Auftrag per Post – Polizeiruf 110 / #Crimetime 462 #Polizeiruf110 #Hübner #Berghoff #Berlin #Datsche #Hübner #Auftrag #Post #DDR

Crimetime 462 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Der Twist mit dem Trick

Unsere Kenntnisse über Filme der Reihe Polizeiruf 110 aus den frühen 1980ern sind noch recht dünn, weil derzeit diese Jahrgänge nicht, anders als diejenigen der Jahre 1971-1976 oder 1985, durchgängig wiederholt werden. Aber durch den Episoden-Hauptdarsteller Herbert Köfer und natürlich durch Oberleutnant Hübner (Jürgen Frohriep) gibt es eine Verbindung zwischen den Filmen, die früher und jenen, die etwas später entstanden sind. „Auftrag per Post“ ist ein Whodunit mit einem starken Twist – wie der angelegt ist und was es sonst zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Klempner Klaus Ahnert erhält per Post die Anleitung zu einem perfekten Raub, der 90.000 Mark einbringen würde. Der anonyme Tippgeber stellt zur Bedingung, dass er 30.000 Mark des Gewinns erhalte. Klaus überredet den sich zierenden Fotografen Werner Brune, bei dem Diebstahl mitzumachen, der so einfach wie genial ist.

Lohnbuchhalter Herbert Siebert ist wütend, weil seine Frau nachts nicht nach Hause gekommen ist. Sie hat die Nacht mit Herberts und ihrem Kollegen März verbracht. Dass beide ein Verhältnis haben, ist ein offenes Geheimnis. Herbert holt am Morgen 90.000 Mark Lohngelder von der Bank ab. Er fährt mit dem Wagen zu seinem Wochenendgrundstück, um zu kontrollieren, ob seine Frau die letzte Nacht vielleicht dort war. Rund 50 Sekunden Abwesenheit vom Auto reichen aus, dass der mehrfach gesicherte Geldkoffer gestohlen wird. Dieser findet sich wenig später leer auf Herberts Wochenendgrundstück wieder. Herberts Wagen wiederum weist keinerlei Einbruchsspuren auf. Als dringend tatverdächtig wird Herbert verhaftet.

Er bestreitet die Tat vehement und auch Oberleutnant Jürgen Hübner kommen Zweifel, zumal dem überkorrekten Herbert schon der Diebstahl höchst unangenehm ist. Da ihm die Tat nicht nachzuweisen ist, wird er freigelassen. Die Ermittler haben keinen konkreten Anhaltspunkt für andere Täter und verdächtigen auch Herberts Frau und ihren Liebhaber. Beide haben jedoch ein Alibi. Jürgen Hübner kann schließlich die Tatabfolge rekonstruieren. Die Täter müssen einen zweiten Wagen so umgebaut haben, dass er dem ersten perfekt glich. Jürgen Hübner testet seine Annahme mit Leutnant Sabine Berghoff, die den Koffer in Wagen A stellt, der in ihrer kurzen Abwesenheit fortfährt und durch Wagen B ersetzt wird. Der Unterschied fällt ihr nicht auf, da an Wagen B die Schlösser und auch das Nummernschild ausgetauscht wurden.

Herbert Siebert hat sich nach seiner Haftentlassung in sein Wochenendhaus zurückgezogen. Wütend zerschlägt er ein Foto seiner Frau, findet hinter dem Rahmen jedoch eine getrocknete Blume und das Firmenschild des Fotografen, bei dem es sich um Werner Brune handelt. Herbert sucht ihn auf und lässt sich fotografieren. Werner erkennt Herbert, lässt sich jedoch außer einem unverbindlichen Lächeln nichts anmerken. Er berichtet Klaus, dass Herbert bei ihm war. Abends kehrt dieser mit Leutnant Kretschmar, der ihn aufgesucht hatte, in eine Bar ein. Klaus sieht ihn dort und hält ihn für den anonymen Auftraggeber. Er fragt ihn, ob alles in Ordnung sei, doch Herbert reagiert irritiert. Klaus entschuldigt sich bei ihm und geht. Leutnant Kretschmar folgt ihm und entdeckt in seiner Garage einen Wagen, der mit Herberts identisch ist. Bei einer genaueren Untersuchung des Wagens wird Kretschmar von Klaus niedergeschlagen. Wenig später sehen sich beide auf der Polizeiwache wieder. Bei Klaus wurden die alten Wagenschlösser und auch das frühere Autokennzeichen gefunden. Klaus gibt den Raub zu und führt die Ermittler zum gestohlenen Geld, das jedoch verschwunden ist. Den Anteil am Raub für den anonymen Tippgeber hatte Klaus bereits einige Zeit vorher anonym übergeben.

