„Risse in der Mauer: Die Musikkultur der DDR war bunter und widerständiger, als viele im Westen glauben.“ (Andreas Peglau, Rubikon) – Kommentar

Nicht hauptsächlich über Musik

Der ehemalige DT64-Moderator und promovierte Psychoanalytiker Andreas Peglau hat in Rubikon gestern einen sehr interessanten Text über die DDR-Musikkultur veröffentlicht.

Wir sind ja nun keinen Spezialisten für Rockmusik made in GDR, warum befassen wir uns mit diesem Beitrag?

Weil wir ihn zum Lesen empfehlen wollen und weil wir ihn zur Reflexion verwenden. Weil er offensichtlich von großer Sachkunde zeugt und weil wir der DDR-Alltagskultur vermehrt nachspüren. Wir haben uns zunächst mit den wichtigen DEFA-Filmen befasst (zentral 2016 bis 2018, vor allem im Wege von „70 Jahre Defa“, die Rezensionen sind hier noch nicht veröffentlicht) und rezensieren seit März 2019 intensiv die Krimireihe Polizeiruf 110. Für uns war es super spannend, ob man das, was Peglau über die Musik geschrieben hat, auf die Film- und Fernsehproduktion übertragen kann. Ich meine: Man kann – zumindest teilweise. 

Zunächst fällt aber auf, dass Peglau auf den Unterschieden zwischen DDR und dem NS-Staat besteht, immer wieder darauf zurückgreift.

Diese Art von Rechtfertigung ist ein bisschen schade. Nicht, weil sie falsch ist, sondern, weil der Autor meint, eine Selbstverständlichkeit verteidigen zu müssen. Mich greift das immer an, dass Menschen mit DDR-Sozialisierung sich dazu genötigt fühlen. Jeder, der a.) ein wenig Kenntnisse hat und b.) es nicht aus Gründen politischer Propaganda tut, wird nicht den totalitären NS-Staat mit der DDR-Diktatur gleichsetzen, was die Grade von Unrecht und die totale Kontrolle über die Menschen angeht.

Wenn ich einen Bezug zum Hier und Jetzt einbringen möchte, dann den, dass gerade angesichts des Versuchs einer in Maßen linkeren, menschenfreundlicheren Politik in Berlin aber von politischen und journalistischen Flachzangen diese Gleichsetzung vorgenommen wird. 

Die vielen Textbeispiele aus DDR-Rocksongs sind beeindruckend – welche Parallelen gibt es nun zu den visuellen Medien?

Ich möchte ein längeres Zitat mit diesem eingebundenen Liedtext vorstellen:

1986 wurde Kerschowskis LP Weitergehn veröffentlicht. In Noch ‘n Liebeslied (Text: Lutz Kerschowski) finden sich diese Verse:

„Wenn ich müde bin und deprimiert
Wenn ich keinen seh‘, der was riskiert
Wenn ich fluche auf das ganze Land
Und krieg mich selbst kaum in die Hand
Dann lass mich bloß nicht fallen
Dann spann ein Netz für mich
Ich balancier‘ vor allen
Die auf der Kippe steh‘n wie ich
Und ich verlass mich auf dich.“

Von der in der Propaganda vielfach beschworenen sozialen Geborgenheit war hier nichts zu spüren.

Niemals hätte sowas im „Dritten Reich“ veröffentlicht werden können. Aber mich hat etwas anderes getriggert. Dass die in diesem Lied ausgedrückte Stimmung exakt zu dem passt, was wir in den Polizeirufen der Jahre 1985, 1986 als Grundtenor wahrgenommen und vielfach beschrieben haben. Unser Erstaunen darüber, wie melancholisch die Stimmung in diesen Filme oft ist, hält noch an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Zensur nicht bemerkt hat, dass die Regisseure und Autoren sich ausführlich übers Privatisiere ausließen, über mangelhafte Arbeitsmoral und schlechte Materialversorgung, über verfehlte Schicksale, niemals erfüllbare Sehnsüchte, die nichts mit dem Aufbau des Sozialismus zu tun haben, über viel menschliches Unglück, das auch aus mangelnder Orientierung an einer größeren Sache herrührte. Wir haben nun auch den Jahrgang 1987 durch und ich meine, eine Veränderung zu erkennen: Den letzten Versuch, es nochmal handfester anzugehen, die Filme werden kräftiger, farbenfroher, hin und wieder geradezu retrospektiv, greifen auf Muster aus den 1970ern zurück, als man noch recht offensiv und eindeutig war. Mit abnehmender Tendenz bereits im Verlauf dieses ersten Jahrzehnts der Reihe.  Gerade läuft das Jahr 1988 an, ich bin so gespannt darauf, wie dieses und 1989 sich anfühlen. 

