Das schwarze Schaf (D 1960) #Filmfest 51

Filmfest 50 A

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftNoch ein Mord im Spiegel

Nachdem wir als Filmfest 47 bis 50 die Rezensionen zu den Miss-Marple-Filme aus den 1960ern veröffentlicht haben, bieten sich die beiden Pater-Brown-Adaptionen von 1960 und 1962 an. Von Agatha Christie zu Gilbert Keith Chesterton und von der britischen MGM-Dependance zur deutschen Bavaria-Film, von einer englischen Kleinstadt ins grüne, raue Irland. Ist der Unterschied so groß, wie man denken könnte und was hat es zu bedeuten, dass der erste der beiden deutschen Filme ein Jahr vor dem ersten Miss-Marple-Film entstand? War er vielleicht der Auslöser für die britische Reihe? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Sehr zum Leidwesen seines Bischofs hat Pater Brown wieder einmal Detektiv gespielt, indem er einen Mörder aufgespürt hat und deshalb statt der Polizei, in Gestalt von Inspektor Graven, einen herausragenden Platz in den Zeitungen bekam (Bischof: „Einen Tag vorher stand hier noch Brigitte Bardot). Er wird in eine Kleinstadt strafversetzt und dorthin begleitet von seiner Haushälterin Mrs. Smith.

Dort eingetroffen, macht er auf der Suche nach Geldgebern für den Kirchenausbau Bekanntschaft mit dem verarmten Lord Kingsley, der ihm einige Aktien übergibt. Beim Bankier Conelly erfährt Pater Brown jedoch, dass diese völlig wertlos sind. Kurz darauf wird im Hotel von Pater Browns altem Bekannten Flambeau der Bankier Conelly während der Übertragung eines Fußballspiels im Fernsehen ermordet. Die Fernsehübertragung (mit der Stimme von Sportreporter Sammy Drechsel) wird durch einen Stromausfall unterbrochen. Der ebenfalls in das Nest strafversetzte Inspektor Graven ist ratlos. Kurz zuvor war eine Theatertruppe um den Schauspieler Emilio Scarletti im Hotel von Flambeau abgestiegen. Nun werden Pater Browns Aktien gestohlen und er erfährt durch seine Haushälterin, die durchs Schlüsselloch gespäht hat, dass Lord Kingsley der Dieb sei. Als Pater Brown die Aktien aus dessen Schloss zurückholen will beobachtet er, wie der Lord seine restlichen Aktien an den zwielichtigen Mr. Gordon verkauft. Pater Brown findet heraus, dass die vermeintlich wertlosen Aktien inzwischen auf den zehnfachen Wert gestiegen sind und dass der ermordete Bankdirektor Conelly kurz vor seinem Tod ein Telegramm mit eben dieser Nachricht erhalten hatte.

Pater Brown entdeckt bei einem Spaziergang auf einem Theaterplakat der Scarletti-Truppe eine Ähnlichkeit zwischen dem Aussehen von Scarletti und Gordon und schickt seinen Freund Flambeau, einen ehemaligen Safeknacker ins Theater um nachzusehen, ob sich die Aktien dort befinden. Stattdessen bringt Flambeau die gefundenen Aktien sogar mit zurück ins Hotel, was dem dort eintreffenden Inspektor Graven ausreicht, ihn zu verhaften. Notgedrungen muss sich Pater Brown nun wieder mit der Lösung des Kriminalfalles beschäftigen. Während der Theateraufführung wird Scarletti ebenfalls ermordet. Pater Brown hält erst Lord Kingsley für den Mörder, kann dann jedoch den Zwillingsbruder von Scarletti, der als Mr. Gordon aufgetreten war, überführen. Die darauf in den Zeitungen erschienenen Schlagzeilen veranlassen den Bischof, Pater Brown auf die abgelegene Insel Abbot’s Rock zu versetzen. Der abgelöste Pater Hilliard begrüßt ihn mit den Worten: „Diese Insel braucht weniger einen guten Priester als einen tüchtigen Kriminalinspektor.“ Pater Brown lächelt darauf verschmitzt und äußert, dass Gottes Wege unergründlich seien.

