Der Elefant im Raum – Tatort 1106 #Crimetime 484 #Tatort #Luzern #Flückiger #Ritschard #SRF #Elefant #Raum

Crimetime 484 - Titelfoto © SRF, Daniel Winkler

Der letzte Elefant im Raum. Nicht.

„Der Elefant im Raum ist eine aus dem angelsächsischen Sprachraum stammende Metapher (elephant in the room), die seit der Jahrtausendwende auch im deutschen Sprachraum an Popularität gewonnen hat. Der Anglizismus bezeichnet ein offensichtliches Problem, das zwar im Raum steht, aber dennoch von den Anwesenden nicht angesprochen wird.

Die Gründe für das Schweigen können vielfältiger Natur sein, beispielsweise die Angst vor persönlichen Nachteilen und Repressionen oder die Furcht, jemanden – womöglich Anwesende – zu verletzen, ein Tabu zu brechen oder die ungeschriebenen Regeln politischer Korrektheit zu missachten.“ (Wikipedia)

Das wäre nun also geklärt. Und wie ist die Metapher auf den Film anzuwenden? Darüber und über andere Aspekte schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Ein gediegenes Dinner auf dem Vierwaldstättersee: Luzerns Elite aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – und mitten drin Reto Flückiger, der seine Freundin Eveline widerwillig zu diesem illustren Anlass begleitet. Als Flückiger bemerkt, dass etwas auf dem Dampfer nicht stimmt, ist es bereits zu spät: Lichtblitze, Rauch, zerbrochene Scheiben, ein toter Kapitän – an Bord bricht Panik aus.

Alles deutet auf einen Anschlag hin. Flückiger und Liz Ritschard verfolgen die Spur des Passagiers Bernhard Ineichen, der offenbar kurz vor dem Anschlag von Bord gegangen ist. Bei dem Verschwundenen handelt es sich um einen stadtbekannten Kantonsrat. Ist der Mann Täter oder wurde er selbst Opfer des Anschlages? Und warum wird Flückiger das Gefühl nicht los, ständig beobachtet zu werden?

Während Corinna Haas Handybilder der Passagiere analysiert, macht der Polizei zunehmend auch das alternative Newsportal „Veritas News“ zu schaffen. Dessen zwielichtiger Betreiber hat offenbar mehr Informationen zu den Geschehnissen an Bord, als er zugeben will. Geschickt treibt er die Ermittler vor sich her und ergeht sich in wilden Spekulationen zum Tathergang. Oder ist das Portal tatsächlich dabei, eine abgebrühte Verschwörung um Rüstungsgeschäfte aufzudecken, die das Luzerner Establishment um jeden Preis verheimlichen will? Und hat am Ende gar Eugen Mattmann, Flückigers Chef, etwas damit zu tun?

In ihrem letzten Fall geraten die beiden Luzerner Ermittler in ein scheinbar undurchdringliches Dickicht aus einem Mord, Fehlinformationen und Intrigen bis in die höchsten Ebenen.

Rezension

Nie ist mal was leicht. Dieses Mal sogar eine sinnvolle Aussage über die Polizistenfigur Flückiger. Wir können uns nicht erinnern, dass er sich je zuvor so aufgeregt hat. Und durch die Übersetzung ins Hochdeutsche entsteht sogleich eine Redundanz, weil er zu häufig „Arschloch“ sagt und damit an den alten Schimanski erinnert („Scheiße!“). Überhaupt sind die Dialoge so platt, dass man wieder das übliche Problem der Schweiz-Krimis heranziehen muss, um sich das zu erklären: Wenn man sie im Schwyzerdütsch richtig betont, haben sie eine ganz andere Wirkung. Oder? Die „Originalversion“ anzuschauen, das müssten wir schon direkt nach der auf Normaldeutsch getrimmten tun, mit guter Erinnerung an die Details derselben, denn das Original aus sich heraus zu verstehen, das bekämen wir wohl nicht hin. 

