Die Ballade von Cenk und Valerie – Tatort 837 #Crimetime 473 #Tatort #Batu #NDR #Hamburg #HH #Ballade #Cenk #Valerie

Crimetime 473 - Titelfoto © NDR, Sandra Hoever

Nicht nur Cenk Batu ist am Ende am Ende

Aus Aktualitätsgründen haben wir uns zur direkt an den Film anschließenden Rezension entschieden, emotional wäre es eigentlich geboten gewesen, das Ganze noch ein wenig sacken zu lassen.

Alle haben heute verloren. Dass dieser Tatort mit Wahlen in mehreren europäischen Ländern einhergeht, deren Ergebnisse gezeigt haben, dass die Systemkrise erst richtig Fahrt aufnimmt, dass diese auch in „Die Ballade von Cenk und Valerie“ Thema ist, das verdichtet zu einem Gefühl von Grusel und Angst – und von Hilflosigkeit gegenüber dem, was kommen wird. Hat aber auch der Tatort verloren? Das klären wir in der -> Rezension. 

Handlung

Cenk Batus letzter Auftrag führt ihn hinter die Kulissen der Finanzwelt. Er ist Teil einer konzertierten Aktion der Regierung um den neuen Bundeskanzler Grasshof, in der mehrere verdeckte Ermittler mit dem Ziel in Banken eingeschleust wurden, illegale Finanzgeschäfte aufzudecken und konkrete Beweise gegen das undurchschaubare System zu beschaffen.

In der Bank gerät Andreas Dobler, ein junger und besonders skrupelloser Trader, ins Visier der Ermittlungen. Doch nachdem Cenk ein geheimes Treffen zwischen Dobler und der mysteriösen Valerie observiert, gerät alles außer Kontrolle. Valerie war vor 20 Jahren eine weltweit gesuchte Auftragskillerin. Nun ist die seltsame Frau zurückgekehrt, um todkrank noch einen letzten Auftrag durchzuführen: die Ermordung von Kanzler Grasshof. 

Rezension

Das Drehbuch ist im Grunde ein Klassiker, wenn  man es von den Effekten des Films entkleidet, steht es als Plot in etwa so da: Ein Mann des Guten wird dadurch in eine Krise gezwungen, dass die Bösen ihm das Liebste entführen und zu drohen, es zu vernichten. Er muss sich entscheiden, was er retten will – seine Liebe oder seine Integrität. Natürlich entscheidet er sich für die Integrität und hat gegen alle und auch gegen das Verrinnen der Zeit zu kämpfen. Ein Grundschema des Thrillers. Ein solches Grundschema ist tausendfach erprobt, insofern fehlerlos und sorgt für packende Momente. Wäre dem nicht so, wäre es nicht so erfolgreich und würde immer wieder verwendet. Dieser Tatort war ganz einfach gestrickt. Auf die Umsetzung dieses einfachen, aber wirkungsvollen Musters kommt es an.

Ob „Die Ballade von Cenk und Valerie“ im Ganzen gut ist, muss nun jeder für sich entschieden. Wir meinen, ja, weil wir glauben, die Allegorien erkannt zu haben, die in der Handlung und in jeder einzelnen Figur angelegt sind. Dabei gehen wir von folgenden Prämissen aus:

– Die Killerin Valerie ist überzeichnet; es hat uns nicht gestört, dass selbst Corinna Harfouch es schwer damit hatte, diese Figur konsistent darzustellen.

– Die Banker sind überzeichnet, weil man Gier und Hybris, ja Allmachtswahn der Branche enttarnen wollte. Wir müssen nicht Zockerbankern wie den hier gezeigten begegnen, um zu wissen, dass diese Auswüchse des Systems, wie es nach der Zeit von Bretton Woods entstanden ist, gebrochen werden müssen, wenn der Wohlstand der Welt wenigstens in Ansätzen erhalten werden und unermesslicher Schaden von uns allen abgewendet werden woll.

