Müll – Tatort 695 / #Crimetime 442 // #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #Muell #Müll #Tatort695

Crimetime 442 - Titelfoto © WDR, Michael Böhme

Leben und Tod auf der Müllkippe

Müll stinkt nicht nur, er ist auch leicht entflammbar. Er zieht Messies, Gärtnerinnen und Kommissare gleichermaßen an. Er ist korruptionsgeneigt und kann radioaktiv verseucht sein.

Bei solchen Eigenschaften ist es verwunderlich, dass Müll nicht häufiger für Tatorte verwendet wird, die abseits vom Glanz der höheren Kreise und stahlgläsernen Firmenzentralen spielen sollen.  Ein solches Bürogebäude gibt es im Tatort 695 zwar auch, aber es ist nicht die Zentrale des Falles. Sondern? Es steht alles in der -> Rezension.

Handlung

Eine verstümmelte Frauenleiche auf der Müllkippe: Das ist ein gefundenes Fressen für die Sensationspresse. Angetrieben durch Staatsanwalt von Prinz ermitteln Max Ballauf und Freddy Schenk unter Hochdruck.

Doch die Spurensuche stockt: Nach dem Brand auf der Müllkippe ist die Leiche nicht mehr identifizierbar. Peter Esser, der Geschäftsführer der kleinen Müll-Entsorgungsfirma, auf deren Gelände der verkohlte Körper gefunden wurde, kann nicht weiterhelfen. Und auch der jungen Gärtnerin Kaja Krumme, die den Brand in den frühen Morgenstunden bei der Feuerwehr gemeldet hatte, ist angeblich nichts Verdächtiges aufgefallen.

Doch über den eigenbrötlerischen Müllsammler Willy aus Ballaufs Nachbarschaft erfahren die Kommissare, dass es auf dem Recycling-Hof vor zwei Jahren bereits öfter gebrannt hatte. Von der Müllmafia ist die Rede, die gezielt kleine Recyling-Unternehmen unter Druck setzt. Die Kommissare wollen Essers Sekretärin befragen. Doch sie ist unauffindbar verschwunden.

Rezension

Unser Titelbild zeigt Freddy und Max an einem der schönsten Autos, die jemals aus dem Fundus der Polizei in den Dienst der beiden Köln-Cops gelangten. Wir haben dieses Foto zum Ausgleich für das Thema genommen – und wer weiß, vielleicht ist es durchaus hintersinnig, dass man Freddy für diesen Tatort gerade solch eine schwarze Perle zur Verfügung gestellt hat.

Zentral sind die Charaktere, auf diese hat man in dieser für heutige Verhältnisse leisen, eher langsamen Folge viel Wert gelegt. Dass sich gerade dadurch ein paar Probleme hinsichtlich der Auflösung ergeben, ist ein wenig betrüblich, aber es kommt ja auch auf die Lesart an – was traut man aus der individuellen Wahrnehmung heraus bestimmten Figuren zu und was erscheint als überzogen?

Überzogen wirkt auch Freddys Dienst-Corvette. Kein Wunder, dass irgendwann die Interne Ermittlung mal auf solche Sondertouren aufmerksam wird – bis dies in der Folge 681 („Spätschicht“) geschah, haben wir uns bei dieser möglicherweise gar nicht zulässigen Verwendung sichergestellter Fahrzeuge nicht so viel gedacht. Obwohl dies Dauerverfahren, das natürlich auch ein running Gag ist, für Freddy Schenk in „Spätschicht“ zum Thema wurde, haben wir uns auch nicht so viel dabei gedacht. Aber er bleibt dabei, wie sich in „Müll“ konstatieren lässt, und die Autos werden immer extravaganter. Immerhin, eine 1964er Chevrolet Corvette Sting Ray ist eines der schönsten Autos, die je in den USA gebaut wurden und eine Show, wenn sie grollend auf den Hof oder vom Hof der Gärtnerei fährt.

Vielleicht die schönsten Momente von „Müll“: KHK Max Ballauf, der in einem einfachen Hotel wohnt, hat sein Leben in wenigen Kartons, nicht ausgepackt. Morgens nervt ihn das alte Moped von Willi. Der ist Müllsammler und Messi und durch den Fall der Leiche im Müll kommen die beiden sich näher. Max und Freddy finden Platz in Willis Wohnung, Willi besucht Max, um ihm ein Detail zum Fall mitzuteilen, das er bisher verschwiegen hat – weil es ziemlich peinlich für Willi ist, dass er von einem abgesägten Arm wiederum einen Finger abtrennt, um an einen Ring für seine neue Freundin zu kommen. Vor dem manchmal etwas streng guckenden Freddy wollte er das nicht sagen.