Die nächste Frage war, ob das, was Veritas News macht, in Deutschland zulässig wäre. Das würde auf jeden Fall dann gelten, wenn Reto Flückiger eine „öffentliche Person“ wäre, die man jederzeit filmen darf. Aber er verhält sich mit seinen Aussagen erstens sehr ungeschickt und zweitens mit seinen Aktionen sehr ungeschickt. Dass diese Journalisten immer so an ihn herankommen und er sich nicht durch einen Kollegen oder zwei abschirmen lässt und dann immer noch solche Statements abgibt, die man falsch zusammenschneiden und dadurch schärfen kann – nun ja. Kann man übrigens nicht ganz in der Form wie hier gezeigt, wenn man mit einer Handkamera arbeitet, die immer etwas wackelt, sodass sich der Bildausschnitt leicht verändert, aber das ist auch eine Sache für Spezialisten, solche Manipulationen zu erkennen. 

Trotzdem, uns hat’s getriggert. Die Art, wie die Netz-Journalisten vorgehen und dann die Aussage, die dahintersteht. Was ist jetzt eigentlich der Kern dieses Films? Die Kapitalismuskritik oder die Kritik an der heutigen Medienproduktion? Diese beiden Themenbereiche sind leider nicht gut verzahnt, denn die „Veritas News“ war ja nicht auf dem Schiff, auf dem der kritische Politiker ums Leben kam. Sie bedient sich lediglich des Aktivisten. Der hat uns ein wenig an den Miethai in Berlin erinnert, der auf jeder Demo dabei ist und ebenfalls eine Gesichtsmaske darstellt. Aber der trägt nicht so plump vor, sondern aus dem Kopf schauen nur Geldscheine raus oder sind angeklebt und er wird flankiert von Angela Merkel, Michael Müller (dem Berliner Regierenden Bürgermeister) und Michael Zahn (dem CEO einer großen privaten Wohnungsgesellschaft). Drohungen mit Anschlägen wurden von dieser realen Gruppe unseres Wissens noch nicht abgegeben und durch die Medien verbreitet. 

Dass „Veritas News“ alles weiterverbreitet, was reinkommt und dabei gerade keinen Wert auf die Veritas legt, erinnert uns mehr an deutsche Alternativmedien, die teilweise extrem schräge Beiträge veröffentlichen und dabei nicht selten im Querfrontmodus unterwegs sind. Dabei geht es aber immer noch häufiger um Print, online verbreitet, als um Bewegtbilder. Es ist keine Frage, dass die Meinungsfreiheit weidlich ausgenutzt wird, es ist aber ebenso klar, dass dies nicht zu deren Einschränkung führen darf. Darauf warten zu viele Politiker*innen und Lobbyist*innen bloß, dass die „kritische Masse“ mundtot gemacht werden kann. Man tut in Form des NetzDG, der DSGVO, des neuen Urheberrechts schon einiges für die Vorbereitung, hinzu kommt die immer stärkere technische Überwachungshysterie, die mit fast jedem schrägen Argument begründet wird, das sich denken lässt.

Dem Tatort 1106 fehlt es sicher nicht an aktuellen Themen und an Einsatz der Ermittler*innen, selten wurde so offen illegal gehandelt und auch darüber gesprochen, dass es illegal ist – in der Schweiz. In deutschen Tatorten und Polizeirufen muss man oft selbst dahintersteigen, ob eine Aktion nun rechtmäßig war oder nicht, Hilfe seitens des Drehbuchs in Form von Dialogen, die als Kontroverse darüber angelegt sind, findet man eher selten. Aber weder die Tendenz des Films noch die Zentrierung mögen so recht passen. In Wirklichkeit ist es eher so, dass Journalisten unter Druck stehen, als dass sie ständig übergreifen, das tun eher Rüpelacconts von anonymen Nutzern im Netz. Aber weil dieser Aspekt so in den Vordergrund tritt, wirkt alles, was an Kapitalismuskritik im Film vorhanden ist, erstens zweitrangig und zweitens fraglich, weil immer die Fake-News-Produzenten alles Mögliche über jeden behaupten und damit dessen Integrität infrage stellen können. Besonders deutlich wird das am Umgang mit dem Dienststellenleiter Mattmann, dem unterstellt wird, er arbeite mit dem Rüstungsindustriellen Planker zusammen und behindere die Ermittlungen seines eigenen Hauses. Plankers Sohn tritt hingegen schon wegen einer puren Behauptung von Liz Ritschard zurück. Da kennen wir die reale Wirtschaft aber anders, zumal das Verschieben von Geld in Steueroasen, das im Film dargestellt wird, nicht einmal auf den ersten Blick illegal wirkt, sondern nur moralisch angreifbar. Ob es in der Schweiz illegal ist und bei uns nicht, müsste jemand genauer ausführen, jedenfalls läge darin durchaus eine gewisse Ironie. Jedenfalls tritt bei uns deshalb schon niemand zurück, weil bei den verschachtelten Briefkastenfirmenkonstruktionen selten ein realer Verantwortlicher haftbar zu machen ist, den man auch wirklich greifen kann. Dieses Problem hingegen wird nicht aufgearbeitet, weil es offenbar viel zu kompliziert ist, im Gegensatz zu bestimmten Formen des Journalismus.

