Cassandras Warnung – Polizeiruf 110 Fall 321 / #Crimetime 483 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Cassandra #vonMeuffels #BR #München

Crimetime 483 – Titelfoto © BR, Erika Hauri

Wieder ein Nordlicht im Münchener Himmel. Nicht.

Der bisher einzige Film mit von Hanns von Meuffels als Ermittler, den wir hier rezensiert haben, war „Nachtdienst“ und dies war ein ungewöhnlich intensiver Film mit einem ungewöhnlich guten Ermittler, der von Matthias Brandt gespielt wird. Der jüngste Sohn des früheren Bundeskanzlers Willy Brandt war uns ein Begriff wegen seiner die Demokratie tragenden Figur Benda in „Berlin Babylon“, aber in diesem riesigen Ensemble ist er einer von vielen, die hervorragend gespielt haben – was er drauf hat, wenn er einen Film tragen muss, haben wir in „Nachtdienst“ bewundern dürfen.

Wie kommt er in seinem Polizeiruf-Erstling rüber und wie hat uns der Film sonst gefallen? Darüber steht alles in der -> Rezension.

Handlung

Gegen einen Polizisten zu ermitteln ist alles andere als ein einfacher Start für den neuen Kommissar Hanns von Meuffels. Das adlige Nordlicht hat es ohnehin schwer, von seinen neuen Münchner Kollegen akzeptiert zu werden. Gerry Vogt hingegen ist ein beliebter Kommissar im Münchner Polizeipräsidium. Als dessen Frau Diana Vogt erschossen aufgefunden wird, eckt Hanns von Meuffels mit seinem Verdacht gegen Gerry Vogt überall an.

Doch kurz darauf stellt sich heraus, dass Diana Vogt lebt. Bei dem Opfer handelt es sich um deren Freundin. Meuffels muss in eine ganz andere Richtung ermitteln. Alles deutet darauf hin, dass Gerry Vogts verschmähte Affäre, Cassandra, das Opfer mit Vogts Frau verwechselt hat. Meuffels hat längst genügend Hinweise darauf, dass die Täterin es noch einmal probieren wird. Und er soll recht behalten. Der Versuch, das potenzielle Opfer Diana rund um die Uhr zu bewachen, stellt sich als äußerst schwierig heraus. Wieder kann die Täterin im letzten Augenblick fliehen, nachdem ein neuer Anschlag fehlschlägt.

Auf der Suche nach Cassandra führt ein vielversprechender Hinweis Hanns von Meuffels auf die Spur eines ungeklärten Kindsmordes aus den 90er Jahren. Meuffels muss sogar noch tiefer in die Abgründe der Münchner Kriminalgeschichte tauchen als sich auch eine Querverbindung zu einem zweiten ungeklärten Mordfall an einer Frau ergibt. Auf höchst irritierende Weise tauchen diese Spuren auf, die aber alle nicht zur Ergreifung der Täterin führen. Meuffels bleibt nichts anderes übrig, als Cassandra, auch mit Hilfe der Polizistin Anna Burnhauser, eine Falle zu stellen. Und am Ende übertrifft Meuffels‘ Auflösung des Falles jegliche Vermutungen.

Rezension

Was soll schon schiefgehen, wenn der Grimme-Rekordpreisträger Dominik Graf Regie führt? Man muss dranbleiben. „Cassandras Warnung“ ist kognitiv nicht einfach, aber eher im Sinn von gewöhnungsbedürftig, als dass er zu verwustelt und künstlich kompliziert wirkten würde.

Dieses fulminante Debüt von Matthias Brandt als von Meuffels wird uns im Gedächtnis bleiben. Perfekt ist auch die Handlung dieses 321. Polizeirufs nicht, denn wie kann es passieren, dass sich die Polizei nach dem furchtbaren Tod einer Frau, die dann angeblich nicht die Ehefrau von Gerry war, nicht mal ein Bild von ihr anschaut? Dann wäre das Ende, das wir sehen, nach spätestens einer Viertelstunde erreicht gewesen. Aber es ist die atemlose, grandiose Inszenierung, die es erschwert, alles, was geschieht, rational zu durchdenken.

Vielfach kritisieren wir, dass mit der Gestaltung eines Films Mängel seiner Konstruktion überdeckt werden sollen, aber in diesem Fall sind wir geneigt, Raum zu geben. Denn es passt so vieles. Die Reihe Polizeiruf neigt mehr als die Tatorte zur Düsternis, man kann auch sagen, einige Schienen versuchen sich darin mit jedem neuen Film selbst zu überbieten. Am augenfälligsten ist das in Magdeburg. Aber man kann es immer übertreiben – und man kann innerhalb eines Formats auch Gegenakzente setzen. Der bisher deutlichste Gegenakzent, von dem wir berichten können, wird durch „Cassandras Warnung“ gesetzt. Natürlich kann man sich darüber ärgern, dass ein so grausamer Mord wie der Schuss ins Gesicht von einem Filmstil gerahmt wird, der ungewöhnlich komisch und dramatisch zugleich ist.

In diesem Polizeiruf wird aus dem Vollen geschöpft und der eigentlich Witz ist, dass das böse Paar, das wir am Ende offenbart bekommen, vorher zuweilen irritierend wirkt und am Ende ist es ganz stimmig, warum sie sich so verhalten haben. Man lässt es nicht zu früh raus, aber man setzt immer wieder kleine, irritierende Zeichen – zum Beispiel, wie Diana aus der Rolle der distinguierten Adeligen stellenweise herausgleitet und das Luder sichtbar wird, ohne dass man sofort denkt, sie ist nicht die Person, für die sie sich ausgibt und für die Gerry sie ausgibt. Schade, dass die Spur in die Vergangenheit nichts ergibt.