Rezension

Nicht leicht zu entscheiden, welcher der beiden Filme, in denen Heinz Rühmann den Pater Brown gespielt hat, der bessere ist, da beide Filme präsentieren sich als recht deutsche Irland-Darstellungen und handeln nach Geschichten von Gilbert K. Chesterton. Wir urteilen so: Der erste ist etwas atmosphärischer und spannender geraten, auch wenn er mit Helmuth Ashley von einem Regieanfänger inszeniert wurde, wohingegen der Nachfolger mit Axel von Ambesser einen der am meisten beschäftigen Theater- und Filmemacher jener Zeit als Regisseur vorweisen kann.

Der Nachname Ashley weist nicht auf eine direkte britische Herkunft hin und damit vielleicht auf den besseren Zugang, der Regisseur wurde in Wien geboren.

Wir schicken wieder voraus, dass wir die Vorlagen von Gilbert Keith Chesterton nur in Form einer einzigen Geschichte kennen, die in einem Sammelband klassischer britischer Kurzkrimis enthalten war, und das Lesen ist lange her. Trotzdem haben wir die Erinnerung, dass die Story weniger düster auf uns wirkte als vieles, was andere Autoren wie Agatha Christie oder Arthur Conan Doyle zur Anthologie beisteuerten.

Leicht und zum Schmunzeln ist auch „Das schwarze Schaf“ inszeniert, flüssig, unterhaltsam und mit einem Heinz Rühmann, der eindeutig bei sich selbst war und bewies, dass er einen Ermittler mit unterschiedlichen Zügen versehen konnte – zum Vergleich sehe man sich „Es geschah am helllichten Tag“ an, der zwei Jahre zuvor entstanden war und wesentlich mehr Wucht und Dramatik hat und einen viel ernsteren Rühmann zeigt als die beiden Filme, in denen er in die Robe eines irischen Dorfpfarrers schlüpft und die Kirchenoberen und die Polizei gleichermaßen nervt.

 Dieses besondere Verhältnis zur Polizei ist allerdings undeutsch, jedoch in sehr vielen britischen Krimis anzutreffen und wird in „Das schwarze Schaf“ gut ausgespielt. Wir kennen die Idee, dass eine findige Privatperson die professionellen Kriminaler in die Tasche steckt, zum Beispiel aus den vier Miss Marple-Filmen, deren erster zwischen den beiden Brown-Filmen verwirklicht wurde, wir sehen diese aufmüpfige, der zuständigen Autorität nicht gewogene Haltung auch bei Hitchcock, bei Sherlock Holmes und vielen anderen Vertretern der britischen Kriminal-Fiktion in Buch und Film. Wenn man sich diese Filme anschaut, kann man sich in der Tat fragen, wie Scotland Yard seinen berühmten Ruf erlangt hat. Anders aber zum Beispiel in den deutschen / deutsch-dänischen / deutsch-britischen Edgar Wallace-Filmen. Hier ist die Polizei meist in Form mindestens eines Kriminalers tatsächlich an der Lösung des Falls beteiligt. Auch hier gibt es allerdings immer wieder zusätzliche Privatermittler.

Das Problem mit dem eigenen Bischof als Chef, das Pater Brown immer dann hat, wenn er sich auf kriminalistische Abwege begibt, anstatt sich ausschließlich um seine Schäfchen zu kümmern, was ihn in den Augen der Kirche zum schwarzen Schaf werden lässt, erinnert uns deutlich an Don Camillo und dessen Dauerclinch mit Rom. Der eine macht Politik, der andere ermittelt schwere Verbrechen aus. Beides ist weltlich und damit einem Pfarrer wesensfremd, sagt die Katholische Kirche. Die Anklänge werden durch ebenjenen Umstand verstärkt: Da Irland katholisch ist, trägt Pater Brown eine ähnliche Soutane wie Don Camillo, zelebriert ähnliche Messen und hat Bischöfe in prächtigen Amtszimmern als Chefs. Der Katholizismus ist eindeutig mehr eine Show als das Lutheranische, das kommt jedem damit befassten Film zugute und scheint überdies den Humor zu fördern.

Der sprachorientierte Humor ist es, der Pater Browns Wesen kennzeichnet – somit die Dialoge des Films. Da ist tatsächlich Witz drin, außerdem wird nebenbei viel übers Christentum erklärt. Mag man von der Amtskirche halten, was man will, die Botschaften des Pater Brown sind humanistisch im christlichen Sinn und angelegt und zeigen gegenüber Verbrechern mindestens so viel differenzierte Aufgeschlossenheit wie ein Tatort aus 2012 oder 2013.

