Stillschweigen – Polizeiruf 110 Fall 330 / Crimetime 471 // #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Buckow #König #Rocker #President #Rockerbande #Drogenhandel #Safehouse #Stillschweigen

Crimetime 471 - Titelfoto © NDR, Christine Schroeder

Rocker rocken Rostock

Wer ist der President unter den deutschen Rocker-Krimis? Es gibt beispielsweise mehrere Tatorte, die in der Szene angesiedelt sind und sie ist ja auch hübsch pittoresk. „Stillschweigen“ zählt auf jeden Fall nicht zu den schlechteren Exemplaren des Subsubgenres Rockerkrimi, der wiederum dem Subgenre Milieukrimi unterfällt und eine Teilmenge mit dem Omerta-Krimi unterhält. Aber das ist nur ein Anreißer, mehr steht in der -> Rezension

Handlung

Der junge Rocker Ricky und eine Hebamme werden ermordet auf einer mecklenburgischen Landstraße aufgefunden. Eine erste Spur führt Kommissar Alexander Bukow und die LKA-Beamtin Katrin König zum Rostocker Motorradclub „Satanic Riders“, der wegen seiner kriminellen Machenschaften bereits im Visier des Landeskriminalamts steht. 

Bei den Rockern treffen die Beamten auf eine Mauer des Schweigens – mit Ausnahme eines Mitglieds: Rolf Wendland, ehemaliger President und Road-Captain. Er will aussagen, fordert Zeugenschutz, garantierte Straffreiheit, eine neue Identität, Haus, Geld, Auto. König bringt Wendland in ein „Safehouse“, höchste Geheimstufe und abgeschottet von der Außenwelt. Doch wird er dort wirklich reden? 

Während Bukow sich um die Freundin des Ermordeten kümmert und Kollege Anton Pöschel um sein Leben bangt, stößt Katrin König an ihre Grenzen im Ermittlungsverfahren. Sind die Toten Opfer eines neuen Bandenkrieges in Rostock oder hatte Wendland persönlich ein Problem mit seinem Club?

Zusatzinformationen

In einer Szene des Films bildet Lana Del Rey mit ihrem Song Video Games (Heaven is a place on earth with you) die Hintergrundmusik.

In dieser Folge erfahren wir, dass die LKA-Beamtin Katrin König im Alter von vier Jahren adoptiert worden ist. Alexander Bukow fährt mit ihr am Ende des Films zu Katrin Königs Erstaunen über Kühlungsborn und hält an der Stelle, wo vor vielen Jahren ein Foto entstand, das die LKA-Beamtin nicht zuordnen konnte und das Bukow auf ihrem Laptop gesehen hatte. Plötzlich sieht die junge Frau wieder Bilder und Stimmen aus ihrer Kindheit, jemand ruft „Bleib stehen“ – ihre eigene Stimme ruft „Mamaaaa“ und dann quietschen die Bremsen eines Autos.

Der Kripobeamte Anton Pöschel, der sich darüber aufregt, dass auch er den Ort, an den Wendland verbracht wird, nicht wissen soll und sich die Information widerrechtlich aus Bukows abgeschlossener Schreibtischschublade verschafft, wird von Bernd Tauber und seinen Rockerfreunden in eine Falle gelockt, gekidnappt und gefoltert. Später ketten sie ihn, nur mit einer Unterhose bekleidet, und mit deutlichen Spuren von Misshandlungen, an einem Auto fest. Als Pöschel wieder frei ist, erzählt er Bukow in einem Telefonat, dass er einen Autounfall gehabt hätte. Ganz offensichtlich hat er unter der Folter die Adresse des Safehouses preisgegeben. (Wikipedia)

Rezension

Die Sache mit Pöschel haben wir auch so interpretiert. Aber was, wenn er wirklich nichts gewusst hätte? Woher nahmen denn die Rocker die Gewissheit, dass er zum „engeren Kreis“ zählt, der offiziell informiert war? Schwamm drüber.

Wir haben diesen Film auf Bremen3 gesehen. Zum ersten Mal haben wir dieses „Dritte“ in unsere Tour einbezogen. Und vermutlich zum letzten Mal. Sie haben es tatsächlich geschafft, die Schlussszene, die hier besondere Erwähnung findet, zu streichen, weil sie offenbar eine oder zwei Minuten Sendezeitüberziehung hatten und der nächste Film dran war. Würden sie das mit ihren eigenen Lürsen-Stedefreund-Tatorten auch tun, sie auf diese Weise verhunzen? Es ist überhaupt das erste Mal gewesen, dass wir Zeugen wurden, wie ein ÖR-Sender eine solche Produktion schlicht vorzeitig beendet. Manchmal wird schon der Abspann verkürzt und nur noch kurz in einem Rahmenscreen gezeigt, während noch das Schlussbild läuft. Schon das ist eine Unsitte, aber so etwas Bescheuertes wie diese intensive Schlussszene einfach – nee. Wirklich. Nicht.

