Crimetime 452 - Foto © MDR / Wiedemann&Berg, Stephanie Kulbach
Eingesperrt oder ausgebremst
In der Vorschau hatten wir schlimmste Befürchtungen geäußert, die schlicht darauf beruhten, dass es mit dem Weimar-Tatort so weitergehen könnte wie bisher. Und die Hoffnung geäußert, es könnte sich doch etwas ändern, denn die Hoffnung … genau. Immerhin steckt Kommissar Lessing dieses Mal in U-Haft – und das, während Kollegin und Mutter Dorn gerade den fünften Geburtstag des gemeinsamen Sohnes vorbereitet. Sie: „Versuch, es positiv zu sehen – falls du nach der Geburtstagsparty noch hier bist, brauchst du nicht mit aufzuräumen.“ Sinngemäß wiedergegeben. Wie das bei uns ankam und alles andere, was wichtig ist, steht in der -> Rezension.
Handlung
Die Weimarer Kommissare Kira Dorn und Lessing bringen den Schrottplatzbesitzer Harald Knopp vor Gericht. Er soll vor 15 Jahren eine Kunstsammlerin ermordet haben. Knopp präsentiert im Prozess überraschend den Neffen der Ermordeten, Rainer Falk, als Entlastungszeugen und wird freigesprochen. Kurz darauf findet Lessing den erschossenen Knopp.
Als sich herausstellt, dass der tödliche Schuss aus Lessings Dienstwaffe abgegeben wurde, gerät der Kommissar unter Mordverdacht. Die Sonderermittlerin Eva Kern, eine ehemalige Kollegin von Kurt Stich, übernimmt den Fall. Mit ihr ist nicht gut Kirschen essen. Lessing landet in einer Zelle, Kira Dorn wird wegen Befangenheit von den Ermittlungen abgezogen. Unterstützt vom frischverliebten Polizisten Lupo setzt sie dennoch alles daran, Lessings Unschuld zu beweisen.
Sie sucht Knopps Bruder Georg und dessen Frau Hannah auf, die als Schauspielerin von einem eigenen Theater träumt. Von ihnen erfährt sie, dass Harald Knopps esoterisch interessierte Ehefrau Birte ihren Mann trotz des Freispruchs verlassen hat. Birte glaubt nicht an seine Unschuld und ist überzeugt davon, dass der Gott des Unheils für ihre ganze Misere verantwortlich ist.
Auch Rainer Falk macht sich schwer verdächtig, als er auf Knopps Schrottplatz Birte mit Waffengewalt zur Herausgabe einer alten indischen Statue zwingen will. Kiras Eingreifen verhindert Schlimmeres. Falk kann entkommen, doch in derselben Nacht wird ein Mordanschlag auf Falk verübt – von einer Frau in einem grünen Parka, wie Kira ihn trägt. Die Sonderermittlerin löst eine Fahndung aus. Um ihre Unschuld zu beweisen und den wahren Täter zu schnappen, müssen Kira Dorn und Lessing vor den eigenen Kollegen fliehen.
Rezension
Der dumme Spruch, den wir oben wiedergegeben haben, hat „funktioniert“. Weil Kira Dorn ihn gleich selbst bewertet: „Ist nicht witzig!“ (wieder dem Sinn nach beschrieben). Stimmt. Ist es nicht. Und das zu erkennen, ist ein Riesenschritt nach vorne nicht nur für den 9. gemeinsamen Tatort von Lessing und Dorn, sondern für die Weimar-Schiene. Da hätten wir beinahe laut applaudiert, so gering sind unsere Ansprüche an „MDR 2“ mittlerweile („MDR 3“, wenn man den Magdeburg-Polizeiruf einzieht).
Wenn Kira Dorn eine Schnute zieht, um dann überraschenderweise zu weinen, ist man erst einmal verstört, weil man das nicht kennt, weil man nicht gerne sieht, wenn Menschen kummert haben, aber wenn man es erst einmal auf Authentizität prüft, muss bisher einiges schiefgelaufen sein. Sagen wir mal: Es hätte schlimmer sein können. Und vor allem Nora Tschirner weist sich als durchaus variabel und kann einen etwas ernsteren Ton adaptieren, wie er in diesem Film vorherrscht – während wir bei Christian Ulmen noch skeptisch sind. Nicht nur seine wenig klare Sprechweise, auch der Stil hat sich nicht groß verändert. Wenn er ins Gefängnis geht, ein Alptraum für einen Polizisten, wirkt das eher, als wenn jemand sich im Streit um den Speiseplan der Kantine mit nicht durchsetzen kann. Eine Kantine scheint es in Weimar aber nicht zu geben, wir können uns jedenfalls nicht an eine dort angesiedelte Szene oder eine Inbezugnahme dieses Ortes in diesem oder einem der vorhergehenden Lessing-Dorn-Tatorte erinnern.
