Mord in der ersten Liga – Tatort 794 #Crimetime 476 #Tatort #Hannover #Lindholm #NDR #Liga #Mord #Fußball

Crimetime 476- Titelfoto © NDR, Marc Meyerbröker

Der erste Fußballer, der sich geoutet hat

In einer Hinsicht gebührt dem 794. Tatort, der 2010 gedreht und im März 2011 erstmals ausgestrahlt wurde, auf jeden Fall Respekt: Das Thema Homosexualität im Fußball erstmals aufgegriffen zu haben. Es ist und bleibt schwierig. Immer noch ist Thomas Hitzelsberger der einzige bekannte Fußballprofi, der sich geoutet hat – und zwar vorsichtshalber nach dem Ende seiner aktiven Zeit, im Jahr 2014. Warum ist das so? Wer die ständigen Nachrichten über rechte und aggressive, machohafte Fans von Fußballvereinen nicht komplett ignoriert, weiß, warum: Die im Film gezeigte Angst eines aktiven Spielers, der noch Karriereziele hat, ein Outing könnte das Ende für diese Ziele bedeuten, ist gewiss nicht von der Hand zu weisen. Ein weiteres großes Plus: Dass der Verein Hannover 96 den realen und damit authentisch wirkenden Hintergrund zur Verfügung gestellt hat. Aber wir denken schon, dass sie dort froh waren, dass die Solidaritätsbekundungen am Ende, „alles wird gut trotz (erzwungenem) Outing“, fiktional sind und der Verein und sein Umfeld nicht beweisen mussten, dass das in der Wirklichkeit auch so läuft. Und sonst zum Fall? Es steht in der -> Rezension.

Handlung

Gastauftritt von Journalist und Stadionsprecher Arnd Zeigler

Nach einer wichtigen Partie wird der Profi-Fußballer Kevin Faber tot am Ufer eines Sees aufgefunden – erschlagen. Eine Tat im Affekt oder ein geplanter Mord?

Charlotte Lindholm ist erschüttert: Nur wenige Stunden vor seinem Tod hat Faber ihrem Sohn David im Stadion ein Autogramm gegeben. Schon bald verfolgt die Kommissarin mehrere Spuren: Hatte Faber mit einem kritischen Interview seine Fans vor den Kopf gestoßen, war der Mord eine Abrechnung von Hooligans?

Welche Rolle spielt Fabers Kollege und engster Freund Ben Nenbroock – war Nenbrook eifersüchtig auf seinen erfolgreichen Freund, der eine glänzende Karriere vor sich hatte? Und wie sah das Privatleben Fabers aus, lebte er wirklich glücklich mit einer Frau zusammen?

Rezension

Die Fanszene wird von dem eigentlich netten Cop Herrn Näter verkörpert, der seinen ganzen Kleinbus mit Devotionalen vollgehängt hat – man darf davon ausgehen, dass er nicht rassistisch oder homophob ist, trotzdem verteidigt er die konservative Haltung der Vereine und der anderen Fans, man merkt, wie unangenehm es ihm ist, dass Lindholm in die Richtung ermittelt, dass die sexuelle Orientierung des Toten bei seiner Ermordung eine Rolle gespielt haben könnte.

Was es auch noch gibt: Kritik an den Katastrophen-Videofilmern, die wurde in einem anderen Lindholm-Tatort allerdings noch deutlicher herausgearbeitet, als ein Verkehrsunfallort aufgezeichent und ins Netz gestellt wurde. Was es nicht gibt: Eine Auflösung darüber, auf welchem Weg nun genau die Homosexualität von Ben Nennbrook öffentlich wurde. Hätte uns schon interessiert, ob Jan Liebermann die Info, die er auf Charlottes Laptop entdeckt hat – einer der schwächsten Momente dieses Films, aus gleich mehreren Gründen – bewusst weiterleitete.

