Dunkler Zwilling – Polizeiruf 110 Fall 380 #Crimetime 468 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Bukow #König #Rostock #NDR #Zwilling

Crimetime 468 - Titelbild © NDR, Christine Schroeder

Serienkiller mit Schuhtick, Kommissare mit Gefühlen

Oh je, sind die beiden gut. König und Buckow. Die kann man fast alles spielen lassen. Der Zuschauer und auch manche Kritiker merken dann nicht mehr, dass mittlerweile die Drehbücher wieder auf einem Niveau angekommen sind, das wir überwunden glaubten. Allerdings: Auch die Dialoge sind teilweise richtig gut, zumindest diejenigen, die man dem vierköpfigen Polizeiteam verpasst hat, zu dem auch der arrogante Pöschel und der kollegiale Thiesler (jetzt mit kurzer Frisur und grauen Schläfen) zählen. Mehr Details zu diesem Mix stehen in der -> Rezension.

Handlung

Nachdem eine 16-jährige Ausreißerin in Rostock tot aufgefunden wurde, stoßen die Kommissare bei ihren Ermittlungen auf 15 Jahre zurückliegende, ungeklärte Mordfälle mit ähnlichem Muster: Die Getötete wurde entstellt, ihre Schuhe liegen auffällig ordentlich neben der Leiche.

Kurz darauf wird eine dänische Touristin ermordet aufgefunden, auch hier ist die Handschrift gleich. Königs und Bukows Verdacht konzentriert sich bald auf den Rostocker Unternehmer Frank Kern. Zeitgleich belastet die ältere Dame Elke Hansen sich und ihren 25 Jahre jüngeren Ehemann Jens schwer.

Rezension

Kann es denn sein? Wir hatten uns doch ausgiebig darüber beschwert, dass man Buckow nicht freigibt, dass man ihn immer so durchtbar belastet durch seine Vergangenheit, seine Bagage, sein was auch immer durch die Fälle schlurfen lässt. Jetzt ist das alles weg und wir sind wieder nicht zufrieden? Auch Katrin Königs Vergangenheit spielt in „Dunkler Zwilling“ keine Rolle mehr, die beiden sind also ganz im Hier und Jetzt und können sich wunderbar mit den gruseligen Morden an jungen Frauen befassen. Und verdammt, das tun sie auch! Wirklich? War da nicht was? Oh doch. Dass Buckow ihr noch immer misstraut. Und er sagt uns, warum: Weil sie ihn einst mit manipulierten Beweisen zu einer Falschaussage veranlasst hat. Grmpf.

Umso besser können sie auch nach acht Jahren gemeinsamer Arbeit mit der Dialektik von Anziehung und Abstoßung, von ich und wir und wie wir’s uns leichter machen könnten mit dem wir als mit dem ich allein arbeiten. Verdammt, das tun sie auch. Wenn wir nicht komplett danebenliegen, sehen wir hier den ersten Kuss zwischen zwei Hauptrollen-Ermittlern in beiden Reihen, Polizeiruf und Tatort. Es ist ganz dezent gefilmt, sie huscht ihm was auf die Lippen – die Einstellung, die wir als Titelbild verwendet haben, gibt es so nicht, das ist ein eigens gefertigtes „Still“, ein Werbebild. Trotzdem wird es im 21. Fall der beiden sicherlichlich wieder genug zwischenmenschlichen Sand im Ermittlungsgetriebe geben, dass es spannend bleibt.