Renate Siebert spricht sich mit ihrem Mann aus. Sie berichtet ihm, dass Brune, mit dem sie einst ein Verhältnis hatte, der Vater ihrer Tochter Elke ist. Sie weiß allerdings, dass sie Brune viel über Herbert und seine Gewohnheiten berichtet hat. Einen Tag lang durfte Brune sogar das Auto der Familie nutzen. Renate hat all das auch der Polizei erzählt, die Brune nun vorlädt. Am Ende stellt sich heraus, dass Brune der anonyme Tippgeber war. Er hat nicht nur die 30.000 Mark als Tippgeber an sich genommen, sondern auch die 60.000 Mark aus dem mit Klaus angelegten Versteck gestohlen. Beide Männer werden festgenommen.

Rezension

Irgendetwas stimmt mit der Handlungsbeschreibung nicht – oder es gibt im Film dieses Problem ebenfalls, leider erinnern wir das nicht mehr exakt: Wir dachten, Brune und Ahnert hätten nach der Tat bereits geteilt: Brune hätte 30.000 für sich und Ahnert 60.000 für sich und für den Tippgeber an sich genommen. Es gab also ein gemeinsames Versteck. Nun ja. Aber als sich herausstellte, dass Brune der Tippgeber war, hat uns das wirklich verblüfft, weil wir mit dem Twist nicht gerechnet hatten.

Dass dem nicht so war, hat allerdings einen ziemlich simplen Grund: Von der Verbindung der Frau Siewert mit Brune erfährt man so spät, dass man ihn nicht ins Ratespiel einbeziehen kann – zumindest nicht, wenn man zur Voraussetzung macht, dass es irgendeinen Anhaltspunkt geben muss. Man kann anders vorgehen: Jeder ist verdächtig, der Tippgeber gewesen zu sein. Das hat dann aber einen gewissen Anstrich von Beliebigkeit. Den ersten Anhalt bekommt man dadurch, dass Siewert feststellt, ein Porträt seiner Frau wurde von Bruns angefertigt. Diese bemüht sich wirklich nicht sehr, ihre Verbindungen zu anderen Männern zu verbergen, ist aber nicht an dem interessanten Diebstahl beteiligt. Dieser wird dadurch ermöglicht, das jemand ein mit dem Wagen Siewerts baugleiches Fahrzeug präpariert und die Autos vertauscht und Siewert merkt es nicht.

Ob das glaubwürdig ist? Siewert gilt doch als so pedantisch und gewissenhaft und er merkt nicht, dass er in einem anderen Wagen sitzt? „Auftrag per Post“ ist nicht der erste Film, in dem vertauschte Autos vorkommen, aber wir haben bei dieser Art von Plot Zweifel, weil es immer individuelle Merkmale gibt, die sich nicht von einem Fahrzeug auf ein anderes übertragen lassen und wenn man (s)einen Wagen sehr gut kennt, fällt ein solcher Tausch normalerweise auf. Bei Mietwagen mag das anders sein, weil man sich an sie nicht gewöhnt und keine Dinge darin unter- oder anbringt, die für eine Individualisierung sorgen – wenn also Fahrzeuge getauscht werden, dann besser so, dass damit bei der Polizei für Verwirrung gesorgt werden soll.

Manchmal haben Polizeirufe Stars, um die herum der Film aufgebaut wird und weil die Perspektive, anders als in Tatorten, nicht bzw. nicht von Beginn an die der Polizisten sein muss, können wunderbare Charaktere gezeichnet werden. Die Stärke von „Auftrag per Post“ liegt denn auch einmal mehr in der Darstellung Herbert Köfers. Er kann diese ernsten, einzelgängerischen und sensiblen Typen so wunderbar interpretieren – auch im größeren Portfolio der Alt-BRD fand sich kaum jemand, der darin so gut ist und allein durch seine Darstellung dafür sorgen kann, dass die Zuschauer an einen Film angebunden werden, der ansonsten eher Distanzierung provoziert. Und das tut „Auftrag per Post“, der im Ton ziemlich ruppig ist und in dem auf eine Weise moralisiert wird, die wir schon kennen:

Aufgrund schlampiger Auffassung der Vorschriften werden Verbrechen erst möglich; in diesem Fall dadurch, dass Siewert allein unterwegs ist, um die Lohngelder zu transportiere. Auf eine sehr ähnliche Weise wiederholt sich dieses Szenario in „Freunde“ aus 1985.

