Trübe Wasser – Tatort 465 #Crimetime 467 #Tatort #Leipzig #Ehrlicher #Kain #Wasser #trüb

Crimetime 467 - Titelfoto © MDR

Trüber Lebensfluss: Sedimente des Umbruchs werden aufgewirbelt

Ein junger Mann erpresst drei Besatzungsmitglieder eines Ruder-Vierers ohne Steuermann und wird getötet. Es könnte auch die spanische Drogenmafia gewesen sein, aber Ehrlicher und Kain haben schnell raus, dass garantiert kein Mitglied der Drogenmafia nach Deutschland gereist ist.

Zu allem Überfluss finden die Kommissare in einem Fass eine weitere, viel ältere Leiche und machen zusammen mit ihren Verdächtigen eine Reise zurück in den November 1989, in dem die Berliner Mauer fiel und die Freiheit kam. Wie war’s denn so, mit den beiden Generalsachsen, von denen einer aus Berlin kommt? Das steht in der -> Rezension.

Handlung

Paul Hahn kehrt in seine Heimatstadt Leipzig zurück. Hier ist er unter den Fittichen seines Sportlehrers und Gönners Bernd Matzke aufgewachsen. Matzke, der Getränkegroßhändler Behrens und der Zahnarzt Dr. Schewe gehören zum so genannten Kleeblatt des Rudervereins. Ihr vierter Mann, Dieter Künzel, verschwand an einem Herbsttag des Jahres 1989. Angeblich hat er seine schwangere Frau sitzen lassen und ist nach Amerika ausgewandert.

Paul Hahn erpresst nun die drei Freunde mit seinem Wissen um einen Coup, den die Ruderer in der Wendezeit gelandet haben. Doch am nächsten Morgen wird Paul am Flussufer der Elster – in der Nähe des Rudervereins – gefunden. Kain und Ehrlicher werden an den Tatort gerufen. Erste Ermittlungen ergeben: Paul wurde erschlagen. Bei der Suche nach Beweisstücken finden sie auf dem Grund des Flusses eine zweite, stark verweste Leiche in einem Fass.

Rezension

Ad hoc—Statement: Kaum war die Nachwendezeit zu Ende, da wechselt schon wieder die Währung, deshalb ist auch in „Trübe Wasser“ von D-Mark und auch einmal von Euro die Rede. Und eine Leiche hat noch eine DDR-Mark in der Tasche, aus Aluminium und nicht korrodiert. Die Kain- und Ehrlicher-Tatorte, die wir jetzt vermehrt rezensieren, sind wirklich Sonderstücke und noch konzentriertere Zeit- und Kulturgeschichte als die Tatort-Reihe im Ganzen. Der Fall, den Kain und Ehrlicher zu lösen haben, beginnt in den wilden Mauerfall-Tagen und wird in der Tat geschickt mit einem aktuellen Mordfall aus 2001 verknüpft.

Wir horchen auf: Eine geschickte Verknüpfung! Bis auf einige Wackler ist der Plot in der Tat gut durchdacht – wir haben aber auch nie behauptet, die Drehbücher von Kain und Ehrlicher seien handlungstechnisch schwächer als andere. Die Dramaturgie ist meist etwas schwach entwickelt, was aber auch an der oft stockkonservativen Inszenierung der beiden Ost-Kommissare liegt. Die ist in „Trübe Wasser“ nicht nur dadurch etwas flotter, dass ein schönes DLRG-Boot auf der Elster rumfährt und unter Brücken durch wie einst James Bonds Begräbnisgondel durch die Kanäle von Venedig. Es gibt dem Film eine besondere Note, wenn Kain sich auf dem Fluss fahren lässt und überall  anlegt, wo eine bestimmte Sorte Fässer vorhanden sein könnte – jene, die verwendet wurde, um den vierten Mann des Ruderbootes als Leiche zu beherbergen. Seit 1989 fuhr dieses frühere Leistungssport-Quartett also schon in Form eines Trios auf der Elster. Wie sich dann auch der Rest der Mannschaft schrittweise verflüchtigt, weil er verstirbt oder festgenommen wird, ist schon ein schöner Running Gag, der andere sind die Schuhe, an denen so viel verdient wird.

