Tod einer Lehrerin – Tatort 809 #Crimetime 480 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Lehrerin #Tod

Crimetime 480 - Titelfoto © SWR, Stephanie  Schweigert

Vorwort 2019

Heute wollen wir nach einiger Zeit wieder eine Rezension im „Original-Layout“ vorstellen. Das tun wir hin und wieder bei Kritiken, die im ersten Jahr der Tatort-Anthologie (2011) entstanden sind. Sie waren anders aufgebaut und stärker gegliedert, als das mittlerweile der Fall ist. Interessant finden wir in diesem Fall, dass wir darum gebeten oder empfohlen hatten, Florence Kasumba weiter einzusetzen – die Idee, dass die eine gute Tatortkommissarin wäre, kam uns etwas später, als wir den Wien-Krimi „Tod aus Afrika“ besprochen haben. In der TatortAnthologie, die mittlerweile in „Crimetime“ integriert ist, war die Rezension zu „Tod einer Lehrerin“ die Nr. 92 und der 13. Fall, über den wir direkt nach seiner Premiere geschrieben haben.

I. Ein Schock am Anfang, einer am Ende

Was war dazwischen? Ein recht konventioneller Tatort. Wir waren heute etwas spät beim Abendessen, die Dokumentationen zu 9/11 und so, es hat sich alles ein wenig verzögert, an diesem Abend. Also zog sich das Essen in den Tatort-Beginn. Das war ein Fehler.

Einer der gruseligsten Leichenfunde aller bisherigen Tatorte beherrscht die Anfangsminuten. Was in sechs Wochen alles passiert, wenn eine Leiche in einem relativ feuchten Milieu verwest, das sieht man hier ganz ausführlich und Maden- und Fliegenspezialisten werden voll auf ihre Kosten kommen. Wie auch der Kriminaltechniker Peter Becker (Peter Espeloer), der in dieser Folge richtig aufblüht und vergleichsweise viel Dialog hat.

Am Ende steht ein hoch interessantes und für uns zugegebenermaßen ganz neues Thema. Die Schauspielleistungen sind gut, Odenthal und Kopper bekommen eine Lanze von uns. Vor allem Ulrike Folkerts hat frisch und einsatzfreudig gewirkt und dieses Niederschreiben, das immer mehr einsetzt, nur weil sie schon lange dabei ist, unterstützen wir an dieser Stelle nicht. Für uns zählt immer die Leistung im jeweiligen Fall.

Allerdings liegt das Problem dieses Falls tatsächlich im Fall selbst. Das Thema Frauenbeschneidung und die mutige Art, wie hier damit umgegangen wird, das kommt viel zu kurz. Die Hintergründe dieser Tradition, die Auswirkungen auf Frauen, die aus Somalia nach Deutschland kommen und wie die Tradition gelebt, bejaht oder negiert wird, das ist viel zu knapp abgehandelt, denn das ist ja kein Allerweltsthema, das man bringen kann, ohne den Zuschauer wirklich zu informieren.

Wir sind generell nicht für Infotainment, aber hier  hätte der Fall anders aufgebaut werden müssen. Vielleicht vom Whodunnit weg zum Howcatchem, mehr in Richtung Thriller. Dann hätte man auch zu einem früheren Zeitpunkt auf das Thema eingehen können, das letztlich den Mord an der Lehrerin ausgelöst hat, die einen Arzt, der die Beschneidung in Deutschland praktiziert, damit sie nicht amateurhaft, sondern mit so wenig Schmerzen wie möglich ausgeführt wird.

Die Verstrickung der Täter, die mehr Opfer sind, dass es im Grunde gar keinen richtigen Mord gegeben hat, das ist politisch okay, aber man hätte es konsequenter und dramaturgisch besser getimt herleiten können.

II. Besetzung, Stab, Handlung

Regie: Thomas Freudner
Drehbuch: Hans Gerd Müller-Welters, Thomas Freundner
Kamera: Andreas Schäfauer

Lena Odenthal: Ulrike Folkerts
Mario Kopper: Andreas Hoppe
Peter Becker: Peter Espeloer
Edith Keller: Annalena Schmidt
Eshe Steger: Corazon Herbsthofer
Dafina Steger: Florence Kasumba
Enno Steger: Wolfgang Michael
Paul: Vincent Redetzki
Regula Grossmann: Petra Zieser
Dr. Grossmann: Stephan Schwartz
Meeka Steger: Emisya Valeta
Frau Seitz: Christiane Bachschmidt
Marie: Claudia Eisinger
Nachbar: Karl-Heinz Gierke
Frau Betz: Silke Geertz
Herr Betz: Rüdiger Klink