Auch das ist mittlerweile ein Muster, wir haben es zuletzt in „Kein Paradies für Elstern“ gesehen: Es wurde in der DDR offenbar hart um die Arbeitsmoral gerungen, zu der auch rechnet, nicht aus Bequemlichkeit oder wegen „Effizienz“ die Sicherheit preiszugeben. Sicherheit ist ganz wichtig, aber schwer zu erzielen. Und wir stellen wieder fest, dass auch größere Betriebe die Löhne in den 1980ern noch bar und in diesem Fall sogar vierzehntägig ausbezahlt haben. Interessante Schlaglichter gibt es in diesem mit 81 Minuten für die Entstehungszeit recht langen, gleichwohl kurzweiligen 72. Polizeiruf aber zuhauf.

Hübner diskutiert mit Leutnant Berghoff, die in der Liste der Polizeirufe nicht als Co-Ermittlerin geführt wird, über Siewert und hat Sypmpathie für ihn. Es wird darüber philosophiert, warum gerade die gewissenhaften Menschen sich gerne den Spott der anderen zuziehen, Berghoff meint aber, es sei nicht ihre Gewissenhaftigkeit, sondern, dass Siewert, gemeint sind Typen wie Siewert, sich gerne absondern, nicht sehr gesellig sind, eben einzelgängerisch, „anders“. Sie werden von ihren Frauen nach Strich und Faden betrogen, die gerne etwas mehr Thrill in ihrem Leben hätten, darf man hinzufügen. Das bleibt so stehen und ganz langsam ergibt sich ein weiteres Bild: Der Konformitätszwang in der DDR erklärt, warum wir Ostdeutsche nicht selten als sehr mobbingstark und diskriminierend gegenüber allen, die nicht exakt ihrem Weltbild oder Schubladendenken entsprechen, wahrgenommen haben.

Die Polizeirufe spiegeln das auch dadurch, dass die „bunten Vögel“ meist die Verbrecher sind, zumindest war das in den Filmen der 1970ern noch ziemlich gängig. Wir wollen nicht behaupten, dass es diese Tendenz nicht auch in manchen Tatorten gibt, aber dieses „Drinnen-Draußen-Schema“ der frühen Polizeirufe ist nicht ganz so ausgeprägt und falls die Sprache in diesen Film am Arbeitsplatz der Realität damaligen Realität entspricht, kann von einer sanften, solidarischen Kollegialität, die eine menschlichere Alternative zum westlichen Konkurrenzmodell sein sollte, keine Rede sein.

Vielmehr verdichtet sich der Verdacht, dass die Abwesenheit von Vorteilen der Kooperation auf individueller Ebene durch die totale Ausrichtung aufs Kollektiv und die ideologisch begründete Ablehnung von „Manieren“ erheblich dazu beigetragen haben, die Sitten etwas basisch werden zu lassen. Auch deshalb hat uns Siewert leid getan; besonders, als sich alle im wörtlichen Sinn aus den Fenstern lehnten und gafften, als er abgeführt wurde. Neugierig sein – klar, aber sich nicht, dass es schon wie schadenfrohe Absicht wirkt, so offen gezeigt. Falls man denn den Moment der Abführung mitbekommen hätte, dass dies bei allen hier der Fall ist, wirkt auch ein wenig übertrieben.

Ein weiterer Kernpunkt sind die überall zerrütteten Familienverhältnisse. Niemand scheint eine funktionierende Ehe zu haben, auch Bergdorf, die wir hier erstmals gesehen haben, ist geschieden. Der Ton in den Familien oder zwischen Freunden ist ebensowenig empathisch wie am Arbeitsplatz und im Fall von „Auftrag per Post“, wo so viele negative Darstellungen aufeinandertreffen, ist es sicher nicht falsch, Systemkritik zumindest als eine Interpretationsmöglichkeit in Betracht zu ziehen.

