Feindbild – Polizeiruf 110 Fall 316 / Crimetime 464 // #Polizeiruf #Polizeiruf 110 #Bukow #König

Crimetime 464 - Titelfoto © NDR, Christine Schroeder

Der leidende Ermittler

Ein Déjavu ist bei Reihen und Serien nichts, worüber man sich furchtbar aufregen muss, aber nach dem anstrengenden Zweiteiler „Wendemanöver“ sehen wir nun Buckow, der trotz des Endbuchstabens „w“ darauf besteht, „Buckoff“ zu heißen, einige Filme früher, genau gesagt in seinem dritten Polizeiruf – und schon wieder hängt er mittendrin in der Scheiße. Wir sind schon so gespannt, ob das in allen bisher 19 Polizeirufen mit ihm und LKA-Ermittlerin König ein Muster ist. Über dieses Muster und anderes zu „Feindbild“ schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Kriminalhauptkommissar Alexander Bukow muss sich einer Befragung durch Katrin König vom LKA unterziehen. Obwohl beide schon einige Fälle zusammen gelöst haben, ist die Situation dieses Mal eine andere, denn Bukow ist der Beschuldigte. Seine Kollegin untersucht einen Korruptionsvorwurf gegen ihn, denn in seiner Dienstzeit in Berlin hatte Bukow es unter anderem auch mit dem serbischen Bandenchef Zoran Subocek zu tun. Dieser hatte verlauten lassen, dass Bukow sein Informant gewesen sei. Nachdem Bukows Sohn in Berlin für einige Tage im Auftrag Suboceks entführt worden war, verschwand Beweismaterial gegen den Serben. Dies wird nun Bukow angelastet. Anhand aufgetauchter Fotos ist ersichtlich, dass Subocek Bukow und seine Familie auch in Rostock überwachen und beobachten lässt.

Nachdem Miroslaw Badza, der die Fotos von Bukow und König gemacht hatte, ermordet aufgefunden wird, hält König es kurzfristig für möglich, dass ihr Kollege Bukow gegenüber dem Mann handgreiflich geworden ist. Doch schnell stellt sich heraus, dass ein Lutz Brückmann zuletzt mit dem Opfer gesehen wurde und dass dieser auch sehr wahrscheinlich der Täter ist. Brückmann führte einen privaten Feldzug gegen Dr. Ferdinand Geiger, den Leiter eines Pharmakonzerns, da seine fünfjährige Tochter nach einer Impfung mit einem neuen, noch nicht ausreichend getesteten Serum, gestorben war. Badza arbeitete für Geiger, weshalb beide aneinandergeraten waren.

Da Miroslaw Badza nicht nur Serbe, sondern auch der Cousin von Zoran Subocek war, ruft dies den Mafiachef persönlich auf den Plan. Für Bukow ist klar, dass Brückmann damit ein Todeskandidat ist. Das bringt Bukow in einen gewaltigen Konflikt. Er gesteht König im Vertrauen, seinerzeit den Kronzeugen, der gegen Subocek aussagen wollte, verraten und Beweismittel manipuliert zu haben, um seinem Sohn damit das Leben zu retten. Wenn er jetzt den Mann festnehmen würde, um Brückmann vor Subocek zu schützen, wäre dies ein Todesurteil für ihn und seine Familie.

Während der Ermittlungen stoßen die Beamten auf den angeblichen Selbstmord eines Mitarbeiters der Pharmafirma, gegen die Brückmann kämpft und gegen die er Beweise gesammelt hat, was für König erst recht Anlass ist, sein Leben zu schützen. Nach Brückmanns Angabe wollte der Informant zur Polizei und der angebliche Selbstmord war das Ergebnis. Nach Königs Erkenntnissen ist selbst Staatsanwalt Evers mit in den Pharmaskandal verwickelt.

Brückmann läuft inzwischen Amok und dringt in Geigers Villa ein. Ehe er Geiger und seiner Tochter etwas antun kann, erscheinen Bukow und König. Doch auch Subocek ist in der Villa und erschießt Brückmann, woraufhin er von Katrin König festgenommen wird. Bukow bleibt skeptisch und befürchtet Konsequenzen der serbischen Mafia.

Rezension

Wir begreifen immer mehr, dass man die Reihen Tatort und Polizeiruf nur versteht, wenn man beide kennt.

