„Im Zweifel für die Umwelt“ / „Der Glaubenskrieg“ (Bernhard Trautvetter, Dirk C. Fleck, Rubikon) – Kommentar #ClimateChange #Klima #Umwelt #Klimaleugner #FfF #FfH #SUV #KenFM #Querfront #Wissenschaft #SystemChange #Neoliberalism #Capitalism #Change

Im Rahmen unserer Herbst-Winter-Offensive geht es heute mit gleich zwei Besprechungen weiter. Nachdem wir gestern vom Grundsätzlichen zu aktuellen Berliner Einlassungen gesprungen sind, heute wieder zurück in die Rubikon-Timeline des Themen-Specials „Die Planeten-Zerstörer“ . Wir haben uns mittlerweile entschlossen, alle Beiträge darin zu besprechen, den einen oder anderen sogar nachzuveröffentlichen, was aufgrund der CC 4.0-Lizenz, die Rubikon vergibt, möglich ist.

Wir machen nun weiter mit einem Artikel von Bernhard Trautvetter mit dem Titel „Im Zweifel für die Umwelt“. Darin nimmt Trautvetter, seines Zeichens Pädagoge, eine sehr vermittelnde Position ein – im Zweifel plädiert er für die Umwelt, was heißt, wenn es keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse über ein Phänomen gibt, sollten wir so handeln, als ob es menschengemacht sei und so vorsichtig wie möglich mit dem Planeten umgehen. Er setzt auf den Dialog mit den Klimwandelleugnern oder jenen, die sagen, der Klimawandel ist ohnehin nicht menschengemacht, daher ist eine Verhaltensänderung  unsererseits unsinnig. Wir haken an einem zentralen Punkt ein und machen ein Zitat-Zitat:

Ein bekannter europäischer Propagandist auf Seiten der Klimaskeptiker ist Henryk M. Broder, ein ehemals systemkritischer Autor, der Anfang 2019 in einer Rede für die AfD ganz im Sinne des schon erwähnten EIKE-Instituts Position bezog. Er führte aus:

„Ich glaube nicht einmal daran, dass es einen Klimawandel gibt, weil es noch keinen Tag in der Geschichte gegeben hat, an dem sich das Klima nicht gewandelt hätte. Klimawandel ist so neu wie die ewige Abfolge von Winter, Frühjahr, Sommer und Herbst. Neu ist nur, dass das Klima zum Fetisch der Aufgeklärten geworden ist, die weder an Jesus noch an Moses oder Mohammed glauben.“

Auf solche Propaganda ist zu antworten: Solange wir nicht hundertprozentig sicher sind, ob menschengemachte Veränderungen und Zerstörungen der Umwelt menschheitsbedrohende Auswirkungen mit sich bringen, solange verbietet es sich, das Experiment mit der Lebensraumvergiftung und -zerstörung auch nur einen Tag länger weiterzuführen. 

Werden wir es erst wissen, wenn wir CO²-neutral wirtschschaften. Und kann man ernsthaft daran zweifeln, dass mehr Ressourcen abgebaut und nutzbar gemacht werden, als neue entstehen? Und kann man vor allem mit Menschen, die so argumentieren wie oben, in einen Dialog treten und irgendwo in der Mitte einen Kompromiss finden? Wie soll der aussehen? Schließlich ist alles ein Prozess. Wenn man angefangen hat, nachhaltig zu wirtschaften, darf man nicht mittendrin stehen bleiben, sondern sollte das tun, was möglich ist. Das ist gegenwärtig wenig genug, weil die schnelle Lösung nur ein vehementer Systemwechsel erbrächte. Den sehen wir aber angesichts des hinhaltenden, von mächtigen Lobbys beeinflussten Widerstands in der Politik nicht.

