Hitchcock und Frau Wernicke – Tatort 764 #Crimetime 487 #Tatort #Berlin #Ritter #Stark #RBB #Hitchcock #Hitch

Crimetime 487 - Titelfoto © RBB, Hans-Joachim Pfeiffer

Alle Fenster zum Hof

Von allen Berliner Tatorten mit dem Duo Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) gilt derzeit „Hitchcock und Frau Wernicke“ als der beste – legt man die umfassende Nutzer-Rangliste des TATORT-FUNDUS zugrunde. Stand heute gehört die Folge 746 danach zu den 25 besten Tatorten aller Zeiten.

Zuerst einmal erfüllt er eine Forderung, die wir schon lange an die Berliner Tatortmacher stellen: Endlich mal weg von den Glasfassaden des neuen Berlin, diesen austauschbaren Gebäuden mit austauschbare Figuren, die dort wirken und kriminelle Energien entwickeln, die man ihnen in der gerne gezeigten Ausprägung nicht recht abnehmen will. „Hitchock und Frau Wernicke“ spielt in Neukölln, in einem der buntesten Viertel der Stadt. Er ist kein Kiezkrimi, Rentnerinnen gibt es auch in Wilmersdorf, Pädagogenfamilien, deren Kinder ständig rumtoben und deren Wohnung immer aussieht wie das Schlachtfeld der guten, alten 68er-Erziehungsmethoden, gibt es auch in Schöneberg – und Weinhändler in Charlottenburg. Bis auf Frau Wernicke wirken die Figuren auch nicht berlinerisch (auch diese berlinert allerdings nicht sehr). Dennoch ist mal endlich so etwas wie Milieu zu erkennen. Sonst nicht? Darüber und mehr steht etwas in der -> Rezension.

Handlung

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Irmgard Wernicke, eine der letzten Trümmerfrauen Berlins. Einsam lebt die Rentnerin in einer kleinen Wohnung, spricht mit ihren Wellensittichen, sieht fern und beobachtet die Fabriketage gegenüber. Eines Morgens geht bei der Mordkommission Frau Wernickes Hilferuf ein: Sie behauptet fest, im Haus gegenüber sei eine Frau ermordet worden. Ritter und Stark sprechen mit der alten Dame und stellen wenig später erste Ermittlungen in dem Loft an, das sie meint. Der dort lebende Weinhändler Benkelmann gibt freundlich Auskunft – eine Leiche oder Spuren, die auf einen Mord hinweisen, existieren jedoch nicht.

Dennoch geraten Ritter und Stark mehr und mehr in den Bann der Schilderung der liebenswürdigen alten Frau, die Ritter an seine Mutter erinnert. Die kommissare lernen auch Frau Wernickes Krankenpflegerin Renate Müller und den Zivi Timo kennen – die einzigen Menschen, mit denen sie näher Kontakt hat. Als herauskommt, dass Frau Wernicke in der angeblichen Mordnacht Hitchcocks Film „Frenster zum Hof“ im Fernsehen gesehen hat, rühren sich Zweifel: Hat sich die alte Dame anstecken lassen und ihre Aussagen nur erfunden? Und weiß Herr Benkelmann im Haus gegenüber, dass er beobachtet wurde?

Kurz darauf verschwindet Irmgard Wernicke, dafür tauchen weibliche Leichenteile auf. Ritter und Stark sind bestürzt. Haben sie die Situation falsch eingeschätzt und hätten sie die alte Dame schützen sollen?

Rezension

Die Anleihen an Alfred Hitchcock, den Meister des Suspense, sind nicht nur deutlich, sie werden auch spezifiziert. Mit allen Vor- und Nachteilen, welche die Möglichkeit eines direkten Vergleiches mit dem berühmten Vorbild „Rear Window“ („Fenster zum Hof“) so mit sich bringt.

Einen der Vorteile können wir gleich nennen: Konzentration auf wenige, wichtige Figuren, schmale, aber konzentriert und geradlinig gezogene Handlungsspur – typisch manche Hitchocks (bei weitem nicht für alle), aber bisher nicht typisch für die neueren Berliner Tatorte. Die Vorlage hat also der Hommage, die „Hitchcock und Frau Wernicke“ zweifellos darstellt, zunächst eimal gutgetan. Allerdings gibt es auch ein paar Schwächen, eine davon ist sogar vom Original übernommen. Da der Vergleich naheliegt, widmen wir uns einzelnen Aspekten beider Filme in der Rezension.

