Heimwärts – Tatort 766 #Crimetime 481 #Tatort #Leipzig #Saalfeld #Keppler #MDR #Sachsen #Heimwärts

Crimetime 481 - Titelfoto © MDR / Saxonia Media, Steffen Junghans

Vorwort 2019

Vor wenigen Minuten haben wir die Rezension von „Tod einer Lehrerin“ aus dem September 2011 republiziert. Da hatten wir nicht auf dem Schirm, dass auch der zweite Tatort, der heute Abend wiederholt wird, in der Frühphase der „TatortAnthologie“ von uns besprochen wurde. In der ganz frühen Phase. Die Anthologie startete Anfang April 2011 und am 13. April schrieben wir die vierte Kritik dazu – über „Heimwärts“. Selbstredend war es auch der erste Leipzig-Krimi des damals aktuellen Teams, zu dem wir uns äußerten. Ein Abenteuer, das merkt man der Rezension an einigen Stellen an, die wir heute nach der zu „Tod einer Lehrerin“ ebenfalls im Original wiedergeben – auch die Gliederung betreffend. Ein Bild zum Film hatten wir auch nicht im Archiv, die allerersten Rezensionen waren noch nicht mit einem Titelfoto. Sie überschritten auch die heute übliche Mindestlänge von 1200 Wörtern (inklusive Handlungsangabe, Besetzung und Stab) noch nicht so deutlich wie einige Zeit später, als die Anthologie sozusagen Flügel bekam und Kritiken nicht selten weit über 2000 Wörter aufwiesen. Mittlerweile fassen wir uns innerhalb von „Crimetime“ wieder etwas kürzer und versuchen vor allem, Redundanzen zu vermeiden.

Manches würden wir heute etwas anders schreiben, als es im Text zu „Heimwärts“ zu lesen ist, viele Rezensionen passen wir bei der Wiederveröffentlichung vor allem optisch an das mittlerweile weiterentwickelte Schema an, ändern sie auch sprachlich ein wenig, aber gerade die allerersten Versuche dokumentieren wir hin und wieder auch in der manchmal recht frei von der Leber weg geschriebenen Art und Weise, wie sie damals erschienen sind – im „ersten“ Wahlberliner, von dem wir noch nicht wussten, ob er ein Erfolg werden würde. Später äußerten sich hin und wieder auch Tatort-Schaffende über das, was wir zur Reihe publizierten.

Im März 2019 und in den Folgemonaten haben wir ja den Zauber des Anfangs noch einmal mit der Reihe Polizeiruf erlebt, die wir nun ebenfalls besprechen – aber es ist nicht das Gleiche, weil wir zu dem Zeitpunkt schon weit über 600 Tatorte rezensiert hatten, mittlerweile sind noch einige hinzugekommen – vor allem die Neuerscheinungen der letzten Monate. 

Wir haben stets versucht, Saalfeld und Keppler gerecht zu werden, auch wenn es stellenweise in dieser ersten Kritik über einen Film des Teams eher so klingt, wie viele Tatort-Fans es beschrieben haben. Das Aus für dieses Duo kam 2015 und der Sachsen-Tatort zog wieder um nach Dresden, wo einst Ehrlicher und Kain ihn begründeten.

Folge 766, Erstausstrahlung 06.06.2010

Gesehen: MDR, 13.04.2011

Inhalt:

Eine junge Altenpflegerin, Anna Kowski, wurde im Waschkeller ihres Mietshauses ermordet. Die erste Spur führt die Kommissare Saalfeld und Keppler zur Familie Holst, deren demenzkranker Opa Karl am Vorabend von Anna als letzter Patient versorgt worden war. Frau Holst berichtet, dass es vor ihrem Haus einen handfesten Streit zwischen Anna und ihrem eifersüchtigen Freund Daniel gegeben hat. Als die Kommissare Daniel Bergmann befragen wollen, der in einem Bestattungsunternehmen arbeitet, erkennt Keppler den jungen Mann wieder, den er bereits am Abend zuvor am Tatort gesehen hatte. Dass Anna sich von ihrem Freund trennen wollte, leugnet Daniel zunächst hartnäckig, gibt dann aber eine Auseinandersetzung in Annas Wohnung zu. Den Mord jedoch bestreitet er und belastet stattdessen den Chef des Pflegedienstes, für den Anna gearbeitet hatte. Mike Breuker soll seine Mitarbeiter ausgebeutet und schlecht bezahlt haben. Wie es scheint, wollte sich die bei ihren Patienten sehr beliebte Anna das nicht länger gefallen lassen und hat ihren Chef mit ihrem Wissen über falsche Krankenkassen-Abrechnungen erpresst …

Kurz darauf wird Elsa Kluge, eine andere Patientin von Anna, tot in ihrem Haus aufgefunden. Die Kommissare finden heraus, dass sie ihren gesamten Besitz dem Pflegedienst von Mike Breuker überschrieben hat. Ein Zusammenhang zwischen Breukers halblegalen Machenschaften und dem Mord an Anna Kowski wird immer wahrscheinlicher. Hat er die freundliche Pflegerin getötet? (Zusammenfassung aus Tatort-Fundus.)

