Gier – Polizeiruf 110 Fall 106 / #Crimetime 479 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Gier #Berlin #Fuchs #Hübner #Grawe #DDR

Crimetime 4xx - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD (Der Film ist in Farbe)

Moralisch Land unter

„Gier“ ist auf den ersten Blick einer der Polizeirufe, die als „Premium-Schiene“ labeln: Von der DEFA in schönen Farben gefilmt, mit zwei Star-Ermittlern bestückt, mit 87 Minuten etwa so lang wie ein Tatort. Trotzdem hat das, was wir sehr schade fanden, mit der Länge zu tun. Um was es geht und wa sonst über den Film zu schreiben ist, steht – in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Die Brüder Dosse haben unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen: Carlheinz ist vorbestraft, arbeitet als Transporteur und hat die wohlhabende Witwe Annemarie geheiratet, die ihr Geld zusammenhält. Von Verwandten, aber auch von den Hausbewohnern, wird die Ehe kritisch betrachtet. Bernd Dosse lebt in Scheidung, ist Inhaber der Birkenschenke und hat eine Beziehung zu einer Mitarbeiterin. Winfried Dosse ist Einkäufer und führt ein Luxusleben, das er vor allem durch riskante Käufe und Verkäufe finanziert.

Eines Tages verspekuliert sich Winfried. Er will sein Boot verkaufen und verplant den Erlös bereits weiter. Der Käufer überlegt es sich jedoch kurzfristig anders. Mit einer gefälschten Vollmacht verkauft Winfried zudem den Wartburg von Herrn Großmann und will dafür einen hohen Gewinn einstreichen. Der Käufer verursacht mit dem Wagen am Vortag des eigentlichen Kaufs jedoch einen Unfall, sodass auch dieser Kauf nicht zustande kommt. Gleichzeitig ist Winfried als Hehler für andere tätig und soll in Kürze gestohlene Ware ankaufen, die er wiederum weiterveräußern will. Winfried braucht Geld. Zufällig fährt er Gerda Oeser an, die bei Rot über die Straße geht. Er stellt sich ihr als Herr Landgraf vor, flirtet und trifft sich mehrfach mit ihr. Er gibt vor, für den Kauf eines Eigenheims die letzte Rate zahlen zu müssen und Gerda leiht ihm 20.000 Mark. Sie denkt, dass Winfried eines Tages mit ihr dort wohnen wird, doch durchschaut ihr Bruder Benno Laue den Betrug von Winfried. Nicht er hat das Haus gekauft, sondern den Verkauf nur weitervermittelt. Winfried soll innerhalb der nächsten 24 Stunden die geliehenen 20.000 Mark zurückzahlen.

Winfried will sich von Bernd 25.000 Mark leihen, doch hat er aufgrund der laufenden Scheidung kein Geld. Er gibt Winfried den Tipp, Annemarie um Geld zu bitten. Es ist das erste Mal, dass er seine Schwägerin besucht. Sie hätte das Geld zwar, verleiht aber aus Prinzip nichts. Wenig später findet eine Nachbarin Annemarie tot in ihrer Wohnung. Hauptmann Peter Fuchs, Oberleutnant Jürgen Hübner und Leutnant Thomas Grawe übernehmen die Ermittlungen. Carlheinz erschien schon vor den Ermittlern in der Wohnung, weil er sich einen halben Tag freigenommen hatte. Er hat für die Tatzeit ein Alibi und kann den Ermittlern sofort berichten, dass in der Wohnung rund 25.000 Mark fehlen. Annemarie sammelte druckfrische 100-Mark-Scheine, die sie in einer Box aufbewahrte. Die Box jedoch ist leer. Bei Carlheinz findet sich Annemaries Sparbuch, dessen Beträge nun vollständig ihm gehören. Dies habe ihm Dr. Kreutzer erklärt, der ihm auch Hinweise zu einer möglichen Scheidung gegeben habe, erklärt Carlheinz den Ermittlern. Die erfahren von Optiker Purck, dem Bruder von Annemaries erstem Mann, dass Annemarie auch verschiedene wertvolle Schmuckstücke besaß, die in der Wohnung nicht gefunden wurden. Carlheinz hat den Schmuck in der Zuckerdose versteckt und bietet ihn Dr. Kreutzer zum Weiterverkauf an. Der zieht sich aus dem Geschäft zurück, will er doch mit Mord nicht zu tun haben. Die Ermittler nehmen Dr. Kreutzer fest, der als Betrüger bekannt ist. Ihm hatte Carlheinz über mehrere Wochen sein Herz ausgeschüttet und auch vom Geldsammeln seiner Frau berichtet.