Aber erst die vorgehende Szene mit „Marlchen“, die sich umbringen will und dann dieser Schluss haben uns emotional – zugegehen ziemlich stark – reingezogen. Zuvor standen immer diese Fragezeichen in unserem Kopf rum. Ja, wir haben die Dialoge am meisten bewundert und wie sie ratzfatz abgespult werden. Buckow und der Chef der Truppe, dieser Schlagabtausch dann und wann. Wirkt das nicht so lebendig, so authentisch? Nicht ganz. Man hat mit Absicht beschleunigt. Normalerweise kann jemand auf das, was jemand anderes sagt, nicht so schnell reagieren, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken. Es sei denn, der eine weiß immer schon, was der andere nun von sich geben wird, weil er den anderen perfekt kennt und dieser leicht auszurechnen ist. Dann vielleicht. Die Alternative: Dazwischenreden, jemanden nicht aussprechen lassen. Das ist es aber nicht, die Sätze sind hier immer komplett, die wiedergegebenen Gedankengänge kurz, aber vollständig. Wenn Katrin König mit Buckow redet, lässt sie hingegen immer etwas mehr Pause, damit es nicht so abgezirkelt wirkt. Allerdings macht der Fall ihr so viel Kopfschmerzen, dass sie das Wort „Anatomie“ vergisst. Ansonsten wirkt sie aber recht fit. Ein paar unglaubwürdige Momente dürfen schon auch drin sein.

Serienkiller haben wir schon viele kommen und gehen sehen, in vielen Tatorten und nun auch in Polizeirufen. Selten war einer so vorhersehrbar wie dieses Mal. Es gab ja nur zwei Verdächtige und den verspäteten Jurastudenten hat man doch nur eingeführt, damit wir, die wir in der großen Zeit groß wurden, uns an Schlöndorff-Ikone Angela Winkler erfreuen dürfen. Die nicht etwa dessen Mutter, sondern seine wesentlich ältere Frau spielt. Weder ist aber ihre Motivation, den Mann an die Polizei ausliefern zu wollen, den sie seit Jahren fördert und fordert verständlich, wofür sie sogar Beweismaterial fälscht, noch wirkt die Suche nach dem Täter spannend. Als im Auto des wahren Kerns keine Blutspuren gefunden werden, ist eh alles klar, denn, wie Buckow richtig sagt: Gibt es nicht, dass man nichts nachweisen kann. Also muss jemand den Wagen getauscht haben. Ohne Dachantenne! Aber mit dem gleichen Kennzeichen wie bisher.

Dieser Plot hat einen Grundfehler. Seine Abfassung als Whodunit. Man hätte ihn als Howcatchem anlegen müssen. Ein Serientäter, der früh feststeht und der Thrill der Thrillerhandlung ergibt sich daraus: Wer ist schneller? Die Polizei mit seiner Festnahme oder er mit dem nächsten Opfer? Man hätte ihn also bei weitem nicht so früh in den Blick nehmen dürfen. Als Zuschauer wohl, aber nicht ermittlerseitig. Auch seine Tochter kommt ihm viel zu früh auf die Schliche und was dann folgt, wirkt unglaubwürdig – dass sie erst so viel forscht, sich dann wieder zurücknimmt und ihm dann alles ins Gesicht sagt, sodass er umgehend anfangen kann, alle Beweise zu vernichten. Wir finden es nicht so super, wenn Figuren, die uns bisher mit ihrer Einfühlung und ihrem ahnungsvollen Handlung überzeugten, übergangslos als ziemlich dumm dargestellt werden. Zumindest nicht, wenn bei begrenzter Spielzeit ein bestimmter Eindruck von ihr nicht gebrochen werden sollte. Das irritiert dann nur, anstatt dass man sich denkt: Wow, was für eine ambivalente Persönlichkeit! Dass Marla nicht ebenfalls in Gefahr gerät, ist ziemlich tricky – und am Ende, allerdings doch überraschend, versucht sie, sich selbst umzubringen. Mit einer sehr simplen, aber in diesem Momment sogar nachvollziehbaren Begründung. Gut, dass das nicht geklappt hat. Denn Emilia Nöth spielt die Tochter so, dass man ihren Tod dem Regisseur und Autor, die hier eine Person sind, nicht verzeihen würde.

