Brandmal – Tatort 708 #Crimetime 482 #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #WDR #Brandmal #Brand

Crimetime 482 - Titelfoto © WDR, Uwe Stratmann

PC steht nicht für Personal Computer

Der 708. Tatort ist ein prototypischer Köln-Krimi. Linear gefilmt, mit sympathischen Ermittlern, in aufgrund der Herkunft, des gemeinsamen Migrationshintergrundes herausgebildten Milieus forschend und – als Thesenstück aufgebaut. Was in diesem Fall bedeutet, dass Max Ballauf und Freddy Schenk, die Kölner Kommissare, das Thema Roma, Sinti, Übergangsheim kontrovers zu diskutieren haben. Dabei nimmt Freddy den konservativeren Part ein, wie meistens. Wir haben also wieder einen Thesenkrimi vor uns. Wie dieser gelungen ist, darüber schreiben wir in der – Rezension.

Handlung

Bei einem Brand in einem Mietshaus im rechtsrheinischen Stadtteil Kalk stirbt eine junge Frau an den Folgen einer Rauchvergiftung. Ersten Ergebnissen zufolge handelt es sich um Brandstiftung mit Todesfolge. Die Bestürzung des Vermieters ist groß, sein Urteil eindeutig: „Das können nur die Zigeunergewesen sein!“

Seitdem im Viertel ein Heim für Sinti und Roma aufgemacht hat, sei es immer wieder zu Konflikten zwischen den Flüchtlingen aus dem früheren Jugoslawien und den Einheimischen gekommen. Eine Anwohnerinitiative fordert die Schließung des Flüchtlingsheims und kämpft gegen das Bleiberecht für „kriminelle Ausländer“.

Tatsächlich scheinen die Indizien vorerst gegen das Roma-Mädchen Lutvija zu sprechen. Doch wie die Ermittlungen in dem Kölner „Problemviertel“ belegen, sind die Zusammenhänge des Falls weitaus komplexer, als es zunächst den Anschein hat.

Rezension

PC steht für Political Correctness. Diese fließt in viele Tatorte ein, wird aber hier geradezu exemplarisch ausgeformt und dominiert den Film wie kaum einen anderen, den wir bisher für die TatortAnthologie rezensiert haben. Die PC und alles, was aus den Konsequenzen jahrhundertelanger politischer und kultureller Geschichte folgt – besonders in Deutschland – ist ein weites Feld. Wir bleiben in deshalb in der einzelnen Furche, die von „Brandmal“ gezogen wird. Übergreifende Betrachtungen, wie wir sie hin und wieder anstellen, bleiben außen vor, denn schon das, was in diesen üblichen 89 Minuten gezeigt wird, reicht im Grunde für mehr als eine simple Tatortrezension – die wir aber dieses Mal aus dem PC-Blickwinkel schreiben, über einen Film, den die ARD offenbar besonders häufig wiederholen lässt, weil sie seine hochentwickelte PC für beispielhaft hält.

Wir wissen natürlich längst, dass man nicht mehr „Zigeuner“ sagt. Wir erfahren aber, dass Sinti und Roma auch keine korrekte Sprachverwendung darstellt, denn es gibt auch Gruppen innerhalb des Spektrums, das früher unter „Zigeuner“ zusammengefasst wurde, die beides nicht sind. Was uns verblüfft hat, war, dass heute der Begriff „mobile ethnische Gruppe“ verwendet werden soll. Zunächst dachten wir, das sei als ein Witz gedacht, der in der Tat die Proteste der Sinti und Roma vor der Ausstrahlung des Tatortes unterlegen würde – bis wir vor dieser Rezension ein wenig recherchiert haben.

