Goldbach – Tatort 1029 #Crimetime 490 #Tatort #Schwarzwald #Berg #Tobler #SWR #Gold #Bach

Crimetime 490 - Titelfoto © SWR, Alexander Kluge

Doch mehr als nicht Hochdeutsch?

Ich dachte, beim Freiburg-Krimi sollte Harald Schmidt Chef der Dienststelle werden oder so ähnlich – stattdessen sehen wir eine Frau, die sicher viel besonnener handelt, als Harald Schmidt gehandelt hätte, den Waffenhersteller betreffend. Und ich dachte immer, „Wir können alles außer Hochdeutsch“ sei Imagewerbung fürs Schwabenland als Ganzes, nicht der Slogan einer einzelnen Firma, die aber offenbar typisch schwäbisch sein soll – sehr technisch, ohne dass die Folgen der Produktion die Produzenten besonders interessieren. Dass so viele solcher Firmen in Baden-Württemberg beheimatet sind, hat aber nichts mit den Schwaben an sich zu tun, sondern eher mit der deutschen Geschichte. Es gibt Rüstungs- und Waffenproduktion auch woanders. Vermutlich handelt es sich hier aber um Heckler & Koch und Konsorten. Alles weitere steht in der -> Rezension.

Handlung

Ihr erster Tatort-Fall führt Franziska Tobler und Friedemann Berg in eine kleine Schwarzwaldgemeinde, beliebter Wohnort junger Familien, deren Kinder dort in einem friedlichen sozialen Umfeld aufwachsen sollen. Diese Idylle zerbricht, als eine Elfjährige an einer Schussverletzung stirbt und der Nachbarjunge verschwindet. Bei der Sicherung der Indizien und der angespannten Suche nach dem vermissten Jungen findet die Polizei in der Nähe des Tatorts ein rätselhaftes Waffendepot.

Franziska Tobler und Friedemann Berg gehen der Spur der Waffen nach und suchen Zeugen, zumal das ganz friedlich heimgekehrte Kind der dritten Nachbarsfamilie anscheinend nichts Außergewöhnliches mitbekommen hat. Schneller Erfolg ist ihnen nicht beschieden, und während die Ermittlungen andauern, treiben Trauer, Sorge, auch Misstrauen die eigentlich gut befreundeten Elternpaare immer weiter auseinander.

Rezension

Ich dachte, beim Freiburg-Krimi sollte Harald Schmidt Chef der Dienststelle werden oder so ähnlich – stattdessen sehen wir eine Frau, die sicher viel besonnener handelt, als Harald Schmidt gehandelt hätte, den Waffenhersteller betreffend. Und ich dachte immer, „Wir können alles außer Hochdeutsch“ sei Imagewerbung fürs Schwabenland als Ganzes, nicht der Slogan einer einzelnen Firma, die aber offenbar typisch schwäbisch ist – sehr technisch halt, ohne dass die Folgen der Produktion die Produzenten besonders interessieren. Dass so viele solcher Firmen in Baden-Württemberg beheimatet sind, hat aber nichts mit den Schwaben an sich zu tun, sondern eher mit der deutschen Geschichte. Es gibt Rüstungs- und Waffenproduktion auch woanders. Vermutlich handelt es sich hier aber um Heckler & Koch und Konsorten.

Die Idee war also, das unglaublich friedliche Schwarzwaldsetting für einen  unfassbaren Tötungsfall richtig unheimlich werden zu lassen, und das ist es auch, weil einem schon beim Zusehen klamm wird. Vermutlich wurde chronologisch gefilmt, zunächst liegt also noch Schnee, dann matscht es auf und am Ende liegt alles offen. Wie die Landschaft, so der Fall. Und im strafrechtlichen Sinn gibt es nicht mal einen Täter, sondern nur das Zusammenwirken wirklich denkbar ungünstiger und besonderer Umstände, eine gewisse Sorglosigkeit, die bei Kindern vielleicht sogar normal ist, vor allem, wenn sie bei den Eltern jeden Tag mit Waffengebrauch konfrontiert sind. Also, Kinder, sucht euch keine Biathleten oder gar Sportschützen als Eltern, sonst erschießt ihr eure Freunde. Offenbar ist der gesamte Schwarzwald ein einziges, halb legal halb illegal erstelltes Waffenlager und dann passiert eben sowas.

