Flirting with Disaster – Ein Unheil kommt selten allein (Flirting with Disaster, USA 1996) #Filmfest 58

Filmfest 58 A

Vorwort 2019 / 2020

Wir machen es nun hier auch einmal wie bei „Crimetime“ und zeigen eine „Originalrezension“, wie sie für den „ersten Wahlberliner“, in diesem Fall im Jahr 2011, geschrieben wurde. Die Reihen „TatortAnthologie“ und „FilmAnthologie“ starteten seinerzeit parallel Anfang April 2011 und zeigten eine Zeitlang etwa die gleiche Anzahl von Beiträgen – dann zog die „TatortAnthologie“ davon und kam bei Schließung des „ersten Wahlberliners“ Ende 2016 auf etwa die doppelte Zahl an Kritiken. Liegt die Nachfolgerubrik „Crimetime“ sogar mit ca. 8:1 vorne – die Filmrezensionen sind derzeit zudem nachträgliche Publikationen, das echte Verhältnis beträgt fast 14:1. Umkehren werden wir das sicher nicht, aber das Ziel ist, in wenigen Jahren zu einem ausgeglichenen Verhältnis zu kommen.

„Flirting with Disaster“ war der zwölfte Film, den wir für die damalige FilmAnthologie besprochen haben, die Auswahl zufällig und das Resultat für uns enttäuschend. Selten lag unsere Bewertung für einen Film so weit unterhalb des IMDb-Durchschnitts.

Inhalt: 

 Der Biologe Mel Coplin wurde als Kind adoptiert. Er und seine Ehefrau Nancy haben einen vier Monate alten Sohn, den sie nicht taufen lassen wollen, bis Mel seine leiblichen Eltern gefunden hat. Die Psychologiestudentin Tina Kalb hilft bei den Recherchen und will über die Suche ihre Diplomarbeit schreiben.

Mel, Nancy und Tina fahren nach San Diego, wo Mels angebliche Mutter Valerie Swaney lebt. Mel lernt sie und seine Schwestern kennen. Es erweist sich aber, dass er nicht aus dieser Familie stammt, da ein Datenfehler des Adoptionsbüros die falschen Familienmitglieder zusammengeführt hat.

Infolge dieses Fehlers erweist sich der Fortgang des Films für die Hauptperson zunehmend als eine Odyssee, in der er sein wahres Ich Schritt für Schritt zu verlieren droht. Nach einem weiteren Umweg findet Mel gegen Ende des Films in New Mexico seine wahren Eltern, Mary und Richard Schlichting, die sich – verglichen mit den zuvor erlebten Kalamitäten – als die eigentliche Katastrophe erweisen, aus der heraus nur noch die kopflose Flucht möglich ist (Zusammenfassung aus der Wikipedia).

Kurzkritik:

 Die Suche eines adoptierten Sohnes nach Identität wird zur Beziehungskrise und zum Roadmovie. Die Gags sind zahlreich und die Dialogfrequenz ist hoch.

Mit kleinem Budget gedreht, lebt die Komödie nicht von ihren visuellen Effekten oder einer aufwendigen Inszenierung, sondern verlässt sich auf die Wirkung ihrer Schauspieler.

Bis auf Patricia Arquette als Frau des Wissenschaftlers Mel Coplin schafft es jedoch keine der Figuren, mehr als ein Stereotyp zu sein. Vielleicht bei einer gag-akzentuierten Komödie nicht anders zu erwarten.

Die Botschaft, dass es manchmal besser ist, die Vergangenheit ruhen zu lassen und sich mit einer adoptierten Identität zu begnügen, ist allerdings deutlich wahrnehmbar und wird mit vielen Katastrophen, bedingt durch Coplins Suche nach seiner wahren Herkunft, belegt.

Ob man das gut findet, hängt wohl ein wenig davon ab, ob man der These zustimmt, dass es nicht auf die wirkliche, sondern auf die gelebte Identität ankommt und dass man jedenfalls als Säugling in ein Umfeld kommt, das man nicht selbst bestimmen kann.

Rezension:

  1. Die Figuren

Die Frauenfiguren Nancy Coplin (Patricia Arquette) als Ehefrau des nach Identität suchenden Wissenschaftlers Mel Coplin (Ben Stiller) und Tina Kalb, die junge Vermittlerin aus der Agentur, die seinerzeit Mels Adoption in die Wege geleitet hat, sind die Figuren, die am meisten Wirkung ausstrahlen. Patricia Arquette ist in jedem Film präsent, ihre Wahl ist ein Glücksfall für „Flirting with Disaster“. Sie transportiert die Rolle der Frau, die von ihrem Mann mit Aktionismus überrollt wird, anstatt dass er sich um die Beziehung mit ihr kümmert, glaubwürdig und mit der maximalen Intensität innerhalb dessen, was der Film zulässt.

