Lakritz – Tatort 1107 #Crimetime 491 #Tatort #Münster #Thiel #Boerne #WDR #Lakritz

Crimetime 491 - Titelfoto © WDR, Willi Weber

Freunde & Feinde fürs Leben

Die Fibonacci-Folge ist die unendliche Folge von natürlichen Zahlen, die (ursprünglich) mit zweimal der Zahl 1 beginnt oder (häufig, in moderner Schreibweise) zusätzlich mit einer führenden Zahl 0 versehen ist.[1] Im Anschluss ergibt jeweils die Summe zweier aufeinanderfolgender Zahlen die unmittelbar danach folgende Zahl:

Die darin enthaltenen Zahlen heißen Fibonacci-Zahlen. Benannt ist die Folge nach Leonardo Fibonacci, der damit im Jahr 1202 das Wachstum einer Kaninchenpopulation beschrieb. Die Folge war aber schon in der Antike sowohl den Griechen als auch den Indern bekannt.[2]

Vielleicht hätten wir nicht ausgerechnet damit anfangen sollen, es gibt ja noch viel mehr über den Tatort zu schreiben. Es steht in der -> Rezension.

Handlung

Hannes Wagner ist in Münster eine Institution. Oder besser gesagt: Er war es. Denn am Morgen nach seinem 40. Dienstjubiläum als Marktmeister des weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Wochenmarktes liegt er mausetot in seiner Wohnung.

Und beinahe jeder der Marktbeschicker hätte guten Grund, Hannes Wagner ins Jenseits zu befördern. Gar nicht erst zu reden von denen, die Wagner in den Jahrzehnten seiner Herrschaft nicht mit einer der begehrten Lizenzen für einen Stand auf dem Markt beglückt hat.

Eine Spur führt die Ermittler zu einer kleinen Lakritz-Manufaktur, zu Monika, Boernes erster Liebe und zu einem lange zurückliegenden Fall, der aus dem kleinen Karl-Friedrich schließlich den großen Boerne werden ließ.

Rezension

Es lässt uns trotzdem noch nicht los. Wieso heißen die bunte Mischung von Boernes Lieblings-Lakritzsorten Fibonacci? Wegen der Mathe-Nachhilfe? Oder weil sich Lakritzstücke auch vermehren wie Kaninchenpopulationen, wenn man sie nicht schnell im Mund verschwinden lässt? Wir hatten nie etwas gegen Lakritz, im Gegenteil. Aber es gibt auch große Unterschiede und an feine Schokoladesorten kommt es nicht ganz heran. Und nicht an Rotwein mit Cola. Also Rum und Coca Cola oder Cola-Cognac, das war uns soweit geläufig, aber Thiel setzt immer noch eins drauf. Korea!

Für uns war „Lakritz“ einer der schönsten Thiel-Boerne-Filme seit langer Zeit. Sie sind fürs Mittelalter gemacht, eindeutig. Denn wer war im Jahr 1979 (nicht 1976, wie in der Vorschau steht, wir hatten das so übernommen), wer war damals 14 Jahre alt? Nicht nur Karl-Friedrich-Boerne. Wir haben ihn, wie er mit 14 war, allerdings nicht mit seiner ab 2002 zu bewundernden Optik und vor allem nicht mit seiner Wesensart zusammgebracht. Weil er in heiße Lakritze getaucht wurde, hat er beschlossen, sich neu zu erfinden und vom Nerd zum Bonvivant zu werden? In dem steckt ja auch manchmal ein Edel-Nerd, der niemals wieder eine Beziehung einging. Das ist gar nicht so unschlüssig, zumal er seit jenem Tag auf dem Dachboden ein böses Geheimnis mit sich herumschleppte, über das er so lange, lange Zeit nicht redete. Damit sich das ändert, muss nach 17 Jahren Zusammenarbeit Thiel erst sein offizieller Freund werden. Es gibt Momente im Leben, in denen wandelt sich wirklich alles.