„Mobile ethnische Gruppe“ ist ja nichts anderes als eine Neusprech-Übersetzung für „Fahrendes Volk“, und wenn das kein Klischee ist, wissen wir’s auch nicht. Viele Sinti und Roma sind heute sesshaft und zudem sind wir mittlerweile mit gesellschaftswissenschaftlichen Begriffen so vertraut, sie sind so in die Alltagssprache eingeflossen, dass zwischen dem traditionellen Begriff und dem heutigen offiziellen nicht unbedingt ein Wertungsunterschied bzw. die zwangsläufige Vermeidung einer Abwertung liegen muss. PC ist einerseits notwendig, andererseits tückisch, das  zeigt „Brandmal“ sehr deutlich begibt sich nicht nur auf sprachlich-soziales Glatteis, sondern versinkt plotseitig in einem ebenfalls aufs ehtnische Thema zurückzuführenden Bermudadreick namens „war eh klar, wer es nicht gewesen sein konnte, weil er einer durch die PC geschützten Personengruppe angehörte.“

Zwei von vier Verdächtigen im Film, das 13- oder 15jährige Mädchen Ludvija Demiri und der Polizist Mario Klemper (offenbar eine Anspielung auf Mario Kopper aus Ludwigshafen, der auch einer ethnischen Minderheit angehört) sind Roma. Daraus folgt, sie können den Brand im Wohnhaus von Hans-Dieter Lange (Bernd Michael Lade) nicht gelegt haben. Denn die PC verordnet nicht nur einen bestimmten Sprachgebrauch, sondern auch, dass Angehörige ethnischer, sozialer, religiöser Gruppen keine Täter sein können, weil der Zuschauer möglicherweise Vorurteile diesen Gruppen gegenüber bestätigt sehen könnte. Nicht der Einzelfall zählt, wie in der Juristik, sondern das, was man von einem gezeigten Individuum auf dessen Ethnie etc. übertragen könnte.

Da der Kampf gegen diesbezügliche Vorurteile oder Klischees ein Anliegen der Öffentlich-Rechtlichen Sender ist und zu deren Bildungsauftrag zählt, darf die Auflösung eines Verbrechens keine Voruteile bestätigen – was heißt, die Plotmöglichkeiten sind immer dann eingeschränkt, wenn nicht nur Menschen gezeigt werden, die keiner Minderheit zuzuordnen sind. Vielmehr ist es den Sendern, und der WDR nimmt diesbezüglich eine führende Position ein, wichtig, um Verständnis zu werben. Das tut „Brandmal“, indem er den Hintergrund der Migration von Ludvijas Familie nach Deutschland erläutert – eine ethnische Säuberung im Kosovo.

Für den Film stellt sich leider das Problem, dass zwei von vier Verdächtigen ausfallen, weil sie wegen der PC die Tat nicht begangen haben dürfen. Das macht ihn für alle, die wissen, wie ernst die ARD die PC nimmt und wie besonders ernst der WDR damit am Tatort Köln umgeht, sehr linear und langweilig. Nicht komplett vorhersehbar, weil es ja immer noch den Boxer (kein Klischee?) und den Hausbesitzer-Ladenbesitzer gibt, der, wie wir am Ende erfahren, seine Bude warm sanieren will und dummerweise ist vorzeitig Angela Böhler ins ansonsten leere Haus zurückgekehrt, weil sie einen Paris-Urlaub abgebrochen hat. Gut, es gibt noch deren Freund, doch der hat frühzeitig ein handfestes Alibi, und da ist noch der Aufwiegler-Lokalpolitiker und Kneipenbesitzer, dem wir zwischenzeitlich zugetraut haben, dass er mit der Sache etwas zu tun hat. Aber im Grunde kamen nur zwei Personen in Frage und die haben’s dann zusammen durchgezogen. Dass dabei das Haus nicht zerstört wurde, stattdessen aber ein Menschenleben, ist tragisch. Wir empfinden es aber nicht so, weil wir das Opfer nicht kannten und keiner der Darsteller uns emotional auf seine Seite zog.

Im Verlauf, nicht zu Beginn, interessiert uns immer mehr das Schicksal der kleinen Ludvija, aber mehr menschlich und bezüglich seiner Hintergründe, nicht als Krimifans. Wir wissen ja längst, dass jemand, dessen Herkunft so ausdiskutiert wurde wie hier, den Brand nicht gelegt hat.

Wie stehen die Ermittler in diesem Fall? Ballauf und Schenk sind wirklich gute Träger für alle Themen, mit denen kann man auch einen Film durchziehen, der so staubtrocken inszeniert ist wie „Brandmal“.