Wie wäre es zwischendurch mit Gemeinwohlökonomie. Trautvetter gebraucht hier den Begriff, zumindest auf deutsche Verhältnisse bezogen, untechnisch. Denn die bereits existierende und organisierte, wenn auch kleine hiesige Gemeinwohlökonomie setzt gerade nicht auf Vergesellschaftung, sondern auf grünes und soziales Unternehmertum unter Beibehaltung der Eigentumsverhältnisse. Daher interpretieren wir ihn im Sinne von „mehr nachhaltig-grün-gemeinwohlorientierter Wirtschaft“. Alles andere wäre der oben angesprochene vehemente Systemwechsel. Eben hin zu dem demokratischen Sozialismus, wir sagen: „ökologisch-demokratischen Sozialismus“, den Trautvetter in der Folge anspricht. Manche lassen das „demokratisch“ auch weg. Vielleicht nicht aus Nachlässigkeit, sondern, weil sie skeptisch sind, ob man auf demokratischem Weg den Konsumtrottel unserer Zeit und die Politik und die Konzerne, die ihn allzu gerne abgespalten von seinen eigenen Lebensgrundlagen durch die Welt tapsen sehen, wirklich zur Umkehr bewegen kann.

Wie die anderen bisher besprochenen Artikel wurde Trautvetters Beitrag nicht für das große Umwelt-Special geschrieben, sondern ist bereits etwas älter, er stammt aus dem April 2019. So muss man ihn auch lesen: Man darf noch fragen. Es gibt noch nicht den ganz großen kämpferischen Duktus, FfF hin oder her – und es ist natürlich eine Sache der Mentalität.

Heute meinen wir: Sicher gibt es Menschen, mit denen man einen Dialog führen kann, aber warum sollte es bezüglich der Umwelt anders sein als beispielsweise im Kampf um die Städte? Das Kapital wird keinen Zollbreit nachgeben, wenn man es nicht dazu zwingt. Und kann es zu einem Kompromiss in einer Überlebensfrage der Menschheit kommen? Wie sollte der aussehen? Dass die Hälfte der Menschheit überlebt, die andere deshalb umgebracht werden muss, im Zweifel natürlich die weniger Betuchten? Oder dass alle gerade so überleben und nur noch die Hälfte der heutigen Wasserrationen bekommen? Mit Ausnahme der Besserverdiener natürlich?

In einer Hinsicht ist es natürlich ein Kompromiss: Die Hälfte des heutigen Ressourcenverbrauchs wäre ein ganz wichtiger Schritt.

Die Hälfte der heutigen Emissionen hingegen immer noch viel zu viel. Doch selbst diese Hälftelung setzt voraus, dass erheblich reguliert wird. Die Freiheit, auf immer mit der Erde umgehen zu können wie ein Aas, die kann nicht das Lebensmodell der Zukunft sein. Die Demokratie in einer Welt nachhaltigkeitsorientierter Regeln als Mischung aus Individualfreiheit und Gemeinwohlorientierung zu begreifen ist also notwendig. Die Individualfreiheit als absolut zu setzen, führt am Ende zur Unfreiheit aller oder zur totalen Scheinfreiheit weniger Überlebender unter einer Käseglocke.

Der nachfolgende Artikel von Dirk C. Fleck, „Der Glaubenskrieg“, befasst sich zuerst mit der seltsamen Rolle, die auch viele „alternative“ Medien in der Klimadiskussion einnehmen und nennt explizit „Ken FM“ als schlechtes Beispiel eines Mediums, in dem sich die Klimaleugner austoben dürfen und diejenigen, die den Klimawandel ernst nehmen, gedizzt werden. Mit einer sehr ansprechenden Rhetorik gleitet der Artikel ins Allgemeine und wird zunehmend essayistischer – und bezieht sich auf die Prophetik des Autors, der schon 1994 in einer Vortragsreihe Worte gebraucht hat, die heute immer noch gültig sind oder sogar mehr denn je.

