Silly Economy: Geldpolitik für Krisenzeiten nach der Krise und vor der Krise #EZB #Banken #Zinsen #Tagesgeld #USA #China #Handelskonflikt #Freihandel #Neoliberalismus #Leitzins #Einlagenzins

Heute müssen wir doch mal etwas Privates posten. Weil wir Post von unserer Bank bekommen haben. Da steht unter anderem dies drin:

Um es sofort klarzustellen: Dieser Beitrag ist nicht gegen unsere Bank gerichtet. Sie verhält sich in diesem Schreiben gemäß den neuen Marktbedingungen. Sie verhält sich wie die allermeisten anderen Banken auch. Banken haben schon viele Fehler gemacht, aber dieses Verhalten rechnen wir nicht zu den Fehlern, sondern zu den Folgen von Fehlern anderer.

Bis auf ein paar Institute auf Malta oder in Griechenland haben wir bei einem Tagesgeldvergleich heute niemanden gefunden, der mehr als 0,90 Prozent Zinsen auf Tagesgeld anbietet, und das war schon eine große Ausnahme. Vermutlich einer jener Neukunden-Boni, die hinter dem dritten > aufgeführt sind.

Trotzdem ist das Schreiben kurios. Man muss sich vorstellen, bisher sind tatsächlich bei einer Einlage bis 100.000 Euro noch 0,01 Prozent Zinsen im Jahr gezahlt worden. Also schlappe 10 Euro. Darüber hinaus gab es gar nichts mehr. Jetzt sieht man sich genötigt, die Grenze, ab der keine Zinsen mehr gezahlt werden auf 10.000 Euro zu senken, damit nur noch maximal einen Euro pro Jahr an Zinsen zahlen muss. Es handelt sich nur um eine Anlageform, aber eine, die noch vor wenigen Jahren immerhin zwischen 2 und 2,5 Prozent Zinsen einbrachte und damit die Inflation gerade so deckte. Die Banken erklären mittlerweile, dass sie nicht vorhaben, Kunden nicht ärmer zu machen.

Denn um eine Geldentwertung von 2 Prozent auszugleichen, müssten sie bei 100.000 Euro Anlagesumme 2.000 Euro Zinsen im Jahr zahlen und nicht 10 Euro, künftig: null Euro. Für Geld auf Girokonten gibt es schon lange keine Zinsen mehr. Erinnert sich noch jemand daran, dass das mal anders war? Und Sparkonten! Erträge, wo seid ihr geblieben?

Dieses Drehen an einer Stellschraube, die eh nur noch symbolische Erträge auswies, ist das noch normales Denken? Was denkt man sich wohl, wie Kunden sowas auffassen? Oder ist es Protest gegen die EZB-Politik, die den Banken bekanntlich negative Einlagezinsen verpasst hat (nach der EZB-Entscheidung im September nun -0,5 Prozent anstatt vorher -0,4). Dabei können die Geldinstitute doch nichts dafür, dass die Wirtschaft nicht ins Laufen kommt, noch viel weniger Zinsen als im Moment kann man für Kredite nicht verlangen. Heute: Günstigstes Baugeld für fast nichts:

Wir haben eben mal geschaut: 500.000 Euro Kreditbedarf, also das Übliche für eine Berliner Kleinwohnung, niedrige Anfangstilgung von 1 Prozent, 20 Jahre Laufzeit, Beleihung relativ hohe 80 Prozent: Voilà, Zinsen ab 1,51 Prozent. Noch unter der erwarteten Inflationsrate für dieses Jahr. Verändert man die Parameter etwas und macht sich selbst stärker, kommt man schnell auf 0,5 oder 0,8 Prozent.

Kann man sich noch viel günstiger verschulden? Als Privatmensch? Staaten können das sogar. Bundesanleihen rentieren teilweise negativ, derzeit. Der Bund kriegt Geld geschenkt, damit es überhaupt irgendwo geparkt werden darf. Dann kann man es auch auf dem Tagesgeldkonto für 0 oder 0,01 Prozent liegen lassen. Als Privatmensch gedacht.

Und Aktien? Seltsam, ausgerechnet an den beiden Tagen vor dem Feiertag am 3. Oktober musste der DAX einen Abschlag von etwa 4 Prozent hinnehmen. Das war aber kein ausgedrücktes Missfallen am Zustand der deutschen Einheit, andere Börsen tendierten ähnlich. Der Sommer ist vorbei. Der war auch schon nicht super toll, aber jetzt kommt die Jahreszeit, in der es an den Börsen auffallend häufig knirscht.

Eines versteht man jetzt sofort: Warum Immobilien auch noch gekauft werden, wenn die Nettorendite schon unter 2 Prozent liegt, was bei vielen Häusern in Berlin, die jetzt den Besitzer wechseln, tatsächlich der Fall ist. Das ist gigantisch, im Vergleich zu anderen sicheren Anlagen.

Das Einzige, was jetzt noch geht, um noch mehr Geld unter die Leute zu bringen, ist, dass man nicht nur permanent Vermögensentwertung zulasten kleinerer Privatanleger betreibt, sondern ihnen auch noch echte Strafzinsen verpasst, wie es die EZB gegenüber den Geschäftsbanken getan hat. Dann wäre für jeden sichtbar, dass an diesem System etwas nicht mehr stimmt. Die psychologische Hemmschwelle ist offenbar groß, wie man an dem Schreiben sieht, das wir heute bekommen haben. Lieber vom Volumen wirklich unsinnige Kleinschritte vornehmen, als zum Beispiel sagen: Tut uns leid, unter 10.000 kriegt ihr halt noch ein Prozent, drüber müsst ihr ein Prozent zahlen. Zur Strafe dafür, dass ihr so viel Geld rumliegen lasst, anstatt es endlich in den Konsum zu bringen, um die allerletzten Verwertungsreserven des Kapitals auszuschöpfen.