– Die Handlung ist überzeichnet und Wirkungszusammenhänge werden stark verkürzt wiedergegeben, damit sie ins genannte Thrillerschema passen und innerhalb von 90 Minuten nachvollziehbar gemacht werden können. Dass dies stellenweise unglaubwürdig rüberkommt, weil die Wirklichkeit eben nicht auf so wenige Handlungselemente zu reduzieren ist, haben die Macher dieses Tatorts in Kauf genommen.

Allein, die Hilflosigkeit aller in diesem Film lässt uns nicht kalt. Die Politik ist im Grunde ohnmächtig, das kommt klar heraus. Sie traut sich nicht, den Geist des modernen Bankzokens wieder in die Flasche zu stecken, den sie selbst einst entlassen hat. Damals, als die Staaten noch nicht so pleite waren, dass sie ihre Handlungsfähigkeit nahezu eingebüßt haben. Ebenso hilflos agieren die Figuren des Guten, vor allem Cenk Batu, dem man einen krachenden Abschied gegeben hat.

„Wir stehen vielleicht vor der schärfsten Rezession, die dieses Land je erlebt hat.“

Das sagt der Film-Bundeskanzler Grasshoff (Kai Wiesinger) und ausgerechnet dieser Politiker, der dafür steht, dass gehandelt wird, ist mehr Bote der Angst vor der schwelenden Eurokrise, welche die Filmemacher rüberbringen wollten. Die Banken, aber auch die Staaten haben es versemmelt. Wir alle haben es versemmelt, da haben die verrückten Banker im Film recht. Wir alle haben Traumrenditen erwartet und das System damit angeheizt, oder etwa nicht? Und haben wir uns wirklich Gedanken darüber gemacht, wo das ewige Schulden machen auf allen Ebenen hinführen könnte?

Die echt Guten, wie Cenk Batu einer ist, die müssen es ausbaden. Sie sind den entfesselten Kräften ausgeliefert, gegen oder für die sie kämpfen, dem Staat, für den sie einstehen, den Gegenspielern, die den Staat in die Knie zwingen wollen. Dass bei einem solchen Kräftemessen ohne Grenzen, das Markt und Staat sich liefern, am Ende der Totalverlust für alle steht, kann jeder sehen. Cenk geht lächelnd ins Paradies, so wirkt die allerletzte Einstellung des Films. Im Paradies, so kann man nur hoffen, gibt es ein Mehr an Verantwortung und Nachhaltigkeit.

Auf Erden hingegen gibt es Menschen, die sich genau so verhalten, wie die todkranke und „anders“ gepolte Killerin Valerie es tun, ohne dass die Hauptstraßen, auf denen Empathie durchs Gehirn fährt, gesperrt sein müssen. Es gibt nun einmal Typen, die sind alles andere als empathisch, und jeden Tag sind einige davon in der Welt unterwegs, um Menschen für rücksichtslos egomanische Ziele umzubringen. Natürlich bekommen wir Normalbürger das nicht mit, aber hin und wieder, in irgendwelchen seltsamen Ländern, da, so hört man, wurde wieder ein Politiker, ein Journalist, ein Wirtschaftsmagnat ermordet. So ist das Leben und so banal ist der Tod, die Welt dreht sich weiter – allerdings stellt man sich immer häufiger die Frage, wohin eigentlich?, solange wir handeln, wie wir handeln.

Die Killerin ist eine Form von rhetorischer Figur, sie steht für die ausführende Form des Verbrechens, das täglich ein Stück Humanität vernichtet – und sie wirkt doch wie ein Mensch, nicht wie ein Monster. Wir erinnern uns, auch Hitler ist nach allgemeiner Ansicht nicht verrückt gewesen. Der Vergleich hinkt deshalb, weil Valerie keine Ideologie verfolgt, sondern nur ausführt. Bei Hitler war’s umgekehrt, der hatte nie einen Gegner persönlich ermordet. Aber nimmt man sie mit den Wahnsinnigen in den Banken zusammen mit Valerie als Kopf und Hand eines entgleisten Systems, dann zeigt sich, wo die heutige Form der Diktatur uns nicht in der Geschwindigkeit und Offensichtlichkeit wie 1933 (wobei es ja für die meisten Leute damals auch nicht offensichtlich gewesen zu sein scheint) erst die Freiheit nimmt, über unser Leben selbst zu bestimmen – und dann vielleicht alles, was wir uns erarbeitet haben, so viel oder wenig es auch sein mag.

