Todesbilder – Tatort 824 #Crimetime 461 #Saalfeld #Keppler #Leipzig #Sachsen #MDR #Tod #Bilder

Crimetime 461 - Titelfoto © MDR, Steffen Junghans

Somewhat predictable

Ein Knaller wird kommen, aus Leipzig. Irgendwann. Ja, daran glauben wir. „Todesbilder“ war’s noch nicht.

Eva Saalfeld und Andreas Keppler hatten in einem klassischen Whodunnit schlechte Karten. Wie hätten sie aus einem einzigen bösen Blick eines einzigen moralisch verwirrten Mannes erkennen können, dass dieser der Mörder zweier blühender junger Frauen ist, wenn sonst aber auch gar nichts darauf hindeutet?

Und sowas von blöd, dass alle Menschen in einer Zeitungsredaktion die gleiche Kamera haben, von der das gleiche Datenport-Verschlussteil immer mal wieder abfällt. Ja, wenn es keine Zufälle sind, dann sind es manchmal konstruktive Klemmfurze, die dafür sorgen, dass bei uns hin und wieder das Gefühl aufkommen lassen, die Tatorte seien auserzählt. Wir haben aber zu diesem Tatort noch einiges zu erzählen, es steht in der -> Rezension.

Handlung

Schreckliches Ende einer Hochzeitsfeier: Am frühen Morgen werden die Hauptkommissare Eva Saalfeld und Andreas Keppler an einen Tatort gerufen. Das frisch vermählte Paar, Annika und Peter, ist am Ufer eines Sees brutal erschlagen worden.

Die Kommissare vermuten den Täter unter den Hochzeitsgästen und bitten sie zur Abgabe einer Speichelprobe ins Präsidium. Florian Koll, ein enttäuschter Exfreund der Braut, folgt dieser Vorladung nicht. Beim Versuch, belastende Indizien verschwinden zu lassen, wird er von den Kommissaren beobachtet und gerät unter dringenden Tatverdacht.

Bei ihren weiteren Ermittlungen erfahren Saalfeld und Keppler von der Großmutter der ermordeten Braut, dass ein Familienmitglied bei der Hochzeit nicht eingeladen war. Zwischen Annikas Vater und ihrem Onkel, dem Fahrlehrer Horst Baumann, hatte es vor Jahren einen erbitterten Streit gegeben, in dessen Folge Annikas Vater an einem Herzinfarkt starb. Die Kommissare kommen einem dunklen Familiengeheimnis auf die Spur.

Kurz darauf wird Kerstin, eine junge Abiturientin, ermordet aufgefunden. Der Fotograf Roman Rustaveli macht wie immer Bilder vom Ort des Verbrechens – hinter der Absperrung. Eine Verschlusskappe, die Keppler direkt neben der Leiche findet, könnte zu dessen Kamera gehören. Keppler stellt fest, dass sowohl über die Braut als auch die Abiturientin vor ihrer Ermordung in der lokalen Zeitung Artikel erschienen waren – zusammen mit Fotos von Rustaveli. Eva, die Roman noch aus ihrer Jugendzeit kennt, ermittelt gegen den Mann, der ihre Nähe sucht – ein gefährliches Vorhaben.

Rezension

Ein weiteres Ärgernis: Die Motivation des Täters und die Art, wie er sich kenntlich macht. Todesbilder. Man stelle sich vor, ein bis dahin unbescholtener Mann verliert durch ein tragisches Unglück seine Familie und ermordet seitdem wahllos alle Menschen, die gerade besonders glücklich wirken. Dies auf besonders brutale und optisch schockierende Weise. Sogar die Kommissarin Saalfeld, die laut einem Zeitungsartikel einen „erfüllenden Beruf“ ausübt, gerät folgerichtig ins Visier dieses Mannes, damit in eine zwar blutige, aber nicht sehr dynamische Kriminalhandlung etwas Thrillwürze bekommt.