Das Problem dieser Tage ist nicht die expansive Geldpolitik der EZB als solche, sondern, dass sie nichts mehr bewirkt. Lehrbuchmäßig müssten Investitionen in Produktivkapital nun steigen, tun sie aber nicht. Weil es in der Weltwirtschaft viele Unsicherheiten gibt. Weil die Konjunktur lahmt. Weil einige den Bogen schon total überspannt haben. Allen voran die USA, deren Regierung ihr Heil im Protektionsmus sucht und damit möglicherweise erreicht, dass der Dollar nicht mehr die uneingeschränkte Leitwährung ist. Wenn das passiert, dann haben die Vereinigten Staaten ein echtes Problem mit ihren gigantischen Schulden. Wenn nicht mehr alles Wichtige in Dollar fakturiert wird, kann man andere Länder nicht mehr über die Währungspolitik steuern und ihnen die eigenen Schulden nicht mehr unbegrenzt aufhäufen. China arbeitet am intensivsten daran, sich vom Dollar frei zu machen. Dies ist einer der Hintergründe für die Schärfe des aktuellen Handelskonflikts, der die beiden größten Volkswirtschaften bremst und sich wiederum negativ auf die Geschäftstätigkeit in Europa auswirkt. Das exportorientierte Deutschland leidet unter solchen internationalen Problemen besonders.

Solange es noch so günstig ist, muss der Staat nun einspringen und mehr investieren, um einen harten Crash hierzulande wenigstens abzufedern. Das nicht zu tun, weist nach unserer Ansicht übrigens nicht hauptsächlich auf Hartleibigkeit hin, was die Schwarze Null angeht. Deutschland mit seiner hohen Bonität und Solidität den Euro mehr ab als alle anderen Eurozonen-Länder zusammen, das vergessen viele mal gerne, die sich nur auf die zu geringen Ausgaben konzentrieren. Deswegen sind IWF-Appelle, doch endlich mehr auszugeben, auch ein bisschen scheinheilig. Ja, schon, aber der Euro wird dann wieder wackeln und die EZB muss noch mehr Staatsanleihen kaufen. Das könnte zur Abwertung des Euros führen. Dann würden Trump wieder toben – und über neue protektionistische Maßnahmen nachdenken. Wenn nicht immer so viele Zusammenhänge berücksichtigt werden müssten, wäre die Welt sowieso bei weitem einfacher. Wir haben das jetzt bei Weitem nicht bis zum Ende gespielt, denn bei jedem spekulativen Gedankenschritt werden natürlich auch die Unschärfen größer.

Es steckt aber noch etwas anderes dahinter: Man weiß instinktiv, dass das deutsche WIrtschaftsmodell nicht mehr lange vorhalten wird, wenn die weltweiten Handelskonflikte Zunehmen, dass die Steuereinnahmen sinken werden. Die Steuereinnahmen müssten aber gar nicht sinken, auch wenn das BIP aus ökologischen Gründen und wegen des zunehmenden Protektionismus, den man positiv sogar als Hinwendung zu mehr Nachhaltigkeit durch regionale hochwertige Produktion ausdeuten kann, nicht mehr wächst. Man könnte mal daran denken, die Reichen endlich zu besteuern. Das würde die Einnahmeausfälle am unteren Rand und von Unternehmensseite, wenn die Gewinne schrumpfen, ausgleichen.

Es hilft nichts. Die oben aufgeführten Bankkonditionen sagen es uns durch die Blume oder auch offen: Es muss sich endlich etwas ändern in dieser festgefahrenen Wirtschaftspolitik – auf Bundesebene und auf europäischer Ebene. Wann, wenn nicht jetzt? Jetzt wohl nicht, bei der fantasielosen Bundesregierung, die nur noch mauert. Und erst die politische Ebene darunter. Wir sehen es täglich bei Reaktionen auf den Mietenwahnsinn, der ein originäres Produkt fehlgeleiteter Geldpolitik ist: Die Tragweite des Problems, aber auch die Chancen, etwas zu ändern, die jetzt noch gut stehen und für die noch Reserven vorhanden sind, werden nicht ansatzweise begriffen.

Haben wir schon erwähnt, dass der für die soziale Stadt tödliche Run auf die Immobilien weiter anhalten wird, wenn die Politik nicht endlich die entscheidenden Parameter auf höherer Ebene ändert? Wenn man das nicht tut, geht nur noch Enteignung, um Wohnen aus diesem Strudel zu befreien. Nur, wo soll dann das Kapital hin? Ist uns eigentlich egal. Diese hybride und alle Grenzen negierende Art des Wirtschaftens hat sowieso keine Zukunft.

Ein sanftes Ausgleiten, ein kluges Justieren und Konvertieren wird es nicht geben. Nicht mit einer Politik, die sich von den Ewiggestrigen des Großkapitals am Nasenring durch die Manege ziehen lässt.

Auf welche Weise es kracht und die Blasen platzen, spielt angesichts der Unvermeidlichkeit der nächsten Krise nur noch eine untergeordnete Rolle. Es ist so gleichgültig wie der Unterschied zwischen zehn und null Euro Zinsen pro Jahr.

TH

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