In der Vorschau haben wir darüber gerätselt, ob der Fall nun eher in die erste oder in die zweite Liga der Tatort-Produktionen gehört und angemerkt, dass auch Hannover 96 gerade in die nächst niedrigere Spielklasse abgestiegen ist. Pech. Das Lebe ist ein Auf und Ab. Aber es könnte ja auch sein, dass der Film nur Kreisklasse ist. Bei Lindholm, wo wir einen besonderen Spin dafür verantwortlich machen, dass wir manchmal sehr niedrig werten, ist das aus unserer Sicht also nicht auszuschließen. Beruhigung: Nein, es ist okay. Weil sich dieser Spin, den wir in einigen Rezensionen beschrieben haben (besonders in „Schwarzes Herz“ (Kritik für den „ersten“ Wahlberliner, hier noch nicht veröffentlicht). Lindholm ist dieses nicht auf dem Land unterwegs, also gibt es auch keine Möglichkeit, das intellektuelle Stadt-Land-Gefälle so richtig auszuspielen, das sich in den Lindholm-Tatorten als gigantisch erweist.

Dafür wird in – ist es jeder zweite oder sind es zwei von drei Filmen – also, sehr häufig Lindholm gutes Aussehen als Aussage ins Drehbuch hineingeschrieben. Vermutlich hat man das gemacht, damit es wirklich alle glauben. Aber gut: Wenn es provoziert wird, äußern wir uns ausnahmsweise auch dazu. Klar hat ihre Darstellerin eine gute Figur, ist nicht ganz so hochgewachsen, wie sie in den Filmen immer wirkt, weil man ihr dort überwiegend nicht sehr großgewachsene Partner zur Seite stellt und bei ihr ist die Feststellung angebracht, dass sie im Profil besser aussieht als frontal oder im Halbprofil, das ist bei vielen Menschen anders. Und wir meinen, sie hat kurz nach diesem Film einen Besuch beim plastischen Chirurgen gemacht, denn hier sieht sie älter aus als in späteren Werken. Naja, und? Nicht jeder Mensch ist jedermanns Typ, aber diese Penetranz, sie als unumstößliche Schönheit verkaufen zu wollen, nervt dann doch irgendwann, denn gerade dieser kantige Typ mit dem beinahe fußballfeldgroßen Antlitz, in dem außer den Augen kein einziges Element wirklich schön ausgeformt ist, ist eben Ansichtssache.

Trotzdem für uns kein Problem, dass sie wieder mal einen Mann findet, der sie super findet. Uns stört es generell weniger, wenn Kommissar*innen auch mal Gefühle entwickeln, als das z. B. bei vielen Nutzern des „Fundus“ der Fall ist. Es muss einigermaßen passen, sollte nicht wie reines Füllmaterial wirken, weil das Drehbuch zu dünn ist. Das Drehbuch von „Mord in der ersten Liga“ ist etwas dünn, aber davon abgesehen, dass er die Kommissarin aus einer Fankneipe retten muss, vorher hat sie noch ihren Ermittlerkollegen belogen und im versichert, sie geht da sicher nicht rein, passt es schon, auch, weil er selbst eher ein markanter Typ ist, der sich was traut und das, was Lindholm durch ihre Aktionen oft nur knapp verdeckt, sieht man bei ihm: Eine Lust an der Konfrontation, die sich auch in körperlicher Aktion ausdrückt. Da kann es mal zu ner blutigen Nase kommen.

Allerdings gibt es wieder etwas, was wir nun jedes Mal kritisieren werden: Dass Polizisten entweder mit unerlaubten Tricks Geständnisse erwirken oder sich unerlaubt in den Besitz von Beweismaterial setzen. Der Laptop vom „Gaedr“ als Objekt der Begierde von Lindholm – das Video von der Tat! Er war’s nicht, aber trotzdem. Die Drehbuchautor*innen kommen entweder mit ihrem Plot nicht weiter oder / und haben ein mangelhaftes Rechtsstaatsverständnis und die Sender sind begeistert. Der WDR und der NDR tun sich auf dem Gebiet nach unseren Beobachtungen besonders hervor. Aber sie sind nicht allein. Sollten wir jemals die ehemalige „TatortAnthologie“, die jetzt in „Crimetime“ eingebettet ist, neu aufrollen, werden wir auch mal eine Tabelle zu bestimmten Merkmalen anfertigen und sind schon gespannt, wie oft wir bei rechtswidrigem Verhalten von Polizist*innen eines oder mehrere Kreuze machen können. Kein Wunder, dass das Publikum von solchen quasi standardmäßigen Darstellungen nicht ganz unbeeinflusst bleibt. Das hätte man hier problemlos anders inszenieren können, aber dann wäre Lindholm weniger eigenständig und eigensinnig rübergekommen.

