Crash – Polizeiruf 110 Fall 371 / Crimetime 474 / #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Crash #Brasch #Köhler

Crimetime 474 - Titelfoto © MDR / filmpool fiction, Stefan Erhard

Er wird crashen

Es war wie nachts auf dem Kudamm oder alleweil in Neukölln – diese Dichte an getunten Kisten! Nur, dass in Neukölln nie Platz zum Rasen ist oder auf dem Kudamm nicht Fußgänger*innen, sondern gleich Blecht mit Menschen drin zermalmt wird. Ein wirklich moderner Tatort über Menschen, die sich entweder nur noch im Geschwindigkeitsrausch spüren oder Jungs, die vor Mädels protzen wollen. Ja, welches Motiv ist es denn nun? Wir erfahren es nicht, aber es gibt ja noch mehr zu schreiben, über den 371. Polzeiruf, der 2018 Premiere feierte. Es steht in der -> Rezension

Handlung

Eine junge Frau wird nachts auf den Straßen Magdeburgs überfahren und stirbt noch an der Unfallstelle. Der Fahrer begeht Fahrerflucht. Er war mit extrem überhöhter Geschwindigkeit unterwegs. Schnell kommt die Vermutung bei Brasch und Köhler auf, dass es sich um ein illegales Autorennen gehandelt haben könnte. Doch wie findet man die Rennfahrer und den Schuldigen? Und wie beweist man im Nachhinein, dass ein Rennen stattgefunden hat?

Es gibt keine Zeugen, keiner hat das Todesauto gesehen. Der Vater von Sara, dem Todesopfer, wird befragt, er gibt jedoch sehr wenig über seine Tochter preis. Autowerkstätten werden aufgesucht, das Internet nach illegalen Rennen durchforstet. Schließlich finden die Kommissare eine Gruppe, die sich „Le Magdeburg“ nennt. Zu ihrer Überraschung stellt sich eine Verbindung von zwei Fahrern mit der Toten her. Tommy wie auch Henry liebten Sara.

Die Obduktion lüftet ein weiteres Geheimnis: Die Tote war im zweiten Monat schwanger. War das Motiv Eifersucht? Brasch und Köhler heften sich an die Rennfahrer, da führt sie eine neue Spur an die tschechische Grenze. Wollte jemand Sara zum Schweigen bringen? Der neue Fall fordert von den Kommissaren Strategie und Schnelligkeit, ehe sie die ganze Dramatik hinter dem Tod der jungen Frau aufdecken.

Rezension

In dem Moment, in dem Ben Becker die Balkontürscheibe mit der Faust einschlägt und das Blut tropft, wissen wir, dieser Mann ist ein wenig unberechenbar. Von 0 auf 180 in weniger als drei Sekunden. Da kann kein Porsche mithalten. Es hätte ausgereicht, wenn man ihn einmal darauf stößt, dass Gerechtigkeit eine kippelige Sache ist und Urteile mal so und mal so ausfallen. Das Ende ist also nicht unvorhersehbar. Dieser Teil des doppelt traurigen Endes. Der andere ist an den Haaren herbeigezogen. Kapitalistensöhnchen überfährt im Düdelmodus eigene Freundin. Hat es nicht gemerkt. Klar, kann passieren, wir wollen davon ausgehen, dass viele Unfälle mit Fußgängern so laufen: Der Autorfahrer hat es nicht gemerkt. Dass da jemand war. Absicht ist hingegen selten. Aber der Zufall der Begebenheit war doch sehr zufällig. Vor allem: Wieso rast der Typ dermaßen, wenn er das Mädchen doch in der Ecke abholen wollte?

Wer sich ein wenig schlau machen möchte über den Stand der Dinge in Sachen illegale Rennen, Todesfahrten, Rechtsprechung dazu, der findet zum Beispiel hier, hier und hier etwas. Zum ersten Beitrag, die Fakten werden auch von Berliner Medien wie dem Tagesspiegel so wiedergegeben: Vermutlich hat sich in der kurzen Zeit nicht die Zahl der illegalen Autorennen verdreifacht, sondern die Registrierung der Fälle – weil neben einigen anderen Verbrechensclustern nun auch die Raserei verstärkt ins Visier genommen wird. Im Gegensatz zum Fahraddiebstahl, leider.