Zum Glück war der Film in der ARD-Mediathek abrufbar und wir haben uns das Ende angeschaut. König hat also eine Ostbiografie, ohne es bisher gewusst zu haben und ist, wenn wir das Entstehungjahr des Films (2012) berücksichtigen, in den 1980ern wohl mit ihren Eltern in den Westen gelangt und diese gingen auf der Flucht verloren. In der letzten Sekunde kommt die Erinnerung zurück und ein kleines Mädchen schreit „Mama!“ – nicht „Mutti!“.

Mittlerweile gibt es Kritik daran, dass man Königs Biografie nicht weiter aufgedröselt und das Verhältnis zu Buckow nicht weiterentwickelt hat – und dass dieser nun mit seinen privaten Verstrickungen den Rostock-Polizeiruf mehr oder weniger dominiere. In „Zwei Welten“ schließt man aber immerhin ihre Fluchtgeschichte ab – und im allerneuesten Rostock-Polizeiruf „Dunkler Zwilling“ tut sich zwischen den beiden etwas. Dies ist ein Zusatz, geschrieben im Wege der Veröffentlichung, drei Monate nach dem Entwurf der Kritik.

Einen solchen Szenefilm wie „Stillschweigen“ im Griff zu behalten und griffig zu inszenieren, ist nicht so einfach. Sehr viele Figuren und immer das Problem, alles authentisch wirken zu lassen. Da helfen ganz sicher Anleihen an andere geschlossene Gesellschaften, das kennt man, das ist immer wieder für schwierige Ermittlungsarbeiten gut. Vor allem das Schweigen spielt eine Rolle. In der Mafia, bei den Clans, bei den Sekten und auch bei den Rockerbanden, die strukturell am ehesten einer Sekte gleichen – mit Ritualen wie der schrittweisen Aufnahme und der klaren Hierarchie und vielen Schwüren wird versucht, eine ähnliche Situation herzustellen, wie sie in Familienclans durch die Blutsverbundenheit herrscht – zumindest wird das suggeriert. Und natürlich gibt es drakonische Maßnahmen gegen Aussteiger und Whistleblower. Das ist wiederum bei Rockerbanden nicht ganz so einfach wie bei der Mafia, von der jeder weiß, dass sie Abtrünnige hinrichten lässt und sich auch an deren Familie rächt, ohne dass dagegen Schutz möglich ist. Die „Omerta“ hat auch etwas mit Familienehre zu tun.

Schutz für Kronzeugen gibt es hingegen und den Fall sehen wir in „Stillschweigen“, wo er gleich auf zwei Personen angewendet werden soll. Und dann gibt es doch ein Leak, das „Safehouse“ wird aufgedeckt. Später wäre der Mann mit dem passenden namen Wendland dann aber wohl in einer anderen Region angesiedelt worden, wo die Möglichkeit einer zufälligen Begegnung mit „Satanic Riders“ gering gewesen wäre. Trotzdem wirkt es im engen Deutschland immer sehr schwierig, wenn Menschen untertauchen und eine neue Identität erhalten. Besser wär’s, die Strukturen des Verbrechens so zu bekämpfen, dass Racheakte kaum denkbar sind. Ein Traum.

Was „Stillschweigen“ besser kann als viele andere neuere Polizeirufe, die wir zuletzt gesehen haben, ist Spannung und Ausgewogenheit. Dies Werk wirkt trotz der beiden Leichen zu Beginn, eine davon vollkommen eine unbeteiligte Dritte, Hebamme zumal, nicht so extrem dunkeldüster wie einige andere, wobei Magdeburg sicher die Spitze hält. Die Spannung resultiert aus dem Duell König-Wendland, daraus, dass Wendland doch von den alten Kumpels aufgespürt wird, was in heutigen Krimis durchaus zum Tod der nicht genug geschützten Person führen kann – und aus dem Verhältnis Buckow-König.

Das alles wird sinnvoll miteinander verknüpft, einzig das Biografische von König hängt etwas in der Luft und wird ein wenig arg zwanghaft ins das Psychospiel zwischen ihr und Wendland eingeflickt. So leicht lässt sich die Körpersprache von Profis normalerweise nicht entschlüsseln – mit der Einschränkung, dass Anneke Kim Sarnau der LKA-Polizistin einen extrem lebendigen und natürlich wirkenden Ausdruck gibt.

Sie und Buckow sind auch das Team, das einigen Tatort-Ermittler*innen heutiger Prägung am nächsten kommt: Sie sorgen mit ihrer hochgradig gefühlvollen Spielweise dafür, dass der Zuschauer immer die Möglichkeit hat, mitzugehen. Wenn es mit den Episodenfiguren nicht klappt, die lange Zeit eine Stärke der Polizeirufe waren, dann sorgen eben doch die Ermittler*innen für Anbindung, wie in den Tatorten, denen „Stillschweigen“ auch vom Plotverlauf entspricht; Leiche zu Beginn, folgend Whodunit, kombiniert mit Thriller deshalb, weil der President versucht, Wendland aufzuspüren, den Wendehals.