Differenziert sehen wir die Rollen von Ritter und Stark in diesem Krimi. Einerseits wenig Privatleben, nur ein Hauch von Annäherung an die Krankenschwester Renate Müller (Lotte Ohm) bei Stark, nur etwas Diffuses im Hintergrund, was offensichtlich für Verwirrung und Unkonzentriertheiten im Dienst sorgt, bei Ritter. Insgesamt finden wir das erholsam, dass besonders Ritter nur mit einer Oma zu tun  hat, die nicht ins Beuteschema passt. Die attraktive Weingrossistin Ella Leiser (Jenny Schily) lernt er so spät kennen, dass schon alles vorbei ist, außerdem hat die für den Händler Benkelmann (Hans-Joachim Wagner) sogar gemordet oder ihm zumindest geholfen, die Leichenteile außer Landes zu schaffen. Zwischen ein solches Paar passt kein Blatt Papier und schon gar nicht die große Tatze von Till Ritter.

Seltsam jedoch, wie immer wieder das Verhältnis von Ritter und Stark zueinander sich verändert. In „Mauerpark“ zeigte Ritter zuletzt seine natürliche Dominanz, in „Hitchcok und Frau Wernicke“ wirkt er ganz handzahm und wird von Stark herumkommandiert. Selbst wenn jemand mal nicht so gut drauf ist, die Positionen in einer langjährigen Dienstbeziehung wechseln nicht so abrupt, quasi von Fall zu Fall. Vor allem zu Beginn des Films wirkt Starks in Bezug auf die Situation ebenso wie in Bezug auf seinen eher sensibel angelegten Charakter unpassendes Auftrumpfen störend.

Hitchcocks „Fenster zum Hof“ gehört zu den berühmtesten Filmen aller Zeiten, steht auch innerhalb seines Werkes ganz an der Spitze, nach unserer Ansicht allerdings knapp hinter „Psycho“, „North by Northwest“ und „Vertigo“. Er nimmt derzeit auf der IMDb (Internet Movie Database) mit ihrer gewaltigen Rangliste aller Filme etwa die Position ein, welche die Hommage unter den Tatorten hat (Rangliste hinter diesem Link) und behauptet sich tapfer gegen neuere Produktionen und die Tendenz, dass neuere Filme zu sehr hochgejubelt werden.

Zwischen Hitchcock und Krämer. Ein Tatort muss sich gewaltig strecken, um auch nur eine Spur dessen zu vermitteln, was die Vorlage auszeichnet. Gnadenlose Spannung, verbunden mit einem ungeheuer gut komponierten Plot, der keine Logikschwächen hat. Bis auf eine. Und die gibt es, leider in verstärkter Form, auch in „Hitchcock und Frau Wernicke“. Der Möder, bei Hitch ein Handelsvertreter, hier ein Weinhändler, agiert zu offen. Wir, die wir ohne Vorhänge leben und, was mental damit korrespondiert, dass wir auch im Netz ohne Not alle Daten von uns preisgeben – wir sind schon so weit, dass wir gar nicht mehr bedenken, dass wir beobachtet werden? Es ist schon sehr schräg, dass Benkelmann seiner Frau Gift in die Suppe mixt, diese dann mit dem Kopf auf den Tisch kracht und Frau Wernicke diesen Vorgang von gegenüber mitanschaut. Später behauptet Benkelmann, es sei ein Schlafmittel gewesen. Schon klar, mit dem Kopf auf dem Tisch.

Bei Hitchock waren es hingegen weniger starke Indizien, die den aufgrund eines Unfalls ans Zimmer gefesselten Journalisten L. B. Jeffries (James Stewart) dazu  bringt, seinen voyeuristischen Fokus, die Wohnungen auf der anderen Hofseite betreffend, auf den Handelsvertreter Lars Thorwald (Raymond Burr) zu richten. Allerdings rennt auch dieser zweimal mit einem Koffer durch die Nacht, genau wie der Weinhändler Benkelmann.

Ein weiteres Plotproblem von „Hitchcock und Frau Wernicke“ ist aber hausgemacht und hat mit dem zitierten Film nichts zu tun. Warum, zum Teufel, werden die Leichenteile nach Portugal verfrachtet? Diese Aktion ist komplett unsinnig und bringt nur Entdeckungsgefahren mit sich. Die Idee, dass dort gerade ein Leichenzerstückler sein Unwesen treibt (ausgerechnet Portugal – es wird schon einen Grund haben, warum die sonnigen Südländer nicht so mit finsteren Serientätern durchsetzt sind wie Deutschland, England oder die USA) und dass man die Leiche von Frau Benkelmann dazutun kann, auf ähnliche Weise zugerichtet, ohne, dass es groß auffällt, ist albern.