Das Ermittlerduo Eva Saalfeld (Sabine Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke)

Als Peter Sodann 2007 nach 45 Leipzig-Tatorten als Kommissar Ehrlicher in den Ruhestand ging (real war er immerhin schon 72 Jahre alt!), musste diese Institution erst einmal adäquat ersetzt werden. Man entschied sich beim MDR, auf Risiko zu gehen. Auf eine Weise ist Sabine Thomalla wirklich die Eva unter den Tatort-Ermittlerinnen, und nicht etwa Eva Matthes. Sie ist hübsch, kann keck schauen und einen Schmollmund machen. Gut, blond ist sie nicht. Aber auch keine große Schauspielerin und wird es auch vermutlich durch viele Tatort-Einsätze nicht werden. Bestimmte Eigenschaften, wie eine sehr differenzierte Mimik, die jede Stimmungsnuance ausdrückt, kann man wohl nur begrenzt erlernen. Aber Thomallas etwas reduziertes Repertoire hat auch einen Vorteil. Sie muss sich nicht so deutlich positionieren wie die sehr profilierten Kolleginnen. Sie muss keine Haltung einnehmen, wie es etwa ganz deutlich Ulrike Folkerts als Lena Odenthal tut. Weniger Präsenz hat manchmal auch etwas Entspanntes.

Auch Martin Wuttke, früherer Volksbühne-Schauspieler, gibt eine Figur, die nicht auf jedes Ereignis mit wahrnehmbarer innerer Resonanz reagiert. Dazu kommt, dass der Kommissar Andreas Keppler, schlicht gesprochen, ein ziemlicher Kotzbrocken ist. Als einsamer Wolf aber dadurch authentisch. Während Eva Saalfeld immerhin noch eine Mutter hat, die hier eine Rolle spielt, kommt Keppler zumindest in dieser Folge aus dem Nichts – und will nach eigener Aussage auch ohne Aufhebens ins Nirwana verschwinden, wenn die Zeit gekommen ist. „Lieber mach ich mich weg“ sagt er. Gemeint ist: Bevor er im Alter auf Hilfe Dritter angewiesen ist, wie einige Figuren in 766. Das passt zu ihm. Außerdem wirkt er auf Tatverdächtige durch seine Erscheinung, durch seine Art, mit ihnen umzugehen, bedrohlich. Man nimmt ihm den desillusioniert-eindringlichen Ermittler ab. Vielleicht ist er der Existenzialist unter den Tatort-Kommissaren.

Als Team sind die beiden disharmonisch, das ist wohl gewollt. Eine Freundschaft ist nicht erkennbar, auch keine ausgesprochene Feindschaft oder Hassliebe. In 766 wirken die beiden dienstlich und jeder mehr oder weniger in seiner eigenen Welt lebend.  Möglicherweise ein Vorteil, dass noch kein Schema festgelegt ist. In diesem Team und in dessen internem Verhältnis ist Entwicklungspotenzial drin – kein ungeschickter Schachzug der MDR-Tatort-Macher.

Die übrigen Figuren

Man muss eine Figur und damit einen Schauspieler herausheben. Das ist Karl Kranzkowsky als Opa Karl Holst. Er gibt diesem Tatort die menschliche Dimension des Alterns und ist alles, was ein alter Mensch sein kann. Hilfloses Kind, Ekel, aber auch eine eigene, große Welt voller Erinnerungen. Die  schönste Szene des Films ist diejenige, als er Keppler vom Krankenhaus anruft (er hat seine Visitenkarte), weil sonst gerade niemand da ist und die beiden ehemaligen Volksbühne-Kollegen dann eine Szene im Freien haben, bei der Holst zu großer Form aufläuft, auf eine Parkbank steigt und der Glanz des einstigen, feschen jungen Mannes und begnadeten Tänzers in seinen Augen liegt. Die Szene ist auch sehr gut mit subjektiver Kamera gefilmt. Dann sackt Holst wieder in sich zusammen und ist der alte Mann, den der Zuschauer bisher kennt. Auch die übrige Familie Holst, finanziell stark belastet und mit der Pflege des Opas überfordert, nachdem die Pflegerin Anna nicht mehr zur Verfügung steht, wirkt glaubwürdig in ihrer Zerrissenheit. Mitleid hat man mit allen von ihnen, besonders mit dem Mädchen Svenja, das viele Opfer bringen muss.

