aber es bleibt ein unangenehmes Gefühl wegen der starken Implementierung dieses nach wie vor nicht einfachen Nachbarschaftsverhältnisses.

Van Houweninge meldet sich am Telefon sogar mit „Hänschen“, obwohl die verwendeten Apparate nicht erkennen lassen, ob ein Anruf aus dem Haus, also dem Kommissariat, oder von draußen kommt. So gut wie jenes des beliebten Schimanski-Tatorts „Kuscheltiere“, das van Houweninge ebenfalls verfasst hat, ist das vorliegende nicht ganz, aber die Dynamik des Films stimmt schon – wobei die typischen Szenen aus Unternehmerkreisen, die so viele Tatorte prägen, hier knapp und wenig prägnant sind – bis auf das Ende natürlich, wo wir schon dachten, Schimanski bestimmt den Medizinmann Nr. 1 tatsächlich zum Suizid. Zutrauen muss man dem WDR prinzipiell alles.

Finale

„Medizinmänner“ ist zwar überdreht, wie alle Schimanski-Filme, aber er hat auch schöne Augenblicke. Woher der getötete Angestellte 2,5 Millionen Dollar hat und warum er dann doch aussteigt, wird zwar nicht geklärt, aber es gab in Tatorten schon größere bis zum Schluss offene Posten. Zum Beispiel diesen: Warum wird der Junge entführt, nachdem der Vater, den man mit dieser Entführung hätte zum Weitermachen erpressen können, schon tot ist? Falsch. Kein offener Posten. Es geht darum, dass Thomas doch die Sprache wiederfinden könnte und ausplaudern, dass Onkel Medizinmann der Täter ist. Onkel Medizinmann wusste, nicht, dass Thomas an Bord des Bootes war. Warum er den Jungen nicht bemerkt hat, wird zwar etwas gekünstelt dar- bzw. nachgestellt, aber wir wollen nicht so eng sein, angesichts dessen, was in anderen Skripts für Schimanski-Tatorte alles an Plot-Fails zu finden ist.

Das Zusammenspiel Thanner-Schimanski-Hänschen zählt immer zu den Highlights der Duisburg-Tatorte, auch wenn es nicht funktioniert. In „Medizinmänner“ tut es das aber recht gut, ohne dass die typischen Kabbeleien deswegen entfallen. Ein unterhaltsamer, etwas unrunder, sympathischer Film – abzüglich der oben genannten Klischeeballung. Nettes Detail: Während Schimanski in einem Laderaum des Frachters eingesperrt ist, gibt es eine Geräuschuntermalung, als hätte das Schiff tatsächlich noch Dampfmaschinenantrieb und als die Spannung steigt, stampfen die Maschinen immer schneller – und doch, es ist immer eine Luke überraschend zu öffnen, wenn Schimanski daran rüttelt: Ich will hier raus und das schaff‘ ich auch!

7,5/10

Vorschau: Ein Schiff, zwei Schiffe, Schiffbruch

Bei der Tatort-Folge 230 „Medizinmänner“ handelt es sich bereits um den 23. gemeinsamen Fall für die beiden Duisburger Kommissare Horst Schimanski und Christian Thanner, der am 13. Mai 1990 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Das Drehbuch stammte von Chiem van Houweninge, der in dem Krimi auch den Ermittler Hans Scherpendeel, „Hänschen“ genannt, spielt. Von Houwenige hatte zuvor schon die Drehbücher für die Folgen „Kuscheltiere“, „Der Tausch“ und „Kielwasser“ verfasst und war auch in dem im folgenden Jahr ausgestrahlten Tatort „Bis zum Hals im Dreck“ für das Drehbuch verantwortlich.

Der Dreh für diesen Tatort gestaltete sich für den WDR schwierig, weil die Mietkosten für ein geeignetes Schiff den finanziellen Rahmen der Produktion deutlich überschritten. Daraufhin wurden für die Filmarbeiten zwei verschiedene Schiffe genutzt. Im Tatort ist dieser Trick vor allem daran zu erkennen, dass das Schiff zunächst schwarz und rot und später weiß ist. (Tatort Fans)

„Medizinmänner“ ist also der 23. von 29 gemeinsamen Fällen, die Thanner und Schimanski zusammen gelöst haben. In der Rangliste des Tatort-Fundus steht „Medizinmänner“ ziemlich mittig (Rang 553 von 1113 Fällen, Stand 27.08.2019 und in der internen Ermittler-Liste „Schimanski“ auf Rang 13 von 29). Es geht sozusagen aufwärts. Der WDR packt derzeit alle Schimanski-Tatorte aus, die nicht vor ein paar Jahren schon einmal in einer Retrospektive gezeigt wurden – und damals ging man nach Bekanntheit oder den Kritiken vor, man zeigte die „berühmtesten“ oder „besten“ Fälle. Heißt, dass nun diejenigen übrig sind, die weniger Begeisterung bei den Fans ausgelöst haben. Nach dem, was wir bisher gesehen haben: Nicht, dass wir immer einer Meinung mit dem Durchschnitt wären, sonst bräuchten wir keine eigenen Bewertungen abzugeben, aber wertlos sind diese vielen Meinungen versierter Zuschauer auf keinen Fall. Am meisten geht es bei „Kunst-Tatorten“ auseinander. Bei ihnen und auch bei Ermittler*innen, die sich leider Bashing-Status erarbeitet haben, ohne dass die einzelnen Filme wirklich so schlecht wären, liegen wir oft höher als der „Mainstream“. Das sind ja heute mal viele Anführungszeichen in einer kurzen Vorschau.

Die meisten Schimanski-Tatorte befassen sich mit Big Business, diesesMal ist es der Handel mit Medikamenten. Und die Figur eines kleinen Kindes wird im Jahr 1990 Walter genannt. Mal sehen, ob das eine Bedeutung hat. Nach dem heutigen späten Abend bzw. nach der Sichtung der Aufzeichnung wissen wir mehr und werden es unseren Leser*innen mitteilen.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Horst Schimanski – Götz George
Hauptkommissar Thanner – Eberhard Feik
Hänschen – Chiem van Houweninge
Ossmann – Gerhard Olschewski
Karin Bähr – Heidemarie Wenzel
Thomas Bähr – Nikolai Bury
Peter Schatz – Christoph Bantzer

Buch – Chiem van Houweninge
Regie – Peter Carpentier
Musik – Jean-Jacques Lemetre
Kamera – Franz Rath

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