Zum Schuljahresbeginn taucht Lehrerin Heike Fuchs nicht in ihrer Klasse auf. Als die Polizei sie in ihrer Wohnung findet, ist schnell klar, dass Heike Fuchs schon vor Wochen in ihrem Zimmerspringbrunnen ertränkt wurde. Lena Odenthal fällt am Tatort ein junges schwarzes Mädchen auf, das offensichtlich in die Wohnung wollte, aber beim Anblick der Polizei sofort wegrennt. Als Lena dieses Mädchen in der Schule wiedertrifft, bestärkt das ihren Verdacht, dass Schülerin Eshe Steger etwas Wichtiges über Frau Fuchs zu sagen hätte.

Doch Eshe schweigt hartnäckig und wird darin von ihrer Mutter Dafina und ihrem Stiefvater Enno unterstützt. Trotzdem, eine Verbindung scheint vorhanden zu sein, denn Heike Fuchs war Besucherin im deutschafrikanischen Begegnungszentrum, in dem auch die Stegers eine Rolle spielen. Nur ganz selten und nur wegen eines Kunstprojekts, versichert die Leiterin Regula Großmann. Trotzdem bleibt Lena misstrauisch.

Das Ehepaar Betz dagegen redet nicht nur mit Lena und Kopper, sondern lässt sogar eine gewisse Freude über den Tod der Lehrerin erkennen. In den Augen der Familie Betz war Heike Fuchs schuld am Tod ihres Sohnes Nico, der bei einer Klassenfahrt mitten in der Nacht betrunken zum Baden ins Meer ging und dabei umkam.

Im darauf folgenden Prozess wurde Heike Fuchs vom Gericht freigesprochen – nicht jedoch von den Eltern. Vermutlich wurde Heike Fuchs kurz nach der Verkündung des Urteils getötet. Ein starkes Indiz gegen das Ehepaar Betz, zumal ihnen Paul, ein Mitschüler Nicos, nach dem Prozess neue Informationen über die Lehrerin und ihre Beschäftigung in jener Nacht gegeben hatte.

Über die Vorkommnisse im Landschulheim redet Exschüler Paul noch ganz offen, wobei ziemlich schnell klar wird, dass er nicht viel von Nico hielt und mit ihm um Eshes Gunst konkurrierte. Als es aber um seinen eigenen Groll gegen die Lehrerin geht – Paul musste die Schule verlassen, weil Heike Fuchs angesichts seiner Mathematikleistungen unbarmherzig blieb – zieht der 17-Jährige es vor abzuhauen. Kein gutes Zeichen.

Während Kopper Herrn Betz‘ Alibi überprüft, geht Lena den rätselhaften Aufzeichnungen nach, die Heike Fuchs zum Thema Afrika hinterlassen hat. Offensichtlich beschäftigte sie sich intensiv und engagiert mit einer bestimmten Frage – nur welche das sein soll, erschließt sich nicht. Im Begegnungszentrum kann weder Regula Großmann noch Dafina Steger Lena Odenthal weiterhelfen. Gerade das macht die Kommissarin noch misstrauischer. Eshes Wissen wird ihr weiterhelfen, dessen ist sich Lena sicher. Aber wie soll sie das Mädchen dazu bewegen, sich ihr zu offenbaren? Erst als die latente Bedrohung, die über Eshe schwebt, zur realen Gefahr wird, überwindet sich das Mädchen, Lena zu Hilfe zu rufen.

III. Rezension

1. Ein neues Thema schwach erzählt

Dass „Tod einer Lehrerin“ so aufgebaut ist, dass das eigentliche Thema erst in den letzten 20 Minutengezeigt werden konnte, weil sonst das Tatmotiv und zumindest eine Art Täterkreis zu früh klar geworden wäre, ist ein schwerer Drehbuchfehler, der diesem atmosphärisch und schauspielerisch gelungenen, formal zumindest mit einigen Highlights ausgestatteten Tatort viel von seiner Präsenz und Eindringlichkeit nimmt.

Man ist am Ende so überrumpelt. Man kann gar nicht würdigen, wie gelungen dieser Kontrast zwischen den prächtigen Kostümen der schönen Afrikanerinnen und der Zeremonie, dem Gesang – und der Beschneidung, deren Einleitung und Begleitung dies alles dient, auf den Betrachter wirkt. Die Verzweiflung des Mädchens Eshe (Corazon Herbsthofer), das aus der Tradition ausbrechen und seine kleine Schwester schützen will, das wirkt dadurch alles zu plötzlich. Sie ist zwar als eine der wichtigsten Figuren die ganze Zeit präsent; man versteht auch, warum sie sich einem Jungen, den sie mag, nur zögerlich annähern kann.