Mit anderem weltanschaulichem Hintergrund, verständlicherweise. Eine verlorene, einzelne Seele, für die gebetet werden muss auf der einen, der von den sozialen Verhältnissen dominierte und durch sie negativ geprägte Charakter auf der anderen Seite.

Überall aber die deutliche Kritik an Gier und Materialismus, und wir sind durchaus der Ansicht, dass es nicht auf die ideologische Herkunft einer Erkenntnis, sondern auf diese selbst ankommt und auf das Handeln, das aus ihr erwächst.

Die Motive der Täter in den Geschichten des Pater Brown, die mit Heinz Rühmann als Titelfigur verfilmt wurden, sind regelmäßig materieller Natur. Es geht nicht um Liebe und Eifersucht, es geht nicht um düstere Serienkiller, vielmehr hat der Täter oder haben die Täter und Täterinnen finanzielle Aspekte als Antrieb ihrer mörderischen Handlungen. Das ist dieselbe Grundposition wie z. B. in den Krimis von Agatha Christie. Da viele Menschen dasselbe Ziel haben, nämlich durch das Um-die-Ecke-bringen bestimmter Personen zu Geld zu kommen, gibt es auch viele nahezu gleichrangige Verdächtige und es scheiden nur die aus, die durch den wirklichen Mörder umgebracht werden. Dieses Szenario sehen wir auch im zweiten Pater Brown-Film „Er kann’s nicht lassen“, dessen zweiter Episode auf einem solchen Herrensitz spielt.

Eine Ausnahme vom Schema sei erwähnt: Den ersten Fall in „Das schwarze Schaf“. Da wird ein gedemütigter Vater zum Rächer an jenem Tunichtgut, der seine Tochter in die Prostitution getrieben hat. Dieser Fall erzeugt den Nachteil, dass der eigentliche erst nach einer halben Stunde beginnt und dadurch vergleichsweise gerafft daherkommt und die Wendungen sehr rasch gefilmt werden müssen. Wir sind, das haben wir beim gleich aufgebauten „Er kann’s nicht lassen“ schon geschrieben, keine Freunde dieser Teilung in eine Art Vor-Handlung, die so viel Raum einnimmt und in ein Hauptereignis, das dementsprechend zu kurz kommt. Auch Tatorte mit einer solchen Plotanlage gab es schon, aber ebenso wie im Kino hat sich dieser lange Vorlauf, auch wenn er der Charakterisierung der Hauptfigur dienlich sein mag, nicht durchgesetzt.

Im ersten Film aber ist deshalb jedoch eher verständlich, weil sie uns die damals neue Figur des Paters und diesen running Gag mit den Versetzungen näher bringt. Ansonsten hätte man dies alles geschickt in Dialoge oder gar in Rückblenden fassen müssen, und das wiederum widerspricht der doch sehr bieder-zuverlässigen und nicht auf intellektuelle Anstrengungen zielenden Konstruktion dieser Kriminalkomödien. Wir meinen, die beste Variante wäre gewesen, den Film am Bischofssitz beginnen zu lassen und das bis dahin Geschehene wäre nur anhand von Presseartikeln und dem Dialog zwischen Brown und seinem Bischof erhellt worden. Dann wäre der Schluss auch eine eindeutigere Motiv-Wiederaufnahme der Anfangssequenz gewesen und der Film im Ganzen spannender, weil man den Hauptteil mit mehr Details und prägnanter ausgestalteten Figuren hätte zeigen können.

Diese sind, bis auf Pater Brown, dessen Haushälterin, den bekehrten Gauner Flambeau (gespielt von Siegfried Lowitz, der etwa gleichzeitig auch in den Edgar Wallace-Filmen tätig war und dessen Konversion zum Gesetzestreuen mit der Serie „Der Alte“ ihren Abschluss fand) eher einfach organisiert und gewinnen keine Macht über den Zuschauer. Einzig Fritz Rasp als Pleite-Lord hat in Ansätzen das Dämonische, das ihn in den von Fritz Lang inszenierten Mabuse-Filmen auszeichnete und wiederum in den Edgar Wallace-Adaptionen. Er ist aber letztlich nicht der Bösewicht.