Wir weigern uns, der psychologischen Zeichnung dieses Täters zu folgen. Die Morde dieser Welt sind so nicht hinterlegt und es ist uns lieber, ein gut gefilmtes, klassisches Motiv bzw. subjektives Mordmerkmal wie Habgier steht hinter der Tat oder ein objektives, wie Mordlust. Mit diesen Merkmalen kann man die scheelsten Tätertypen konstruieren und auf die Wirklichkeit verweisen. Allein die Sammlung des BGH in Strafsachen füllt viele Bände mit tausenden von Fällen, die nicht nur juristisch interessante Konstellationen und wegweisende Urteile enthalten (weshalb sie in die Sammlung aufgenommen wurden), sondern Zeugnis davon ablegen, wie seltsam wir Menschen sein können und wie unendlich brutal und gewissenlos, wie roh und jenseits aller Ethik. Da steckt noch viel, viel Stoff für gepfefferte Krimis drin, welcher der drehbuchmäßigen Auswertung harrt.

Doch der Wunsch, etwas zu machen, das garantiert noch nicht da war, dies aber im konventionellen Muster „Wer ist der Täter?“ anzulegen, verleitet in Tatorten wie „Todesbilder“ dazu, die Glaubwürdigkeit komplett preiszugeben, ohne dass die Folge erkennbar satirisch oder, wie zuletzt bei Murot, als Schauermärchen daherkäme. Bei alldem war es dieses Mal auch noch leicht, den Täter zu enttarnen. Ein intensiver, traurig-verstört-wilder Blick des Layout-Redakteurs Klaus Mohr (Andrej Kaminsky) reichte aus, um uns auf die richtige Spur zu setzen – und wir rechnen uns nicht zu der Tatortverfolger-Fraktion, die behauptet, den Täter für gewöhnlich nach fünf Minuten zu kennen.

Wir glichen diesen Moment mit dem Ausschlussverfahren ab und waren uns sicher. Der Exfreund des Hochzeitspaares, das zuerst ermordet wurde, das wäre zu offensichtlich gewesen, er stand zu sehr im Mittelpunkt. Und der Fotograf, der gleichzeitig ein Verflossener von Eva Saalfeld ist? Es ist für uns nicht unmöglich, dass jemand, der von schockierenden Erlebnissen als Kriegsberichterstatter traumatisiert ist, komplett aus der Spur gerät. Aber normalerweise sind diese Menschen nicht mehr zu brutalen, geradezu ritualisierten Morden fähig – und vor allem dürfen sie keinen Migrationshintergrund haben. Migrationshintergrund bedeutet nach der ziemlich platten ARD-Ideologie immer die Unschuld. Da die Ideologie nicht in Richtung differenzierterer Wirklichkeit geändert werden darf, empfehlen wir, keine Verdächtigen mehr mit Migrationshintergrund darzustellen, denn in Wirklichkeit bedeutet deren Auftreten eine erhebliche Eingrenzung des Kreises möglicher Täter in einem Mordfall.

Das Ende der Geschichte. Am Schluss kommt es, wie es kommen muss – Eva Saalfeld gerät in die Gewalt von Klaus Mohr. Hier lernen wir den ansonsten knurrigen und unzugänglichen Kollegen Andreas Keppler als Mörderflüsterer kennen. Er bequatscht Mohr solange mit schönen Phrasen, bis dieser für einen Moment von Eva ablässt und überwältigt werden kann. Puh. Da haben wir alle nochmal Glück gehabt, das Leipzig-Duo bleibt uns erhalten. Demnächst kommt es sogar zusammen mit den Kölnern Ballauf und Schenk, wir sind gespannt und auch ein wenig besorgt darüber, ob dieses Quartett stechen wird. Wir haben eher den Verdacht, diese Cross-County-Tatorte werden gemacht, damit endlich etwas von der Akzeptanz, welche die Kölner seit Langem genießen, auf die Kollegen im Osten abfärbt.

Sie finden sich ein wenig. Da der Fall nicht wirklich viel hergibt und das Ende dazu ein wenig gehudelt wirkt, bleibt immens viel Zeit für Eva und Andreas. Die gute Botschaft: Man gewöhnt sich an das Procedere, das sie miteinander vollführen. Immer Anziehung, immer Abstoßung, dieses Mal auch noch Eifersucht seinerseits, weil der ehemalige Kriegs-, jetzt Hochzeitsfotograf auf den Plan tritt und, was die Emotionen verstärkt, zu den Tatverdächtigen gehört.