Inhumanität beginnt nicht erst bei Millionen von Toten, sie beginnt dort, wo keine echte Wahlfreiheit mehr herrscht. Heute wurde in einem deutschen Land, in Frankreich und in Griechenland gewählt. Die Banker werden an den Börsen morgen die Antwort geben, darauf, dass die Menschen in zwei Ländern versucht haben, der Falle aus Sparen und wirtschaftlichem Niedergang zu entkommen, indem sie diejenigen wählten, die nicht mehr mitmachen wollen. In Wirklichkeit ist es so, dass die Alternative weitermachen wie bisher oder raus aus dem Euro heißt.

So, wie die Banker im Film den Tod des Bundeskanzlers nutzen wollten, um auf fallende Kurse zu setzen, werden morgen viele auf fallende Kurse setzen, weil Euro-Sparskeptiker in zwei Ländern Wahlen gewonnen haben. Die Menschen, die gewählt haben, werden auf jeden Fall verlieren. Entweder dadurch, dass doch weiter sinnlos gespart wird oder dadurch, dass nicht mehr gespart wird und der Euro gekappt werden muss, wenn man den direkten und gemeinsamen Untergang noch vermeiden will. Alles dies sind teure, bittere Entwicklungen.

So, wie Cenks Freundin Gloria als Geisel im Spiel um das Attentat auf Bundeskanzler Grasshoff genommen wird, so werden Millionen und Millionen von Menschen in verschiedenen Ländern Geiseln eines Systems, das sie selbst gefördert haben, solange es ihrem persönlichen Wohl zu dienen schien.

Wie die Figuren im Film den Kompass zwischen Gut und Böse nicht finden – schön sieht man das an der Figur des Bundeskanzlers, der in einem echten Dilemma steckt – haben wir den Kompass dafür verloren, wie wir handeln müssen, um unsere Welt zu erhalten. Je länger es dauert bis zur Erkenntnis und vor allem zur Umkehr, desto tiefer und härter wird der Fall aus dem Wolkenkuckucksheim einer schuldenfinanzierten und genau dadurch von verantwortlungslos gewordenen Banken beherrschten Wirtschaftsordnung werden.

Der gesamte Tatort ist eine Ballade, das ist wohl wahr. Und diese ist eine Metapher, jeder der Charaktere steht für ein Prinzip und mit wachsendem Entsetzen konnten wir 90 Minuten lang beobachten, wie mit seltener Konsequenz und Gnadenlosigkeit ein Film dem Ende entgegenstrebt. Das Unheil der toten Valerie wirkt noch weiter, als sie schon tot ist, auf sie kommt es letztlich nicht an. Die Kausalkette ist im Gang und lässt sich nicht mehr stoppen, so, wie sich vermutlich die Finanzkrise nicht mehr stoppen lässt. Alles große Symbole, mit denen man einen grausam gut bebilderten Film aufgeladen hat.

Nein, das ist keine schlechte Story, auch wenn man es übertrieben finden mag, wie hier ein Tatort das Ende unserer lieb gewordenen Welt der Betrügereien an Dritten oder die kleinen Selbstbetrugsinszenierungen, die wir uns jeden Tag gönnen, stimmungsmäßig kanalisiert und dabei das Frieren und Fürchten lehrt. Im Moment wir der Film sehr kontrovers aufgenommen, aber für uns ist er einer der ganz wichtigen Tatorte dieser Zeit und hat seinen Platz unter den Folgen, die man einst vielleicht als „historisch“ bezeichnen wird.

Finale

In der Wirklichkeit gehen Banker wohl nicht so weit wie im Film, dass sie ohne Umwege einen Anschlag auf den Bundeskanzler beauftragen, aber was schon alles manipuliert wurde, um Märkte oder Einzelkurse in eine gewünschte Richtung zu treiben, ist nicht Legende, sondern Gegenstand vieler Untersuchungen, vor allem in den USA.