Sogar der Zugang zur eigenen Vergangenheit. Bei wem der Film keinen Rücksturz in ebenjene Vergangenheit auslöst, der hat vermutlich noch keine. „Authentisch“ sind die späten 1970er hier nicht wiedergegeben, aber das dürfte auch nicht das Ziel gewesen sein. Es ist eine Boerne-Zeit, keine Realepoche, die uns nähergebracht wird. Und dabei wird auch noch ein „kalter Fall“ gelöst, wie „formidabel, Thielchen!“. In manchen Momenten stimmt der Ton irgendwie nicht, etwa, als der Marktherrscher plötzlich so sentimental wird, die gestanzten Sätze, die Münster-Tatorte prägen, waren auch schon besser, zumindest summarisch, aber der Film hat einen emotionalen Appeal wiedererweckt, der auch aus der Vergangenheit stammt.

Aus einer Vergangenheit, die nicht ganz so weit zurückliegt wie Thiels Gerichtsmediziner-Erweckungserlebnis. Es ist etwa 15 Jahre her, damals waren die besten Münster-Tatorte auch so. Sie hatten Witz, aber auch Charme und man konnte auch mal die Stimmung mittendrin wechseln. Später wurde es eintöniger und man hatte offenbar das eigene Konzept in manchen Produktionen nicht mehr ganz verstanden – nämlich, dass es dann am besten ist, wenn man zwischen den Frotzeleien auch mal ein paar berührende Momente einstreut. Sie gibt es dieses Mal wieder, weniger, weil einem Boerne leid tut, wie er mit 14 war, sondern wegen der Freundschaft, die endlich Freundschaft sein darf, wegen der Scham und wegen des plötzlichen Verstehens. Wir mussten Boernes Hintergrund nicht kennen, um ihn oft überragend zu finden, aber jetzt ist es doch noch einmal ein Plus geworden. Dass man sieht, was für ein sensibles Kerlchen im Professor steckt. Nights in White Satin – und dann die Kassette nicht an die Angebetete abschicken. Jaja.

Wir hatten übrigens eine Zeit gebraucht, um dahinterzusteigen, dass jene Angebetete und die andere Frau im Lakritzladen von 1979 Mutter und Tochter sind, wir dachten zunächst, die eine sei die Freundin der anderen, so altersähnlich wirkten beide auf uns.

Gut, das ahnten wir schon, aber wo es herkommt und wie es sich damals, 1979, ausgedrückt hat, noch nicht. Jetzt fehlt eigentlich noch, dass Thiel auch mal einen Tatort kriegt, in dem erklärt wird, wann er sein erstes St.-Pauli-T-Shirt bekam und wie es passieren konnte, dass er bei dem Vater Polizist wurde. Vaddern sorgt für einige der besten Pointen von „Lakritz“ und die Holländer müssen ganz schön für die Klischees büßen, die hierzulande vorherrschen. Bitcoins auf ein Konto. Hm. Wir gehen schweren Zeiten entgegen, aber auch das ahnten wir schon vor dem Anschauen von „Lakritz“. 1979 waren noch andere Währungen üblich, und aus irgendeinem Grund finden wir die bis heute schicker. Mag auch daran liegen, dass das Bitcoins schöpfen eine echt zähe Angelegenheit ist, mit einem normalen Klapprechner. Eine noch zähere Angelegenheit.

Wenn man „Lakritz“ mit der Hochphase der Thiel-Boerne-Filme aus der Mitte der 2000er vergleicht, hat man das Gefühl, die grandiose Treffsicherheit der Gags, der Dialoge wird sich nie mehr ganz reproduzieren lassen, aber wenn dafür so eine Tiefe der Zeit und ein Erfühlen doch recht grundlegender Dinge hinzukommt, das eine andere Form von Sicherheit beweist, dann ist das auch okay. Es war waren Stefan Cantz und Jan Hinter, die Thiel und Boerne erfanden und sie hatten maßgeblichen Einfluss auf die manchmal perfekten Wortschlachten, diesen Einfluss gibt es wohl heute nicht mehr in dem Maß, nachdem sie später etwas den Faden verloren.