Wie sich diese beiden ganz unterschiedlich organisierten Leben begegnen und Willi dem Max sagt, er soll dieses Foto aber bitte aufheben, das ist wunderbar. Nur, wer „Direkt ins Herz“ gesehen hat, kann allerdings die Dramatik erkennen, die Max hier in wenigen Worten erzählt, die aber weniger wirkt, wenn man nicht die Bilder jener Folge vor sich hat, in der Max mit Franka Hecker (Anja Kling) eine der schönsten Tatort-Romanzen hat und diese dann erschossen wird. Darüber kann man zum einsamen Wolf werden, besonders, wenn man sich vorher schon mit Beziehungen schwer getan hat. Allerdings wird die Passionsfigur unter den Kommissaren (die einzige, bis Keppler in Leipzig hinzukam, der passenderweise eine Doppelfolge mit den Kölnern gemacht hat) jetzt, weil’s geschlossen wird, das Hotel verlassen und sich eine Wohnung suchen (auch hier eine Parallele zu Keppler, der wohnt allerdings immer noch in der Pension mit dem Schach spielenden Wirt).

In diesen Augenblicken zwischen Max und Willi ist viel Atmosphäre und Empathie, man wollte offensichtlich nach dem exaltierten und rasanten Fall „Spätschicht“ mal wieder etwas ganz anderes zeigen. Leider wird aber auch Willi, von Hans Diehl wundervoll verkörpert, zum Ende hin erschossen und wieder einmal verliert Max eine Bezugsfigur, die gerade erst in sein Leben getreten ist. Der Mann hat’s wirklich nicht leicht, sich ein wie auch immer geartetes Sozialleben  zu organisieren. Wie soll man sich noch an  Menschen annähern, wenn das immer dazu führt, dass sie dadurch zu Tode kommen? Da kann man froh sein, dass Freddy und Franziska noch nichts passiert ist.

Ähnlich präsent ist das Menschliche in der Gärtnerei von Frank Weber (Wotan Wilke Möhring), der Probleme hat, Exfrau, Frau und Sohn (Frederick Lau in einer ebenfalls guten Rolle) unter einen Hut zu bekommen und gleichzeitig noch so einen Betrieb zu führen. Die Pflanzen in der Gärtnerei stinken nicht, wie der Müll, auf dem die Abfälle von Kaja Krumme (Elena Uhlig in einer recht unglamourösen Rolle) entsorgt werden, aber die Beziehungsstrukturen in der Gärtnerei haben auch etwas Morsches, das bekanntlich seinen besonderen Geruch hat. Man spürt ein Unheil, aber man weiß nicht, ob es zum Mord führen kann. Dazu noch in einer solchen,  in mehrfacher Hinsicht grausamen Ausführung.

Möglich wäre ja auch, dass alles mit dem Entsorgungsunternehmer Peter Esser zu tun hat, auf dessen Müllkippe es nicht nur kokelt; nein, hier tickt auch der Geigerzähler ziemlich heftig. Es hätte also ein Wirtschaftskrimi sein können, zumal die Sekretärin des Chefs abhanden gekommen ist, und die wusste wohl einiges über die krummen Machenschaften, mit denen dieser an Aufträge kommt. Dann gibt es noch einen zwielichtigen  Mehrfunktions-Juristen (Juristen sind nun einmal multifunktional, darüber sollte man nicht so erstaunt Zeugnis ablegen, wie Tatorte es häufig tun). Dessen Rolle wird nicht vollständig hinterleuchtet, denn der Akzent von „Müll“ liegt nun einmal eher auf dem Beziehungsmüll, der letztlich auch zum Tod von Webers Exfrau führt und nicht auf dem mitlaufenden Skandal um physischen Müll.

