Das ewig Böse – Tatort 622 #Crimetime 472 #Tatort #Thiel #Boerne #Münster #WDR #DasBöse #ewig

Crimetime 472 - Titelfoto WDR, Michael Böhme

Alles am Weibe ist ein Rätsel,

steht auf dem Grabstein des Kekskabrikanten Stettenkamp – und welcher Mann würde diesen Satz nicht unterschreiben? Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Gut, dass es Dr. Karl-Friedrich Boerne mit seiner humanistischen Bildung gibt, und er weiß mehr:

„Alles am Weibe ist ein Rätsel und die Lösung heißt Schwangerschaft“.

So sprach Zarathustra gemäß der Feder Friedrich Nietzsches und angesichts dieser Aussage wird mancher bereits skeptischer gestimmt sein. Vornamensvetter Dr. Boerne weiß den Satz zu  zitieren – in die Lösung des Falles fließt die Erkenntnis aber erst zu einem späteren Zeitpunkt ein. Jedoch, auch dieser Satz ist nur ein Teil der Wahrheit: Hochgebildete kommen in diesem Tatort früher auf mögliche Verbindungen und Motive, weil sie auch den nachfolgenden, präzisierenden Satz kennen:

„Alles am Weibe ist ein Rätsel und die Lösung heißt Schwangerschaft. Der Mann ist für das Weib ein Mittel: der Zweck ist immer das Kind.“

Nachdem dies geklärt ist, verweilen wir kurz für die Handlungsbeschreibung und weiter geht’s  danach mit der -> Rezension.

Handlung

Die Wohltätigkeitsgala im Polizeipräsidium Münster zieht eine folgenschwere Enthüllung nach sich. Bei einem Zaubertrick des Hobby-Magiers Prof. Boerne erklärt die junge Helena Stettenkamp unter Hypnose, ihr vor kurzem verstorbener Großvater sei vergiftet worden. Ein Skandal. Wurde das Familienoberhaupt der Keksdynastie Stettenkamp tatsächlich ermordet?

Kommissar Thiel veranlasst eine erneute Untersuchung des Leichnams. Zur gleichen Zeit stürzt in einem Waldstück bei Münster ein junger Drachenjäger vom Himmel. Die Obduktion ergibt: Er wurde mit den gleichen Mitteln vergiftet wie der Firmenpatriarch. Wie hängen die beiden Morde zusammen? 
 
Bei dem Liedtitel, der bei der Obduktionsszene eingespielt wurde, handelt es sich um „O Fortuna“ (Carl Orff: Carmina Burana).  

Rezension

Deutlicher geht es kaum. Da Cornelius Stettenkamp (Jürg Löw) zeugungsunfähig ist, verwendet seine hoch ehrgeizige Frau Sieglinde (Karoline Eichhorn) Cornelius‘ Bruder Boris (Alksandar Jovanovic) als Samenspender. Aus dieser Vereinigung geht die schöne Helena hervor. Dass ein Kind, das aus solchen Motiven gezeugt wird, ein pathologischer Fall wird, verwundert niemanden, vor allem nicht gemäß der hoch parodistisch veranlagten Philosophie der Münster-Tatorte, die in gehobenen Milieus angesiedelt sind.

Großvater Stettenkamp kommt hinter diese Tatsache, misstrauisch, wie er wohl der eigenen Sippschaft gegenüber ist, will die nachfolgende Generation und damit auch die übernächste enterben – und Helena, die Böseste in der Familie, beseitigt ihn durch Gift. Fürwahr, hinter Giftmorden steckt meist Habgier. Auch Agatha Christie hat Recht. Ebenso Frank Thiel: Giftmorde werden meist von Frauen begangen. Und selten gab es in einem Tatort eine so ausgesprochen hübsche Täterin wie das springreitende Fräulein Stettenkamp (Teresa Weißbach).