Etwas übertrieben der Bestatter-Unternehmersohn Daniel Bergmann, ein nekrophiles Nervenbündel. Die Sequenz, als er Anna, seine verstorbene Ex, aus der Pathologie entführt (wie kommt jemand da einfach so rein?), dabei Eva Saalfeld einsperrt und später Anna im Schein von tausend Kerzen aufbahrt, ist typischer Klamauk, von dem mittlerweile kaum noch ein Tatort frei ist. Auch kein so ernster wie „Heimwärts“.

Mike Breuker, die letzte wichtige Verdächtigen-Figur, Chef von „BreuCare24“ und somit ehemaliger Vorgesetzter von Anna, ist ein Stereotyp. Ein Raffke, der belegt, dass privatisierte Pflege vor allem ein Geschäft ist, keine soziale Aufgabe. Und nicht nur ein (legales) Geschäft, sondern auch noch eine Möglichkeit, die Hilflosigkeit alter Menschen auszunutzen, um an deren Besitz zu kommen. Dass er da am Ende nur beinahe draufgeht – schade, so denkt sicher mancher Zuschauer.Die Frage stellt sich einmal mehr, ob man Aufgaben wie Pflege, die Behandlung Kranker und andere elementare soziale Belange tatsächlich ins kapitalistische System eingliedern darf. Oder ob dies nicht Staatsaufgaben wie Polizeiarbeit und Justiz sein müssten. Unabhängigkeit von wirtschaftlichen Zwängen ist in Fall von Leben und Tod nicht weniger wichtig als etwa bei der Suche nach Gerechtigkeit.

Die Handlung und das Thema

Kriminalistisch ist die Folge 766 sehr sauber gemacht, was aber auch einfach war, weil die Handlung sehr einfach ist. Das ist auch notwendig, alle Figuren sind mit dem Thema Alter beschäftigt, da würde ein zu komplexer Plot nur stören. Also wieder einer der Tatorte, bei dem eine Abwägung zugunsten des sozialen Themas und zulasten der kriminologischen Finesse getroffen wurde. Ein so großes Thema, das größte überhaupt, der Tod, die Endlichkeit der eigenen Existenz, konnte in einem Tatort nicht halbwegs differenziert gezeigt werden, ohne dass es enorm viel Raum beansprucht. Insofenr war es richtig, war es konsequent, diesen Raum zu geben. Die Serie heißt immer noch Tatort, das sollte man nie aus dem Auge verlieren. Trotzdem, auch wegen der guten Darsteller, wegen der vielen Facetten des Alterns, des Todes (es ist ja mit der Pflegerin Anna Kowski auch eine junge Person verstorben), ist die Folge „Heimkehr“ insgesamt gelungen. (Auflösung 1).

Formales und Atmosphäre

An der schon beschriebenen Stelle mit Karl Holst und Andreas Keppler schwingt 766 sich auch stilistisch auf und erreicht Spielfilmniveau. Ansonsten auch hier wieder eine routinierte, dezente Bildsprache. Was uns allerdings nicht nur bei 766 aufgefallen ist: Das Lokalkolorit, das einige Tatorte so reizend macht, fehlt vollkommen. Bayern sind eindeutig als solche  zu erkennen, Rheinländer, Berliner, Saarländer, Nordländer ebenso, die Gegend, der Menschenschlag, spielen fast immer eine Rolle. Und der Dialekt. Das alles gibt es in Leipzig nicht. Ausgerechnet. Es ist schon klar, dass man die Leute nicht voll sächseln lassen darf, sonst werden sie anderswo nur noch begrenzt verstanden. Das gilt aber für die übrigen Dialekte. Woanders findet man da aber immer einen guten Weg – einige Figuren sind regional, Schauspieler, die nicht aus der gezeigten Gegend kommen, reden hingegen meist hochdeutsch und verhalten sich, sagen wir, regional-neutral. Was die Einbindung der Gegend angeht, würden wir uns vom MDR mehr Mut wünschen.

Fazit

Kriminalistisch eher anspruchslos, aber ein großes Thema recht gut in den Griff bekommen. Gute schauspielerische Leistungen und ein paar starke Einzelszenen.

Die WB-Wertung: 7/10

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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