Eine große Wendung des Films ist, dass Wendland tatsächlich die beiden brutalen Morde begangen hat. Das hatte König nicht auf dem Schirm, als sie mit ihm in den Clinch geht: Dass er alle Satanic Riders hochgehen lässt, um des Abgangs willen und um mit der Frau des President ein neues Leben zu beginnen. So recht schlüssig wird nicht, warum er sich dermaßen rächt – Heimkind, Zurücksetzung. Einfach irgendwie ein bösartiger, manipulativer Charakter? Zwei Tötungstaten als Chance zum Ausstieg, indem gleichzeitig das Drogenbusiness der Riders zum Vorschein kommt.

König platziert Buckow mehrfach aus, aber am Ende liegt sie falsch, weil sie Wendland auf den Leim geht und Buckow behält mit seiner skeptischeren Einstellung recht. Manches entdeckt sie aber auch selbst; es ist alles so gemacht, dass niemand als zu naiv oder unprofessionell dargestellt wird. Bei Buckow in dem Zusammenhang durchaus ein Vorteil, dass er hier nicht privat so involviert ist, dass er gar nicht ermitteln dürfte. Dadurch entfällt ein Element, das Filme wie „Wendemanöver“ grenzglaubwürdig macht. Dafür lässt man ihm eine anhängliche Zeugin zukommen, die eine geradezu anrührende Note in den Film hineinbringt.

Wenn Dirk Borchardt mitspielt, neigt man dazu, dass der Täter von Beginn an feststeht, aber bereits kürzlich in „Need for Speed“ („Crash“) in Magdeburg wird er als strikter Gang-Chef gezeigt, der aber nicht selbst getötet hat. Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass Wendland es gewesen sein könnte, aber mit König stellt sich auch der Zuschauer darauf ein, dass dieser im Grunde gute Rocker mit der schlimmen Kindheit als Wanderpokal zwischen verschiedenen Heimen es nicht war. Würde er sich sonst als Kronzeuge anbieten?

Finale

Die Verstrickung von Rockergangs in Drogenkriminalität ist realistisch, sie sind ein Clanbusiness wie jedes andere. Das müssen wir an der Stelle mal schreiben, weil wir die naive Romantik, die in Berlin herrscht, wenn es um großangelegte Verbrechensstrukturen geht, nicht so recht teilen mögen, andererseits aber auch keine ethnische Zuschreibung vornehmen: Diejenigen, die sich am besten durchsetzen können, bedienen einen Markt, auf dem es offenbar viel Nachfrage gibt.

Deswegen sind wir dafür, den Drogenhandel weitgehend zu legalisieren und damit kontrollierbar zu machen. Eine Gesellschaft, in der nur einzelne Menschen innerhalb der eigenen, auf Verschwiegenheit und gemeinsame Begehung von Straftaten ausgerichteten Gruppe solidarisch sind, wird in einer rauen Zukunft unangenehme Entscheidungen treffen müssen.

Die Polizei kommt um Sekunden zu spät, um den Lieferwagen mit dem Koks am Hafen abzufangen, aber da der Kopf, der President, durchdreht, ist die Gruppe „Satanic Riders“ trotzdem zerstört. Wir sehen aber, dass die „Roten“, die von der Rockerkonkurrenz, allezeit bereitstehen, um zu übernehmen und sie kapern auch gleich den Lieferwagen. Schwäche zu zeigen, geht eben in dieser Welt nicht. Das hat immer sofort mächtig schwere Konsequenzen.

Der Hauptkommissar und die LKA-Beamte sind in diesem Film in ihrem sechsten gemeinsamen Einsatz. Sie begannen als Team und stellen mittlerweile die Konstante bei den Polizeirufen dar, mit jeweils 19 Einsätzen. Bisher waren wir unschlüssig, was die Einordnung von Regisseur Eion Moore als einem wichtigen Um- und Mitgestalter des heutigen Polizeirufs angeht, aber Bukow und König hat er etabliert und in „Stillschweigen“ zeigt sich auch, wie es dazu kam: Am Ende geht nicht alles schief, nur das Meiste. Und die Interaktion der beiden ziemlich handfesten, aber beseelten Typen ist eine der spannendsten, alle Polizeiruf- und Tatortschienen zusammengefasst. Bis die beiden auserzählt sind, ist noch manches Chapter zu schreiben.

8,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie und Buch Eoin Moore 
Produktion Iris Kiefer,
Ilka Förster (Producerin)
Musik Warner Poland, Kai-Uwe Kohlschmidt, Wolfgang Glum
Kamera Bernd Löhr
Schnitt Antje Zynga

Anneke Kim Sarnau: Katrin König vom LKA
Charly Hübner: Alexander Bukow, Kriminalhauptkommissar
Andreas Guenther: Anton Pöschel
Josef Heynert: Volker Thiesler
Thomas Sarbacher: Rolf Wendland
Dirk Borchardt: Bernd Tauber
Alessija Lause: Yvonne Tauber
Lilith Stangenberg: Tabea Hörner
Uwe Preuss: Henning Röder
Paul Maaß: Slomo
Anika Wangard: Petra, Polizistin

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