Abgekupfert – und doch originell. Ja, „Das ewig Böse“ ist dem ersten Münster-Tatort „Der dunkle Fleck“ nachempfunden. In ähnlichem Milieu angesiedelt, war es damals der Vater, der auch Großvater war, hier war es aber nicht so, entgegen einer Behauptung von Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl). Dieser fehlerhafte Satz weist deutllich auf die Übernahme des früheren Falles hin. In Wirklichkeit ist nämlich in „Das ewig Böse“ Helenas offizieller Vater, Cornelius – der Onkel, und nicht der Großvater, wie seinerzeit in Personalunion der honorige Hermann Alsfeld.

Der 2006er Tatort ist deutlich weiblicher als der von 2002, die treibenden Kräfte sind Sieglinde Stettenkamp und ihre Tochter Helena. Der Fall ist überkonstruiert und für sich genommen nicht mehr neu oder besonders originell, aber die Darstellung ist der Clou. Die Figuren, nicht nur die der Ermittler, sondern auch die Stettenkamps, sind großartig überzeichnet und herrlich an die Grenze des Absurden gespielt. Zu jener Zeit war das Münster-Team auf seinem absoluten  Höhepunkt, das zeigen die Dialoge. Da gibt es kaum einen normalen Satz, alles ist Zitat und Gag. Man muss es mögen und dem Realismus abschwören.

Heute, fünf Jahre nach der Erstausstrahlung des Tatorts Nr. 622, nachdem wir wissen, wie die Tatorte weiterentwickelt wurden und welch seltsame Blüten immer häufiger auf diesem offenbar unendlich fruchtbaren Serienhumus gedeihen, schätzen wir das parodistische Konzept dieser liebgewordenen Figuren Thiel & Boerne. Sie waren Wegbereiter für moderne Kriminalkomödien im Tatortmantel und sind in diesem Fach bis heute unerreicht. Dass jeder neue Tatort mit den beiden auch nach einer Reihe schwächerer Folgen von der Fangemeinde mit Hochspannung erwartet wird, liegt nicht zuletzt an den Filmen, die den legendären Ruf des Duos in den ersten Jahren von deren Zusammenarbeit begründet haben – und zu den besten der besten der beiden zählt „Das ewig Böse“.

Es muss nicht immer Logik sein. Fehlerfrei ist „Das ewig Böse“, im Gegensatz zum Vorbild „Der dunkle Fleck“ nicht. Die Identifikation von Helena anhand eines Zigarettenstummels ist zum relevanten Zeitpunkt nicht dargelegt, sie müsste den Mord an gar nicht gestehen und auch der Mord an Moritz Böhm ist weder bezüglich des Motivs schlüssig, noch wird er ausermittelt. Der Fall ist aber verzwickt und die Schauspielleistungen sind flamboyant genug, um diese kleinen Schwächen weitgehend zu verdecken. Wär’s nur bei allen Tatorten und sonstigen Krimisso, wir wären hochzufrieden und verlangten nicht nach absoluter konstruktiver Stringenz.

Denn abgesehen von seinen kleinen Holperern hat dieser Tatort alles, was einen Film ausmacht, der sich entschieden nicht im ernsten Fach angesiedelt wissen will. Großartige Darsteller, Dutzende ausgezeichneter Situationen und Dialogsätze –  zudem eine sehr schöne optische Gestaltung. Diese unterstützt zeitweise die Komik, wie etwa in der Szene, in der Boerne, von oben gefilmt und schauend wie ein ängstliches Kind, seiner strengen Ex-Lehrerin begegnet, die einen toten  Hund in der Kühltruhe aufbewahrt. Das ist keine Nebenhandlung und im Grunde auch kein „Parallelfall“, wie sich herausstellen wird.

Ein Parallelfall, der unabhängig vom Hauptgeschehen ist, bildet sich hingegen dadurch heraus, dass Vater Thiel unerlaubte Wetten mit dem Geld des Sohnes abschließt, was am Ende zur Zerstörung einiger ohnehin betagter Fernsehgeräte führt. Auch Thiel, das erleben wir, kann böse sein und versetzt damit Boerne in Erstaunen. Der Alltagsphilosoph referiert darüber, dass wir alle ein wenig böse sein müssen, um im Leben voranzukommen. Wie wahr und wie gekonnt banal.

