Berlin – die einzige Boomregion in Deutschland? #Wirtschaft #Boom #BIP #Bevölkerung #Wachstum #Immobilien #Mietenwahnsinn #GfK #Kaufkraft #Prekariat #b2018 #b2019 @HeimatNeue #Mietenwahnsinn

Ist Berlin mittlerweile ein Wirtschaftsmotor Deutschlands? Zahlen zur BIP-Entwicklung 2018 und 2019 deuten darauf hin. Das ist erfreulich, denn so richtig es ist, dass die Wachstumsideologie mittlerweile hinterfragt wird, so wichtig ist es, dass eine Hauptstadt, die viele Sonderaufgaben und soziale Probleme hat, nicht hinter anderen Regionen in Deutschland zurückbleibt – und ihren bisherigem Rückstand wenigstens aufholt. 

Die Grafik für 2018 weist eine Erfolgsgeschichte aus, die seit Jahren anhält: Das BIP-Wachstum in Berlin liegt weit über dem Bundesdurchschnitt. Dass davon ca. 0,8 Prozent auf Zuzug zurückgehen, ist zu beachten, aber auch andere Bundesländer wie Bayern profitieren von einer wachsenden Bevölkerung. Berlin wuchs 2018 um 31.000 Menschen und hat damit, nebenbei bemerkt, auch die „Neubauquote“ erfüllt (ca. 16.000 Wohnungen kamen neu auf den Markt, die durchschnittliche Belegung beträgt 1,9 Personen pro Wohnung).

Hessen hat sich offenbar von der Bankenkrise erholt und wir freuen uns, dass Bremen endlich den Turnaround geschafft hat – und sehen uns darin bestätigt, wie richtig es war, aus unserem Heimat-Bundesland wegzuziehen. Insgesamt war die wirtschaftliche Entwicklung 2018 verhalten (+ 1,4 Prozent).

Auf eine Kennziffer darf man allerdings nicht verzichten: Berlin hat weiterhin einen erheblichen Rückstand bei der individuellen Kaufkraft. Der GfK-Kaufkraftindex für Berlin weist lediglich einen Wert von 91,5 auf (Deutschland gesamt = 100). Wie wenig das ist, erschließt sich nicht nur im Bundesländervergleich, sondern auch im Vergleich mit anderen Städten. Im Jahr 2007, als wir nach Berlin kamen, lag der hiesige Wert noch bei 96 Prozent. Allerdings, um Fehlinterpretationen vorzubeugen, seit dem Regierungsantritt von R2G ist dieser Wert nicht weiter gefallen.

Allerdings dürfte ein guter Teil des Wirtschaftswachstums in Berlin von steigenden Immobilienpreisen bei gleichermaßen steigenden Umsätzen in diesem Bereich getragen sein, die für die Mehrheit der Bevölkerung eher problematisch als hilfreich sind, weil die Kaufkraft nicht mit dieser Entwicklung Schritt halten kann. Beim BIP pro Kopf nimmt Berlin eine mittlere Stellung knapp unterhalb des Durchschnitts der Bundesländer ein – für einen Stadtstaat ist die Wirtschaftsleistungs pro Kopf immer noch sehr gering (ca. 41.000 Euro pro Person, Hamburg ca. 66.000 Euro pro Person, Bremen immerhin ca. 50.000 Euro).

Insgesamt hat Berlin seit dem ersten Jahr nach der Wiedervereinigung (1991) ein knapp höheres Wachstum auszuweisen als Deutschland insgesamt (+ 116,8 % gegenüber + 114,3 Prozent), das leicht überdurchschnittliche Plus über 28 Jahre hinweg ist vor allem dem stärkeren Wachstum in den 2010ern zu verdanken. Das stärkste Wachstum zeigt in diesem Zeitraum Brandenburg mit einem Plus von 276,9 Prozent. Alle „Neuen Bundesländer“ liegen über 200 Prozent Zuwachs, weisen aber immer noch die geringsten BIP-Zahlen pro Kopf aus. 

Mit dem nachhaltigen Aufschwung ist ein beispielloser Rückgang der Arbeitslosenzahlen vor Ort verbunden. Senatorin Ramona Pop: „Der nachhaltige wirtschaftliche Aufschwung kommt bei den Menschen an. Immer mehr Berlinerinnen und Berliner nehmen am Arbeitsleben teil. In den letzten drei Jahren ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze um mehr als 170.000 gestiegen. Die Arbeitslosenquote lag im März 2019 bei 7,8 %; vor 3 Jahren hatte sie im März noch über 10 % betragen. Besonders wichtig ist mir, dass auch bei den Langzeitarbeitslosen deutliche Rückgänge zu verzeichnen sind.“, schreibt die Senatsverwaltung für Wirtschaft in Berlin

Wenn man den Vergleich etwas langfristiger ansetzt, ist der Unterschied allerdings noch weitaus größer, denn in den 2000ern hatte Berlin zeitweise die höchste Arbeitslosenquote in Deutschland. Die jetzige Aufwärtsentwicklung hat nicht unter R2G eingesetzt, setzt sich aber fort. Bei dieser Gelegenheit weisen wir immer wieder darauf hin, dass dies nichts über die Qualität der Arbeitsplätze aussagt und dass die Arbeitsstunden pro Person tendenziell in den letzten Jahren abgenommen haben, was auf mehr Teilzeitarbeit und einen hohen Grad an prekärer Beschäftigung hindeutet. Die Unterbeschäftigung, wie DIE LINKE sie beispielsweise ausweist, liegt regelmäßig um 2 bis 3 Prozent höher, die gesamte Unterbeschäftigung dürfte,  je nach Berechnungsmethode, die Arbeitslosenquote um das Doppelte oder mehr übersteigen. Diese Annahme gilt natürlich nicht nur für Berlin.