Damit der Fall einigermaßen Ermittlungsarbeit verursacht hat, musste man dieses Mal nicht den Plot quetschen und schieben, bis er einigermaßen passt, sondern die Charaktere in ein seltsames Licht rücken. Diesen wirklich brutalen Mord hätten wir der Frau Krumme trotz ihres Namens und ihrer seltsamen Mischung aus Resolutheit und Verschlagenheit nicht zugerechnet, sonst wären wir schon vor der berühmten, offenbarenden Übergabe von DNA mittels Frisierbürste klar auf sie eingestellt gewesen und nicht auf den Müllentsorger, von dem Schenk ja schon sagt, dass der Mann zwar bei Betrug unruhig wird, bei Mord aber cool bleibt. Und richtige Beobachtungen haben Fernsehkommissare drauf, können ihre Eindrücke auch für den Zuschauer in prägnante Worte fassen. Wir hätten übrigens auch nicht gedacht, dass der gute Sammler-Willi in der Lage ist, einen Finger von einem Arm abzutrennen, nur, um an einen Ring zu kommen – auch wenn der Arm ebenfalls bereits nicht mehr an einem Körper angebracht ist, sondern einzeln auf der Müllkippe liegt.

Wenn man es weiterspinnt, kommt man anhand dieses Arms wieder zu Kaja Krumme. Wenn sie aber nun doch so durchgedreht ist und auch so cool, einen solchen Mord zu begehen, um endlich Ruhe in die Beziehung mit Frank Weber zu bekommen, dann hätte sie als Gärtnerin aber noch ein wenig graben können, um alle Teile von Frau Weber sicherer verschwinden zu lassen. Immerhin, der Mörder ist der Gärtner, inklusive Gender-Mainstreaming, das zu Reinhard Meys Glanzzeiten noch kein soziales Hauptthema war.

Finale

„Müll“ ist ein intensiver Tatort, uns hat die Szene von Willis Tod auch berührt – weniger gut haben wir uns ins Familiendrama der Webers einfühlen können, auch wenn die Männerfiguren uns die Lage gut erläutern und die Frauenfigur für den Tatort sorgt. Es ist alles ein wenig Frage der Lebensphilosophie. Frank Weber versucht, alle unter einen Hut und unter ein Dach zu bekommen, deswegen ist er ja auch Gärtner und nicht Jurist, er argumentiert nicht mit der Logik. Er versucht, alle Beziehungen irgendwie zu hegen und dabei geht einiges schief, es entstehen Aversionen, die je nach Charakter des oder der Betroffenen zum Weglaufsyndrom oder zu nicht mehr im Zaum zu haltender Mordlust führen.

Eine These, wie sie in vielen Kölner Krimis anzutreffen ist, haben wir dieses Mal nicht zu erörtern, zumindest keine, die von Freddy und Max ausdiskutiert wird. Freddys manchmal (wie ebenfalls zuletzt in „Spätschicht“) hochgradig fallrelevantes Privatleben hat man komplett rausgelassen und Max ist einmal nur Erinnerung, ansonsten Kommissar und ermittelt mit Schenk dieses Mal recht ausführlich. Es gibt auch keine dieser effektvollen, aber in Entstehung und Ausführung meist unglaubwürdigen Verfolgungsjagden zu Fuß, obwohl die Kölner bezüglich dieses Standard-Handlungselementes und seiner Varianten besonders erfahren sind. Selbst die DNA-Analyse, die ebenfalls nicht selten als Notnagel zur schnellen Lösung am Schluss herhalten muss, wird dieses Mal so in den Fall eingebaut, dass sie ihn zunächst nicht auflöst – zumindest nicht offiziell. Am Ende ist doch noch einmal ermittlerisches Nachdenken gefordert.

Uns hat „Müll“ ziemlich gut gefallen, auch wenn er nicht zu neuen Ufern geführt hat, daher werten wir über dem Durchschnitt der bisherigen Rezensionen: 7,5/10.*

*Alle relativen Angaben bezogen auf den Zeitpunkt der Erstveröffentlichung als „TatortAnthologie 204“ im Dezember 2012.

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Staatsanwalt von Prinz – Christian Tasche
Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Frank Weber – Wotan Wilke Möhring
Dennis Weber – Frederick Lau
Kaja Krumme – Elena Uhling
u.a.

Drehbuch – Achim Scholz
Regie – Kaspar Heidelbach
Kamera – Daniel Koppelkamm
Musik – Arno Steffen

Playlist
Marie – Arno Steffen
Müngersdorfer Stadion – The Ramones
Für et Hätz un Jäjen – Arno Steffen

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