Kapitalismuskritik? Aber ja. Die kommt bei Ehrlicher nie fein dosiert, sondern immer so, dass auch wirklich jeder sie begreift, und das zu einem Zeitpunkt, wo Lehrstunden in Marktwirtschaft noch unbedingt als notwendig erachtet wurden – diese äußerst direkte Art der Edukation endete mit dem Wechsel zu Saalfeld und Keppler. Also – sicher haben Bekleidung und Schuhe hohe Preisspannen, aber dass zum Beispiel Angebote auch gemacht werden, um Altkollektionen unter Einstandspreis noch irgendwie loszuwerden, davon haben sie 2001 im Osten noch nichts gehört – und auch nichts vom Zwang zu Kollektionskäufen, der ein hohes Risiko darstellt und von den Ladenhütern, zu denen auch die mittelbraunen Wildlederschuhe gehören könnten, die gleich zweimal für Ehrlicher erstanden werden. Mit ihnen verknüpft sich aber auch eine der schönsten Szenen des Films.

Eine Schuhszene im Zentrum des Krimis? Zwischen dem in einer Pfütze zerstörten ersten Paar und dem später geschenkten zweiten Paar träumt Ehrlicher sogar von diesem Schuh-Debakel – und versinkt im trüben Wasser der Elster, auf dem – sic! – ein bereits leeres Boot fährt. Da weckt ihn Kain per Telefon und rettet ihn in letzter Sekunde. Das leere Boot ist ein wirklich gelungener Vorgriff auf das Ende, denn keiner aus dem Vierer ist mehr in Freiheit. Auch die Atmosphäre des Films ist sehr gelungen: Wie der Osten sich auflöste und einige sich davonmachten, ihre Familien sitzen ließen (im Film wirkt es, als sei das beinahe die Regel gewesen, dem ist nun doch zu widersprechen), wie andere auf unterschiedlichste Weise an schnelles Geld kommen wollten, um sich neue Existenzen in der Freiheit aufzubauen, dieses ganze menschliche und fiskalische Chaos zwischen Mauerfall und Einheit, das aber auch mit der Einheit nicht abgeschlossen war, wird in diesem Film lebendiger als in den meisten anderen von Ehrlicher und Kain, obwohl diese sich ja beinahe in jedem ihrer Krimis mit der Ost-Befindlichkeit auseinandersetzen. Dadurch wirkt der Film allerdings auch, als käme er aus der einer viel größeren Tiefe der Zeit, als es wirklich der Fall ist. Der gefühlte Abstand zu „Trübe Wasser“ ist weitaus größer als zu Münchener oder Kölner Filmen, die in den ersten Jahren nach dem Millenniumswechsel entstanden sind. Das hat aber auch mit der moderneren Gestaltung beim BR und beim WDR zu tun und natürlich damit, dass die Teams jener Zeit noch aktiv sind und bei weitem weniger antiquiert wirken wie Bruno Ehrlicher, der sich kommentierend, brummelnd und manchmal auch mitfühlend durch das Neue Deutschland bewegt. Mitfühlen kann er hier auch wieder, denn am Ende sind alle Täter auch Opfer, wie so häufig in Tatorten.

