Der Tote vom Straßenrand – Tatort 656 #Crimetime 489 #Tatort #Saarbrücken #Kappl #Deininger #Tote #Straßenrand

Crimetime 489 - Titelfoto © SR/ARD DEGETO, Manuela Meyer

Kohlenmonoxid-Alarm in Saarbrücken

Der zweite von nur sieben Tatorten mit dem Saarbrücker Ermittlerteam Franz Kappl und Stefan Deininger (Maximilian Brückner und Gregor Weber) löst neun Jahre nach seiner Entstehung bereits ein nostalgisches Gefühl aus. In dem Fall, in dem es um eine besondere Mordmethode geht, lernt man zwangsläufig einiges über Kohlenmonoxid und deutsch-deutsche Geschichte.

Die Aufnahme von Wissen findet allerdings auf einem bescheidenen Niveau statt und auch bezüglich der Figuren fühlt man sich wieder wie in der Grundschule. Da gab es auch solche Junges wie den Stefan, die es nicht so mit der Logik und dem konsistenten Verhalten hatten. Kappl hingegen hat immerhin schon Pennälerniveau und wirkt ein wenig strukturierter. Das sollte er auch, denn er ist nach der Verrentung von Max Palü neuer Chef der Saarbrücker Mordkommission.

Nicht so gestylt hysterisch oder gewollt absonderlich wie zum Beispiel der Nachfolger der beiden, Lisa Marx (Elisabeth Brück) und Jens Stillbrink (gespielt von Devid Striesow), aber schön schrullig sind die beiden. Wie leicht wirken die Tatorte mit ihnen. Da ist nichts Grandios-Düsteres, trotz der mörderischen Ost-Connection, die sich im Saarland niedergelassen hat – was einerseits realistisch ist, denn natürlich sind auch im Südswetzipfel der Republik DDR-Flüchtlinge ansässig geworden, andererseits viel zu konstruiert und zudem unklar bezüglich Methoden und Motiven, die sich aus der Fluchthelfer-Verbindung ergeben haben. Noch mehr zu meckern oder wird es besser in der -> Rezension?

Handlung

Ein Mann fällt mitten im Berufsverkehr auf einer belebten Durchgangsstraße in Saarbrücken tot aus seinem Wagen und verursacht einen Stau. Dem Geschick und der Schnelligkeit von Gerichtsmedizinerin Dr. Rhea Singh (Lale Yavas) ist es zu verdanken, dass dieser mysteriöse Vorfall nicht als plötzlicher Herztod zu den Akten gelegt wird.

Im zweiten „neuen“ SR-Tatort gibt „Der Tote vom Straßenrand“ Kriminalhauptkommissar Franz Kappl (Maximilian Brückner) und seinem Team im Morddezernat Rätsel auf. Die Aufklärung des plötzlichen Ablebens von Kurt Nagel, einem hochdotierten Mathematiker im Saarbrücker „Institut für Verfahrenstechnik“, verlangt Franz Kappl und seinem Kollegen Stefan Deininger (Gregor Weber) ihr ganzes Können ab. Dabei knistert es zwischen den beiden wieder ganz gewaltig, zumal Franz Kappl sich in Deiningers Augen ein bisschen zu fürsorglich der schönen Kollegin Dr. Singh widmet.

Die Gerichtsmedizinerin wird von einem geheimnisvollen Anrufer terrorisiert. Er drängt sich in ihr Privatleben, verschafft sich Zutritt in ihre Wohnung, hinterlässt ekelhafte „Andenken“. Hat dieser Stalker etwas mit dem Wahnsinnigen zu tun, der sich anscheinend daran macht, eine Todesliste „abzuarbeiten“ und dabei am Ende Kappl & Deininger selbst in Lebensgefahr bringt?

Das Drehbuch dieses SR-„Tatortes“ stammt auch aus der Werkstatt des Autorenduos Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer, die das neue Saarbrücker Team mit Franz Kappl an der Spitze mit „Aus der Traum …“ aus der Taufe gehoben haben. Auch der Stab ist im wesentlichen der, der schon den Neustart des SR-„Tatorts“ mitgestaltet hat.

Rezension

Zunächst müssen wir ein Faktenproblem dokumentieren, das bei diesem Tatort zwischen den schlechten Recherchen, die es auch bei anderen Filmen der Reihe gibt, heraussticht: Kohlenmonoxid (CO) ist nicht schwerer als Luft, wie im Tatort behauptet wird, wohl aber Kohlendioxid (CO2). Insofern kann man aus Tatorten auch Fehlinformationen mitnehmen. Es gibt im Umfeld dieses fallkonstituierenden Fakts weitere Fehler, die eine gewisse Relevanz haben, weil an der CO-Geschichte ermittlungstechnisch fast alles aufgehängt wird, gaber deren ausführliche Darstellung überlassen wir mehr naturwissenschaftlich geprägten Zeitgenossen.

