Das Lächeln der Madonna – Tatort 618 #Crimetime 488 #Tatort #Konstanz #Blum #Perlmann #Madonna #Lächeln

Crimetime 488 - Titelfoto © SWR, Hollenbach

Die falsche und die echte Madonna lächeln

Klara Blum (Eva Mattes) hat diesen wissenden, leicht ironischen Blick, als sie die junge Birgit Winkler (Brigitte Hobmeier) befragt. Da merkt man, diese Kommissarin versteht alles, besonders, wenn es um Geschlechtsgenossinnen geht. Natürlich weiß sie, dass die Kollegin etwas verbirgt.

Da ist viel Intuition drin, weibliche. Ausgesprochen wird das nur von der jüngeren der beiden Frauen, die weiß einfach, dieser smarte und doch irgendwie knuffig-attraktive Jan Reuter (Harald Schrott) mag ein Kunstdieb und ein Stuntman sein, aber, nein, kein Mörder.

Der im Jahr 2005  sehr jugendlich wirkende Kommissar Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) hingegen sorgt mit Möchtegern-Kenntnissen vom anderen Geschlecht, darauf fußenden Verhörmethoden und einer wirklich skurrilen Überwachungszene in der Kälte fürs Schmunzeln. Dafür hat er am Ende auch einen Stunt mit einem Boot, beinahe so gut wie der Auto-Stunt des Kunstdiebs Breuer. Was es sonst über das Lächeln der Madonnen zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung

Im Konstanzer Kunstmuseum wird ein Cranach gestohlen. Der Restaurator liegt tot neben dem leeren Rahmen. Erstochen, mit einem gezielten Skalpell-Stoß, mitten ins Herz. „So einfach kann Kriminalistik sein“, sagt Kai Perlmann, der Assistent von Klara Blum. Denn er hat den mutmaßlichen Mörder wegrennen sehen. Und der Mann ist im Kunstmuseum wohlbekannt. Es ist Jan Reuter, seit sechs Monaten der junge sympathische Assistent der Museumleiterin, der sein zweites Gesicht offenbar gut vor allen verborgen hat. Während Klara Blum und ihr Team nach Reuter fahnden, gelingt es dem Verdächtigen, sich bei einer Unbekannten zu verstecken.

Jan gewinnt das Vertrauen von Birgit Winkler, die ihm hilft, der Polzei zu entkommen. Sie glaubt seiner Beteuerung, zwar das Gemälde gestohlen, nicht aber dafür getötet zu haben. Und sie verliebt sich in ihn. Ohne Argwohn. Als Klara kurz davor ist, Jan in seinem Versteck aufzustöbern, bekommt der Fall eine völlig neue Wendung: Etwas stimmt nicht mit dem gestohlenen Meisterwerk. Und plötzlich gibt es nicht nur einen, sondern mehrere Tatverdächtige. Kriminalistik muss nicht unbedingt einfach sein.

Rezension

Ermittlungstechnisch kommt nicht einer der beiden etatmäßigen Ermittler, sondern der Kommissar Zufall am besten weg, der immer dann eingreift, wenn das Team Blum / Perlmann sich festzufahren droht. Der Zufall wirkt in der klassischen Variante, dass sich zufällig alle zur selben Zeit quasi über den Weg laufen, und das sogar in der Schweiz, wo man meinen möchte, es tickt alles ganz präzise aufs Wahrscheinliche hin.

Der Fall Kunstraub und echte und gefälschte Werke ist milieumäßig interessant, lösungstechnisch etwas fragwürdig, aber eingebunden ist eine der coolsten Tatort-Liebesgeschichten. Im Grunde unwahrscheinlich, aber gerade deshalb faszinierend und darüber hinaus sehr gut gespielt – auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass wir die Schauspielleistungen oftmals besser finden als die Drehbücher der Tatorte.

„Das Lächeln der Madonna“ lebt von seiner kunstvollen Inszenierung und einer Romanze, die zwar „Bonnie und Clyde“ nachgebildet ist, aber da der männliche Part einen Vater-Sohn-Konflikt austrägt und nicht einfach ein dahergelaufener Desperado ist, hält die kriminelle Energie genau dort inne, wo ein Tatortzuschauer die Identifikation mit den Figuren verlieren könnte, bei einem kühl ausgeführten Mord – ob’s wirklich so wäre, ist eine andere Frage, die Macher gingen jedenfalls auf Nummer sicher.

Keine Frage, dass die Story dieses Paares zu hochgezogenen Augenbrauen führen muss. Da schmeißt sich ein Kunstdieb, der vor dem nicht allzu gefährlichen Kommissar Perlmann flieht, absichtlich vor ein kleines Auto und hat genau berechnet, dass er sich damit genug verletzt, um bei der Fahrerin die richtige Portion Beschützerinnen-Instinkt wachzurufen, aber nicht so sehr, dass er an weiteren Aktionen ernsthaft gehindert wäre.