Witzig und traurig zugleich ist „Trübe Wasser“, und mehr und mehr bekommen wir ein Gefühl für das Team, das als einziges echten Ost-Charme versprühte – der etwa den Nachfolgern völlig abging, die nun ebenfalls Geschichte sind. Sie hatten andere Qualitäten, aber Ehrlicher und Kain sind schon einzigartig und auf eine ganz eigene Art schrullig bis skurril. Dass sie aber auch extrem bodenständige Typen sind, war natürlich Absicht, denn das Publikum sollte von der pädagogisch-ideologischen und sehr biederen Machart der Polizeiruf 110-Filme offenbar in bekömmlicher Geschwindigkeit an heutige Krimigestaltung herangeführt werden. Allerdings auch hier wieder eine Einschränkung: Als die beiden kurz nach der Wende starteten, waren in Westdeutschland auch erst zwei Ermittler bzw. Ermittlerteams am Werk, die sich als Langläufer erwiesen haben: Lena Odenthal in Ludwigshafen und Batic / Leitmayr in München. Alle anderen heutigen – teilweise freakigen – Tatort-Cops sind wesentlich später auf Sendung gegangen.

Und was sind die Wackler? Manchmal dauert es schon echt lange, bis bei Ehrlicher der Groschen fällt. Wo andere Ermittler etwas gar zu viel Gespür haben, wirkt er gründlich, aber seine Denkgeschwindigkeit ist höchst unterschiedlich. Dass zum Beispiel ein negativer DANN-Test eines Kindes auf die Vaterschaft des seinerzeitigen Ehemannes der Mutter eine weitere Spur in einem engen persönlichen Umfeld legt, fällt auch Kain erst spät aein. Dabei liegt es so nah, dass die Tochter, wenn nicht vom Ehemann, von einem anderen Mitglied der Rudergemeinschaft stammt, denn sonst kommt im Fall niemand vor. Aber auch das darf mal sein – dass man als Zuschauer längst mehr weiß, obwohl der Kommissar denselben Erkenntnisstand hat. Das Ende in grober Form hatten wir auch zwischenzeitlich erahnt, aber nicht in allen Details. Relativ früh wird diese Spur zur spanischen Drogenmafia so wurschtig abgehandelt, dass man sie auch ganz hätte weglassen können. Witzig, dass ein kurzer Anruf in Spanien genügt, um klarzustellen, dass sich kein Drogenmafioso in Deutschland, noch überhaupt im Ausland befindet. In Spanien gab es offenbar schon vor der NSA eine Totalkontrolle und dass man von dort aus einen Killer vor Ort  anheuern könnte oder Verbindungsleute in Deutschland hat, die den Job tun könnten, wird gar nicht erst in Erwägung gezogen.

Das Fazit? Ein solider und außerdem instruktiver Krimi, der uns wirklich einmal etwas über die Wendezeit erzählt, das uns nicht deklaratorisch, sondern situativ an diese kurze Ära, an die Menschen dieser Zeit, an ihre Hoffnungen und Träume und Fehler heranführt. Ein Eifersuchtsdrama gibt es auch noch, aber das ist progressiv bei Homosexuellen angesiedelt bzw. bei Menschen, die offenbar bisexuell sind und das bevorzugte Geschlecht wechseln können. Selbstverständlich gibt es das und kündet uns von der Vagheit unserer Dispositionen, passt insofern gut zum Haupt-Handlungsstrang, in dem sich Männer mit illegalen Mitteln einen Startvorteil ins neue Leben nach der Wende verschaffen- aber als einigermaßen Ruhe in die Dinge hineinkommt, fliegt alles auf, weil Ehrlicher und Kain sich die  Muße zur Hartnäckigkeit nehmen.

7,5/10

© 2019 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Hauptkommissar Kain – Bernd Michael Lade
Frederike – Annekathrin Bürger
Techniker Walter – Walter Nickel
Bernd Matzke – René Hofschneider
Dr. Jens Schewe – Götz Schubert
Paul Hahn – Wanja Mues
Josef Behrens – Michael Schiller
Gastauftritt – „Die Prinzen“

Kamera – Philippe Cordey
Buch – Thomas Wittenburg
Buch – Horst Freund
Musik – J.J. Gerndt
Regie – Thomas Freundner

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