Welcher weitere Text war in Bezug auf die Polizeirufe besonders interessant?

Das Lied, dessen Strophe wir zitieren, stammt von der LP „Februar“ von „Silly“.

Auch bei dem folgenden, bereits Anfang 1987 geschriebenen Text derselben LP ging es nicht um westliche, sondern um die längst ebenfalls in der DDR grassierende, von der Staatsführung geförderte Konsumorientierung (8).

Alles wird besser (Text: Werner Karma)

Wir wollen die Dose Spray unterm Arm
Wir wollen den wollweichen Streichelcharme
Wir wollen die Droge Asiatischen Tee
Und Unterweltpornos aus Übersee
Wir wollen die Umwelt, wir wollen Benzin
Und übersinnliche Energien
Wir wollen schön sein, aber auch klug
Doch in jedem Falle
In jedem Falle
Reich genug
Alles wird besser
Alles wird besser
Aber nichts wird gut

Diese Platte erschien zwar erst im Februar/März 1989 (9). Aber auch Anfang 1989 ahnte noch niemand in Ost oder West, dass im Herbst desselben Jahres die DDR-„Wende“ einsetzen sollte. Der DDR-Staatsapparat hatte keinesfalls auf Toleranz — oder gar „Glasnost“ à la Gorbatschow — umgeschaltet; noch immer wurde zensiert und reglementiert.

Das ist nun schon etwas übersetzter. Den Konsumismus finden wir in DDR-Polizeirufen vielfach. Kaum zu fassen, was sich Menschen in der Mehrzahl der Filme alles einfallen lassen, um über das hinaus, was ihr offizielles Einkommen erlaubt, konsumieren zu können. Das zieht sich durch fast zwei Jahrzehnte hindurch. Klar, auch im Westen wurde das thematisiert und Gier ist immer noch allgegenwärtig und war nie so maßlos wie heute – aber die Reibung zwischen sozialistischem Denken und Konsumwünschen hätte es gar nicht geben dürfen, wenn die Menschen einem humanistischen Ziel und nicht ihren kleinen egostischen Motiven verpflichtet gewesen wären. Warum waren sie das nicht? Meine Interpretation ist die, dass der Sozialismus gefakt war.

Weitgehend jedenfalls und immer mehr zum Ende hin. Es gab keine Freiheit und keine Selbstermächtigung und wenn Peglau den Marx zitiert, der dem Individuum seine Entfaltung zugestehen möchte, dann hat man in der DDR etwas Wichtiges vergessen oder im Lauf der Zeit immer mehr missachtet, weil man immer ängstlicher und immer mehr auf Fehlervermeidung als auf beherztes Nach-vorne-Arbeiten ausgerichtet war. Deswegen wirken die Appelle an die Eigenverantwortung, die in Polizeirufen von den Ermittler*innen häufig geäußert werden, auch so hilflos. Selbst diese damals sehr beliebten Darsteller*innen konnten selbstständig-verantwortliches Denken und Handeln nicht einfach herbeireden. Ich glaube mittlerweile, dass man anfangs einen schwierigen Ist-Zustand zeigen und programmatisch daran arbeiten wollte, dass mit der Zeit – immer weniger zu berichten ist. Das Brutale und Böse und Unsozialistische verschwindet peu à peu und man kann sich immer mehr auf die Feinjustierung konzentrieren. So kam es aber nie.