Eine Fahndung nach den Geldscheinen wird eingeleitet und tatsächlich tauchen druckfrische Scheine auf. Die Frau eines Bankangestellten erhielt einen solchen Schein von ihrem Chef – Benno Laue, dem von Winfried ein Teil der 20.000 Mark zurückgezahlt wurden. Die Ermittler nehmen Winfried fest, der gesteht, Annemarie getötet zu haben. Als er sie um Geld gebeten habe, sei sie nach der Ablehnung mit den Scheinen zu ihm gekommen und habe ihn dazu bringen wollen, vor ihr auf den Knien zu betteln. Daraufhin habe er sie so heftig geschlagen, dass sie an den Verletzungen gestorben ist.

Rezension

Es dauerte eine Zeit, bis wir die Handlung einigermaßen verstanden haben. Der 106. Polizeiruf wirkt zunächst recht labyrinthisch, dröselt sich dann aber doch gut auf – vielleicht ist das auch programmatisch gedacht gewesen: Ein Chaos mit vielen gierigen Menschen kommt zu Klarheit und Wahrheit, als am Ende ein Mord passiert. Sehr schön konstruiert – Fuchs und Hübner kommen nicht durch die Tötungshandlung ins Spiel, sondern viel früher, weil sie bereits wegen geklauter und verhehlter Ware ermitteln. Dieser Part gehört aber ebenfalls zur Geschichte der Brüder Dosse, die hier fulminant inszeniert wird. In keinem anderen Polizeiruf aus der DDR-Zeit haben wir bisher ein so grandioses und überzeugendes Ensemble gesehen, alle Haupt- und Nebenrollen ind exzellent gespielt.

Zugegeben, anfangs wirkt es nicht so; Carlheinz, mit dem der Film eröffnet, kommt zu verklemmt und naiv rüber. Man muss also ein paar Minuten dranbleiben – zumindest, bis die drei Brüder im Wirtshaus von Bernd zusammen gezeigt werden. Ab dieser Szene entsteht die Spannung aus dieser Konstellation der einander nahen Ungleichen.

Selbstverständlich ist die komprimierte Darstellung der Gierigen eine Überzeichnung, weil der Film nicht bloß eine Botschaft, sondern geradezu eine Mission hat: Wehret dem Laster der kapitalistischen Geldsucht! Die Art, wie hier alle von dem Bazillus Gier befallen sind, der damals auch im Westen gezielt verbreitet wurde, ist bisher einmalig und kommt am meisten auf „Fehlrechnung“ hinaus, wo eine komplette Tankstellenbrigade Schmu in Millionenhöhe machte. Im Grunde ist der Film sogar eine Abrechnung: Der Realsozialismus hatte es in fast 40 Jahren nicht geschafft, die alten Muster zu beseitigen und Menschen tatsächlich solidarisch werden zu lassen.

Wenn wir daran denken, was das heute bedeutet, wo wir Solidarität so sehr brauchen, wenn diese Zivilisation noch ein wenig bestehen bleiben soll, bekommen wir Angstzustände. Im Westen: Eh klar, da war Gier Programm, seit dem Siegeszug des Neoliberalismus. Aber auch du, DDR? Trotz der filmischen Verdichtung: Hätte es die Phänomene nicht gegeben, die wir in „Gier“ sehen, hätte man sie nicht gezeigt, denn wozu verstaubte Dämonen aus der Schublade holen, die vom Sozialismus längst besiegt wurden? Während das Meiste, was wir sehen, nur die Essenz aus vielen anderen Filmen ist, kommt es bei Annemarie Dosse zu einer geradezu neurotischen Ausprägung von Materialismus – sie sammelt druckfrische Banknoten, Geld, das noch niemand in den Händen hatte. Ganz stimmt das natürlich nicht, denn niemand anderes als ein alter Verehrer, der auch ihr Schwager ist und ein Optikfachgeschäft betreibt, besorgt ihr immer wieder Nachschub. Karl Marx, der auf den 100-Mark-Scheinen zu sehen ist, hätte sich entsetzt ans haarige Haupt gefasst, angesichts des grassierenden Kleinkapitalismus und Egoismus in „Gier“.