Wir widmen uns diesen Aspekten, weil wir oben schon die Prämisse klargestellt haben: Ein Tatort, der ein wichtiges Thema erstmals und mit dem richtigen Ton zeigt, der ist uns grundsätzlich sympathisch. Der richtige Ton meint auch, nicht duch zu viele Klischees und Ablenkungen die Wirkung zu zerstören. Das ist hier noch knapp gelungen, aber natürlich stören die vielen Nebengeräusche etwas. Mehr Drama um die Sportler wäre wünschenswert gewesen, der Fall hätte auch etwas eleganter und reicher an Elementen sein dürfen. Ein Nutzer beim Tatort-Fundus schrieb zum Beispiel, (wenn man schon einen Whodunit macht), ist man nicht darauf gekommen, dass ein um einen Stammplatz rivalisierender Spieler als Verdächtiger hätte aufgebaut werden können. Allerdings stellte sich uns dann die Frage, ob der Verein, dem dieser Tatort seine Atmosphäre zu verdanken hat und auf dessen Mitarbeit man angewiesen war, das gut gefunden hätte.

Dass hingegen Spielerberater manipulative und manchmal in schwierigen Verhältnissen zu den Spielern gefangene Menschen sind, das war kein Problem, denn die Vereine werden oft genug von diesen Beratern genervt, die immer mehr für ihre Schützlinge herausholen wollen und ihnen manchmal auch zum Wechsel raten – und natürlich daran verdienen, wenn ein solcher Wechsel zustandekommt. So wie hier ein Wechsel zu Inter Mailand. Zunächst wird nur die Stadt erwähnt und Inter dann so, als sei es der einzige Verein dort. Nun ja.

Finale

Das Ende des Films ist berührend, nachdem wir uns über 80 Minuten lang eher interessiert und wie immer engagiert damit befasst hatten, aber uns nicht involviert fühlten. Ab der Stegszene am Maschsee ist das anders und wir verstehen die Tragik, die dahinter steht, sein Leben nicht so leben zu können, wie man möchte, obwohl es in puncto sexueller Ausrichtung kein richtig oder falsch gibt. Aber das lässt sich relativ leicht sagen, wenn man in Berlin zuhause ist, zudem in einem Bezirk, dessen Nordteil für eine der größten, aktivsten und schillerndsten LGBTI-Communities in Europa bekannt ist.

Ein weiterer Fußballprofi nach Thomas Hitzelsberger hat sich bis heute in Deutschland nicht geoutet. Weder in der ersten, noch in der zweiten, noch in der dritten Liga. Dass der frühere Nationalspieler diesen Schritt getan hat, ist nun fünf Jahre her. In der Politik oder in der Kunst ist offen schwul sein lange kein Problem mehr, man darf einander auch gleichgeschlechtlich heiraten – aber im Sport ist es noch immer ein Tabu. Und bei den Männern mehr als bei den Frauen; die lesbische Ausrichtung einiger Spitzenspielerinnen nicht nur in Deutschland, ist bekannt, war es schon in den 2000ern und wird kaum negativ kommentiert. Vielleicht sollten Vereinsverantwortliche und Fanbetreuer endlich offensiver werden, damit sich die Spieler mehr trauen. Vielleicht entfällt, wenn die Last der Geheimnistuerei weg ist, künftig die eine oder andere unerklärlich wirkende Formschwankung bei Spielern, die als „sensibel“ gelten, was bei manchen von ihnen gewiss eine Umschreibung darstellt.