Für uns war das ein sehr persönlicher Tatort, aber die Trennung zwischen dem Gefühl zwischen Angst und Sehnsucht, das uns ziemlich in Atem hielt und der Qualität des Films ist uns doch einigermaßen gelungen. Vor allem, als Brasch von ihrem eigenen Crash mit dem GTI, ihrem ersten Auto, erzählt, hatten wir ein richtiges Déjavu. Manchmal hat man Glück und kann später Kollegen nerven. Und wie sie mit dem neuen 300+x-PS-Dienst-BMW beschleunigt hat, im Tunnel, irgendwie war das sehr zwiespältig. Need for Speed ist kein Ponyhof und jede Zeit hat ihre Drogen. Aber es gibt keinen VW Passat mit 80 PS und keinen Golf GTI mit 111. Vielleicht war das absichtlich falsch angegeben worden, damit der VW, die Marke wird nicht genannt, nicht so durchschaut. Oder der BMW, der auf dem Lenkrad kein Markenlogo hat, aber jeder erkennt, dass es ein schneller 5er-Kombi ist. Nicht nur hat jede Zeit also ihre eigene Droge, auch die Logik verflutscht immer mehr in irgendwelchen Rauschzuständen.

Was uns bis zum Schluss nicht klar war: Ist die Racer-Szene recherchiert worden oder hat ein Drehbuchautor sich hingesetzt und sich vorgestellt, so könnte es etwa sein und dabei schön aufgepasst, dass alles politisch korrekt bleibt, also nicht etwa Menschen mit Mi*hintergrund beim Rasen dabei sind. Vielleicht ist das auch in Magdeburg nicht so. Wozu sollten auch die getunten Kisten gut sein, deren Fahrer ausnahmslos keine gehobenen Mittelständler sind? Um mit 30, also 60, über die Hauptstraße am Rande unseres Kiezes zu fahren, wo man diese Autos in den letzten Jahren auch immer mehr sieht?

Was tun Jugendliche, die einen Hormonüberschuss haben und nur Fahrrad fahren, was in Berlin doch immerhin vorkommt? Aggressiver Fahrrad fahren vielleicht. Oder Autoersatzdrogen nehmen. So genau wissen wir es nicht, aber dass die Aggressionen plötzlich alle sind, wagen wir zu bezweifeln. Außerdem machen einige es anders herum und stecken teure Autos an, anstatt welche zu fahren, das hat auch einen gewissen Thrill.

Warum die Verhältnisse sind, wie sie sind, darüber haben wir allerdings mehr auszusagen: Sie fördern die Aggressionen. Daran führt nichts vorbei. Ein System, das schon im Sterben liegt, teilt nochmal kräftig aus und am Ende der Nervenbahnen kommt es zu solchen Zuckungen. Trotzdem gehen Menschen dabei drauf, Unschuldige gar, zumindest welche, die an diesem konkreten Vorkommnis keine Schuld tragen – und das sollten wir bei der Systemanalyse nicht vergessen.

Aber war „Crash“ denn nun ein guter Film über ein rasantes und brisantes Thema? Was meinen andere dazu?

Christian Buß von Spiegel Online meinte: „‚The Fast and the Furios‘ trifft ‚Ritter der Kokosnuss‘, das klingt nach einem wilden Durcheinander für einen öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimi. Aber mit der überwiegend gekonnt austarierten Mischung aus Witz und Wut, Geschwindigkeit und Gelassenheit gelingt es den Verantwortlichen, Klischees zum Thema Jungs, Rausch und PS-Wahn zu umgehen.“ (Wikipedia)

Es ist wie mit fast allem. Andere Menschen, andere Meinungen. Manche schauen zu viel Monty Pythons und andere verwechseln echte Action mit etwas, was leider in Deutschland gar nicht anders geht: Nämlich der Vorspiegelung selbiger, weil z. B. ein Tatort-Budget es nicht hergibt, teure Autos zu schrotten. Doch ohne Blechschäden kein echter Rennfilm. Es fehlt auch an augefeilten Außen-Kameraperspektiven, mit denen man sich bewegende Maschinenteile gut einfangen lassen. Die Nacht entschuldigt nicht alles und sie schweigt auch nicht. Und ohne einige Blechschäden kein echter Rennfilm.

Und wer oder was ist mit den Rittern der Kokosnuss gemeint? Die wilden Fahrer in ihren aufgemotzten Vierrädern? Das ist ja nun eine sehr übersetzte Sichtweise. Wir finden diesen Film eh nicht so famos und ziehen von den Montys „Das Leben des Brian“ klar vor, wenn es um deren Spielfilme geht. Ansonsten: Der fliegende Zirkus. Aber kann man über Komik streiten? Ja, kann man. Und außerdem: Wo war in „Crash“ bitte die Komik?