Nicht zum ersten Mal setzt man hier sehr gute Episodendarsteller ein, aber in „Der wüste Gobi“ konnte auch der stets großartig spielende Jürgen Vogel den Film nicht herausreißen – es hängt eben zu viel vom Drehbuch ab. Das Buch von „Die harte Kern“ erlaubt es aber der harten Kern, gespielt von Nina Proll, und ihrer gewissermaßen Gegenspielerin Hannah Knopp (Katharina Schubert), Akzente zu setzen, die sich mit einer flüssigen Handlung vertragen. Der Plot ist unglaubwürdig, aber dies zu sehr in den Vordergrund zu rücken, würde zu reihenweise sehr schlechten Bewertungen der neueren Tatorte führen. Wir sind davon weitgehend abgekommen, mangelnden Realismus noch mit Abzügen zu quittieren, eher ist es so, dass ein Film, der wirklichkeitsnah ist und auch sonst viel bietet, Sonderpunkte bekommt. Bisher kam es dadurch aber nicht zu Wertungen, die von der Logik des Punkteschemas her nicht möglich sind („12/10“).
Warum die harte Kern nun wirklich so hart (geworden) ist, erfahren wir nicht abschließend, aber die Vermutung steht im Raum, dass menschliche und berufliche Enttäuschung dazu geführt haben. Nina Proll hat hier genau die Aura, die es für eine solche Figur braucht – und Katharina Schubert kann wieder als Verwandlungskünstlerin brillieren, die taff ist, aber sich einer hoffnungslosen Sache verschrieben hat. Freilich kann sie dem Film aufgrund viel weniger Spielzeit für ihre Rolle nicht so den Stempel aufdrücken wie in „Anne und der Tod“ oder „Falscher Hase„, die sie mit ihrem Spiel nicht nur bereichert hat, der erstgenannte Film ist sogar etwas wie ein Special für sie. Damit hat sie nun innerhalb eines halben Jahres den dritten Tatort-Einsatz und wenn es so weiterläuft, wird sie wohl bald in ein Team, also auf die Polizeiseite, wechseln und dort nicht mehr die naive Versierte, sondern die clevere Einfache spielen.
Vielleicht trifft sie dort auf einen Typ wie Lupo, den sie hemmungslos manipulieren darf. Die eigentliche Tragik von „Die harte Kern“ ist nicht, dass die Kern eine verbitterte Effizienzmaschine geworden ist, nicht, dass der Kommissar mit der Tolle ein paar Tage hinter Gittern ist, sein Chef steckt ihm sowieso einiges an Lektüre zu und die Zelle sieht auch recht adrett aus. Auch, dass Kira Dorn nicht mehr ermitteln darf, einen Stinkefinger zeit, die Waffe abgeben muss und sich die Symbolik des Ausbremsens in einem blauen Motordreirad ausdrückt, das sie am Ende aus Tarnungsgründen benutzen muss, ist zwar nett gemacht, aber es reich ja noch, um gerade rechtzeitig damit auf dem Schrottplatz einzutreffen.
Traurig ist die Tatsache, dass sich wieder einmal ein Polizist unglücklich verliebt. Das konnte ja nicht gut gehen, schon gar nicht bei Lupo – und wir ahnten, wer „Aurelie“ ist, bevor Lupo und sie erstmals zusammen gezeigt werden.
Finale
Ein Tatort, der die bisherige Verfahrensweise ironisiert, ohne sich ganz davon abzuwenden, ist jedenfalls mutiger, als immer weiter schlechte Gags am Fließband zu produzieren und dabei so hemmungslos zu übertreiben, dass man als Zuschauer eine schlechte Stimmung mit in die neue Woche nimmt, wenn sich zwischen Tatortende und Montagsgesichtern in der U-Bahn nichts herausragend Schönes ereignet.
