Wolf im Schafspelz – Tatort 492 / Crimetime 478 #Tatort #Muenchen #München #Batic #Leitmayr #Menzinger #BR #Wolf #Schaf/s-#Pelz

Crimetime 478 - Titelfoto © BR

Ivo und Franz auf dem städtischen Lande

Das sind so die Unterschiede. Charlotte Lindholm, die häufig aufs Land fährt, findet die Menschen, die sie dort antritt, so wenig adäquat, dass man von einer schwindelerregenden Fallhöhe sprechen kann. Obwohl die Anwohner*innen der Panzerwiese von München ebenfalls rustikal sind, wie es sich für einen Bauernhof gehört, denkt mindestens einer der Bayernbuben vom Revier darüber nach, wie’s denn wäre, selbst auf so einem alten Hof zu wohnen. Obwohl da lange nicht alles gut ist, sonst hätte man nicht die Mordkommission bestellt. Der Film wurde zwölf Jahre nach der Wende gezeigt. Warum das wichtig ist und vieles mehr steht in der -> Rezension.

Handlung

Auf dem Stadlerhof am nördlichen Stadtrand von München ist Schlachttag. Die Türken feiern das alljährliche Opferfest Kurban Bayram und haben sich eingefunden, um Schafe auszusuchen.

Jost Schulze, der Schäfermeister, unterstellt dem türkischen Gutsmechaniker Recep Ergin, heimlich zu schächten. Doch der Gutsbesitzer Karl Stadler will nichts davon wissen. Am nächsten Morgen wird Jost Schulze im Wohnwagen des Schäfers auf der Panzerwiese erstochen aufgefunden.

Zur frühen Morgenstunde müssen Ivo Batic und ein missgelaunter Franz Leitmayr auf der Münchener Panzerwiese nicht nur den Toten, sondern auch noch einen abgetrennten Schafskopf begutachten. Leitmayr, den eine mönchische Bierkur mehr plagt als beflügelt, reagiert empfindlich und lässt seine schlechte Laune an allen aus. Die Ermittlungen führen die Beamten zu dem großen, verfallenen Stadlerhof, der, im Kontrast zur Großstadt, wie eine andere Welt anmutet. Doch auf dem „Land“ leben offenbar nur Eigenbrötler. Niemand will irgendwelche Auskünfte geben, freiwillig schon gar nicht. Die einzige sichere Erkenntnis ist die, dass kaum jemand am Hof Schulze mochte. Erst durch ihren Besuch bei Maximilian, dem Sohn von Karl Stadler, finden Batic und Leitmayr ein erstes mögliches Motiv: Recep Ergin hat einen Sohn, Arkan, der mit Schulze vor nicht allzu langer Zeit aneinander geraten war. Und sie erfahren auch, dass der denkmalgeschützte Hof baufällig ist und dass die Schafszucht nicht mehr all zuviel abwirft.

Ein seltsamer Fund in einem der Schuppen führt Leitmayr und Batic schließlich auf die richtige Spur. Leitmayr wird angesichts der Sturheit der Stadlers endgültig der Kragen platzen, Menzinger wird auf vegetarische Kost umsteigen und Batic mit Einfühlungsvermögen den Fall lösen.

Rezension

Zum Beispiel, weil in jenem Jahr die Umstellung auf Euro stattfand. Da der Film aber schon 2001 gedreht wurde, wird noch über DM-Summen gesprochen und werden Summe auf Kontoauszügen in DM ausgewiesen. Außerdem sehen wir etwas sehr Seltenes, nämlich einen Ossi, der die naiven Westler auf dem Hof nach Strich und Faden manipuliert. Da kam der Bayerische Rundfunk, nachdem man sich jahrelang hat ansehen müssen, wie beispielsweise der MDR das Lied vom betrogenen Ostler in seinen Tatorten mit Ehrlicher und Kain rauf und runter gespielt hat, zu der Überzeugung, wir müssen mal ein Zeichen dagegen setzen: Auch Menschen aus der Ex-DDR können gefährlich sein. Nach unserer Ansicht hätte man diesen Ost-West-Hintergrund weglassen sollen und stattdessen einen Österreicher aus Braunau am Inn den Wolf im Schafspelz geben lassen. Das wäre auch viel näher gewesen. Spaß, muss auch sein.