Torben Gebhardt von Quotenmeter.de urteilte: „Es entspinnt sich ein sehr komplexer zum Teil kaum noch nachvollziehbares Konstrukt. […] Der Zuschauer bleibt zum Teil auf der Strecke, der Sehgenuss ebenfalls. Die Frage lautet auch, wie lange sich die Zuschauer mit Bukow als Antihelden noch anfreunden können, oder ob sich der Plot mit der Zeit zu stark abnutzen könnte. Wer will schon auf Dauer permanent mit Problemen behaftete Krimihelden auf der Mattscheibe sehen? Die Zukunft wird es zeigen.

In „Kindeswohl„, dem neuesten Buckow-König-Polizeiruf, dem ersten, den wir seit unserem Einstieg in die Polizeiruf-Reihe schon bei der Premiere rezensieren konnten, ist Buckow wieder schwerstens involviert, weil sein Sohn von einem Gleichaltrigen halb manipuliert, halb als Geisel genommen wird. Man glaubt es nicht, aber dieses Muster funktioniert seit neun Jahren. Aber im Jahr 2011, als „Feindbild“ gefilmt wurde, hatte der Tatort noch nicht nachgezogen. Besonders wichtig: Das Dortmund-Team mit dem schwerst angeschlagenen Peter Faber und seiner Vergangenheit gab es noch nicht. Immer wieder ragt die Vergangenheit in die Ermittlungen hinein – wenn auch meist nicht so, dass der Hauptfall damit verknüpft ist.

Rainer Tittelbach von tittelbach.tv urteilte: „Zwei tickende Zeitbomben machen Rostock unsicher und für Bukow wird es eng. Sarnau und Hübner machen so weiter, wo sie 2010 begonnen haben: physisch, dynamisch, realistisch. Atmosphäre triumphiert über Dramaturgie: Whodunit ist nicht! Die Handkamera ist der King, die Wahrnehmung ist flüchtig. Man bekommt eher mal etwas nicht mit, als dass alles erklärt würde. ‚Feindbild‘ arbeitet mit Andeutungen, Assoziationen, Auslassungen. Bei so viel Realismus ist es fraglich, ob das Schwein am Ende auch bekommt, was es verdient.“[1]

Ganz sicher ist es frustrierend, dass das Schwein am Ende nicht bekommt, was es verdient, aber so ist der Kapitalismus. Sehr witzig, dass das Schwein selbst das ausdrückt, was Katrin König angeblich über es denkt, was auf jeden Fall der Zuschauer über es denkt. Aber realistisch? Vielleicht das Schwein betreffend, wie es an der Kapitalvermehrung arbeitet, aber sicher nicht dessen Methoden und auch nicht den Hintergrund von Buckow betreffend. Unmöglich, dass er von einer Frau verhört oder „befragt“ wird, mit welcher er eng zusammenarbeitet. Das wurde nur so verfasst, damit beide gleich viel Spielzeit haben und auch gegeneinander gestellt werden können. Unmöglich ebenfalls: Dass man ihn als Mitverdächtigen nicht sofort vom Fall abgezogen hat. In „Wendemanöver“ ist das dann dann auch so ausgeführt, inklusive Suspendierung, und er tut, was alle Polizisten aus Leidenschaft in fiktionalen Features tun: Er macht inoffiziell weiter und riskiert damit auch noch seine sichere, gute Pension.

Sehr realistisch, angesichts der Entwicklung auf dem Rentensektor. Dass hingegen die Familien von Staatsdienern von der Mafia bedroht werden, ist wiederum nicht so unrealistisch, es wird unter anderem gemunkelt, dass man sehr mildes Urteil gegen überführte Clanies genau daher rührt, dass die Familien von Richter*innen ins Visier genommen werden. Das Gleiche lässt sich natürlich auch für Angehörigen von Menschen denken, die der Exekutive angehören. Das Gesamtszenario, vor allem zum Ende hin, wo es stark gequetscht wirkt, ist wiederum ziemlich überzogen.