Das war jetzt auch eine genuine Fortsetzung der Bodensee-Krimis von Blum und Perlmann, weil man auch im Schwarzwald solche Familiendramen inszenieren kann. Bodenständig ist im Grunde aber gar kein Ausdruck für diesen Film. Ich empfand ihn als den konventionellsten Tatort seit Langem und man verkneift sich auch beinahe jeden Anflug von Humor. Angesichts des Themas im Grunde logisch, aber im Moment lebt der Verdacht, dass das Ermittlerteam auch so gestrickt ist. Auch die erwähnte Klara Blum vom Bodensee war ja eher ein zurückhaltender Typ, aber hatte doch eine andere Präszenz als ihre Quasi-Nachfolgerin Franziska Tobler, gespielt von Eva Löbau. Immerhin blieb der Vorname der Darstellerin gleich, aber sonst verbindet die beiden nicht viel.

Es scheint auf der Hand zu liegen, dass der SWR mit der neuen Schiene, bei der die Kennzeichen der Polizeiautos mit „FR“ anfangen und alle von einer schwäbischen Autofirma stammen, deren Signet mal abgeklebt ist und mal nicht, die Luft rauslassen wollte. Nicht die Luft, die sich in den anderen Südweststädten Stuttgart und Ludwigshafen angesammelt hat, so verdichtet geht es da auch nicht immer zu, sondern aus dem allgemeinen Trend zum Promi-Tatort mit immer mehr Bohei aller Art. Ein bisschen ist alles wie ein Zurück zu den Anfängen, wenn auch zeitgemäß als gemischtes Doppel, nicht als männlicher Einzelermittler mit Assistent und Gastrolle für einen Kollegen aus einer anderen Stadt, wenn auch mit ein paar Auslassungen zwischen den Einstellungen, die man dem heutigen Publikum mal zumuten kann. Aber alles doch sehr bedacht und bedächtig.

Auf der einen Seite konnte mich das Familiendrama nicht recht fesseln, auch wenn Godehard Giese als Vater Jens Reutter die beste Schauspielleistung aller Beteiligten zeigt, aber da ist etwas, das ich eher als elegisch denn tragisch, eher als trist denn aufwühlend empfand und es wird vielleicht daher kommen, dass ein Berlin immer mal wieder an irgendeiner Ecke ballert, und nicht zufällig, sondern vom Schützen absichtsvoll so gemeint, und die heutigen Berlin-Tatorte mit ihrer gnadenlosen Überstyltheit zeigen ja auch, wie wir  hier leben und wie wild die Großstadt ist. Da rechnet man mit allem und warum sollte es Menschen, die sich ins Idyll zurückziehen, nicht genauso gehen? Pech gehabt, man kann dem schlimmen, höchst unwahrscheinlichen Zufall einerseits ebenso wenig entrinnen wie dem Bösen, wenn das Schicksal einen Entschluss gefasst hat. Trotzdem bin ich ziemlich sicher, dass das Leben in der Großstadt trotzdem in vieler Hinsicht gefährlicher ist und deswegen kam mir die Plotkonstruktion von „Goldbach“ vermutlich auch so gewollt vor. Sie zeigt auch nicht die Abgründe, die man am Bodensee manchmal antraf, was wohl daher kommt, dass wir im Schwarzwald, zumindest in Goldbach, keine tiefen Seen haben. Vielleicht lassen sie mal einen Tatort am Titisee oder am Schluchsee spielen.