„Die harte Kern“ hingegen nimmt alles, was bisher zu dicke kam, so zurück, dass die wenigen Witze gar nicht toll sein müssen, sie wirken entspannend, weil sie in verträglichen Abständen kommen. Außerdem dürfen Schauspieler wie Thorsten Merten (Kommissariatsleiter Stich) auch mal zeigen, dass sie ernst und empathisch können und damit dem Weimar-Tatort endlich zu etwas mehr Menschlichkeit verhelfen.
Sicher ist es den Machern nicht leicht gefallen, von ihrem eigenen Anspruch etwas wegzunehmen, der da lautet, die höchste Dichte an dummen Sprüchen zumindest direkt nach Münster zu poduzieren. Münster hat aber den Vorteil, dass die Sprüche dort auf mehr Personen verteilt werden können und es gleichzeitig eine größere Bandbreite an Zielpersonen und der Satire zugänglichen Umständen gibt – während in den Weimar-Fällen alles auf Dorn und Lessing konzentriert ist. Der Anfang ist auch noch wie gewohnt und Menschen mit Behinderung werden kräftig diskriminiert. Es wirkt, als hätten sich die Autoren nach den ersten Seiten entschieden, den Ton zu mäßigen.
Wenn „wenig ambitioniert“ bedeutet, dass weniger angestrengt auf wizisch gemacht wird, darf es für uns gerne weniger ambitioniert sein. Ein vergleichsweise lockerer Ton ist ja immer noch drin und der eine oder andere schrille Gag – wie der tote Vogel, welcher der harten Kern vor die Füße fällt – ist weiterhin zu verzeichnen. Jetzt haben wir uns gar nicht damit auseinandergesetzt, wie wir den Umgang des Films mit dem Thema Esoterik wahrgenommen haben. Lieber nicht verschreien.
Dafür lösen wir aber noch auf, dass die wahrnehmbaren Veränderungen einen handfesten Grund haben: Das Drehbuch stammt erstmals bei einem Weimar-Tatort nicht von Pflüger und Clausen oder einem der beiden. Offenbar war es nicht gelungen, ihnen eine etwas gepflegtere Gangart abzuringen. Das gewählte Titelfoto, das zu schlimmen Befürchtungen Anlass gab, ist ein arrangiertes „Still“, Lessing hält im Film nicht die Waffe an seine Schläfe.
Wir haben gerade in die Rangliste des Tatort-Fundus geschaut: Nur Rang 950 von 1103 mit schwachen 5,47 von 10 Punkten im Durchschnitt. Davon setzen wir uns deutlich nach oben ab:
7/10
Vorschau
„Ausgerechnet kurz vor dem fünften Geburtstag vom „Zwerg“ landet Papa Lessing im Knast. Der 9. Weimarer Tatort „Die harte Kern“ wird zum Spießrutenlauf für Hauptkommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner) und ihren Mann Lessing (noch immer ohne Vornamen, gespielt von Christian Ulmen) mit der kaltherzigen Sonderermittlerin Eva Kern, die die internen Untersuchungen gegen den Inhaftierten leitet. Der Kommissariatsleiter Stich sitzt dabei zwischen allen Stühlen, und der leicht verhaltensauffällige Schutzpolizist „Lupo“ ist hochgradig verknallt. Na das kann ja heiter werden„, schreiben die Ersteller der Plattform Tatort Fans.
Heute lasen wir auf Twitter (unter anderem):
„Seit langem scheinen wir uns in einer Situation zu befinden, die durch eine Sklerose der politischen Einbildungskraft gekennzeichnet ist. Man kann sich eher das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorstellen.“ (Berliner Zeitung)
Ganz so schwarz muss man es nicht sehen und vor allem soll man die Hoffnung nie aufgeben. Wir glauben zum Beispiel daran, dass wir das Ende des Weimar-Tatorts in seiner aktuellen Form noch miterleben werden, sofern gesundheitlich alles einigermaßen normal läuft. Aber Sklerose ist auch hier nach bisher nur acht Filmen schon ein gutes Stichwort: Vom unambitioniertesten Weimar-Tatort bisher schreiben einer der beiden Stammrezensenten vom Tatort-Fans-Team. Immerhin erfahren wir dadurch, dass die vorherigen Lessing-Dorn-Klamaukfilme ambitioniert waren.