Téa Leoni als verständnisvolle Agenturmitarbeiterin, die deshalb im ganzen Movie dabei ist, weil sie Mels Fall für eine Studie zwecks Promotion verwenden will und Teil des Ganzen und Teil einer Dreiecksbeziehung wird, wäre dramaturgisch nicht notwendig gewesen. Sie bindet aber, hübsch und auch ein wenig zerbrechlich, einiges an Sympathie.

Ben Stiller als Mel Coplin bleibt bis zum Ende ein emotional eher unterbelichteter Typ und ist zu sehr mit der Produktion von Situationen, unter denen andere leiden, beschäftigt, als dass er einen überzeugenden Sinn- und Identitätssucher abgeben könnte.

Echte und falsche Eltern werden in allen möglichen Kombinationen gezeigt, keine der Figuren kann sich hier wirklich auszeichnen, am meisten gewinnen die Adoptiveltern noch an Statur, die anfangs so nervig sind, dass man Coplins Suche nach der wahren Herkunft durchaus nachvollziehen kann. Schließlich aber zählt der Vergleich mit den echten Eltern von Mel, und da kommen die Adoptiveltern gut weg.

Insgesamt sind die Figuren vom Slapstick dominiert, „Flirting with Disaster“ ist kein Beziehungsfilm. Er flirtet zuweilen mit den Figuren, aber er geht keine Beziehung mit ihnen ein.

  1. Handlung

 Das Roadmovie, das sich aus Coplins Suche nach den Eltern entwickelt, indem er zunächst zweimal auf die falschen Personen trifft, wird überlagert von zu vielen Elementen und Gags.

Vollkommen überflüssig ist das schwule Polizistenpaar, das seine eigene Identität dadurch finden will, dass es möglicherweise ein Kind adoptiert. Eine Spiegelung von Coplins Leben als Adoptivkind, aber mit einem gewissen Beigeschmack, auf den wir bei „Tendenzen“ noch kommen werden.

Der Aufbau der Handlung muss nicht auf Logik untersucht werden, es wird ohnehin klar, dass hier eine Reihe von Unwahrscheinlichkeiten die Dinge voranbringt. Das ist auch bei guten Komödien schon oft so gewesen und niemand hat es bemängelt.

Aber ist der Film nun eine atemlose Aneinanderreihung von Höhepunkten wie andere Komödien, die auch keine besonders stark akzentuierte Dramaturgie aufwiesen, sondern als Feuerwerk komischer Situationen brillierten? Eher nein. Dazu sind die Gags zu mittelmäßig. Da ist nichts, was so originell wirkt, dass es einen bleibenden Eindruck hinterlässt und wiederum als Zitat für weitere Filme dienen könnte.

  1. Tendenzen

Als Einstieg für die Darstellung der Tendenzen des Films, zu denen die Botschaft gerechnet werden muss, wählen wir die User-Votings der IMDb.

„Flirting with Disaster“ wird von Frauen durchweg schlechter bewertet als von Männern. Der Grund liegt auf der Hand. Keine Frau und junge Mutter, oder eine Frau, die sich in eine junge Mutter versetzen kann oder überhaupt eine Frau, zumal eine attraktive Frau, will mit einer anderen attraktiven Frau um einen mittelmäßigen Kerl kämpfen. Und dabei so treu und manchmal auch passiv wirken, wie Patricia Arquette es hier tut, die nicht einmal die Beziehung zu Mel infrage stellt, obwohl dieser eigentlich nur mit sich selbst beschäftigt ist, und zwar bis zum Ende des Films.

Alle Altersgruppen haben den Film weitgehend gleich bewertet (insgesamt mit 6,8/10), bis auf eine, die sonst eher über dem Schnitt votet: diejenige der Minderjährigen. Es ist erkennbar, dass diese Altersgruppe das Identitätsthema noch nicht auf dem Schirm hat und auch die Gags, die damit flirten, nicht besonders originell findet. Vor allem junge Frauen strafen den Film geradezu ab.

Manchmal spüren Menschen sehr genau den Subtext, und der ist hier frauenfeindlich. Das hätten wir natürlich gerne, dass die sinnliche Patricia Arquette und die elfenhafte Téa Leoni gleichzeitig hinter uns her wären und dass wir gar nichts dafür bieten müssen. Kommt im Kino immer wieder vor, dass Frauen überproportional attraktiv zu ihren männlichen Partnern sind, besonders in Komödien. Aber hier mischt sich das mit Tendenzen, die allesamt schon in die Bush-Ära weisen, obwohl der Film während Bill Clintons Präsidentschaft entstand.