Ist die Gleichsetzung der DDR vor ihrem Zerfall mit der heutigen BRD in einem solchen Text sinnvoll?

Ein bisschen reingepfriemelt, aber nicht sinnlos. Wenn ich mir die heutigen Filme der beiden Reihen Tatort und Polizeiruf anschaue, dann gibt es abseits aller stilistischen Unterschiede eine immer deutlicher werdende Negation der Ordnung, des Überblicks und Optimismus ist mittlerweile schon, dass es kleine persönliche Zeichen gibt, die nicht ganz so negativ sind wie das Umfeld, in dem sich alles zuträgt. Die einstige Annahme, Unordnung sei die Ausnahme und nach der Täterermittlung greift wieder der Normalzustand, hat sich fast umgekehrt. Es wird nichts besser und es wird auch nicht gut dadurch, dass man einzelner Delinquent*innen habhaft wird. Die Kritik ist freilich viel deutlicher und wird nicht nur gezeigt, sondern auch in dialektischer Form dargeboten. Das war so in den DDR-Polizeirufen nicht möglich, da musste man sich mehr darauf verlassen, dass die Zuschauer*innen schon wissen werden, wie sie das, was sie sehen, zu interpretieren haben. Zwischen den Zeilen ist so viel Raum.

Und die Wirklichkeit, die sich darin ausdrückt?

Das Schlimme ist, dass der Gierkapitalismus unserer Tage viel mehr Schäden anrichtet, als die kleine DDR es je hätte können. Niemand, der in diesem ausgereizten System mental noch verortet ist, hat eine Lösung für die Zukunftsprobleme. Man macht einfach weiter, Augen zu und durch. Wie damals. Und mit welch furchtbar niedrigem Argumentationsniveau. Aber wie soll man eine auserzählte Story auch noch lebendig halten als mit plumper Verzerrung und schrillen Vergleichen. Dass Menschen sich dessen nicht entblöden, zeigt, dass wir aus vielen Fehlern der Geschichte nicht gelernt haben. Nicht einmal, dass auch wir mit Westprägung uns genauer anschauen sollten, warum die DDR gescheitert ist. Ohne ideologische Scheuklappen. Wenn wir das tun, werden wir sehen, wie viele Parallelen zwischen damals, zwischen der Wendezeit und heute, es tatsächlich gibt und wie alles fortwirkt, was man damals schon falsch angelegt hat.  

Aber Kritik ist noch möglich, um auf diese Ebene zurückzukommen.

Bisher wird vor allem versucht, Begriffe umzudeuten und Denkverbote durch moralischen Druck zu installieren. An administrativeren Erweiterungen wird ständig gearbeitet. Vor allem würde die Politik gerne unabhängige Medien behindern. Dafür wird ein Gesetz nach dem anderen erlassen, das in diese Richtung zielt: NetzDG, DSGVO, neues Urheberrecht.

Eine kritische Musikszene nehme ich im Moment nicht in der Form wahr, dass sie den Mainstream auch nur berührt. Nur in den linken Szenen, eher schon in der linken Subkultur, gibt es noch das, was man als Protestsong bezeichnen kann. In den Rundfunk gelangt es in der Regel nicht. Ins Bewusstsein der Mehrheit gelangt es nicht. Die Mehrheit ist heute weitaus verpennter als die DDR-Bürger*innen es waren. 

Peglau spricht auch die anderen Medien kurz an – die Filme beispielsweise.

Er berichtet über die Musikszene der 1970er und vor allem der 1980er, in welcher er verortet war. Die DEFA hatte ihren Crash bereits 1965 und das Vor und Zurück, das für den Umgang mit der Musikszene beschrieben wird, das aber bezüglich der Phasen von Lockerung und engerer Zensur zeitlich wohl nicht so genau festzulegen ist, kann man das für die Filmwirtschaft klar benennen:

„Das 11. Plenum des ZK der SED (16. bis 18. Dezember 1965) bedeutete eine Zäsur in der Entwicklung der DDR. Der ursprünglich als Wirtschaftsplenum (Beschluss der zweiten Etappe des „Neuen ökonomischen Systems der Planung und Leitung“, NöSPL) konzipierte Gipfel des Zentralkomitees der SED (ZK) entwickelt sich zu einer „Kahlschlag-Diskussion“ der Jugend- und Kulturpolitik. Eingeleitet wurde dies schon auf dem 9. ZK-Plenum von Walter Ulbricht. Aufgrund der gravierenden Folgen für die Kulturpolitik und -landschaft der DDR wird die Tagung auch als „Kahlschlag-Plenum“ bezeichnet.“ (Wikipedia)

Das, was z. B. in den Polizeirufen deutlich nachhallt, hat Christa Wolf auf diesem Plenum zusammengefasst: 

Christa Wolf übte Kritik an der Kulturabteilung, indem sie sagte, dass nicht die Literatur an der Unmoral der Jugend Schuld wäre, sondern „eine Leere, in die unsere mangelnde geistige offensive Anziehungskraft Teile der Jugend geführt hat, durch die Hohlräume entstanden sind, in die jetzt selbstverständlich fremde, feindliche Ideologien eindringen.“ Sie kritisierte den vorherrschenden Ökonomismus, weil er keine anderen Ziele als Wohlstand propagierte. Außerdem plädierte sie für einen Dialog zwischen Ost und West.

Und weiter mit dem Erklärungstext:

Das Plenum beendete eine kurze Phase der Liberalisierung nach dem VI. Parteitag der SED 1963. Das Umschwenken der DDR-Führung ist in einem engen Zusammenhang mit dem Machtwechsel in der Sowjetunion zu sehen (Leonid Iljitsch Breschnew).

Einer der bekanntesten Filme, die dem „Kahlschlag“ zum Opfer fielen, ist „Spur der Steine“ (1966). Zwei Jahre zuvor zeigte Konrad Wolfs Verfilmung von Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ noch, was möglich gewesen wäre. Für mich ist seine Adaption des Stoffes, die einen intensiven Blick auf die sozialistische Option und die Gefahren ihres Scheiterns beinhaltete und nebenbei auch den Westen recht treffend porträtiert, wie er sich heute allemal darstellt, einer der besten deutschen Nachkriegsfilme. Auf den Osten bezogen: Sozialismus ist eine ernsthafte Sache, die von innen heraus verstanden und angenommen werden muss, damit sie funktioniert. Im Westen machte sich niemand einen solchen Stress. Denn was zeichnete sich damals ab und ist heute noch Stand? Das System basiert im Wesentlichen auf einem geistig hohlen Konsumismus, der von immer weniger Menschen auf einigermaßen (ersatzweise) befriedigendem Niveau ausgeübt werden kann. Die allgemeine Ratlosigkkeit, die daraus entsteht, auch unter denen im Osten, die sich ihm angeschlossen, ihn mangels funktionsfähigem Sozialismus sogar herbeigesehnt haben, geht konsequenterweise mit „Demokratieverlust“ einher, weil Demokratie vor allem als Konsumfreiheit verstanden wird. 

Sollte man sich die alten DDR-Platten anhören, wenn man für die heutige Situation etwas lernen will? 

Ich werde dazu in nächster Zeit kaum kommen, aber ganz sicher ist das ein wenig, seine Kenntnisse über die deutsch-deutsche Geschichte und ihre vielen Facetten zu vertiefen. Und, ja, etwas darüber zu lernen, was die Menschen damals bewegte und wie frappierend die Ähnlichkeiten mit dem sind, was die etwas nachdenklicher veranlagten unter uns heute auch umtreibt. Ich bespreche hier nicht alle diese Texte, aber sie sind nicht schwer verständlich und – die Kritik ist gar nicht so unterschwellig, wie man denken sollte. Da gibt es auch einen Unterschied zu dem Alltagskulturprodukt, mit dem wir uns derzeit hauptsächlich auseinandersetzen: In Songs kann man eben nichts zeigen, man muss es beschreiben. Visuelle Medien offenbaren mehr Spielräume. Jedes optische Detail kann ein Hinweis sein. 

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s