Was uns auch, sagen wir mal, ziemlich nervt: Ein Serienkiller fängt so an, dass seine vielen Morde wie Jugendsünden wirken. Dann heiratet er, bekommt eine süße Tochter, hört auf mit allem, was die Welt in Schrecken hält, dann verlässt ihn die Frau, dann geht es sofort wieder los. Hilfe! Kein Wunder, dass man Serientäter total unterschätzt, wenn sie so dargestellt werden, als brauche man nur einen bestimmten Knopf zu drücken und schon drehen sie von jahrelang ein friedlicher Familienvater sein wieder auf junge Frauen umbringen. Wenigstens wird darauf hingewiesen, dass sie keine Sonderlinge sein müssen, sondern sozial unauffällig integriert sein können. Eines würde uns allerdings interessieren: Gab es unter dieser Klasse von Mördern, die nicht aus Eifersucht oder Habgier handelten und die außerdem noch einen Tick wie den mit den Schuhen haben, Unternehmer?

Nach unserer Ansicht verträgt sich das Anforderungsprofil von Selbstständigen, die eine größere Firma leiten und dadurch ständig in der Öffentlichkeit stehen und einer auf diese Weise gestörten Persönlichkeit nicht miteinander. Wenn Unternehmer psychisch nicht gesund sind, dann eher im narzisstischen Sinn und wegen übersteigerten Erwerbstriebs. Das geht u. E. selten einher mit einer so anders gearteten Krankheit. Falls jemand, der dies liest, einen psychopathischen Serienmörder kennt, der gleichzeitig Entrepreneur ist, bitte an uns melden. Mit Name und Adresse, zwecks Überprüfbarkeit. Wir sagen’s auch nicht weiter, sondern ändern lediglich diesen Absatz.

Man soll über das, was hier gezeigt wird nicht scherzen, aber der Kern mit den Trägergurten kam uns eben nicht sehr glaubwürdig vor, auch wenn sein Darsteller Simon Schwarz sich Mühe gibt, sich uns doch als Vielfachmörder zu verkaufen.

Finale

Wieder einmal ein Rostock-Polizeiruf, der schwer zu bewerten ist. Es kommt darauf an, ob man den uninspirierten Plot in den Vordergrund stellt oder das gute Spiel. Buckow, König und die anderen schwach zu bewerten, das geht eigentlich gar nicht, aber kann man es außer Acht lassen, dass sich viele Autoren zu sehr auf die beiden stellen? Man kann alles um sie herumbauen, schon klar. Aber wenn das, was man da baut, auch noch interessant wirkt, ohne dass die beiden ständig aus dem Fenster gucken, ist es nochmal schicker. Vielleicht kommt alles zusammen – im 21. Fall.

Diese Anmerkung muss immer sein: Wir kennen noch bei weitem nicht alles, was man mit ihnen angestellt hat, vielleicht kommt das Top-Event schon vor Fall 21 in Form einer Wiederholung. So bleibt es erst einmal bei dem Fazit, dass nur eine Polizeiruf-Stadt Top-Akteure und toll geschriebene Handlungen vereint: München. Trotzdem: Wenn es gute Darsteller einigermaßen rausreißen, dann ist das eben so. Wir gehen dann nicht hin und notieren: Den Trick haben wir bemerkt und fallen nicht drauf rein.

7,5/10

Vorschau: Die beste NDR-Krimischiene?

Es ist ihr runder zwanzigster Fall: Im Polizeiruf 110 „Dunkler Zwilling“ sind die zwei Rostocker Ermittler Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander „Sascha“ Bukow (Charly Hübner) einem Serienmörder auf der Spur. Viele Jahre war Ruhe, jetzt mordet der Unbekannte wieder und macht die Hansestadt unsicher. Es gibt zwei dringend Tatverdächtige, doch die entscheidenden Beweise fehlen …“ (Tatort Fans)

Der Polizeiruf sei mittlerweile besser als so mancher Tatort-Versuch, schreibt eine der beiden Redakteur*innen von Tatort Fans weiter unten. Wir haben unlängst festgehalten, dass Buckow und König für uns die „1b“ oder „2“ unter den Polizeiruf-Teams nach von Meuffels in München sind. Und, alle 22 Tatort-Teams eingeschlossen, für uns zu den Top 5 rechnen. Von den NDR-Teams stellen die beiden wohl die Spitze dar, seit Kommissar Borowski in Kiel Schwierigkeiten hat, Top-Drehbücher zu bekommen.