In Hitchcocks Film hat Thorwald ganz allein agiert, hatte keine willentlichen Mitwisser und wirkte überhaupt wie ein sehr abgeschotteter Mensch. Das ist im Tatort aber anders. Benkelmann hat eine Helferin, die offenbar alles für ihn tut, es wäre nicht notwendig gewesen, dass zum Beispiel, wenn der Mord schon in der Wohnung passieren muss (klar, die meist depressive Frau Benkelmann verließ diese kaum noch), der Mann sich mit den Leichenstücken seiner Frau so unelegant selbst abschleppen muss. Man hätte viel unauffälliger mit Weinkisten von Frau Leisers Firma agieren können (zum Beispiel).

Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Handlungsanlage. Alfred Hitchcock war ein Meister nicht nur des Suspense, sondern auch der radikalen Perspektive – in seinen eher kammerspielartigen Filmen, zu den auch „Rope“ (1948) gehört, der angeblich mit einer einzigen Kamera-Einstellung gedreht wurde, was nicht ganz stimmt. „Fenster zum Hof“ muss zwangsläufig die Einstellung wechseln. Zum Beispiel zwischen dem Gesicht von Jeffries und den Fenstern gegenüber.  Doch er ist komplett subjektiv gefilmt. Jeffries ist immer im Geschehen, immer anwesend. Würde man ein Buch in der Form schreiben, würde sich die Ich-Perspektive empfehlen.

Das hat man bei „Hitchcock und Frau Wernicke“ übernommen. Mit dem Unterschied, dass es auch hin und wieder andere Handlungsorte als die kleine Rentnerinnenwohnung gibt, etwa die Weinhandlung von Benkelmann und das Polizeipräsidium. Es kommt aber, wie beim Vorbild, zu keinerlei Szene, in der die Ermittler nicht zugegen sind. Das ist sehr wohltuend und trägt zum Eindruck eines geschlossenen Konzeptes bei, bei dem es keinen „talking head“ gibt und wir nicht dahinterblicken, wie mögliche Täter miteinander agieren, wenn die Kommissare nicht dabei sind.

Okay, einen „talking head“ gibt es doch. Weber (der mit dem Kleber, der Kleber kommt aber in der Folge 764 nicht zum Einsatz) muss den gestandenen Kommissaren tatsächlich erklären, was „Das Fenster zum Hof“ ist und sie erst darauf stoßen, dass dieser Film gerade wiederholt wurde und Frau Wernicke nach dem möglichen Zuschauen möglicherweise die Fantasie durchgegangen ist, ihren Hofnachbarn Benkelmann betreffend. Schon klar, dass diese Szene den Zuschauern geschuldet ist, welche die Handlung des Hitchcock-Films nicht kennen, das dürften aber nicht sehr viele sein. Wer gefilmte Krimis mag, kommt ja wohl an Hitchcock nicht vorbei.

Noch viel mehr aber wirken Ritter und Stark, die andächtig und regungslos den Ausführungen von Kleber lauschen, wie echte Banausen. Ein Kriminaler, der diesen Film nicht kennt, nicht einmal dem Namen nach? Kaum vorstellbar. Das ist die Crux. Figuren verhalten sich unglaubwürdig, weil sie für ein, zwei Minuten an die theoretische unterste Filmbildungsstufe des Zuschauers angepasst werden. Dieses unglaubwürdige Erklären gegenüber versierten Dienststellenleitern etc. erleben wir auch immer wieder, wenn die KTU und die Rechtsmedizin ins Spiel kommen. Okay, mittlerweile geschenkt, da erfährt man ja auch als Normalzuseher, der mit der Fachwelt nicht vertraut ist, wirklich noch Neues. Doch „Fenster zum Hof“ in Erläuterung von Adam und Eva an und damit als Erste Hilfe gegen den polizeilichen Bildungsnotstand, das geht gar nicht.

Da „Hitchcok und Frau Wernicke“ ein Polizeikrimi ist, muss natürlich Vieles in der Handlung dieser Grundkonstellation angepasst werden, einige wunderbare Szenen des Hitchcocks-Films sind deswegen leider im Tatort nicht denkbar. Illegal, so wie Jeffries‘ Freundin Lisa (Grace Kelly) verhalten sich aber auch die Ermittler. Sie suchen zwar die Wohnung des Verdächtigen nicht heimlich auf, um nach Indizien zu suchen, aber ohne jede rechtliche Grundlage belästigen sie diesen. Besonders die nächtliche Heimsuchung von Seiten Ritters ist kontraproduktiv. Er findet nicht nur nichts, er macht auch das Täterpferd scheu. Verständlich, dass Benkelmann mal rübergeht zu Frau Wernicke, um ihr die Meinung zu sagen. Auch nicht ganz überzeugend: Dass die Pflegerin Renate die alte Dame zu sich  nimmt und alle Beteiligten der Polizei davon aber auch nicht ein Sterbenswörtchen verraten, wo Frau Wernicke doch so froh war, mit der Polizei zusammenarbeiten zu dürfen. Das haben die beiden Kommissare davon, dass sie der Frau nicht ganz glauben wollten.