Dass man bei den Ermittlern ebenso gewollt auf Normalität setzt, kommt mir aber verdächtig vor, vielleicht wird sich da noch manches zeigen, wie etwa bei der Flasche, die Friedemann Berg aus dem Rollcontainer unter seinem Schreibtisch hervorzieht. Ähnlich war es anfangs bei Frank Steier in Frankfurt, wo man nicht genau wusste, was er da trank. Später merkte man, im Wodka oder in welchem scharfen Wässerchen auch immer liegt Klarheit. Ich finde, man sollte den armen Mann nicht so gwaltsam interessant machen wollen und es dabei belassen, dass er zwar nicht Friedemann Bach, aber immerhin Friedemann Berg heißt. Haha. Hoffentlich verfliegt im Verlauf der nächsten Fälle nicht mein Eindruck, dass dem SWR nichts wirklich Neues mehr einfällt, wenn es darum geht, interessante Teams zusammenzustellen. Es ist ja auch schon fast zehn Jahre her, dass zuletzt eines installiert wurde – Lannert und Bootz in Stuttgart. Und das funktioniert doch immer noch gut, wenn das Drehbuch passt. Das wäre auch bei Klara Blum so gewesen, aber vielleicht wollte Eva Mattes nicht mehr. Denn es ist schon auffällig, dass das Schwarzwald-Drehbuch auch wunderbar ins Bodensee-Setting gepasst hätte. Und da man dieses bereits kennt, wäre mehr aufgefallen, dass sich in Konschtanz schon aufregendere Kriminalfälle abgespielt haben.

Finale

Es mag jungen Eltern da anders gehen, aber wie zum Beispiel die Gemeinschaft sich anhand des Todes von Frieda, die in den Handlungsbeschreibungen der ARD keinen Namen hat, zu misstrauen beginnt, auseinanderlebt, das war alles recht simpel erklärt und gestrickt und vielleicht sogar in dieser eher biederen Ausfassung glaubwürdig, aber mir hat dann doch das Exemplarische gefehlt, weil dieser Umgang mit Waffen für etwas stehen kann oder auch nicht. Vielleicht kommt alles daher, weil Pauls Vater keine Festanstellung bekommen hat und illegal Schießeisen verticken musste, um seine Familie über Wasser zu halten, eine Sorge, die Vater des Mädchens, Klinikarzt, nicht haben muss, auch wenn er täglich einen Arbeitsweg von 80 Kilometern absolvieren muss. Vielleicht ist das der tiefere Sinn. Trotzdem hätte die Mitarbeiterliste der Waffenschmiede nicht Pauls Vaters Namen umfassen dürfen, denn er war ja nun mal ein Externer, der nur hin und wieder einen IT-Auftrag bekommt und nach externen Auftragnehmern oder Freelancern war nicht gefragt.

Hätte ich die Liste abzugeben gehabt, hätte ich mich deshalb auch strikt auf die Leute beschränkt, die im Werk arbeiten, denn das Waffenbusiness ist doch so gut wie möglich an der Untergrenze der Informationspflichten zu handhaben. Offenbar hat es beim Drehbuchautor etwas gegrummelt, deswegen hat er die Waffenfirma den Diebstahl des Testgerätes nicht anzeigen lassen, aber auch da scheiden sich die Geister: Dichtung oder mögliche Wahrheit in Fällen wie diesem, wo doch schon legal fast jeder in der Gegend – genau.

Bis auf den Vater des toten Mädchens waren mir die Figuren, Ermittler inbegriffen, zu wenig ausgeformt, um wirklich packend zu sein, und das wäre bei diesem sehr sparsamen Plot unbedingt notwendig gewesen, um einen guten Film hervorzubringen.

6/10

© 2019, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Friedemann Berg – Hans-Jochen Wagner
Hauptkommissarin Franziska Tobler – Eva Löbau
Kommissariatsleiterin Cornelia Harms – Steffi Kühnert
Kriminaltechniker – Sebastian Mirow
Polizeipräsident Lorenz – Matthias Fölsch
Steffi Buchwald – Isabella Bartdorff
Klaus Buchwald – Felix Knopp
Paul Buchwald – Paul Kisslov
Barbara Reutter – Victoria Mayer
Jens Reutter – Godehard Giese
Nicole Benzinger – Odine Johne
Martin Benzinger – Shenja Lacher
Alexandra Pacht – Johanna Bantzer
Roman Kirchner – Robert Besta
Stefan Pfeiffer – Christian Heller
Stefan Schwarz – Matthias Rott
Pächter Schützenverein – Reinhard Mahlberg
Schuldirektorin – Constanze Weinig
u.a.

Drehbuch – Bernd Lange
Regie – Robert Thalheim
Kamera – Andreas Schäfauer
Szenenbild – Myrna Drews
Schnitt – Isabelle Allgeier
Ton – Tom Doepgen
Musik – Uwe Bossert, Anton Rist

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