Es kommt aber etwas ins Spiel, was wir mal gefordert hatten, als es wirklich mit Münster abwärts ging: Dass man die Typen doch aus der permanenten Gegenwart herausholt und sie sich entwickeln lässt. Denn sie werden älter und irgendwann ist dieses ewige Geplänkel zwischen ihnen und mit den anderen nicht mehr ausreichend; da muss dann auch mal etwas rein, was die lange Zusammenarbeit spiegelt und die grandiose Zahl von 36 Fällen, die man schon miteinander aufgeklärt hat, die vielen verrückten und manchmal auch gefährlichen Augenblicke, die man gemeinsam durchgestanden hat – da muss doch irgendwann mehr sein als immer nur herzliche Zu-Abneigung, die auf eine recht pubertäre Weise dokumentiert wird.

Finale

Münster-Tatorte sind selten mega-spannend, aber dadurch, dass man einen (k)alten Fall wieder aufrollt und ihn mit Boernes Kindheit verknüpft, kommt etwas geradezu Episches in diesen Film und natürlich hängen die beiden Morde miteinander zusammen. Ob der Mörder und seine Motive so glaubwürdig sind, wollen wir mal nicht zu sehr unter die Lupe nehmen, der Film ist eben ein Whodunit, in dem kurz nach dem Start eine Hausangestellte erst schockiert wirkt und plötzlich lächelnd telefonisch weitergibt, dass ihr Chef das Zeitliche gesegnet hat und damit einen gewissen Thrill reinbringt. „Lakritz“ ist nicht rasant, aber auch nicht lahm, sondern hat einen guten Rhythmus. Man hat sich getraut, die peinlich-reizenden Momente auszuspielen, aber sie nicht zu sehr zu verkalauern. Allein dafür sei den Machern des 1108. Tatort gedankt. In dieser Form dürfen Thiel, Boerne, Nadeshda, „Alberich“, Frau Klemm und Vaddern gerne weitermachen –  zumal Thiel sich nun einer gesünderen Lebensweise befleißigen möchte und uns daher sich noch lange erhalten bleiben wird.

Am Ende ein krasser Rückfall. Wurst und Korea. Hoffentlich im nächsten Fall kein Rückfall hinter die echte, offizielle Freundschaft. Keine Bange, duzen werden sich die beiden weiterhin nicht. Und was wir uns zuerst anschauen werden, wenn wir mal nach Münster kommen sollten, wissen wir jetzt auch. Vielleicht treffen wir dabei Boerne und seine Assistentin beim zweiten Kuss an.

Es gibt eben Momente, die ändern alles.

8,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Frank Thiel – Axel Prahl
Rechtsmediziner Prof. Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Kommissarin Nadeshda Krusenstern – Friederike Kempter
Rechtsmedizinerin Silke „Alberich“ Haller – ChrisTine Urspruch
Staatsanwältin Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Taxifahrer Herbert „Vaddern“ Thiel – Claus D. Clausnitzer
Marktmeister Hannes Wagner – Pierre Siegenthaler
seine Haushälterin Christel Bernbach – Martina Eitner-Acheampong
Inhaber von „Flying Dutchmen“ Lakritz, Cornelius Bellekom – Ronald Top
seine Tochter Jill Bellekom – Sarah Buchholzer
Jills Freund Leon – Elias Reichert
Heide Maltritz – Eva Luca Klemmt
Harald Maltritz (jung) – Sascha Tschorn
Harald Maltritz (alt) – Walter Hess
Monika Maltritz (16 Jahre) – Jamie Bick
Monika Maltritz (56 Jahre) – Annika Kuhl
Bernhard (16 Jahre) – Justus Czaja
Bernhard (56 Jahre) – Patrick von Blume
Karl-Friedrich Boerne (14 Jahre) – Vincent Hahnen
Kommissar von 1976 – Jörg Reimers
Stadtrat Mendel – Gerhard Roiß
neuer Marktmeister Sascha Bernbach – Jan Dose
u.a.

Drehbuch – Thorsten Wettcke
Regie – Randa Chahoud
Kamera – Kristian Leschner
Szenenbild – Bertram Strauß
Schnitt – Jürgen Winkelblech
Ton – Erik Seifert
Musik – Eike Ebbel Groenewold

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