Mit den finanziellen Unwuchten einher geht, dass die gezeigten Partnerschaften und Ehen asymmetrisch sind, weil die betuchtere Seite immer raushängen lässt, dass derjenige, der das Geld hat, auch über die Macht verfügt. Das Frappierende an dem Film ist, wie konsequent das hier dargestellt wird. Man kann sagen, hier hat der Neue Deutsche Film aus dem Westen im DDR-Fernsehen Wurzeln geschlagen. Die Inszenierung ist nicht ganz so trocken und stilisiert wie bei R. W. Fassbinder und natürlich muss in einem Polizeiruf ein Verbrechen stattfinden oder mehrere, aber der Tenor ist nicht unähnlich. Dass wir dies so herausstellen, ist keine Schadenfreude, sondern der Tatsache geschuldet, dass die Gier so vieler Personen den Film dominiert. Wir mögen auch persönliche Dramen, die wenig Gesellschaftskritik beinhalten, wie etwa den im Vorjahr entstandenen „Ein Schritt zu viel„, aber man muss doch zugeben, dass die Zensur im Jahr 1986 nicht mehr alles einzog, was die Zustände als solche in den Fokus nahm.

Die Stimmung war damals schon sehr bereit für die Wende, denn wie die Menschen in „Gier“ sich abstrampeln, um Geschäfte zu machen, spiegelt sich in den Versuchen, den Kapitalismus ab 1990 zu adaptieren, obwohl man ihn nicht gelernt hatte. Was wir sehen, ist ja auch eine Art Käseglocke, in der Objekte auch gebraucht viel wert sind, weil es einfach nicht genug davon gibt. Heute mag man das als nachhaltig bezeichnen, aber Ressourcenschonung war sicher nicht die Idee hinter der Mangelwirtschaft.

Aber was hat uns gestört? Angesichts der Länge des Films und der Art, wie die Handlung aufgebaut ist, ist „Gier“ geradezu prädestiniert für eine Wendung, die wir aus Tatorten kennen: Jemand schlägt auf eine Person ein und flüchtet, glaubt, diese Person getötet zu haben, indes kommt aber noch jemand hinzu und vollendet erst das Werk. Zum Beispiel hätte sich der Hausbewohner-Handwerker dazu bestens angeboten, der zufällig mitbekam, dass Frau Dosse viel Geld in der Wohnung aufbewahrte. Der Verdacht wird ja zwischenzeitlich sehr auf ihn gelenkt und unsympathisch ist er auch. Vielleicht wäre der Handwerker als Mörder dann aber doch zu viel des Schlimmen gewesen, es musste der An- und Verkäufer sein. Der Anlass wird nicht gezeigt, nämlich, dass Frau Dosse ihr Verhalten plötzlich änderte und ihn demütigte – es hätte ausgereicht, dass sie nicht hilfsbereit sein wollte, Gier in Form von Geiz – sadistisch wirkte sie bisher eigentlich nicht und Carlheinz trug stets das Seine zu den häuslichen Auseinandersetzungen bei.

Finale

Vielleicht kann man so weit gehen, dass Annemarie ihn vor allem geheiratet hat, weil sie einen Mann brauchte, den sie leicht dominieren konnte, aber alle zwischenmenschlichen Verhältnisse in diesem Film haben etwas Kalkuliertes, das in toto durchaus beängstigend wirkt. Und es ist ein Wurm in der Gesellschaft selbst. Während in den ersten Polizeiruf-Jahren vor allem Außenseiter als Täter gezeigt werden, sind hier Mittelständler, Hasardeure, Handwerker auf dem Holzweg.