In der FAZ schreibt Hannes Hintermeier: „Bis zur Halbzeit ist [der Regisseur] damit beschäftigt, den Fall zu verknäueln, zur Entwirrung wird die Zeit dann knapp. Also drückt der Film aufs Tempo, setzt zunehmend auf Action; die Handkamera, die Martin Farkas vielfach verwendett, verleiht der Szenerie etwas Fahriges.“[2]

Die Handkamera war schon eine Spezialität der Polizeirufe in der DDR-Zeit, die zuweilen rasanter gefilmt wirken als die gleichzeitig entstandenen Tatorte. Allerdings war damals die Handlung nicht so kompliziert. Atmosphäre dominiert über Dramaturige, schreibt Rainer Tittelbach. Das ist es, was wir bei den heutigen Polizeirufen schon entdeckt haben: Bei den Tatorten ist die Dramaturgie in der Regel besser, dafür sind die Plots der Polizeirufe sogar stimmiger. Nicht realistischer, aber sie haben weniger Logiklöcher, denn die Logiklöcher entstehen genau daraus, dass die Dramaturgie sonst genauso flach wäre wie bei den Polizeirufen. Es ist wirklich ein Jammer, dass man nie alles auf einmal haben kann. Nachvollziehbare Handlungen, die trotzdem in einem guten Rhythmus gefilmt sind. Der heutige Zuschauer verliert aber möglicherweise immer mehr den inneren Rhythmus, den sich einst große, wirklich große Spielfilm zunutze gemacht haben, um ein grandiose Abfolge lyrischer und dramatischer Elemente anzubieten und damit jenen Zuschauer bis zu drei Stunden lang zu fesseln.

Bei uns macht sich hingegen langsam etwas wie Enttäuschung über die modernen Polizeirufe breit. Es gibt Stimmen, die sie für besser als die Tatorte halten, weil eben realistischer, nicht so abgehoben wie manche Experimentalfilme der Parallelreihe. Uns sind, ehrlich geschrieben, die zeitweiligen Experimente lieber als die fast immer gleiche Machart heutiger Produktionen der Reihe Polizeiruf 110. Es gibt Ausnahmen, aber seit Schmücke und Schneider außer Dienst sind und man sie durch Brasch / Drexler ersetzt hat und Meister Krause in Rente gegangen ist, wirkt von MeckPomm bis nach Sachsen-Anhalt alles mehr oder weniger gleich graudüster. Und das ist schade.

Denn speziell Buckow und König bzw. deren Darsteller Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau hätten es garantiert drauf, abwechslungsreicher rüberzukommen und sowohl sie als auch Maria Simon, die (noch) in Brandenburg / Polen die Olga Lenski spielt, hätten es verdient, etwas lichtere Momente geschenkt zu bekommen. Wenn Kollegin Königs knackige, resolute und damit auf eine Weise doch optimistische Art nicht alles etwas mildern würde, könnte man Bukows ständige Leidensgeschichten nicht aushalten. Der Tatort Rostock hat Anneke Kim Sarnau eine Menge zu verdanken. Wie schlimm es wird, wenn eine Schauspielerin nicht dagegen hält, sondern sozusagen richtungstreu ist, sieht man in Magdeburg, wo Claudia Michelsens hermetische Interpretation der Brasch-Figur das Unangenehme noch verstärkt. Insgesamt sind die Frauen die stärkeren Figuren der heutigen Polizeirufe, aber bei diesen Inszenierungen haben sie eine Menge zu leisten, damit der Zuschauer nicht mit Depressionen in den Montag startet.

Deswegen sind wir auch skeptisch bezüglich der Regisseure. Insbesondere Eion Moore wird sehr gehypt, aber er hat diesen heutigen Stil hauptsächlich promotet und wir müssten mal genauer eruieren, ob er den von Tatort-Vorbildern übernommmen hat, oder ob es eher umgekehrt war, dass manche Tatort-Schienen sich an dieser Machart orientiert haben. Aber: So dunkelgrau ist keine von ihnen wie z. B. der Magdeburg-Polizeiruf, bei dem sich alle negativen Eigenschaften der Schwedenkrimis, die wohl die tatsächlichen Vorbilder darstellen, potenzieren.

Unter dem Mangel an Rhythmus leiden gleich zwei Dinge: Die Spannung und die Figurenzeichnung und damit auch die Möglichkeit der Identifikation. Man muss sich in „Feindbild“ an König klammern, die Unerschütterbare, falls man auf die Identifikation angewiesen ist. Wenn man das nicht schafft, hat man die Arschkarte, denn Buckow ist ungeeignet, sein netter junger Kollege, der ihm die Stange hält, hat zu wenig Spielzeit. Falls man die Sonntagabendunterhaltung immer nur so als ein bisschen Kick ohne Tiefgang ansieht, um überhaupt noch etwas wahrzunehmen, ist aber alles gut. Es kommt immer wieder zu Gewalt mit Blut und Schusswaffengebrauch ist ebenfalls zu vermerken.