Diese VW-Polo-Fahrerin, die er sich ausgesucht hat, ein Single, der durchs Dasein driftet, verliebt sich ganz rasch in diesen seltsamen Typ und macht binnen 24 Stunden bei allem mit, was der sich so ausdenkt, sie hilft ihm, wo sie kann. Die rasche Vertrautheit, die sich in Dialogen äußert, wirkt so überzogen, dass sie ironisch gemeint sein sollte. Es ist nicht, dass man so schnell miteinander ins Bett geht, das dauert ja mehr als 24 Stunden, sondern die Dialogführung, die ziemlich verblüfft.

Der Witz an der Sache ist, dass diese Kleingauner-Romanze so intensiv gespielt ist, dass die Bilder und vor allem die Schauspielerin Birgit Hobmeier in ihrer Rolle so viel Sinnlichkeit entwickeln, dass dies auf emotionaler Ebene sogar funktioniert. Man glaubt dieser Frau beinahe vollständig, dass sie sich von einem unauffälligen Randmitglied der Gesellschaft zu einer verwegenen Ganovenbraut entwickelt. Wie sie fotografiert wird, das ist sehr suggestiv und natürlich merkt man bald, dass das Kunstthema auf sie übertragen wird: Sie ist nach dem Vorbild eines Bildes, das gar nicht von Cranach stammt und eine lächelnde Madonna zeigt, die echte Madonna.

Es gibt nicht viele  Schauspielerinnen, bei  denen das optisch funktionieren kann, aber hier passt es. Eine hervorragende Idee, dieses Vexierspiel mit der Kunst und einem jungen Leben, das zum klischeehaften Kunstprodukt zu werden scheint. Jedoch, zwei Jahre auf Bewährung sind dann eine wunderbare Infragestellung des großen, alles für die schnell gefundene Liebe opfernden Charakters. Als sie von ihrem geringen Strafmaß erfährt, da lächelt sybillinisch die echte Madonna, hat sie doch von ihrem Geliebten, der für sichere sechs Jahre einfahren wird, eine echte Zeichnung von Paul Klee überlassen bekommen.

Das Manko an der Romanze ist nicht ihre emotionale Substanz, vielleicht nicht einmal die Tatsache, dass diese überzogene Turbo-Entwicklung vielleicht doch nicht parodistisch angelegt ist, sondern der Einbau des Ganzen, was für einen schönen Film allein gut wäre, in einen Tatort. Man kann’s aber auch anders sehen: Diese Einbettung sorgt dafür, dass die Romanze noch etwas dichter rüberkommt und zudem auf ganz reizende Weise durch die Polizisten gebrochen wird, die emotional eher moderat gebildet (Perlmann) und viel zu erfahren und freundlich-distanziert (Blum) wirken, als dass sie Teil des Sogs werden könnten, den die beiden Figuren Breuer / Winkler fraglos entwickeln.

Man implementiert viele Zitate aus der Kunst und aus literarisch-filmischen Vorbildern beinahe clipartig in einen der typischen Bodensee-Tatorte, die bekanntlich nicht durch ihr Tempo und ihre avantgardistische Drehbuchgestaltung brillieren, sondern sich als ruhig entwickelte zwischenmenschliche Dramen auszeichnen, in denen nebenbei ein wenig Polizeiarbeit betrieben wird.

In diesem Kontext stellt „Das Lächeln der Madonna“, der zudem besonders in der Anfangsphase sehr stark bebildert ist (was für einen Krimi, der mit Bildern dealt, durchaus Sinn macht) eine besondere Erscheinung dar.

Besonders die räumliche Inszenierung der Figuren ist eine witzige Anspielung auf klassisch symbolhafte Bildkomposition in der Malerei und im Film, der ihr ja spätestens seit dem Expressionismus sehr verpflichtet ist: Zunächst eine Nahaufnahme des Breuer und der Kunsthallenchefin Doris Koch (Petra Morzé), wie sie miteinander schlafen, da ist noch jede Entwicklung offen – kurz später die räumlich-seelische Entfremdung, der eine links unten vorne, die andere rechts oben, sehr weit hinten platziert, getrennt durch wuchtig-weiße Innenraumarchitektur. Da merkt man gleich, dieses Verhältnis ist nicht durch innige Zuneigung bestimmt, sondern durch das, was der Raum mit seiner Gestaltung zeigt: Durch professionelle, dem Kunstbetrieb geschuldete Obsessionen.

Dass am Ende nicht die Museumsdirektorin oder der promovierte Kunsthistoriker der Mörder des Experten und Restaurators ist, also nicht der Sohn eines bekannten Sammlers, der seinen Vaterkomplex dadurch abarbeitet, dass er Gemaltes und Gezeichnetes nicht sammelt, sondern klaut (so, wie manche Söhne großer Kapitalisten entschiedene Antikapitalisten, die von Faschisten Antifaschisten geworden sind) und auch nicht die Museumschefin, sondern deren Ausstellungsleiter bzw. Kurator.