Trotz oder beschriebenen Schwächen am Ende, wo dem großen Wurf ein wenig die Puste ausgeht, ist „Gier“ ein sehr guter Polizeiruf, dessen schonungslose und zuweilen trotzdem humorvolle Menschendarstellung sehr gekonnt wirkt – nicht zum ersten Mal merken wir an, dass die Polizeirufe in dem Bereich eine deutliche Stärke haben und auch die Handlungen nicht selten logischer wirken als in zeitgenössischen Tatorten – hingegen die Dramaturgie etwas vernachlässigt wirkt. Auch „Gier“ hat einen recht dezenten Rhythmus, arbeitet nicht mit der großen Welle lyrischer und dramatischer Momente, aber das Geschehen ist so abwechslungsreich und die Figuren sind so spannend und es gibt durchaus einen Wechsel zwischen bedrückender und frecher Interaktion, dass das, was wir in anderen Filmen der Reihe schon als monoton kritisiert haben, kaum ins Gewicht fällt. Außerdem hat er einen Vorzug, den leider Tatorte nur sehr selten aufweisen: In diesem dialogreichen Film wird Musik ganz sparsam, aber sehr pointiert eingesetzt.

Immer, wenn die Epidodenrollen besonders gut ausgearbeitet sind und auch sehr zahlreich, treten die Ermittler dahinter zurück. Es ist vor allem Peter Borgelt als Peter Fuchs zu verdanken, dass sie hier nicht geradezu im Gierstrudel untergehen, denn seine wieder einmal starke Präsenz sorgt dafür, dass auch dieser Polizeiruf doch auch ein wenig ein Polizeikrimi ist während Hübner in diesem Film eine eher schwache, stellenweise richtiggehend fahrige Vorstellung gibt, wie so häufig, wenn er mit dem dominanten Fuchs, der dann auch immer Chefermittler ist, zusammengespannt wird. Wenn man dieses ebenfalls nicht gerade symmetrische Verhältnis symbolisch sehen will: Hübner zeigt schon die DDR in innerer Auflösung, während Fuchs dafür steht, dass vielleicht, wenn alle endlich bessere sozialistische Menschen sein möchten, doch noch alles gut werden kann.

8/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans Knötzsch
Drehbuch Hans Knötzsch
Produktion Kurt Lichterfeld
Musik Karl-Ernst Sasse
Kamera Siegfried Mogel
Schnitt Barbara Simon

Peter Borgelt: Hauptmann Peter Fuchs
Jürgen Frohriep: Oberleutnant Jürgen Hübner
Andreas Schmidt-Schaller: Leutnant Thomas Grawe
Klaus Nietz: Polizeiobermeister Kubusek
Rolf Mey-Dahl: Winfried Dosse
Uta Schorn: Uschi Dosse
Günter Junghans: Carlheinz Dosse
Karin Schröder: Annemarie Dosse
Wilfried Pucher: Bernd Dosse
Tessy Fehring-Bortfeld: Frau Feig
Friederike Aust: Gerda Oeser
Dieter Wien: Willi Purck
Hans-Joachim Hanisch: Egon Kreutzer
Petra Hinze: Frau Dr. Schwundt
Carl-Hermann Risse: Herr Schroth
Achim Petry: Benno Laue
Giso Weißbach: Herr Glaubert
Birgit Frohriep: Carla
Angelika Lietzke: Beate
Constanze Roeder: Elke
Wolfgang Brunecker: Herr Meyerhold
Erwin Berner: Andreas
Lutz Erdmann: Herr Munck
Ernst Steiner: Herr Großmann
Ulrike Hanke-Haensch: Isolde Großmann
Jürgen Polzin: Kraftfahrer
Roman-Eckhard Galonska: Lieferant der Birkenschenke
Hans-Werner von Gehr: Gast der Birkenschenke
Norbert Franke: Genosse der Spurensicherung
Werner Kos: Genosse der Spurensicherung
Trude Brentina: Frau Einsiedel
Will Erdmann: Bettnachbar von Herrn Munck
Uwe Geyer: Kriminalist
Roland Kuchenbuch: Volkspolizist
Kurt Naumann: Befragter durch Kripo
Lothar Schellhorn: Herr A.
etlana Skorochodowa: Frau Glaubert

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