Als Film und besonders als Krimi ist „Mord in der ersten Liga“ leider nur Mittelklasse, aber Lindholm ist trotz aller Kanten stellenweise gut im Spiel mit dem runden Ball und wenn wir die ARD-Sender wegen ihres Umgangs mit der Rechtsstaatlichkeit im Polizeidienst kritisieren, kriegen sie für „Mord in der ersten Liga“ zum Ausgleich einen Pluspunkt dafür, dass sie mit neuen Perspektiven und Themen auch mal ein Risiko eingehen.

7,5/10

Vorschau: Erste oder zweite Liga, das ist hier die Frage

Witzig, dass man diesen selten wiederholten Lindholm-Tatort zu Beginn der Saison zeigt, in der Hannover 96 in die zweite Liga abgestiegen ist. Vielleicht als Erinnerung an etwas bessere Zeiten. Und, um ein wichtiges Thema nochmal darzustellen: Homosexualit bei Fußballern. Dass es diesen im Jahr 2011 erschienen Tatort gibt, ist eine direkte Antwort auf den Tod des Hannover-96-Torwarts Robert Enke, der sich im Herbst 2009 das Leben nahm, allerdings spielte dabei das Thema Homosexualität im Sport keine Rolle – sondern ein anderes, das in diesem Umfeld ebenfalls besonders problematisch ist. Die Offenlegung von psychischen Erkrankungen, hier: Depressionen. Ein Suizid scheint in „Mord in der ersten Liga“ nicht vorzukommen, zumindest gibt es auch eine vorsätzliche Tötungshandlung.

Ob der Tatort mit dem schwierigen Thema auch gut gemacht ist? Die Fans der Reihe sind nicht unbedingt dieser Ansicht. Derzeit steht „Mord in der ersten Liga“ auf Platz 25 von 26 Lindholm-Tatorten, wenn man die Rangliste der Plattform Tatort-Fundus als Maßstab heranzieht. Das Problem am Fußball ist, dass die immer noch überwiegend männlichen Tatort-Fans, die sich dezidiert zu den Filmen der Reihe äußern, fast alle glauben, dass sie sich damit perfekt auskennen und daher mitreden können. Okay, das ist bei anderen Themen manchmal auch der Fall, ohne dass diese Selbsteinschätzung von Dritten geteilt werden dürfte. Aber Fußball, Sport überhaupt, und die Tatort-Krimis, das ist tatsächlich nicht so einfach. Unter allen bisher gesehenen Filmen mit diesem Bezug fällt uns spontan nicht ein einziges Meisterwerk ein.

Was die Figur Charlotte Lindholm angeht, sind denjenigen, die uns regelmäßig lesen, unsere Probleme mit ihr bekannt. In der Regel führt unser Bewertungsschema dazu, dass wir etwas höher votieren als der Durchschnitt der Fans, die sich beim „Fundus“ mit Punktvergabe äußern, bei den Lindholm-Fällen ist das selten so, unabhängig von ihrer Qualität als Kriminalfall.

Wir haben den Film also noch nicht gesehen, werden ihn heute Abend aufzeichnen und demnächt erscheint hier die Rezension dazu.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Playlist

TitelKomponistInterpret
CreepRadioheadTom York (Gitarrensolo)
Hannover 96 „Alte Liebe“Dete KuhlmannDete Kuhlmann & Ossy Pfeifer
Er gehört zu mirJoachim HeiderMarianne Rosenberg
TigerDJ Shadow
CreepRadioheadAntonia Focsa

Besetzung und Stab

Charlotte LindholmMaria Furtwängler
Paul NäterFritz Roth
Ben NennbrookLuk Pfaff
Jan LiebermannBenjamin Sadler
Jochen KrämerAlexander Simon
DirektorJens Schäfer
Leo BillerAlexander Held
Musik:Jürgen Ecke
Kamera:Jens Harant
Buch:Harald Göckeritz
Regie:Nils Willbrandt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s