Die Dialoge wirkten unecht, vor allem, wenn die Jungs sich untereinander austauschten. Es gab durchaus peinliche Momente, weil man partout keine halbwegs neutrale Sprache verwenden wollte. Mit der Altersklasse Brasch / Köhler kam derjenige Autor, der für die Dialoge zuständig war, erkennbar besser zurecht. Bei den beiden hapert es aber nicht nur an einer definierbaren Chemie, sondern eigentlich an allem, was Fernsehcops so anziehend macht. Zum Beispiel, dass sie cool oder nett oder verrückt sind. Brasch ist wieder einmal sehr hermetisch, Köhler sehen wir mit ihr zusammen zum ersten Mal. Die beiden bisher besprochenen Magdeburg-Polizeirufe waren noch mit dem, der einen ähnlichen Namen hat … Drexler. Gespielt von Sylvester Groth. Hat er es mit Brasch nicht ausgehalten oder mit seiner Rolle und dem Düsterding? Und dann, dann wird sie doch weich? Kann es sein? Beim Psycho*Heinzi? Wir erfahren es nicht, wie oben schon, ob Jungs nun dieserhalb oder desterwegen so verwegen Auto fahren. Alles gut, wir denken selber nach. Aber ganz so abgeschieden wie in dem Film „Abwärts“ wirkt Brasch nicht mehr und ganz so düster ist auch „Crash“ nicht, obwohl auch hier wirklich alles danebengeht. Inklusive der gar nicht erst angedachten Verhinderung von Selbstjustiz. Uff.

Die Handlung setzt uns in einen Zwiespalt. Einerseits ist sie verständlich, also dergestalt einfach, dass wir mühelos folgen und uns auf andere Aspekte konzentrieren konnten. Andererseits sind wir nur deshalb immer mittendrin gewesen, weil wir wirklich „mitgefahren“ sind und es beinahe körperlich erlebt hatten, wenn mit einem Auto beschleunigt wurde. Das Drama hingegen hat uns ziemlich kalt gelassen und so richtig fetzige Wendungen gab es nicht und die Autoszenen mussten echte Spannung ersetzen, was sie bei uns aber nicht so recht bewirkten. Anspannung und Spannung im Sinn von Dies-ist-ein-Topkrimi sind zwei verschiedene Gefühlszustände.

Finale

Irgendtwas fehlt den meisten modernen Polizeirufen, um sie zu großen Krimis werden zu lassen. In „Crash“ ist es eine gelungene Mischung von Drama, Action und – vielleicht doch Humor? Den gibt es in der Szene durchaus, wenn wir das, was wir in Berlin wahrnehmen, richtig deuten. Nur: Wenn man diesen speziellen Witz darstellen will, dann muss man auch Typen zeigen, die wirklich aus dem Leben gegriffen sind, und daran scheitert „Crash“ weitgehend. Weil er keine Typen, sondern Stereotypen zeigt. Die Episodenrollen sind viel zu klischeehaft angelegt und daher wirkt die Interaktion dieser Figuren nicht sehr aufschlussreich. Vor allem der Reiche aus der kaputten Familie wird noch elitärer aufgezogen als das Milieu an sich ist und Kritiker, die dabei an Kokosnüsse denken, haben in gewisser Weise Recht.

Es ist aber auch kein richtig schlechter Film, sondern insgesamt ein durchschnittlicher. Den Durchschnitt haben wir für fast 500 Crimetime-Rezensionen, die wir für den „neuen“ Wahlberliner geschriben haben, noch nicht ausgerechnet, aber bei der früheren „TatortAnthologie“ lag er bei etwa 7/10.

7/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 Regie Torsten C. Fischer
Drehbuch Wolfgang Stauch
Musik Warner Poland und Wolfgang Glum
Kamera Theo Bierkens
Schnitt Heike Parplies

Claudia Michelsen: Doreen Brasch
Matthias Matschke: Dirk Köhler
Felix Vörtler: Uwe Lemp
Steven Scharf: Psychologe Niklas Wilke
Bettina Stucky: Claire Köhler
Ben Becker: Klaus Wagner
Anton von Lucke: Henry Müller
Dennis Mojen: Tommy Otto
Dirk Borchardt: Thore Reinhardt
Gerdy Zint: Axel Zerbe
Jeff Wilbusch: René Helms „Renate“
Franziska Ritter: Bäckereifachverkäuferin Lisa
Karl Schaper: Leif Lebert
Michael Baderschneider: Lars Mittag
Marlen Ulonska: Sabine Becker
Hanna Stange: Sarah Wagner
Christian Wewerka: Georg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s