Man hat in diesem Tatort lediglich die Kausalkette um einige Glieder gekürzt und ein wenig sehr drastisch auf den Putz gehauen, um Wirkungszusammenhänge effektvoll darzustellen und an ein mittlerweile an auf Effekt getrimmte Tatorte gewöhntes Publikum zu bringen.

Das Schicksal der armen, ersten und letzten großen Liebe von Cenk, Gloria (Anna Bederke) und das ihres ungeborenen Kindes ging emotional ein wenig in diesem Spektakel unter, das ist eher ein Gegenstand für einen leiseren Film. Natürlich kann man auch das wieder symbolisch sehen: Wir töten die Zukunft der Welt für die Gier des Tages. So war es vermutlich auch gemeint, so stellt es sich in den Interpretationszusammenhang aller Verhaltensweisen und Handlungen in dieser Tatortfolge 837.

Cenk geht, die Krise bleibt. Wir verstehen sein erlöstes Lächeln in den letzten Filmsekunden, denn wir müssen ausharren und können nur hoffen, dass alles noch einmal halbwegs glimpflich abgeht und nicht im Totalschnitt endet – okay, selbst das werden wir überleben, die Deutschen sind ja Spezialisten für Totalschnitte und daraus resultierende Neuanfänge. Wir wissen ganz tief drinne wegen dieser Erfahrungen auch, dass die kleine Konjunkturhausse seit 2010 eine trügerische Blüte ist, vielleicht auch eine Blase aus schönem Schein. Wirklich etwas tun können wir nicht mehr, denn diejenigen, die uns vertreten, sind ratlos wie wir, angesichts des äußerst komplexen und reißfesten Netzes aus unguten Wirkmechanismen, an dem wir alle jahrzehntelang fleißig gewebt haben.

Farewell, Cenk Batu. Du hast es besser. Jetzt wird Till Schweiger kommen und uns, im Gegensatz zu dir, vermutlich das kleinbürgerliche und trügerische K(l)einohrhasengefühl vermitteln, dass die Welt überschaubar ist und irgendwie sogar im Griff. Das Gute hat auch bei dir immer gesiegt, bis zum  heutigen Tag, Cenk. Jetzt ist der letzte Schleier weggerissen, bist endgültig enttarnt und hast alles enttarnt, was zu enttarnen war. Deinen Auftrag hast du an diesem Abend erfüllt, die dunklen Vorahnungen, die deine früheren Folgen uns mitgaben, das Gefühl, alles ist größer, als dass wir es beherrschen könnten, mit einem Großtatort bestätigt, in dem es erstmalig sogar die Figur eines Bundekanzlers gibt. Dank dafür und alles Gute im Paradies und alles Gute für neue Projekte an den Schauspieler Mehmet Kurtulus.

Dass wir nicht mehr als 8,0/10 vergeben, liegt vor allem an einer Erkenntnis: Auch dieser Tatort ist ein wenig das Opfer der Hybris, die er darstellen will. Mehr, mehr und mehr von allem. Demnächst also der US-Präsident oder der Papst in einem Tatort? Aber hätte man es ganz anders machen können und die Botschaft leise überbringen? Wen hätte sie dann interessiert?

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Cenk Batu – Mehmet Kurtulus
Uwe Kohnau – Peter Jordan
Valerie – Corinna Harfouch
Bundeskanzler Grasshof – Kai Wiesinger
Andreas Dobler – Christoph Letkowski
Kilian – Jonas Nay
Gloria – Anna Bederke
Journalistin – Zarah Jane McKenzie
Emma – Lieselotte Voß
Spengler – Oliver Sauer
Matti – Noah Matheis
Schwester Karina – Nora von Harpe
LKA-Beamter – Sören Wunderlich
Patient – Julius Feldmeier
Trader 3 – Niklas Osterloh
BKA-Beamter – Peter Sikorski
u. a.

Musik:Julian Maas und Christoph M. Kaiser
Kamera:Jakub Bejnarowicz
Buch:Matthias Glasner
Regie:Matthias Glasner

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