Aber der Tatort ist durchsetzt mit vielen möglichen Tatverdächtigen und Eltern und überhaupt von Figuren, die überwiegend lokalen Dialekt sprechen, authentisch, aber nicht zwingend für diesen Tatort wirken. Viel Lust an der Darstellung und viel Liebe zum kleinen Detail stehen einem dramaturgisch zu schwachen Drehbuch gegenüber. Dadurch, dass das Thema so spät kommt, wirkt ein Tatort, der lange Zeit eher ruhig daherkommt, ab etwa Minute 70 wie im Zeitraffer gefilmt.

2. Lena in ihrem 45. Fall – und Mario

Die dienstälteste deutsche Tatortkommissarin hingegen wirkt hier so klar, so sympathisch und konzentriert wie lange nicht mehr, man sieht, dass sie vom Thema überzeugt ist und ihr Bestes gibt; dass es der Schauspielerin Ulrike Folkerts wohl auch ein persönliches Anliegen ist, diese Frauensache an den Zuschauer zu bringen. Auch Mario Kopper wirkt mit seiner plötzlich auftauchenden möglichen Tochter gut im Futter.

Anfangs nervt dieser Nebenstrang wieder einmal, aber das ist nur ein kurzer Moment. Diese Jugendromanze  traut man ihm zu, sie wirkt sehr authentisch – und als er am Ende nicht der Vater der jungen Lehramts-Referendarin ist, fühlt man ein wenig mit, dass er das traurig findet.

Die beiden haben zu einer gesettelten Harmonie gefunden und zusammen eine witzige Schlussszene, in der sie Schießen üben – und die Löcher in den Zielscheiben werden ins gleichfarbige Schlussbild übertragen. Das ist eines von vielen netten Details dieses Films. Wenn die beiden so weitermachen, wünschen wir ihnen, dass erstmalig in der Tatortgeschichte die reale Dienstzeit in etwa die eines Beamten im Polizeidienst erreicht. Da werden sie noch oft zusammensitzen und übers Leben und einen Fall philosophieren, bei einem Glas Wein in ihrer WG und auch mal staubsaugen, wenn sie nicht vorwärts kommen.

3. Drehbuch, Regie

Aber man muss bei den Drehbüchern aufpassen, dass diese nicht zu wenig inspiriert sind. Manchmal ist es ja gut, wenn Drehbuch und Regie in einer Hand sind, denn wer kann als Regisseur besser wissen, was der Drehbuchschreiber im Sinn hatte und wie er sich die Szenen vorgestellt hat – als der Drehbuchschreiber selbt.

Manchmal ist es aber wohl besser, wenn der Regisseur eine Kontrollinstanz ist – und die hat dieses Mal gefehlt. Thomas Freundner hat die Schauspieler und die Sets und die ganze Technik gut im Griff gehabt, aber nicht gemerkt, dass das Buch, das er mitverfasst hat, keinen guten Rhythmus bzw.  Aufbau vorweisen kann.

IV. Fazit

Also fallen die Eindrücke, nicht zum ersten Mal auf der Rezensionstour für die TatortAnthologie des Wahlberliners, weit auseinander und man muss versuchen, Vorzüge und Nachteile dieses zwiespältigen Tatortes in eine gerechte Bewertung einfließen zu lassen. Beinahe wie die Lehrer in der „Brennpunktschule“, die im Film gezeigt wird. Dass das intelligent wirkende afrikanische Mädchen ganz anders wirkt als die albernen Mitschüler, ernst und ein wenig traurig, das ist übrigens auch schön gezeigt und gehört zu den kleinen Effekten, die uns für den Film einnehmen, trotz des nicht sehr gelungenen Aufbaus.

Wir plädieren aber unbedingt dafür, die afrikanischen Schauspielerinnen weiter einzusetzen (für Florence Kasumba, welche die Beschneiderin und Mutter der gequälten Eshe spielt, ist es ja schon der zweite Einsatz in diesem Jahr nach „Ausgelöscht“) und ihnen durchaus differenzierte Rollen zu geben, wie hier – und nicht alles in Watte zu packen. Zu wichtigen Themen gehört eine mutige Stellungnahme. Die hat man hier nicht vermissen lassen, das hat mit dazu geführt, dass wir noch auf die folgende Bewertung kommen, die knapp unter dem derzeitigen Durchschnitt aller bisher rezensierten Tatorte liegt –  7/10.

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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