Und fürwahr, das ist er. Klar gibt es Konstellationen, die für humorige Einlagen besser geeignet sind als die im Film gezeigte und das Tatort-Grundthema Mord lässt sich mit Witzen hervorragend über die 90 Minuten bringen, wie gerade der WDR seit der Etablierung des Teams Münsterbeweist. Nebenbei: Die Thiel-Boerne-Connection wirkt, als hätte sich ein Sender, der vor lauter Korrektheit kaum noch atmen konnte, eine Art PC-freien Raum gönnen wollen, in dem alle Energie und aller Überschwang sich austoben durften, ohne dass bei der Sprache und dem Verhalten der Figuren so enge Vorgaben zu beachten waren wie es in Köln und in anderen Tatort-Städten üblich ist.

Sozialtatorte, die mit ethnischen Minderheiten dealen, sind problematisch. Wegen der PC und wegen der Tatsache, dass sie immer Zwitter bleiben. Sie sind nicht eindeutig Sozialstudien und können demgemäß nicht hinreichend in die Tiefe gehen, sie sind u. a. wegen der angesprochenen Umstände meist keine guten Krimis. Da sie aber zur Wirklichkeit gehören, müssen die Sender da durch, denn ihr Auftrag ist es ja auch, uns die Wirklichkeit nahezubringen. Dass Freddy dann sogar sagen kann, Max solle sich mal in die Lage von Straßenanwohnern versetzen, denen ein Übergangswohnheim (ein sehr sauberes und gut geführtes, übrigens) vor die Nase gesetzt wird, er also kurzfristig die Partei jener Anwohner ergreift, ist dem echt schwierigen Thesenkrimi geschuldet.

Wo die Sympathien der Macher liegen, ist klar, die Anwohner werden mehr oder weniger als dumpfer Haufen dargestellt, der in Kneipen-Hinterzimmern konspiriert – dass auf Freddy Schenk auf  breiten Schultern auch die unsymathischen Ansichten tragen kann, dass man ihn als Figur noch mag, obwohl er sich gegen die gewollte Tendenz eines so wohlmeinenden Films wie „Brandmal“ stellt, macht seinem Darsteller Dietmar Bär durchaus Ehre.

Da hat es Max Ballauf leichter, der ist eh für die Goodfellow-Rolle zuständig. Hat er’s wirklich leichter? Normalerweise äußert er seine Ansichten vor allem gegenüber Freddy. Klassischerweise disktutieren die beiden auf der Dienststelle, im Auto oder an der Wurstbude. Nein, an der Wurstbude, die in „Brandmal“ nicht vorkommt (!), eher nicht, das ist ein Schlusszenen- und damit ein Vereinigungsort. Meistens.

Dieses Mal aber wird er direkt gegenüber dritten Personen, besonders gegenüber dem Kneipier, aber auch gegenüber dem Hausbesitzer, der von einem Leipziger Exkommissar gespielt wird. Und da schaut er so ernst und aufmerksam und so – dass wir denken: Was passiert, wenn einer dieser Typen mal ernsthaft dagegen hält? Max ist doch ein viel zu verletzlicher Typ, um gegen rohe Sprüche über 12 Runden gehen zu können. Viel zu introvertiert, um dieses Niveau als gemeinsamen Nenner für den Diskurs anzunehmen. Da kommt er anders rüber als die berufsentrüsteten Kolleginnen aus dem Norden, Inga Lürsen, Bremen (Bluthochdruck-Variante) und Charlotte Lindholm, Hannover (Niedertemperatur-Variante).

Er wirkt fremd und verloren gegen die undifferenzierte Sicht dieser Leute. Beim Zuschauen ertappt man sich dabei, dass man sich am liebsten neben ihn stellen möchte und ihm beispringen, wenn er auf das Gekeife irgendwann keine Antwort mehr weiß oder wissen sollte. Denn er hat, auch das unterscheidet ihn von den erwähnten Kommissarinnen, nicht immer das letzte Wort. Aber es wird auch nie richtig ernst, mit den Verbalinjurien. Wir sind Primetime! Die übrigens ein weiteres Handicap für alle Tatorte ist. Wirklich gepfeffertes Leben muss immer gefiltert werden, damit die Filme um 20:15 Uhr ausgestrahlt werden können.