Finale

Es wird durchaus eine Trennlinie gezogen zwischen „Klassen“ von Journalisten, für die bessere Seite seht doch die Zeitungsjournalistin, die allerdings eine Affäre mit Planker junior hat, der doch das perfekte Subjekt für eine richtige Enthüllungsstory wäre. Die es aber aus Gründen der Seriosität oder Nachweisbarkeit bisher nicht gibt. Und dass in Pressekonferenzen alle Handys bimmeln – nun ja. Irgendwie wirkt der letzte Flückiger-Tatort, also wolle man nochmal gegen all jene journalistischen Kritiker nachtreten, die sich – sic! – kritisch zur Luzern-Schiene geäußert haben. Wir können uns davon weitgehend freisprechen, Bashing betrieben zu haben und vor allem haben wir immer zwischen Problemen mit den Büchern und den Dialogen und Flückiger und dem Team unterschieden. Der Mann mit der Schweinemaske hingegen wirkt, als wenn er nicht so recht wüsste, wovon er im Bereich Sytemkritik redet und vor allem von persönlicher Rache getrieben ist. Es wird nie ausgearbeitet, ob Planker als einstiger Chef der Gewerbepolizei den Gasthof zu Recht hat schließen lassen.

Vorbei. Die Klappe ist gefallen. Nur den ersten Fall mit Liz Ritschard namens „Skalpell“ müssen wir nachrezensieren, wenn er wieder gezeigt wird, der ist uns 2011 irgendwie durchgerutscht. Auffällig deshalb, weil uns das normalerweise mit Premieren nicht nur von Schweiz-Tatorten nicht passiert.

Ein kleiner Abschiedsbonus muss sein. Alles Gute, Reto, du hast eine schwierige Aufgabe so souverän wie möglich bewältigt, auch wenn du im letzten Fall etwas aus dem Leim gegangen bist. Der Elefant bleibt leider im Raum und er ist nicht der einzige.

6,5/10 

Vorschau. Fast ein Jahrzehnt in Luzern

Neun Jahre lang haben wir Reto Flückiger alias Stefan Gubser nun begleitet. Im ersten Fall „Wunschdenken“ ermittelte noch Sofia Milos als Abigail Lanning an seiner Seite, ab dem nächsten Fall „Skalpell“ dann Delia Mayer als Liz Ritschard. Bis auf „Skalpell“ haben wir alle 17 Filme mit Flückiger nach der Premiere rezensiert und merken nun, dass auch wir schon lange Zeit mit der Reihe „Tatort“ befasst sind. Wir konnten noch nicht alle Filme sichten und darüber schreiben, aber es sind gegenwärtig über 700 von 1106, rund die Hälfte dieser Kritiken wurde im Rahmen von „Crimetime“ veröffentlicht oder wiederveröffentlicht. Dadurch, dass wir im März 2019 noch einmal ein neues Kapitel aufgeschlagen haben, indem wir nun auch die Parallelreihe „Polizeiruf 110“ bearbeiten, hat sich unser Blick sicher geweitet.