Der oben benannte Kaufkraftindex besagt, dass neue Arbeitspltze überwiegend nicht im hochwertigen Bereich entstanden sein dürften. Die Senatsverwaltung weist auf 170.000 neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze innerhalv von drei Jahren hin, allerdings ist die Stadt seitdem auch um mehr als 120.000 Einwohner gewachsen. 

Wie sieht es 2019 bisher aus?

Das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt legte im ersten Halbjahr 2019 mit 1,9 Prozent deutlich mehr zu als im Bundesdurchschnitt (0,4 Prozent), wie das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg am Dienstag mitteilte. Dafür sei vor allem der Dienstleistungsbereich verantwortlich, hieß es. Besonders die Bereiche Information und Kommunikation, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen sowie das Gastgewerbe seien überdurchschnittlich gewachsen. Aber auch das produzierende Gewerbe habe dank eines starken Baugewerbes zum Wachstum beigetragen.“, zitiert die Berliner Morgenpost die örtlche IHK.

Dass das Baugewerbe anzieht, bestätigt, dass R2G in diesem Bereich auf dem richtigen weg ist – dass es zur produzierenden Industrie rechnet, ist kritisch, denn die verarbeitende Industrie geht in Berlin seit vielen Jahren zurück und steuerte 2016 nur noch 9 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei, so wenig wie in keinem anderen Bundesland. Sie wird aber hier zusammen mit dem Baugewerbe ausgewiesen.

Das Berliner Wachstum 2019 ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass Deutschland es insgesamt schwer haben wird,  überhaupt eine messbare Steigerung zu erzielen. Die weltweiten Rahmenbedingungen sind schwierig und ein exportorientiertes Land wie Deutschland leidet unter Handelskonflikten und allgemeiner wirtschaftlicher Eintrübung in wichtigen Abnehmernländern besonders.

Berlin ist davon als Dienstsleistungsstandort weniger betroffen als Bundesländer mit hohem Industrieanteil am BIP. Das zeigt sich gut an der Elfjahresgrafik, welche die wirtschaftlche Entwicklung Berlins mit der Gesamtdeutschlands vergleicht:

Im Krisenjahr 2009, in dem Deutschland über 5 Prozent seines BIP von 2008 verlor, kam Berlin mit einem Minus von 1,4 Prozent sehr glimpflich davon.

Außerdem weist die Grafik aus, dass das oben angesprochene überdurchschnittliche Wachstum von Berlin hauptsächlich im letzten Jahrzehnt stattfand. Dass trotzdem die Kaufkraft im selben Zeitraum gesunken ist, stimmt gerade deshalb bedenklich, denn es weist darauf hin, dass zu wenige Menschen am Aufschwung partizipieren und die Ungleichheit in Berlin noch stärker wächst als in Deutschland insgesamt.

Die Berliner Wirtschaftssenatorin stellt in diesem Beitrag der Berliner Morgenpost heraus, dass gerade im digitalen Bereich viele neue Arbeitsplätze entstehen, in Berlin seien 2018 etwa 40.000 neue Unternehmen entstanden. Gerade die Startupszene von Berlin weist aber drei Probleme auf, die sehr schnell zu einem Ende des Wachstums führen können: Stark steigende Gewerbemieten und erhebliche Verdrängungsmechanismen in diesem Bereich, Unterkapitalisierung, Orientierung an Endkunden-Dienstleistungen, die bei schlechterem Konsumklima schnell rückläufig sein können, sehr hoher Förderanteil. Im Jahr 2016 wurde jeder neue Arbeitsplatz in Berlin, der unter der Ägide der Wirtschaftsförderung (die nicht unumstrittende ÖPP „Berlin Partners“) zustandekam, mit über 80.000 Euro subventioniert – trotzdem gilt die Digitalwirtschaft als Hort eines neuen Akedemikerprekariats. Die Nachhaltigkeit wird sich erst dann erweisen, wenn man von „guter Arbeit“ sprechen kann, die auch in Krisenzeiten und unter der Ägide umweltgerechter Konversion Bestand haben wird.

Deshalb teilen wir nicht die im selben Artikel von der FDP vertretene Ansicht, Berlin müsse für Startups generell attraktiver werden. Der Akzent muss auf der Qualität der Arbeitsplätze liegen, damit endlich auch die Kaufkraft zunimmt, deren relative Stagnation stark dazu beiträgt, dass in Berlin u. a. der sogenannte Mietenwahnsinn zu so viel Wut bei der Mehrheit der Stadtbevölkerung führt. Die Kosten fürs Wohnen steigen in der Hauptstadt seit Beginn der 2010er wesentlich schneller als die Einkommen. Deshalb sind auch Beschwerden seitens der IHK, die im selben Beitrag kundgetan werden, kritisch zu betrachten, denn die Qualität der priavaten Investoren, die sich teilweise hochgradig subventionieren lassen, entspricht wohl in weiten Teilen nicht den guten Förderungsabsichten seitens der Senatsverwaltung. Wie es im Immobilienbereicha aussieht, haben wir an anderer Stelle ausführlich beschrieben.

In Berlin mangelt es also nach wie vor an der Qualität der Arbeitsplätze und leistungsgerechter Bezahlung – muss auch dort endlich wieder mehr reguliert werden?  Ein hochwertiger und zukunftssicherer Arbeitsplatz bringt genauso viel an Wertschöpfung wie zwei oder drei prekäre, unsichere Jobs, die neu entstehen und schnell wieder weg sein können.

Die Anregung für den Beitrag entstand durch diesen Tweet. Dank an die @HeimatNeue für die Medienschau.

TH

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