Das trägt sicher auch zur ziemlich engen Inszenierung bei. Wir haben Freddy und Max schon sehr emotional und hochtourig unterwegs gesehen – allerdings überwiegend in den frühen Folgen. Selten aber war er so trocken wie hier. Selbst Assistentin Franziska Lüttgenjohanns Liebelei mit einem Tatverdächtigen hat etwas Tristes, zumal der Verdächtige wirklich der Brandstifter ist. Arme Franzi. Neben ihr ist auch der Polizist Mario Klemper selbst in den Fall verwickelt, er ist der ominöse neue Freund der getöteten Angela Böhler gewesen, dessen Identität lange Zeit nicht ermittelt werden kann, weil er Angst hat, als Person der Tat verdächtigt zu werden und als Roma unter Generalverdacht zu geraten.

Zwar wird das Privatleben von Freddy Schenk dieses Mal nicht gezeigt, sondern nur angesprochen, ebenso wie das Nicht-Privatleben von Max Ballauf, aber diese intensive Verwicklung von zwei Menschen, die für die Kölner Exekutive tätig sind, nervt leider, um es plump zu schreiben. Es hat dieses Mal auch nicht die manchmal deutlich erkennbare Funktion, den Zuschauer emotional mehr einzubinden, denn der Boxer ist irgendwie ein Arsch und Angela haben wir nur als Leiche kennengelernt. Okay, etwas Mitleid mit Franziska, die immer die falschen Typen erwischt, hatten wir schon.

Fazit

Für uns ist „Brandmal“ ein nur in Maßen gelungener Beitrag zur interkulturellen Verständigung, auch wenn wir wieder über die Hintergründe von Vertreibung und Migration etwas gelernt haben. Der Film wirkt zu steif und didaktisch. Das Thema hätte mehr Differenzierung vertragen, der Krimi mehr Schwung und eine weniger vorhersehbare Handlung. Für uns kam noch hinzu, dass wir aufgrund von etwas Erfahrung im Baubereich diese Idee der versicherungsgestützten warmen Sanierung relativ früh im Blick hatten, nachdem klar war, dass der Hausbesitzer sich in einer ausweglosen Lage befand. Das war mal eine recht gute Straße im Zentrum von Köln. Ist es aber nicht mehr, wegen des Übergangswohnheimes, in dem Menschen regelrecht festsitzen, weil ihr Status nie eindeutig geklärt wird.

Schön, wie wir am Ende manipuliert werden, als Freddy und Max bei der Familie von Ludvija zum Tee sind und Max seine Geldbörse vermisst. Wie die Kamera Max‘ Blickwinkel einnimmt und alle versammelten Menschen scannt. Dabei hat er sie im Auto liegen lassen. So etwas ist uns mit Börse in Hecktasche von Jeans auch schon passiert, auch an einem anderen Ort. Aber wir werden nett darauf hingewiesen, dass auch der gute Max in dem Moment wohl nur eines denkt: Diese … „mobile ethnische Gruppe“! Und wir halten den Atem an, obwohl wir längst wissen müssten, die sind es nicht. Sie sind es einfach nicht. Schon deswegen, weil die meisten von ihnen gar nicht mehr mobil sind. 

6,5/10

© 2019, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Freddy Schenk – Dietmar Bär
Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Staatsanwalt von Prinz – Christian Tasche
Hans-Dieter Lange – Bernd Michael Lade
Mario Klemper – Christoph Bach
Ruth Böhler – Katharina Heyer
Klaus Scherer – Wolfgang Packhäuser
Thorsten Riepert – Uwe Preuss
Stefan Woditsch – Josef Heynert
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Lutvija Demiri – Muriel Wimmer
Kai Bracht – Aljoscha Stadelmann
Ulf Pohlschröder – Peter Moltzen

Drehbuch – Karl-Heinz Käfer
Regie – Maris Pfeiffer
Kamera – Christian Rein
Musik – Jörg Lemberg

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