Auch hier gibt es Fragwürdigkeiten. Eigentlich denken die beiden doch, das ist eine alte Schrulle, die sich was ausdenkt, um wahrgenommen zu werden. Trotzdem verbringen sie Stunde um Stunde, Tag um Tag und Nacht um Nacht in deren Wohnung, als ob sie sonst überhaupt nichts zu tun hätten. Einer von den beiden wacht ja fortwährend. Normalerweise wäre erst einmal ein Psychologe hinzugezogen worden um zu überprüfen, ob Frau Wernicke nun zur Wahrheit tendiert oder gerne fabuliert. Auch wenn es etwas herb klingen mag, gerade bei einem schon lange allein lebenden Menschen dieses Alters wird da sicher etwas genauer hingeschaut. Zunächst aber gibt es seitens der Ermittler, für die Lügenmärchen ja sozusagen das tägliche Brot sind, kaum ein Insistieren, Nachbohren, vorsichtiges Tiefergehen – wo doch besonders Ritter  sonst dafür bekannt ist, dass er Zeugen keine besonders schonende Behandlung angedeihen lässt.

Trotzdem ist „Hitchcok und Frau Wernicke“ kein schlechter Film. Man darf eben nicht die Maßstäbe anlegen, die man an Hitchcock selbst anlegen würde, sondern muss diesen Tatort mit anderen Tatorten vergleichen. So gesehen, ist die Folge 764 originell und gut gemacht, hat ein insgesamt schlüssiges Konzept und stimmige Figuren. Beides vermisst man ja leider gerade bei den Berlin-Tatorten neueren Datums nicht selten.

Finale

Es fällt auf, dass Ritter und Stark dann ihre besten Leistungen bringen, wenn sie intim werden. Nicht mit Frauen, sondern mit der Landschaft und ihren Figuren. So war es in „Dornröschens Rache“, für uns nach wie vor der beste Ritter / Stark unter den bereits rezensierten, so ist es, wenn auch mit ganz anderer Atmosphäre, in dem kammerspielartigen „Hitchcok und Frau Wernicke“. Man kommt wenigen Figuren näher und Ritter und Stark müssen sich auf die alte Frau einlassen, sich entscheiden, wie sie mit ihr umgehen. Eine geradezu rührende Szene gibt es zwischen der Dame, die als junges Mädchen Weltkriegstrümmer geräumt hat, keinen Mann fand und kinderlos bliebt, und Till Ritter, der seine Mutter vor deren Tod zwei Jahre lang nicht sah.

Mindestens eine Szene mit Hitchcock-Suspens ist ebenfalls zu bewundern: Wo – wir erfahren später, wer es ist – eine Person die Wohnung von Benkelmann betritt, dieser erregt in eine Richtung spricht – und dann geht das Licht aus. In dem Moment dachten wir, jetzt kommt seine Frau nach Hause und bringt ihn um. Das wäre mal eine Volte gewesen. Aber auch die Variante, dass die Weinhändlern eintritt und nicht weiß, dass Benkelmann observiert wird, dieser daraufhin schnell das Licht löscht, ist richtig guter Suspense. Genau an der Stelle hat der Film sein Vorbild verstanden. Sonst bleibt er spannungsseitig ein normaler Tatort und trotz einiger beachtlicher Detailschwächen, aber wegen der Reminiszenz an Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“

7,5/10

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Hauptkommissar Till Ritter – Dominic Raacke
Hauptkommissar Felix Stark – Boris Aljinovic
Benkelmann [Weinhändler] – Hans-Jochen Wagner
Irmgard Wernicke [Rentnerin] – Barbara Morawiecz
Timo [Zivi] – Robert Höller
Renate Müller [Krankenpflegerin] – Lotte Ohm
Gernot Schuber – Steffen Münster
Ella Leiser – Jenny Schily
Lutz Weber – Ernst-Georg Schwill
Sebastian Stark – Aaron Altaras


Kamera – Ralph Netzer
Musik/Filmkompositionen – Torsten Sense
Regie und Buch – Klaus Krämer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s