„Nun sollte man meinen, dass angesichts der verheerenden und einzusehenden Faktenlage zumindest ein Konsens über deren Bedeutung herzustellen ist. Weit gefehlt. Stattdessen erleben wir eine Tendenz zur Schönfärberei, als bräuchten wir zuallererst ein ruhiges Gewissen. Ein ruhiges Gewissen aber schafft man nicht durch Lebenslügen, sondern durch die Beseitigung des Schuldübels. Wir ahnen wohl sehr genau, dass diese Aufgabe zu mächtig geworden ist. Es würde ja bedeuten, dass wir unser gesamtes bisheriges Wertesystem auf den Kopf stellen müssten.“

1994 war wirklich ein ungünstiges Jahr für Mahner. Die erste Ökowelle der frühen 1980er war vorbei, das wiedervereinigte Deutschland befand sich in einem schmerzhaften Prozess wirtschaftlicher Reibungen und hatte schon die erste Nachwende-Rezession zu bewältigen – und weltweit feierte der Neoliberalismus fröhlich den Sieg über die Systemkonkurrenz. In Deutschland gipfelte dieser Spin im Sozialkahlschlag von 2003. Mühsamste Kleinkorrekturen stehen seitdem einer unverminderten Fortsetzung der weltweiten Umverteilung von unten nach oben gegenüber. Es ist schwierig, das wird uns gerade wieder bewusst, in dieser Lage die ökologisch intendierte Seite der Systemdiskussion einzubringen. Auch uns wäre es lieber, wir könnten Soziales von der Ökologie trennen, weil wir immer befürchten müssen, das eine könnte noch mehr in Schieflage geraten, wenn das andere etwas mehr berücksichtigt wird.

Dass die Rechten, reaktionär wie sie in allen Dingen sind, die Zeichen der Zeit nicht nur ignorieren, sondern diejenigen, die sie sehen, bekämpfen, ist klar, den Kopf Ewiggestriger müssen wir uns nicht zerbrechen. Die Kritik von links jedoch ist schwieriger. Klar gibt es die Tendenz, dem Kapital durch Greenwashing noch ein paar gute Jahre zu verschaffen und die aktuell immer schwächer werdende Akkumulationsbasis noch einmal mit grünem Anstrich zu liften. Es kann nur so gehen: Man muss diese Tendenzen anprangern, darf aber nicht so tun, als ob das Kapital den Klimawandel sozusagen erfinden würde, um sich noch mehr zu bereichern. Es nutzt ihn in Teilen aus und würde das gerne noch mehr tun. So wird ein Schuh daraus und dagegen hilft nur die Verbindung ökologischer und sozialer Gesichtspunkte. Wir hätten vielleicht auch gerne weitergemacht wie bisher und uns ganz auf die Verbesserung des Sozialen konzentriert, aber wir sehen die ökologischen Gegebenheiten auch als Chance. Wir könnten uns wieder mehr aufs Wesentliche konzentrieren.

Zum Beispiel auf Gemeinsinn, Mitmenschlichkeit, Zugewandtheit – soziale Grundfähigkeiten, die den Mensch erst so weit nach vorne gebracht haben. Oder: Die den Aufstieg erst ermöglicht haben, durch den man andere Eigenschaften so gefährlich stark in den Vordergrund stellen konnte. Und die trotzdem die Vertreter des neoliberalen Gierkapitalismus erschauern lassen. Warum? Weil sie Angst vor einer mehr egalitären Gesellschaft haben, in denen ihre geringen sozialen Fähigkeiten offengelegt würden. Der Schutzmantel des gerafften und ab einer gewissen Größenordnung als Herrschaftsinstrument dienstbaren Geldes wäre weg und sie stünden mit ihrer hässlichen Gier nackt da. Möglicherweise sogar, ohne schnell mit ihrem SUV flüchten zu können in ihre vermauerte Zwingburg des Egoismus.

Wir haben uns im Kommentar auch etwas tragen lassen vom Gedanken an eine Welt, in der wir uns doch noch eingekriegt haben, doch noch gelernt haben, das Ganze zu sehen und in der das Wissen um die schlimme geistige Hohlheit der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung Allgemeingut geworden ist. Daher enthält diese Besprechung keine Zusammenfassung, sondern ist ein assoziativer Drive geworden – mit Einbremsung genau jetzt. Wir empfehlen das Lesen von Dirk C. Flecks Artikel „Der Glaubenskrieg“ und von Bernhard Trautvetters „Im Zweifel für die Umwelt“.

TH

Bisherige Beiträge der Herbst-Winter-Offensive „Klima, Umwelt, Systemwandel“

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