Die Alt-68er werden als durchgeknallte Drogenproduzenten gezeigt, die ihre Kinder einfach mal zur Adoption wegschieben, weil auf dem typischen Selbstverwirklichungstrip, der natürlich auch bis 1996 anhält. Das schwule Paar, das sich darüber streitet, ob es ein Kind adoptieren soll, wird lächerlich gemacht, wo es nur geht. Man hat den Eindruck, es dient im Film sowieso nur dazu, die Tendenz zu transportieren, zumal der attraktivere Part der beiden bisexuell ist und den Reizen von Patricia Arquette nicht abgeneigt. Mit anderen Worten: homosexuell sein ist eine Kopfgeburt und halbwegs ansehnlich Männer, die auch ansehnliche Frauen haben können, wollen Frauen haben.

Auch sein Grundthema nimmt der Film auf die Schippe – die Suche nach der eigenen Identität. Wenn man es genau betrachtet, geht es da nicht nur um das Adoptionsthema, sondern generell ums Einsteigen in die eigene Persönlichkeit, das mehr oder weniger als Blödsinn dargestellt wird. Menschen, wie zum Beispiel Mel Coplin, wie seine Adoptiveltern, haben nun einmal Macken und die Umgebung hat diese zu akzeptieren. Natürlich ist etwas Wahres daran, dass man, wenn man sich freiwillig zusammentut, dass eine gewisse gegenseitige Toleranz mitbringen und ausüben sollte. Aber darum geht es hier nicht. Sondern um eine konservative Grundhaltung, die darauf hinausläuft, dass Mann sich ausleben kann und Frau das bis zum Ende mitträgt. Man hätte erwarten dürfen, dass Nancy sich einmal richtig wehrt, schließlich steht die Familie mehrfach auf dem Spiel. Das hätte sie durchaus auf humorvolle Weise im Rahmen einer Komödie tun können. Im Rahmen dessen, was das Drehbuch zulässt, zeigt Patricia Arquette aber die erwähnte, ansprechende Leistung.

Deswegen ist der Film auch nicht, wie der eine oder andere Kritiker sich verstieg zu schreiben, eine Screwball-Komödie. Denn die großartigen Screwballs der 30er und 40er Jahre, die das Genre geprägt haben, waren Filme mit progressiven Figuren. Wenn auch dank Hays-Code und der Epoche des New Deal, einer Zeit, in der man letztlich zusammenhielt, nicht immer so gestrickt, dass am Ende diese Figuren deshalb siegten, weil sie modern waren, sondern eher trotzdem. Aber immerhin. Das ist auch lange her. Im Film-Desasterjahr 1996 treten solche (Frauen-) Charaktere gar nicht erst auf. Auch der Wortwitz als typische Screwball-Domäne ist eher von mittlerer Güte. Zumindest in der deutschen Synchronisation. Da 1996 nicht mehr die Zeit war, in der man die Dinge entschärft ins Deutsche übersetzen musste, gehen wir davon aus, dass das amerikanische Original in etwa dem entspricht, was wir auf Deutsch hören.

  1. Stilmittel

 „Flirting with Disaster“ ist eher ein Low-Budget-Fim, dessen Produktion ca. 7 Millionen Dollar gekostet hat. Solche Filme spielen in der Regel ihre Produktionskosten ein, insofern sind sie weit weniger riskant als große, ambitionierte Werke. Aber sie haben auch etwas von kleinem Format. Nicht nur die 89 Minuten Spielzeit passen perfekt ins Fernsehfilm-Schema, auch die unspektakuläre Art, in der gefilmt wird, weist nicht darüber hinaus und das 1,85:1-Format passt in etwa ins heutige Fernsehbild.

  1. Fazit

Es gab einige kleinere Schauspielpreise für „Flirting with Disaster“, er war aber in keiner Kategorie für einen Oscar, für einen BAFTA-Award oder auf einem Filmfestival nominiert. Deswegen sollte man auch nicht zu streng mit einem Werk umgehen, das auch in seiner Wirkmächtigkeit begrenzt ist und ihn für seine rückwärts gewendete Tendenz zu sehr abstrafen, als ob es sich um einen ambitionierten Film handeln würde.

Da hat jemand ein undifferenziertes Statement zu einem wichtigen Thema abgegeben, in Form einer bemühten Satire, aber dieses Statement und damit die bemühte Satire haben nicht die Welt verändert, sondern zitieren lediglich eine Geisteshaltung, welche die USA  im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends zunehmend dominiert hat. Sieht man den Film hingegen nur als Komödie, ist er ebenfalls kein Ereignis. Die Gags sind nicht überragend, die Handlung alles andere als außergewöhnlich gut oder ideenreich konstruiert, die Schauspieler kommen nicht zur Entfaltung, weil für einen so kurzen Film viel zu viele davon auftreten.

Wir haben den Film gesehen, aber man muss uns das nicht unbedingt nachmachen, um übers Kino der 90er Jahre instruiert zu sein.

52/100

© 2020, 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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