Was uns noch gefehlt hat, war der ganz große Beweis, denn, ehrlich: Die Fälle, in denen Buckow privat so extrem involviert ist, haben uns auch genervt. Nicht, dass wir es prinzipiell schlecht finden, wenn ein Ermittler auch mal persönlich hineingezogen wird in einen Fall, aber die Art, wie! Die ist uns bei Buckow zu extrem, vielleicht milieuseitig authentisch, aber als Hintergrund für den Leitenden Ermittler eines Kommissariats, mittlerweile über 8 Jahre gezogen, nicht glaubwürdig. Der Sohn. Der Vater. Die Dienstvergangenheit. Irgendwas ist (fast) immer. Dadurch wirken manche Filme von Buckow und König schwerfällig, wie etwa „Feindbild“, den wir im Juli rezensiert haben, die Kritik haben wir gestern veröffentlicht.

Dagegen ist die Ost-West-Fluchtgeschichte von Katrin König, die sich in „Zwei Welten“ auflöst (die Rezension ist unsere nächste Schreibaufgabe im Rahmen von „Crimetime“), ein subtiles, zart-melancholisches Symbol für alle Brüche, Verluste, Sehnsüchte nach Geborgenheit in dieser Welt.

Durch diese vielen Szenenhintergründe eines wilden Eigenlebens hingegen, mit dem Buckow illustriert wird, seine schwierige Ehe nicht zu vergessen, rückt er gegenüber König oft in den Vordergrund. Wie es laufen kann, wenn er nicht so belastet ist, haben wir ebenfalls gerade in „Zwei Welten“ gesehen – dem Beweis.

Dem Beweis dafür, dass die beiden herausragend sind, wenn man sie nicht überfrachtet. Die berührende Geschichte von Klein-Katrin und ihrem roten Koffer ist zwar eine nicht gerade glaubwürdige Entschlüsselung ihres Traumas (dass ihre Mutter dem Gepäckstück ins Meer nachspringt und dabei ertrinkt) aber emotional passt es und bestimmt einige elegische Momente lang den Ton, aber nicht durchgängig – und wir werden uns noch zu Buckow äußern, wie er rüberkommt, wenn man ihn vom Korsett seiner vielen Verstrickungen befreit oder wenigstens einiger davon.

Leider besagt das, was zum neuen Film der beiden geschrieben wird, dass man tatsächlich wieder diese Dienstgeschichte aus Buckows Berliner Zeit ausgräbt. Ist ja schön, so ein langer Atem. Einerseits. Aber nötig hat die Figur das nicht. Und dass wirklich noch Probleme aus einer so lange abgeschlossenen Periode offen sind, ist im Hinblick auf den Job kaum denkbar. Vielleicht kocht es auch auf eine vermutlich etwas an den Haaren herbeigezogene Weise erneut hoch.

Dafür wirkt es auf dem Titelbild, als kämen Momente zustande, die wir diesem Team wie wohl keinem anderen wünschen. Weil es einfach Spaß machen würde, diese überaus lebendigen Typen in einer von emotionalen Achterbahnfahrten geprägten Liebesbeziehung zu sehen. Derlei eindeutig und dauerhaft zu installieren, wäre übrigens auch eine Premiere nach 48 Jahren Polizeiruf und 49 Jahren Tatort.

Wie auch immer, wir freuen uns darauf, Buckow und König morgen Abend zu sehen und über „Dunkler Zwilling“ zu schreiben.

Besetzung und Stab

Katrin KönigAnneke Kim Sarnau
Alexander BukowCharly Hübner
Anton PöschelAndreas Guenther
Volker ThieslerJosef Heynert
Henning RöderUwe Preuss
KernSimon Schwarz
MarlaEmilia Nöth
Elke HansenAngela Winkler
Jan HansenAlexander Beyer
Musik:Ingo Ludwig Frenzel
Kamera:Leah Striker
Buch:Damir Lukacevic
Regie:Damir Lukacevic

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