Das fanden wir okay, vor allem, weil dieser kaum eine Rolle gespielt hatte und daher als Verdächtiger besonders geeignet war. Wenn man davon ausgeht, dass Vieles hier süffisant unterlaufen wird, was große Dramen hervorgebracht hat, dann gilt das auch für die Herleitung des Handelns von Jan Breuer – eine simple Fälschung echter psychologischer Modelle.

Was ist in diesem Krimi, was ist bei den Charakteren, ebenso wie bei den Kunstwerken, falsch oder echt und ist es wirklich gerechtfertigt, dass ein Bild, das nicht von Rembrandt, sondern von einem seiner Schüler stammt oder von Lukas Cranach oder einem seiner Schüler, bei quasi identischer Kunstfertigkeit und Technik, vom Kunstbetrieb so verschmäht wird, dass Morde begangen werden, um die Entdeckung eines solchen Tatbestandes vor der Öffentlichkeit zu verbergen?

Wie künstlich oder falsch ist ein Marktwert, der sich nur am Namen des Künstlers, nicht an der Qualität eines bezüglich der Epoche durchaus echten Kunstwerkes orientiert? Wir sind eben Markenfetischisten, und ein großer Künstler ist eine Marke und alles ist ganz eitel und der Kunstbetrieb und der Kunstmarkt spiegeln schön alle anderen Märkte, in denen es um ideelle und in Wahrheit vor allem um materielle Werte geht.

Vielleicht sind auch Gefühle, wie sie hier zwei Figuren füreinander entwickeln, in Wirklichkeit nur narzistische Spiegelungen. Besonders bei der echten Madonna mit den vielleicht nicht ganz tief echten Gefühlen für ihren kunstdiebigen Lover ist eine solche Interpretation nicht ganz fernliegend, denn es handelt sich hier um eine  zwar attraktive, aber an sozialen Kontakten arme Frau, die bindungsunfähig ist. „Ich gerate immer an die Falschen“ ist eine simple Aussage, die genau in diese Richtung weist und von sich selbst und eigenen Fehlern beim Aufbau von langfristigen Beziehungen weg.

Ein Leben unter dieser Prämissse wird in diesem Fall nur dadurch wild und interessant, dass ein ganz ungewöhnlicher Anreiz in dieses Leben tritt, der mit einem sehr künstlichen, passenderweise in der selbstbezogenen Welt der Künstler beheimateten und auch sehr endlichen Modell von einer emotionalen und sexuellen Erfüllung einhergeht.

Finale

Die vielen Ebenen von Kunst und Leben in „Das Lächeln der Madonna“, die wir im vorgegebenen Rahmen nicht alle ansprechen konnten, machen den Film zu einem Werk eigener Art innerhalb der Tatortreihe.

Der Krimifan als solcher wird manches auszusetzen haben, pflichtgemäß haben wir auf einige Schwächen in diesem Bereich hingewiesen. Weil uns aber Vieles auch gefallen hat, haben wir’s, wie wir’s auch bei einem Gemälde tun würden, das wir mögen, so interpretiert, dass es überdurchschnittlich viel Tiefgang aufweist.

Man muss sich für etwas entscheiden, und da der Plot viel zu viele Zufälle und einige unglaubwürdige Momente aufweist,  um eine gute Bewertung aus Krimisicht zu erlauben, haben wir uns dafür entschieden, Kunst und Leben in den Vordergrund zu stellen und die starken Figuren, die aus dieser Anlage heraus mit kräftigem Strich gezeichnet werden. In der Rezension steckt dieses Mal besonders viel Subjektives, also noch mehr als sonst. Wir geben das zu und behaupten nicht, mit unserer Interpretation der Handlung, der Figuren, der Einbindung von Kunst und Fälschung in die 618. Tatortfolge eine gültige Abhandlung zu ebendieser geschrieben zu haben.

Wir stellen „Das Lächeln der Madonna“ in eine Reihe mit einigen anderen Bodensee-Tatorten, die wir zwar nicht als alles überragend empfanden (was immerhin für einen Konstanzer gilt: „Herz aus Eis“), aber in der Summe ihrer Eigenschaften gut über dem Durchschnitt.

8/10

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Klara Blum – Eva Mattes
Kai Perlmann – Sebastian Bezzel
Doris Koch – Petra Morzé
Birgit Winkler – Brigitte Hobmeier
Anja Scheer – Elisabeth Degen
Annika Beck – Justine Hauer
Siegfried Wagner – Rainer Will
Dr. Wehmut – Benjamin Morik
Jan Reuter – Harald Schrott
u.a.

Drehbuch – Kai-Uwe Hasenheit
Regie – Christoph Stark
Kamera – Ralf Nowak
Musik – Thomas Osterhoff

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