Über das Böse hinaus. Zumindest, wenn man das Böse schon im Einsetzen der Ellenbogen zwecks Durchsetzung gegenüber der Konkurrenz ansieht. Die Familie Stettenkamp hat es weit gebracht, ergo muss viel Böses in ihr stecken. Das ist die pointierte und ironische Aussage, die Gesellschaftskritik kommt in Münster aber immer so prall und gleichzeitig verdeckt daher.

Ein Glücksfall für Münster, dass die so gestrickten Figuren aus den besseren Kreisen gut in unsere Zeit passen. Je mehr das System kriselt, das von diesen Figuren getragen und von ihnen aufs Beste genutzt wird, desto witziger finden wir es, wie diese Charaktere sich entblößen als ein verdorbener Haufen. Das macht etwas mit unserem Gerechtigkeitsgefühl: Es wird befriedigt. Münster-Tatorte spielen auf eine beinahe geniale und sehr an britischen Vorbildern orientierte Weise mit hohen ethischen Ansprüchen und niederen Instinkten, man kann auch sagen: Sie lassen beinahe alle Saiten in uns klingen – manchmal sogar die romantischen, wenn es um Boernes Vergangenheit und die Verflechtungen aller Einwohner der Stadt durch eine gemeinsame Jugend geht.

Das Böse, das zu übertriebener Rücksichtslosigkeit und zum Verbrechen führt, wird hier zunächst als eine Art Erblast dargestellt, einige der Figuren sprechen das aus – in Wirklichkeit, und auch das ist natürlich ein Stück Sozialkritik, werden in Familien wie den Stettenkamps Hochleistungsneurotiker gezüchtet, nicht in sie hineingeboren. Es ist alles eine Frage der Vorbilder, der Erziehung, der Umgebung. Immer gibt es diejenigen, welche die Prinzipien übernehmen und übertreiben und die Gebrochenen, die entweder Geisteswissenschaften studieren oder saufen.

Hinter dieser Ebene gibt es aber noch eine. Sind diese Figuren nicht viel interessanter und zum Teil sogar sympathischer, allemal aber witziger und prägnanter als der Durchschnittsmittelständler? Die Münsteraner Tatorte leben nicht nur von Thiel und Boerne, sondern auch davon, wie immer wieder die Stützen der Gesellschaft auf eine derbe und äußerst launige Art ge- und verzeichnet werden. Und es ist ein gelungener Streich, mit Boerne eine Verbindung zu diesen Kreisen zu schaffen, während er selbst zwar deren Attitüden pflegt, aber im Grunde ein einfacher, herzensguter Typ ist.

Hintergründiges zum Bösen. Das Böse als philosophischer Begriff ist ganz unterschiedlich definiert worden, seine Existenz, seine Ausprägung, sein absolutes oder relatives Wesen wurden immer wieder ausdifferenziert und im Grunde sollten wir heute, nach so vielen geschichtlichen Erfahrungen, vorsichtig mit dem Begriff an sich sein.  Auch damit spielt der Tatort Nr. 622.

Er rekurriert auf das Schwarzweiß-Denken, das in uns allen mehr zuhause ist, als wir manchmal wahrhaben wollen. Normen, denen wir uns mehr oder weniger  unterwerfen, haben nun einmal den Vorzug, dass wir nicht bei allem, was wir tun, ethische Abschichtungen treffen müssen. Ein Alltag, bei dem jedes Handeln zu reflektieren wäre, ist schlicht unvorstellbar, zumal in unserer komplexen Welt – die gerade deshalb, weil sie so komplex ist, zu Vereinfachungen herausfordert.

Diesen Drang, Dinge zu kategorisieren, greifen die Münster-Tatorte geschickt auf, das gibt es in dieser Form sonst nirgends im weiten ARD-Land. Die Überzeichnung schafft Kenntlichkeit und diese trägt erheblich zum Sehgenuss bei. Man weiß während 90 Minuten Zuschauens, dass man einem Geschehen beiwohnt, das nicht nur fiktiv, sondern auch unrealistisch ist, man mag die Figuren auch deshalb, weil sie konsequent eindimensional gezeichnet sind.