Aber wie von Meuffels, der Mann mit der scharfen Beobachtungsgabe und der exzellenten Bildung, wohl früh merkt, dass da etwas nicht stimmt, ist super. Bzw. wäre es, wenn nicht – siehe oben. Wenn wir schon dabei sind: Es hätte auch einem von Gerrys Kollegen auffallen dürfen, dass Diana nicht Frau Vogt ist, auch wenn sie selten auf Feiern aufgetreten ist und dergleichen. Man hätte es sich einfacher machen können, mit dem Aufdecken der falschen Frau Vogt. Dafür gibt es Szenen, die sind zum Niederknien. Die Beisetzung, die Feier der Cops im Lokal, so muss man ein Ensemble erst einmal steuer können, dass es dermaßen Spaß macht und jeder Beteiligte sich so engagiert, dass man das Gefühl hat, man sei mitten im Leben – und doch immer weiß, es ist eine ganz pointierte Darstellung, nicht das Leben selbst.

Großartig gemacht auch, wie der Neue noch gar nicht richtig in München angekommen ist und schon gegen einen Kollegen ermitteln muss. Damit macht man sich keine Freunde, schon gar nicht im Amigoland. Trotzdem wird diese Situation nicht exploitiert, sondern trägt zur thrilligen Atmosphäre des Films bei, in dem man niemals durchatmen kann – aber auch nie das Gefühl hat, man wird nach Strich und Faden manipuliert. Selbstverständlich ist das der Fall, aber wenn’s Spaß macht und nicht als Verdeckungstat für ein schwaches Skript rüberkommt, warum nicht? Dafür ist Kino da, Gefühle in uns auszulösen.

Finale

Es ist sehr schade, dass Matthias Brandt nun aufhören wird, von Meuffels zu spielen. Wir stellen ihn auf eine Stufe mit Anneke Kim Sarnau vom Rostock-Polizeiruf, die mit ihrer König-Figur den Polizeiruf prägt wie kein*e zweite*r Darsteller*in. Brandt ermittelt im reichen München, das ist prinzipiell ein anderes Setting als in allen Ost-Polizeirufen, hier gibt es andere Themen und andere Typen zu bestaunen und diese Abwechslung tut der Reihe Polizeiruf 110 doch gut, denn diese Ödnis, die in den NBL-Poliizeirufen nicht relativiert, sondern forciert wird, kann auch irgendwann aufs Gemüt schlagen.

Hingegen bietet sich bei der München-Schiene der Vergleich mit den Tatorten aus derselben Stadt an, in denen Batic und Leitmayr als Ermittlerduo arbeiten. Diese Schiene hat sich allergrößte Verdienste um die ARD-Premium-Krimireihe erworben, aber darstellerisch und filmisch wäre „Cassandras Warnung“ auch unter den Tatorten, wenn er in dieser Reihe angesiedelt wäre, einer der besten. Stilistisch ist er vielleicht sogar ein „Influencer“, denn die etwas überdrehten Darstellungen sind bei neuen Teams in den letzten Jahren auffällig häufig zu beobachten; damit sollen die Figuren spannender, die Filme fülliger werden. Nur: Von Meuffels ist nicht selbst ein Unruheherd, sondern gleitet selbst dann, wenn er nicht mehr Herr der Lage ist, wie ein Nachtfalke durch einen Plot. Am Ende stößt der Falke nieder und, eher einer Spinne gleich, hat er vorher ein Netz gespannt, das die Wirkung einer Beutefalle hat.

Wir müssen jetzt noch ein Geständnis ablegen. Der erste Film mit von Meuffels, den wir uns anschauten, war nicht „Nachtdienst“, sondern einer, in dem am Schluss eine CD mit Beweisen vernichtet wird und er den Fall nicht aufklären kann. Wir haben leider nicht mehr im Kopf, welcher Film es war, aber wir konnten ihn nicht rezensieren, weil wir ihn irgendwie nicht in den Griff bekamen. Das kommt doch selten vor, eher schon die Variante, dass wir mittendrin einschlafen und entscheiden müssen, ob wir nochmal von vorne rangehen oder am Abend darauf nur ein paar Minuten zurückspulen und mittendrin wieder einsteigen. Das Anschauen von „Cassandras Warnung“ hingegen hat keinerlei Ermüdungserscheinungen verursacht.

Schade, dass es ein paar Fragwürdigkeiten gibt, dennoch vergeben wir erstmals an einen Polizeiruf

9/10.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 Regie Dominik Graf
Drehbuch Günter Schütter
Produktion Ronald Mühlfellner, Hamid Baroua (Producer)
Musik Sven Rossenbach, Florian van Volxem
Kamera Hanno Lentz
Schnitt Ulla Möllinger

Matthias BrandtHanns von Meuffels
Ronald Zehrfeld: Gerry Vogt
Alma Leiberg: Diana Vogt
Anna Maria Sturm: Anna Burnhauser
Tobias van Dieken: Pandora Büchschen
Philipp Moog: McFly
Samir Fuchs: Ari Ben Kanaan
Doris Kunstmann: Serrano
Ljubisa Ristic: Amir
Diana Marie Müller: Leutnant Uhura
Sarah-Lavinia Schmidbauer: Kumi Rüth
Gerhard Wittmann: Ried
Lena Baader: Marina Ried
Walter Hess: Anwalt Hoffmann
Andreas Heinzel: Zegler
Florian Münzer: Kobl
Toni Osmani: Verdächtiger
Korbinian Tyroller: Nachbarsjunge

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