Wie jedoch ist es mit den Figuren, dem Setting, der Atmosphäre?

Im Tatort Nr. 656 wirkt Saarbrücken so, wie es meistens wohl ist – lichtdurchflutet und gemütlich. Wenn das Team sich zusammen auf einem Wochenmarkt aufhält, der zur Lifestylezone mit unzhligen Außenbereichs-Cafés umfunktioniert wurde, und wenn nan das in anderen Tatorten nicht so häufig sieht, dann spürt man noch ein wenig dies Palü-Atmosphäre, die das Saarland nicht unbedingt dramatisch, aber sympathisch und mit etwas Lebensstil à la Francaise rübergebracht hat.

Wen man schreibt, die damals neuen Emittler, Kappl und Deininger, wirken gerade in der Nachbetrachtung ein wenig infantil, vor allem der Saarländer ist charakterlich ein Kind, dann muss man berücksichtigen, dass das ein bis heute ungebrochener Trend ist, neue Tatort-Polizisten genau in diese Richtung zu schieben.

Man kann, wie Deininger, darüber enttäuscht sein, dass man nicht Dienststellenleiter wird und gar einen Bayern vorgesetzt bekommt, aber besonders in Teamsitzungen übertreibt der Gemütsmensch die Fundamentalopposition zu deutlich und verlässt sich darauf, dass das Team nicht zurückkeilt. Allerdings kennt men sich untereinander auch seit Jahren und hat Verständnis für den geschmähten Cop, der sich schon als neuer Chef sah, nach Palüs Abgang.

Interessanterweise ist da durchaus ein Gleichklang mit der Wirklichkeit zu beobachten. Auf seine Absetzung im Jahr 2012 hat Gregor Weber, der Deininger-Darsteller, recht offensiv und verletzt reagiert und sogar empfohlen, den letzten Tatort, den er (mit-)gemacht hat, gar nicht mehr anzuschauen, weil der so schlecht sei.

Wie schon die Serie Heinz Becker, mit der Gregor Weber als Filmsohn des Kabarettisten Gerd Dudenhöffer bekannt wurde, ist eine gewisse Verschrobenheit ebenso im Saarland zuhause wie das französisch angehauchte savoir Vivre. Ein durchaus interessanter Gegensatz, der in den Saarland-Tatorten der Jahre 2007 bis 2012 gut inszeniert wird. Natürlich ist Deiningers Wesen eine Stilisierung, ebenso wie Heinz Becker, ebenso wie „Madame Maigret“, Alice Hoffmann, ebenfalls mit Becker als dessen Frau bekannt geworden, die hier die Gerda Braun spielt.

Doch man ist nachgerade glücklich über so viel Lokalkolorit, nicht nur wegen dessen vollkommenem Fehlen bei Nachfolger Stellbrink und seinem Team, sondern auch, weil in allen Tatortstädten eine Form von Globalisierung zu erkennen ist, die sich im Grunde genau die Erhaltung regionaler Besonderheiten gerichtet ist. Allerdings – die Wirklichkeit spiegelt das durchaus, auch in Berlin sprechen immer weniger Leute den Originaldialekt der Stadt, besonders im früheren Westberlin.

Ein weiterer Pluspunkt ist das Team an sich. Es ist umfangreich und hat mit der indischstämmigen Rechtsmedizinerin Rhea Singh (Lale Yavas, die aus der Schweiz stammt und türkischer Abstammung ist) eine der einnehmendsten und harmonischsten Frauenfigur aller Tatortstädte zu bieten. Außerdem spricht sie ihre Dialogteile sehr natürlich. Leider wurde auch diese Figurenrolle 2012 aufgegeben.

Die flüssigen Dialoge der Rhea Sing wirken deshalb auffällig, weil Kappl und Deininger und auch Frau Gerda Braun (die Assistentin Madame Maigret) eher hölzern wirken. Es hat allerdings auch einen komischen Effekt, wenn man echte Saarländer so sprechen hört, als ob sie es sich hätten antrainieren müssen und bezüglich der Sprachinhalte herrscht eine sehr große Bandbreite zwischen unterirdisch („Vergasung“ ist einer der wenigen Begriffe, der u. E. keiner Verwitzelung zugänglich gemacht werden kann) bis zu wirklich komisch und überraschend.

Gregor Weber liebt zwar das Overacting, das er durch seine Rolle als Stefansche (Sohn namens Stefan) bei Heinz Becker gelernt hat, aber seltsam, auch diese intensive Mimik wirkt vertraut. Saarländer sind keine Hanseaten und wenn man über die Grenze blickt, also nach Frankreich, dann merkt man, dass es nicht nur bezüglich der Esskultur Einflüsse gibt. Auch bei den Nachbarn mit der Trikolore haben die Menschen eine Art, sich über Mimik und Gebärden deutlicher mitzuteilen. Und einen hintergründigen Humor, der allerdings in den Saarland-Tatort zugunsten des Karikaturistischen tatsächlich im Hintergrund bleibt.