Siewert ist hingegen die Identifikationsfigur für die Zuschauer und für ihn und seine feinfühlige Art macht der Film permanent Werbung. Sicher kann man fragen, ob er damit nicht seine Familie auch belastet hat, aber dass seine Frau sich nicht von ihm trennt, wird zwischenzeitlich als Berechnung, nicht als Ausdruck anhaltender Liebe dargestellt. Offenbar hat man in den 1980ern schon erkannt, andere Polizeirufe bestätigen diesen Eindruck, dass dieses Ruppige und immer äußerst stark Bewertende den Sozialismus nicht voranbringt, sondern seine Substanz von innen heraus angreift. Dazu passt wiederum, dass kaum eine Baulichkeit gezeigt wird, die nicht schadhaft ist – besonders der Außenzustand, aber auch das veraltete Innere der Berliner Volksbank Ost sind wohl nicht zufällig gewählt. Irgendein etwas ansehnlicheres Gebäude mit einer Bankfiliale drin hätte sich gewiss finden lassen.

Zwischen dem Entwurf und der Veröffentlichung der Rezension lagen drei Monate, nur den aktuellen Absatz fügen wir ein, einige andere Stellen haben wir leicht geändert: Die Sets sind in vielen anderen Filmen schon hochwertiger als gerade hier und die Differenzierung der Charaktere nimmt immer mehr zu, gegenwärtig werden gerade die Jahrgänge 1977 und 1987 wiederholt. In ersterem sind schon Ansätze zur Aufweichung der recht strikten Linie der ersten Jahre zu erkennen und zuletzt schrieben wir nach dem Anschauen von „Zwei Schwestern“, es ist schade, dass diese intensive Charakterisierung, die sich die Polizeirufe zu eigen gemacht haben, nicht weitergeführt, sondern die Reihe innerhalb weniger Jahre nach der Wende weitgehend an den Tatort-Stil angeglichen wurde.

Finale

Für uns ist „Auftrag per Post“ ein U-Boot, bis zu einem gewissen Grad subversiv und die Zensoren ließen das auf der Ebene, die wir hier sehen, in den 1980ern durch. Wenn man so will, schlampige Dienstauffassung. Aber es hätte wohl für noch mehr Verstimmung gesorgt, wenn die Filme allzu sehr Schönfärberei betrieben hätten. Hübner ist dieses Mal mehr angekratzt als sonst und wenn man sein Verhalten in den Dienst der hier vorgenommenen Interpretation stellt, kann man es als verzweifelte Aufbäumen gegen die überall sichtbaren Zerfallserscheinungen deuten. Auffälligerweise geht er mit Ahnert , dem Mittäter, sehr viel sanfter um als mit dem Betriebsleiter, der, entgegen den Vorschriften, Siewert, den Eigenbrötler, der wohl seinen Betriebsleiter davon überzeugt hat, das Geld auch alleine sicher transportieren zu können, ohne Beifahrer die Löhne abholen lässt.

„Auftrag per Post“ ist ein sehr interessanter, aufschlussreicher Polizeiruf, den wir empfehlen, weil er so viel zeigt. Und natürlich wegen Herbert Köfers Siewert-Figur. Technisch fällt auf, dass die Filme aus der Zeit manchmal hinter Produkten der 1970er zurückbleiben: Das Bild ist körnig, die Farben wirken nicht so intensiv und naturalistisch wie in früheren Filmen und das Bild flimmert und zeigt stellenweise Fehlbelichtungen. Das ist nicht in allen Polizeiruf-Fällen aus der Zeit so, aber doch in vielen.

7,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans Joachim Hildebrandt
Drehbuch Hans Joachim Hildebrandt
Produktion Lutz Clasen
Musik Karl-Ernst Sasse

Jürgen Frohriep: Oberleutnant Jürgen Hübner
Bettina Mahr: Leutnant Sabine Berghoff
Klaus Nietz: Leutnant Kretschmar
Herbert Köfer: Herbert Siebert
Marita Böhme: Renate Siebert
Birgit Linke: Elke Siebert
Lutz Stückrath: Klaus Ahnert
Dieter Unruh: Werner Brune
Brigitte Heinrich: Ines Schramm
Anne Wollner: Irene Klausmann
Ilka Hügel: Angelika Bach
Erich Schäfer: Rudolf Papenbrodt
Walter Wickenhauser: Walter Kühne
Hanns-Jörn Weber: Lohnbuchhalter März
Annelies Edenharter: Frau Dörfler
Werner Kamenik: Herr Dörfler
Peter Panhans: Gustav

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