In München gibt es also sehr, sehr viele Schafe, die Symbolik haben wir verstanden. Es müssen auch viele sein, sonst könnte man mit den gestreckten Entwurmungsmedikamenten nicht solche Summen verdienen wie Jost Schulze, der ja nur einer der Profiteure ist. Was wir auch gelernt haben: Weicheiern ist eine Bierkur unbedingt zu empfehlen, dann werden sie vielleicht auch so aggressiv wie Franz Leitmayr, der von Batic merkwürdigerweise nicht gebremst wird – vielmehr ist der Ivo aus reiner Solidarität dann auch so genervt, dass Vernehmungen bzw. Befragungen in sinnlosem und kontraproduktivem Geschrei enden. Nicht. Nicht? Am Ende muss Franz durch Belauschen das Entscheidende rauskriegen. Das ist eine der besseren nichttechnischen Ermittlungsmethoden, relativ gefahrlos und vor allem rechtssicherer, verglichen mit den häufigen illegalen Fallen und Beweismittelbeschaffungen oder auch mal Beweismittelvernichtungen, die sich Tatortermittler*innen erlauben. Freilich ist ein belauschtes Gespräch kein Beweis, man muss darauf ein Geständnis aufbauen können. Also doch wieder fragen, fragen, fragen – und dabei die Contanance waren. Denn das Leugnen von Menschen, die man eigentlich schon überführt hat, ist ja besonders stressig.

Franz-Xaver Kroetz gibt wieder einen authentischen Bayern-Bauern, sofern man unterstellt, dass die alle stur und ökonomisch etwas retardiert sind, ansonsten sind die Leistungen der Darsteller*innen okay, aber nicht auffällig, das gilt auch fürs Polizeiteam, zumal Carlo Mezinger, der dritte im Bunde und in Person von Michael Fitz vielleicht der talentierteste Schauspieler von den dreien, dieses Mal eher dadurch auffällt, dass er im Dienst eine Banane isst und auch sonst Franz nicht durch solidarisches Verhalten unterstützt, als durch besonders prägnante Spielszenen. Die Münchener waren 2002 aber auf dem aufsteigenden Ast, die großen, preisgekrönten Tatorte sollten noch kommen. Warum man aber die Österreicherin Tatjana Alexander eine Frau spielen lässt, die aus der Berliner Gegend kommen soll, hat sich uns nicht erschlossen – man merkt am Tonfall, dass ihr Dialekt nicht echt ist.

Der Film hat trotz abgeschlagener Schafsköpfe und dem Nebenthema des Schächtens keine echten Aufreger – es sei denn, man recht sich über die Dastellung der Menschen mit Migrationshintergrund auf, vor allem über den arbeitsscheuen italienischen Schäfer, der außerdem geradezu vorzivilisatorische Tischmanieren aufweist. Aber Schäfer gab es ja schon, bevor Messer und Gabel erfunden wurden. Anfangs wird gar keine schlechte Spannung aufgebaut, weil der Hof als ein recht unübersichtlicher Ort mit vielen verschiedenen Menschen gefilmt wird, aber das Drama nimmt dann nicht weiter Fahrt auf, sondern verbleibt auf einem eher ländlichen Niveau, die Gangart und die emotionale Tonlage betreffend. Sicher, die Menschen, die auf dem Acker oder in den Ställen ihr Tagwerk verrichten, erklären sich nicht den ganzen Tag über selbst, aber es fehlt die Wucht der Charaktere. Die scheint anfangs der alte Bauer aufzuweisen, als er noch stumm ist. Aber im Verlauf wird er immer mehr zu einem, der nichts peilt und nachgeben muss. Der Wendepunkt ist wohl, wie er seinen Sohn ohrfeigt. Danach hat er nicht mehr viel zum Zusetzen. Gar nicht so uninteressant, diese Entwicklung, aber sie wirkt nicht sehr konzeptionell. Und Gödölö liegt in Ungarn, nicht in der Türkei, dachten wir bisher.

Das wäre schon sehr subtil, Menschen, die nebenbei alte Autos reparieren, sich im „Gödölö“ treffen zu lassen, weil etwa zu jener Zeit sich die bayerische Autofirma Audi erstmals auf Abwege begab und im ungarischen Gödölö ein Werk errichtet hatte. Was dann zu den vergleichsweise günstigen Preisen für das Modell TT führte. Das Werk steht aber in Györ, während das Schloss Gödöllö – nun, „Sissi“-Fans werden es wissen.

Finale

Zu einem Schmuckstück hätte man sicher auch den hier gezeigten Hof ausbauen können und es hätte ja ein Reiterhof werden sollen – na bitte, wieder eine Verbindung zum alten Geist von Gödöllö. Aber der junge Stadler im alten VW Golf kann seinem Vater nicht glaubhaft machen, dass dies der richtige Weg wäre. Wir kennen ja den einen oder andern Hof, der in ein Reiterparadies mit Mietwohnungen oder einem Hotel umgestaltet wurde, klar kann man damit viel mehr erwirtschaften als mit ein paar Schafen. Viel mehr scheint der Hof ja nicht herzugeben. Schade, dass das Münchener Landleben nicht so recht berührend in Szene gesetzt wird. Auch der Vater-Sohn-Konflikt, der sich plötzlich auch noch zu einer Kain- und Abel-Geschichte ausweistet, rückwirkend sozusagen, denn einer der Söhne ist ja schon tot, als der andere erfährt, dass er einen Bruder hat, ist zu sehr als Referat und nicht genug als packendes Duell angelegt.