Das ist eine neue Erkenntnis. War da nicht mal was? Doch, doch. Nachdem der erste der Mickmaus-Tatorte aus Thüringen gezeigt wurde, „Die fette Hoppe“, waren wir noch gar nicht so negativ. Aber dann ging es doch ganz schön abwärts und wir sind bei der niedrigsten Durchschnittsbewertung aller Tatort- (und mittlerweile auch aller Polizeiruf-) Schienen angelangt. Anders als das „System Münster“, das bei aller Gagverliebtheit immer auch wieder etwas Kritik an diesem und jenem Umstand unserer Zeit, ein paar halbwegs gelungene Momente offenbart und ansonsten von seiner erstklassigen Besetzung lebt, wird in Weimar wirklich nichts als Kinderniveau geboten.
Das heißt, die Ausstrahlung eines solchen Films muss mit einem jener Momente zusammentreffen, in denen wir das innere Kind so richtig freilassen und es außerdem nicht am Nörgeln ist, weil selbst ihm das Ganze zu dämlich erscheint. Seit wir die Filme aufzeichnen und selten exakt zeitgleich mit der Premiere, die meist sonntagsabends um 20:15 Uhr stattfindet, anschauen, können wir unsere Stimmungen und die Filme besser abstimmen. Theoretisch. Denn am Ende schauen wir meist dann, wenn ein Zeitfenster offen ist. In welche Abgründe des Flachsinns wir schauen werden, wenn das nächste Weimar-Zeitfenster auf uns wartet, werden wir sehen. Wir haben übrigens kein Problem damit, uns zu revidieren, aber etwas sagt uns, das wird wieder mühsam.
Trotzdem ist die Vorschau Pflicht. Dass sie so spät, ca. 90 Minunten vor der Ausstrahlung, kommt, ist kein Zufall. Wir haben uns übrigens vorhin geirrt. Am schlechtesten finden wir insgesamt die Tschiller-Tatorte aus Hamburg. Da kommt ja einiges an zusammen, was weg kann, bevor die Welt zu Ende geht.
Eine Sensation haben wir auch vergessen: Das Substantiv im Titel, das auch das Subjekt darstellt, fängt dieses Mal nicht mit demselben Buchstaben an wie das ihm vorangestellte Adjektiv. Doch eine Rückkehr zum gar nicht so üblen Ursprung? Nun aber nicht mit der Hoffnung übertreiben.
© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
Playlist
Die übrige Filmmusik wurde eigens für den Tatort von Tobias Felix Kuhn und Markus Perner komponiert und ist nicht im Handel erhältlich. Vor- und Abspannmusik stammt von Klaus Doldinger.
| Titel | Komponist | Interpret |
|---|---|---|
| Strawberry Fields forever | John Lennon, Paul James Mccartney | Beatles |
| Turkey in the straw | Alan Silvestri | |
| Abracadabra | Steven Haworth Miller | Steve Miller Band |
| My heart will go on | Will Jennings, James Horner | Celine Dion |
| Madonna | Isobel Jane Baxter Phillips, Christopher Nicholas Ostler, Thomas Gordon Mcnair Taylor, Tom Dewhurst | Black Honey |
| Nothing’s gonna hurt you baby | Gregory Steven Gonzalez | Cigarettes after sex |
| Under your spell | Carole Sager, Bob Dylan | Carole Sager, Bob Dylan |
| I put a spell on you | Jay Hawkins | Creedence Clearwater Revival |
| Burn it Down | Igor Alexandre Haefeli, Elena Veronica Tonra | Daughter |
| Between the Bars | Steven Paul Smith | Steven Paul Smith |
| Days | David Bowie | David Bowie |
Besetzung und Stab
| Kriminalhauptkommissarin Kira Dorn | Nora Tschirner |
| Kriminalhauptkommissar Lessing | Christian Ulmen |
| Kommissariatsleiter Kurt Stich | Thorsten Merten |
| Polizist Lupo | Arndt Schwering-Sohnrey |
| Sonderermittlerin Eva Kern | Nina Proll |
| Hannah Knopp | Katharina Marie Schubert |
| Georg Knopp | Marc Hosemann |
| Birte | Julika Jenkins |
| Harald Knopp | Heiko Pinkowski |
| Rainer Falk | Jan Messutat |
| Rechtsanwalt Willi Wollnitz | Bernd Hölscher |
| Staatsanwältin Vogel | Pegah Ferydoni |
| Rosa Falk | Heide Simon |
| Musik: | Tobias Kuhn |
| Markus Perner | |
| Kamera: | Aline Laszlo |
| Buch: | Sebastian Kutscher |
| Deniz Yildizr | |
| Regie: | Helena Hufnagel |
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