Vielmehr kommt es zu einer Auflösung, die uns wiederum Schwierigkeiten macht. Ist es, weil wir den Film mehrfach gesehen haben oder ist es, weil es so auf der Hand liegt, dass wir lange vor Pater Brown wissen, wie die Sache mit dem toten Banker und dem toten Theaterdirektor gelaufen ist? Leider  haben wir nun einmal den Film schon mehrfach gesehen und können daher kaum beurteilen, ob wir schneller als Brown geahnt hätten, dass es Zwillingsbrüder gibt, von denen einer in Sachen Mord unterwegs ist, während der andere ihm das Alibi stellt. Eigentlich eine perfekte Sache, wenn da nicht diese Spiegelgeschichte im Theaterkeller gewesen wäre. Seltsam, so ein Spiegel an diesem Ort, aber wir wollen nicht zu fitzelig sein.

Zudem sind Spiegel ja literarisch-filmisch immer so schön doppelbödig und hintergründig, zeigen uns das andere, das böse Ich, lassen uns vor uns selbst erschauern, wenn wir es geschafft haben, bis zur betreffenden Szene in die gespiegelte Figur einzusteigen. Wer in einem Spiegel gezeigt wird, der wird Probleme bekommen, so viel ist fast immer gewiss.

Logisch ist die Handlung durchaus, schließlich basiert sie auf einem jener britischen Krimis, die handwerklich stets hohes Niveau hatten, ja, die an ihrer Tauglichkeit als Krimi gemessen wurden. Das Kombinieren, das ist der Kern, die Ermittlung eines Mörders ohne technische Hilfsmittel  – sondern nur aufgrund der richtigen Bewertung und gedanklichen Verknüpfung von Indizien. Hätte es in jenen Zeiten, in denen diese Klassiker entstanden, bereits die DNA-Analyse gegeben, wäre uns viel erbauliche Kriminalliteratur nicht zugewachsen. Die Ballistik hingegen, ausgewertet durch die Kriminaltechnik, ist nicht schneller als der Grips von Pater Brown, das zeigt sich in „Das schwarze Schaf“ im aussichtslosen Wettlauf der gut ausgerüsteten Polizei mit des Pfarrers scharfem Verstand.

Immerhin kommen beide Parteien zum selben Ergebnis und dadurch der Seelsorger auf die Lösung. Nicht immer sind seine Kombinationen übrigens zwingend, man darf sie ruhig mit einem Augenzwinkern aufnehmen, gemäß dem Stil der Inszenierung. In dieser Beziehung ist z. B. Miss Marple wesentlich besser und wirken die Handlungen in den Christie-Adaptionen daher als Krimis stärker aufgebaut.

Das Milieu erinnert ebenfalls an eine Christie-Verfilmung: Den dritten Miss-Marple-Streifen mit dem Namen „Vier Frauen und ein Mord“ und wird in beiden Filmen ein wenig trashig dargestellt – Provinzschauspieler mit Ambitionen, die mehr chargieren als wirklich spielen.

Finale

Zu Heinz Rühmann und dessen Ausnahmestellung im deutschen Nachkriegskino haben wir uns in der Rezension zu „Er kann’s nicht lassen“ und in den Beiträgen zu anderen Filmen mit ihm bereits geäußert. Daher dieses Mal eine Konzentration auf den britischen Krimi und seine filmischen Umsetzungen und einige Themen über den Fall hinaus, die in den Kinostücken verarbeitet werden.

Beide Filme unterscheiden sich qualitativ nur wenig, wir bevorzugen „Das schwarze Schaf“ knapp.  Das ist für einen reinen Unterhaltungsfilm deutscher Herkunft aus jenen qualitativ mageren Kinojahren eine recht hohe Wertung (die Edgar Wallace-Filme, die wir bisher rezensiert haben und als kleine Reihe beim Wahlberliner veröffentlicen werden, kommen auf ca. 60 bis 75 von 100 Punkten.

Heinz Rühmann, mag sein Typus auch nicht sehr der Originalfigur des Pater Brown entsprechen, macht den Unterschied. Auch Margaret Rutherford war ein komplett anderer Typ als die von Agatha Christie beschriebene Miss Marple und hat diese Figur doch bleibend interpretiert. An die MGM-Verfilmungen mit ihrem britischen Charme reichen die Bavaria-Produktionen nicht heran und auch dies drückt sich in den Bewertungen aus.

71/100

Zeitgenössische Kritiken

© 2020, 2014 (Entwurf 2013) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Helmuth Ashley
Drehbuch István Békeffy,
Hans Jacoby,
Gilbert Keith Chesterton (Romanmotive)
Produktion Utz Utermann
Claus Hardt
Musik Martin Böttcher
Kamera Erich Claunigk
Schnitt Walter Boos
Besetzung

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