Da gibt es nicht diese Brüche und Unschärfen, die wir aus dem wirklichen Leben kennen und die uns immer wieder zum Nachdenken zwingen. Hier reicht eine Ansammlung von Stellungnahmen, die sich zu einem Konvent der vergnügten Selbstzufriedenheit verdichten. Und was könnte einen besseren Start in die neue Arbeitswoche vorbereiten als ein Sonntagabend, der uns wieder einmal zeigt, dass die Menschen mit den großen Häusern und dem arroganten Gehabe arme Gefangene ihrer eigenen Ambitionen sind? Ja, die Münster-Tatorte passen in unsere systemkritische Epoche. Würde man heute mit ihnen starten, wären sie auf der Höhe, 2002 aber, nach 9/11, aber lange vor der ersten Bankenkrise, waren sie visionär. Das Böse mag in uns allen sein, aber in der Klasse, die offenbar besonders davon befallen ist, hat es eine so selbstzerstörende Wirkung, dass am Ende für die Welt als Ganzes nur ein Schluss bleibt: Am Montagmorgen sehen wir diejenigen aus den gehobenen Kreisen, für die wir meist tätig sind, ein klein wenig anders und alles wird gut.

Finale

Die Münster-Tatorte sind mehr als alle anderen ein süßes Gift, verabreicht in Form von Stettenkamp-Konfekt und durch Thiel und Boerne überbracht. Sie sind auch ein wenig Opium fürs Volk, denn letztlich ist ihre Form der Gesellschaftskritik ungefährlich. Im Gegenteil. Dadurch, dass die Reichen in Münster immer wieder vom Sockel gestoßen werden, ist die Perfektion, mit denen ihre Netzwerke und Codes funktionieren, nicht mehr sichtbar. Man kann durchaus den Vorwurf anbringen, das, was der Welt wirklich schadet, wird hier banalisiert.

Man sollte das also im Auge behalten und sich stets vergegenwärtigen, das ist das Gegengift: wachsam sein. Wenn man wachsam bleibt, kann man ungestört genießen und sich dem herrlichen Humor von Thiel & Boerne und den skurrilen Typen der Gesellschaft annähern oder hingeben, je nach persönlicher Fasson. Wir sehen „Das ewig Böse“ mit dem Vorbildtatort „Der dunkle Fleck“ gleichauf. Die Handlung war bei ersterem etwas mehr in der Logik und der Wahrscheinlichkeit, er war auch ein wenig düsterer – dafür sind die Komik und der parodistische Ansatz vier Jahre nach dem Start des Teams in Westfalen nun voll entwickelt und schenken uns hinreißende Momente. Wir geben 8,5/10.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Frank Thiel – Axel Prahl
Professor Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Nadeshda Krusenstern – Friederike Kempter
Silke Haller – Christine Urspruch
Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Herbert Thiel – Claus D. Clausnitzer
Sieglinde Stettenkamp – Karoline Eichhorn
Cornelius Stettenkamp – Jürg Löw
Helena Stettenkamp – Teresa Weißbach
Boris Stettenkamp – Aleksandar Jovanovic
Dr. Frederick Pleikart – Martin Rentzsch
Elke Brunner-Stettenkamp – Gitta Schweighöfer
Johann Böhm – Axel Siefer
Professor Dr. Dr. Scherer – Helmut Everke
Zita Keller – Christel Peters

Regie – Rainer Matsutani
Buch – Rainer Matsutani
Kamera – Gerhard Schirlo
Musik – Nikos Platyrachos

  1. Kommentar: Martin Ellrodt Juli 2012

Der Kommissar hat das schon richtig gesagt: Cornelius ist der Großvater von Helena, denn Helenas biologischer Vater, Boris, ist Cornelius‘ Sohn aus erster Ehe, vor der Zeugungsunfähigkeit. Unterschied zum „Dunklen Fleck“: Es ist kein Inzest im Spiel, deswegen hat Cornelius gegenüber Helena keine zwei (biologischen) Verwandtschaftsgrade inne: er ist einfach Opa.

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