Am Ende gibt es eine Annäherung, eine sanfte, zwischen Keppler und Saalfeld. Das ist okay, weil längst überfällig. Man merkt doch seit vielen Folgen, dass die beiden sich noch immer mögen. Und wann, wenn nicht nach einer lebensbedrohenden Situation, soll sie sich mal an die Schulter ihres Retters lehnen? Wir hoffen jetzt nur, dass es beim nächsten Mal nicht von vorne losgeht, als sei dies alles nicht geschehen – leider operiert man mit vielen Teams nach dem Muster, weil man sich die konsequente Weiterentwicklungen offenbar nicht zutraut. Besser: Man traut dem  Zuschauer nicht zu, dass er mitgehen kann. Nachvollziehbar: Wäre das ganz anders, könnte man Folgen nicht mehr unabhängig voneinander betrachten, weil man nicht wüsste, warum sich das Verhältnis von Figuren zueinander so stark verändert hat. Es bliebe nur, alle bisherigen Folgen möglichst chronologisch anzuschauen.

Trotzdem plädieren wir dafür, dass aus der Spannung zwischen den beiden eine positive Energie wird. Bei einem Misanthropen wie Keppler nicht so einfach vorstellbar, aber er könnte ja einen Tick offener werden. Ohne seine Kanten zu verlieren. Also, die Ecken behalten, aber nicht mehr so seelisch wund daherkommen, weil mit Eva im Reinen und dadurch mehr in der eigenen Mitte. Das wär’s doch. Man merkt, wir sind von Hollywood-Happyends versaut oder einfach nur von dem, was wir uns im Leben für jeden Menschen wünschen. Dass er eine Nummer Eins findet und endlich aus der ollen Pension, diesem Sinnbild der innerlich Unbehausten und äußerlich Durchreisenden, in eine richtige Wohnung umziehen kann. Es muss ja nicht gleich die von Eva Saalfeld sein.

Schauspielerisch kann Wuttke gewiss noch mehr, als Keppler hier zeigen darf, Simone Thomalla als Eva Saalfeld bleibt auf dem Niveau, das sie in den vorangegangenen Folgen erreicht hatte und so schlecht, wie es manchmal gemacht wird, ist das nicht. Man muss ihre Leistung einmal ohne Allüren in Relation zu anderen Teams und zu den Nebenrollen in Tatorten setzen – und da fällt sie nicht ab, sticht aber bisher nicht hervor in dem Sinn, dass man sagen kann, sie trägt auch schwächere Fälle. Dass sie dies nicht kann, ist auch ein Grund dafür, dass die Handlungen der Leipzig-Tatorte kritischer bewertet werden. Sie werden schauspielerisch nur halb aufgewertet, nämlich durch Wuttke, nicht durch zwei kongeniale Partner und ein tolles Gesamtteam geadelt, wie in Münster.

Spot auf den Subtext und Fazit. Man spricht nicht umsonst von kritischer Distanz. Ausnahmsweise haben wir die Rezension zu einem Tatort erst sechs Tage nach seiner Ausstrahlung geschrieben und wir spüren diese Distanz. Optische Details des Films sind nicht mehr so stark präsent, was bleibt, sind Kerntatbestände und Eindrücke, welche die Atmosphäre und die Tendenz von „Todesbilder“ ausmachen.

Die Atmosphäre wirkt bei den Leipziger Tatorten besonders intim, weil es außer dem Duo Keppler-Saalfeld kaum relevante Figuren gibt, die in jeder Folge präsent sind; einzige Ausnahme ist der Kriminaltechniker Menzel, der aber als Persönlichkeit nicht sehr stark hervortritt. Dadurch, dass Keppler und Saalfeld einmal ein Ehepaar waren, dadurch, dass sie eine gemeinsame Tochter verloren, woran ihre Beziehung zerbrach und dass diese Leidenszeit durch den Tod der jungen Frauen in „Todesbilder“ wieder an die Oberfläche gespült wird, hängt sehr viel von der Stimmung zwischen diesen beiden Charakteren ab. Darauf hat man sich seitens der MDR-Macher eingelassen und da muss man nun durch und es wird niemals Tatorte mit Saalfeld und Keppler geben, die nicht stark durch deren Verhältnis zueinander bestimmt sind. Darin liegt immer noch eine Chance. Damit kann man sich immer noch von anderen Teams abheben, bei denen eben keine solche Konstellation vorliegt. Aber man muss auch mal Mut zeigen zu  Drehbüchern, die jenseits der Ermittlerbeziehung etwas Besonderes darstellen.