Flückiger bzw. Flückiger-Ritschard waren die zweite neue Schiene nach dem Wechsel in Frankfurt von Sänger und Dellwo auf Steier und Mey, die wir von Beginn an besprochen haben und wir haben das, was die Schweizer gemacht haben, häufig besser bewertet, als der Durchschnitt der Tatort-Fans. Die Drehbücher waren von unterschiedlicher Qualität, aber das gilt für die meisten anderen Tatortteams und ihre Fälle ebenso. Uns hat die ruhige, unprätentiöse Art von Reto Flückiger umso besser gefallen, je mehr Freaks am Tatort tätig wurden. Nicht, weil wir etwas gegen Exzentriker hätten, aber der Ausgleich von Zeit zu Zeit ist eben auch wichtig. Das Durchatmen und das Gefühl, dass Ermittler mit der gebotenen Ernsthaftigkeit an schwierige Fälle und die Macher der Filme an schwierige Themen herangehen, von denen wir einige gesehen haben. Neben Politikrimis, die sich in der Schweiz anbieten, zum Beispiel zum Thema Sterbehilfe und zu den Geflüchteten-Dramen der letzten Jahre. Beide Gegenstände hat man in Luzern überdurchschnittlich gut mit einer Krimihandlung verknüpft.

Ein großes Problem war immer, dass man die Filme synchronisieren musste und dadurch die Sprache farblos wirkte. Wir sind gespannt, ob man das beim neuen, weiblichen Zürich-Team nun anders handhaben wird. Wir wär’s denn mit einem Kompromiss, wie in den Wien-Krimis, bei denen der Dialekt ja auch etwas zurückgenommen wird, damit man hierzulande mit den Dialogen klarkommt? Das Gleiche gilt für Filme, die in Bayern oder in Norddeutschland spielen, wo man bei vollem Dialekteinsatz Probleme bekommen würde, wenn man die jeweilige Regionalsprache nicht beherrscht. In den von 3Sat ausgestrahlten Nachrichten aus der Schweiz kann man beispielhaft sehen, wie es laufen könnte: Die Moderatoren sprechen zwar deutlich eingefärbt, aber so, dass es hier auch verstanden wird und Politiker-Interviews werden untertitelt. 

Über „Der Elefant im Raum“ haben wir vom Verriss bis zum fast uneingeschränkten Lob einiges an unterschiedlichen Vorab-Kritiken angeschaut. Es geht dabei so weit auseinander, dass wir hier keine Meinung als exemplarisch zitieren wollen und wir meinen auch, zumindest ein Vorab-Bashing wird dem Team nicht gerecht. Wir finden es schade, dass der sympathische Typ Flückiger geht, weil Umstände, die nicht in seiner Person liegen, den Luzern-Tatort nie zu einem Liebling der Fangemeinde haben werden lassen.

Auch wenn es ein bisschen krass wirkt und Reto Flückiger nicht in maximal würdevoller Pose zeigt, das Titelfot haben wir ausgesucht, weil wir meinen, der Knebel passt gut zu dem Dauerproblem, dass er sich sprachlich nie richtig an uns vermitteln durfte. Nächste Woche wird es ja dann dialogmäßig zur Sache gehen – denn ein neuer Münster-Tatort namens „Lakritz“ steht an.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Reto Flückiger – Stefan Gubser
Hauptkommissarin Liz Ritschard – Delia Mayer
Polizeichef Eugen Mattmann – Jean-Pierre Cornu
Kriminaltechnikerin Corinna Haas – Fabienne Hadorn
Journalistin Sonja Christen der „Luzerner Zeitung“ – Mona Petri
Journalist Frédéric Roux von „Veritas News” – Fabian Krüger
Redakteurin von “Veritas News” – Linda Gunst
Industrieller Planker Senior – Andrea Zogg
sein Sohn, Planker Junior – Manuel Löwensberg
Bernhard Ineichen – Martin Hug
Kapitän Iten – Christoph Künzler
Kellner Christian Streuli – Aaron Hitz
Flückigers Freundin Eveline Gasser – Brigitte Beyeler
u.a. 

Drehbuch – Felix Benesch, Mats Frey
Regie – Tom Gerber
Kamera – Jan Mettler
Szenenbild – Reto Trösch
Schnitt – Isabel Meier
Musik – Adrian Frutiger

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