Finale

Die Art, wie die Schauspieler heute agieren dürfen, nämlich um einiges freier als in früheren Zeiten, gleicht einige Mängel von konfektionierten Filmen wie „Feindbild“ aus, aber nicht alle. Und die Polizeirufe sind deutlich weniger variantenreich als die Tatorte – wie geschrieben, es gibt Ausnahmen wie zuletzt „Käfer und Prinzessin“, ein Brandenburg-Krimi mit Olga Lenski, der eine ganz eigene Melodie hatte, damals war aber auch Krause noch dabei. Der erste Film von Lenski mit Raczek, „Grenzgänger“, war leider ebenfalls ziemlich schematisch. Großes Kino sind diese Filme nicht, auch wenn mit der Musik und der Kameraführung viel Stimmung gemacht und Dynamik mehr suggeriert als realisiert wird.

Die von der Handlungslogik oft nicht so schlechten, aber eben nicht realistischen, sondern ebenso effektheischend und krude wie zielsicher an der Wirklichkeit vorbeikonstruierten Plots haben zudem den Nachteil, dass sie durch Überzeichnungen verwischen, wie gefährlich das Kapital wirklich ist. Man denkt sich als Zuschauer, jaja, alles überzogen, so kann das doch nicht laufen, irgendwann würde ein Typ wie Geiger stolpern, der so viele verschiedene Manipulationen vornimmt und Verbrechen ausführen lässt – und in Echt vielleicht nicht die Mafia, mit der er sich eingelassen hat, kraft seiner Persönlichkeit in Schach halten könnte, um vor Erpressung sicher zu sein.

Allein die Menge an Tricksereien, die wir in „Feindbild“ sehen, verstellt den Blick darauf, dass eine einzige davon ausreicht, um für dieselbe Schieflage zu sorgen: Zum Beispiel die Beeinflussung der Politik der, wie hier, der Justiz in Form des ehrgeizigen Jung-Staatsanwalts. Der Part mit den neuen Medikamenten ähnelt der von älteren Tatorten, etwa von „Teufel im Leib“, den wir jüngst rezensiert haben.

Die Bewertung für den überkonstruierten und zu monoton gestalteten „Feindbild“ fällt halbwegs passabel aus, weil es die coole König schafft, ihm doch ihren Stempel aufzudrücken.

Wir müssen vor der Veröffentlichung einen Nachsatz beifügen: Wir haben gerade „Zwischen den Welten“ angeschaut, der zweieinhalb Jahre nach „Feindbild“ Premiere hatte – der Film ist trotz der schrecklichen Aufklärung von Katrin Königs Fluchtgeschichte wesentlich zugänglicher und es werden in den kommenden Buckow-König-Rezensionen weitere Differenzierungen zu vermerken sein, die auch das Wirken von Eion Moore in einem positiveren Licht erscheinen lassen. Die vorliegende Rezension ist trotz ihrer unauffälligen Nummer 464 eine besondere. Wir haben damit nach 16 Monaten die Zahl an veröffentlichten Rezensionen überschritten, die über den gesamten Zeitraum, in dem der „erste “ Wahlberliner bestand (27.03.2011 bis 31.12.2016), geschrieben und publiziert wurden.

6,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Eoin Moore
Drehbuch Eoin Moore
Produktion Iris Kiefer,
Ilka Förster (Producerin)
Musik Warner Poland,
Kai-Uwe Kohlschmidt, Wolfgang Glum
Kamera Martin Farkas
Schnitt Dagmar Lichius

Anneke Kim Sarnau: Katrin König vom LKA
Charly Hübner: Alexander Bukow, Kriminalhauptkommissar
Andreas Guenther: Anton Pöschel
Uwe Preuss: Henning Röder
Andreas Patton: Lutz Brückmann
Jürg Löw: Dr. Ferdinand Geiger
Aleksandar Jovanovic: Zoran Subocek
Josef Heynert: Volker Thiesler
Kai Scheve: Evers, Staatsanwalt
Maja Schöne: Teresa Brückmann
Fanny Staffa: Vivian Bukow
Klaudiusz Kaufmann: Limousinenfahrer
Luca Maric: Miroslaw Badza
Anika Wangard: Polizistin
Claudia Eisinger: Nachbarin
Ingrit Dohse: Dr. Lindner

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