In „Todesbilder“ beschränkt man sich hingegen auf eine sehr einfache und bezüglich des Täters nicht gut hergeleitete Fallaufstellung, die zudem einen Subtext aufweist, der alles andere als frei von Kritik ist, diese aber so plump anbringt, dass man die Manipulation sofort durchschaut. Wenn man so will, ist hier Ost-Befindlichkeit erster Kajüte am Werk. Die beiden jungen Frauen, die umgebracht werden, sind Prototypen dessen, was man gerne als westlich ansieht. Sie sind exaltiert, selbstbezogen, sind ihre eigenen Stars, Sterne, um die Männer als Trabanten kreisen. Sie wirken hübsch, aber oberflächlich, auch wenn in einem der beiden Fälle gezeigt wird (ohne, dass dies irgendeine Relevanz hätte), dass von Seiten der Familie Druck ausgeübt wird, was das Erzielen eines guten Abiturs angeht. Eine Tatsache, die plottechnisch ganz sauber ins Abseits führt.

Hingegen hat man mit dem Täter streckenweise Mitleid. Und zwar nicht deshalb, weil  er seine Familie verloren hat, sondern weil er in einer Welt oberflächlicher Glücksgefühle und materieller Ankerpunkte für diese Glücksgefühle (wie das Abi-Auto-Geschenk für das zweite Opfer) herumlaufen muss. Im Grunde ist der Mann, wie er gezeigt  wird, Produkt einer Mentalität, welche die gegenwärtigen Verhältnisse beklagt. So, wie er seine Familie verloren hat, vermissen seine Schöpfer möglicherweise die Umsetzung ihres Weltbildes in unserer Realität. Wenn man genau hinschaut, wie die Familienangehörigen der Opfer gezeigt werden, die Mütter, im zweiten Fall der Vater, kann man dies erkennen. Alles einfältige Menschen, so wird es sicher nicht unabsichtlich vermittelt. Gäbe es  noch die große Gemeinschaft der Werktätigen, wären sie nicht so auf ihre unverständige Trauer zurückgeworfen. Dann wären aber auch die Morde nicht passiert, die letztlich darauf  fußen, dass ein Mann gegen eine Welt rebelliert, die von der Zeitung, bei der er arbeitet, abgebildet und durchaus positiv beschrieben wird, wo sie doch eigentlich hohl ist. Nur in einem Fall irrt Klaus Mohr: Bei Eva Saalfeld, die zwar beruflich erfüllt ist, aber durchaus leidgeprüft. Weil Kollege Keppler ihm das so eindrucksvoll einflüstert, stirbt sie ja auch nicht.

Wenn man sich bei einem Tatort als Drehbuchschreiber und Regisseur auf solche Subtexte konzentriert, anstatt einen glaubwürdigen Tätertyp zu entwickeln, ist man selbst Opfer einer zu einfachen Denkweise und auf eine andere Weise oberflächlich als die Figuren, die man hier gezeichnet hat und von denen die Kommissare mit ihren Biografieschäden überdeutlich abgesetzt werden.

Eine positive Grundstimmung bezüglich der Entwicklung des Teams kann das Gefühl nicht überlagern, dass dieser Tatort einen falschen Zungenschlag hat und an seiner allzu starken Vereinfachungstendenz leidet, diese aber wird auf eine hintergründige, nicht auf den ersten Blick wahrnehmbare und beinahe boshafte Art transportiert. 6,0/10 ist unsere Wertung, mit der wir uns Zeit gelassen haben, um unsere Wahrnehmung zu hinterfragen.

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Eva Saalfeld – Simone Thomalla
Hauptkommissar Andreas Keppler – Martin Wuttke
Gerichtsmediziner Dr. Johannes Reichau – Kai Schumann
Kriminaltechniker Wolfgang Menzel – Maxim Mehmet
Roman Rustaveli – Merab Ninidze
Horst Baumann – Peter Kremer
Florian Koll – Jörg Malchow
Annika – Lisa Bitter
Annikas Großmutter – Gudrun Ritter
Franz Mohr – Andrej Kaminsky
Annikas Mutter – Cornelia Köndgen
Gerda Baumann – Marina Krogull

Drehbuch – Miguel Alexandre
Regie – Miguel Alexandre
Kamera – Jörg Widmer
Musik – Dominic Roth

Andrew Ellington morona 1. Februar 2012 Gestern Abend gab es einen Tatort, bei dem ganz zuf� llig ein netter Feldwebel die Rolle des Guten hatte.

Angelo 28. Januar 2012 Gut gefuehrter Blog, gefaellt mir super. Auch tolle Themen.

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