Wir mussten bei „Wolf im Schafspelz“ zweimal ansetzen, um den Film zu Ende zu bringen, so richtig gepackt hat’s uns also nicht und es gab Momente, da haben uns der Ivo und der Franz auch ein wenig – naja, wie soll man es ausdrücken? Sie haben halt schon 81 Filme gemacht und aus der heutigen Sicht merkt man schon, dass es nicht so einfach ist, für deren Humor immer neue Themen zu finden, mit denen man die Handlung so aufpeppen kann wie hier mit Franzens Bierkur. „Für Münchener Verhältnisse“, wie es immer so schön heißt, ein unterdurchschnittlicher Tatort. Außerdem sind wir neuerdings durch die hervorragenden Polizeirufe der Tauber- und der von Meuffels-Ära verwöhnt, die ebenfalls in München gedreht wurden und da erscheint das Team Batic-Leitmayr durchaus in einem anderen Licht als zuvor. Es muss sich den Platz an der Sonne mit erstklassigen Schauspielern teilen.

6/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Ivo und Franz auf dem stadtnahen Lande

Die beiden Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr müssen in der Münchener Tatort-Folge 492 „Der Wolf im Schafspelz“ mit der Erstausstrahlung am 24. Februar 2002 zusammen mit ihrem Kollegen Carlo Menzinger (Michael Fitz) einen Mord auf dem Land lösen, was sich vor allem aufgrund der fehlenden Hilfsbereitschaft der Bewohner als sehr schwierig erweist, heißt es auf der Plattform Tatort Fans einleitend.

Es kommt nicht mehr so häufig vor, aber immer wieder werden aus dem mittlerweile 81 Fälle umfassenden Fundus der Münchener Ermittler Batic und Leitmayr welche gezeigt, die wir noch nicht gesehen haben – in neun Jahren Arbeit am Sujet. 2011 waren wir mit der „TatortAnthologie“ gestartet, seit 2017 heißt das Format „Crimetime“ und schließt seit April 2019 die Reihe „Polizeiruf 110“ ein. Der Krimi auf dem Lande war der 31. Fall für Ivo und Franz und selbstverständlich ist damals auch noch Carlo Menzinger dabei gewesen.

Die Stadtpolizisten, die stellvertretend für die Stadtmenschen stehen und aus deren Sicht alles passiert und die Landeier – dieser Kontrast muss für Drehbuchautor*innen sehr reizvoll sein, es gibt Schienen, die bauen fast nur darauf. Mit maximalem Gefälle beim NDR, wenn Charlotte Lindholm ausreitet, in allen Abstufungen bis hin zu einer hauptsächlich auf skurrile Typen setzenden Weise. Die Münchener sind zuletzt in „Freies Land“ draußen gewesen, aber auch vorher immer mal wieder. So richtig weit draußen ist der nördliche Stadtrand von München eigentlich nicht. Aber das Land kommt nicht allmählich. Nicht einmal in Berlin.

Wir werden den Film aufzeichnen und in den Tagen danach rezensieren, damit unsere Leser*innen wissen, wie wir über den Wolf im Schafspelz denken.

TH

Besetzung und Stab

Ivo Batic – Miroslav Nemec
Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Carlo Menzinger – Michael Fitz
Karl Stadler – Franz Xaver Kroetz
Maximilian Stadler – Hendrik Duryn
Frieda Stadler – Brigitta Köhler
Jost Schulze – Achim Buch
Cindy Schulze – Tatjana Alexander
Arkan Ergin – Hussi Kutlucan
Recep Ergin – Ünal Gümüs
Giuseppe Santini – Claudio Caiolo
Dr. Josef Vogler – Herman van Ulzen
Rechtsmediziner – Hans B. Goetzfried
Chefpräparator – Bernd Dechamps
Beamter Spurensicherung – Thomas Munkas Meinhardt
Vittorio – Rinaldo Talamonti
Schorsch – Herbert Fischer
Wächter – Wulf Schmid Noerr

Drehbuch – Stefanie Kremser
Regie – Filippos Tsitos
Kamera – James Jacobs
Szenenbild – Dieter Bächle
Musik – Martin Grassl

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