Es wirkt immer ganz pur, wie Deininger sich verhält, nichts ist gestylt und wenn er sich mit Frauen ins Benehmen setzt, dann merkt man, das kann nix werden, er ist einfach nicht der Typ, auf den die Mädels fliegen. Da hilft auch der zeitweilige treue Hundeblick von unten nichts. Okay, eine gewisse Knuffigkeit eignet ihm, wie auch dem ganzen Team. Selten hatten wir so das Bedürfnis, einer Tatortfigur zu Hilfe zu eilen, wie das bei Rhea Singh der Fall war, als sie von ihrem Exfreund gestalkt wurde. Interessanterweise wirkt dieser Nebenstrang der Handlung viel impressiver und die Figur des Anwalts viel bedrohlicher als der Täter im Mordfall an dem Autofahrer, der in der Nähe des Saarufers bei langsamer Fahrt durch eine CO-Vergiftung zu Tode kam.

Die Ermittlungen, die daraufhin aufgenommen werden – zum Glück ist Rhea Singh vor Ort und kann verhindern, dass als Todesursache einfach ein Herzversagen dokumentiert wird – wirken einerseits modern, immerhin wird ein Brainstorming mit Powerpoint-Präsentation initiiert und etwas wie Profiling, auch wie man Handys ausrecherchiert, wird von Madame Maigret so darsgestellt, als hätten wir’s noch nie in einem Tatort bzw. erzählt bekommen, aber dann wird es doch sehr klassisch und es ist eine Tür-zu-Tür-Befragungsarie, die letztlich zum Ergebnis führt. Überraschend und wohl gewollt ist der realistische Eindruck, der durch die Nennung von Straßennamen, Postleitzahlen und sogar Gehaltsgrößen in einem Technologie-Unternehmen entsteht. Zwar gibt es nicht alle Postleitzahlen wirklich, wohl aber die Straßen und die Verbindungen zwischen ihnen.

Finale

Wir merken es, die Rezension ist jetzt genauso beschaulich geworden wie die Gegend, deren Ermittlerteam sie gewidmet ist. Vielleicht werden Kappl und Deininger, der Tubaspieler und der Dudelsackbläser, die am Ende gemeinsam ein Ständchen für Rhea bringen, das erste nicht mehr aktive Team sein, das wir auserzählt bekommen, uns fehlen nur noch zwei ihrer Tatorte.

Gerade ein kleiner ARD-Sender wie der Saarländische Rundfunk, der sich nur einmal pro Jahr mit einem Tatort deutschlandweit präsentieren kann, sollte das so tun, dass dabei auch Werbung für ein Land gemacht wird, das weniger Schlagzeilen produziert als die Hauptstadt und weniger davon als irgendein anderes Bundesland. Das haben sie beim SR damals ganz gut hinbekommen – seit Stellbrink sorgen zwar die Tatorte als solche wegen ihrer Machart für mehr Schlagzeilen, aber es sind keine positiven (1).

Ein Effekt der niedrigen Taktfrequenz beim Entstehen saarländischer Tatorte ist, dass sie offenbar überdurchschnittlich häufig wiederholt werden – der eher unspektakuläre, qualitativ knapp im Mittelfeld angesiedelte „Der Tote am Straßrenrand“ (Der Titel ist nicht korrekt, der Tod findet auf der Straße statt) wurde in den sechs Jahren seit seiner Entstehung bereits zwölfmal ausgestrahlt – die Premiere nicht mitgerechnet.

(1) Der Beitrag ist die Tandem-Rezension zum aktuellen Saarland-Tatort „Totenstille“ mit Kommissar Stellbrink, die ursprüngliche Fassung der Rezension stammt aber aus dem August 2013 und spiegelt noch nicht die Entwicklung des heutigen Saarland-Teams zu mehr Seriosität wieder.

6,5/10

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Franz Kappl – Maximilian Brückner
Stefan Deininger – Gregor Weber
Dr. Reha Singh – Lale Yavas
Gerda Braun – Alice Hoffmann
Horst Jordan – Hartmut Volle
Ben Urs – Fabian Winiger
Ute Richter – Ulrike Grote
Rainer Woltermann – Wanja Mues
Alexander Rabnik – Fabian Busch
Reinhard Lischki – Peter Franke
Staatsanwältin Duchamp – Andrea Wolf
Deborah, junge Mutter – Steffi Mühlhan
Institutsleiter Hanke – Stefan Viering
Lindenwirtin – Lea Linster

Regie – Rolf Schübel
Musik – Detlef Petersen und Nico Fintzen

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