Vermisst wird Peter Schnok – Polizeiruf 110 Fall 44 #Crimetime 496 // #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Berlin #Fuchs #Arndt #Subras #Vermisst

Crimetime 496 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Nicht zu klein, um vermisst zu werden

Die Story um den vermissten Peter Schnok war der erste Polizeiruf, der 1977 Premiere hatte und bildet auch für uns den Anschluss an den sehr agilen und gelungenen „Bitte zahlen“. Einige Sender gehen im Moment recht konsequent die Jahrgänge der „Alt-Polizeirufe“ durch. Wir würden uns eine ähnliche Vorgehensweise endlich für die Tatort-Steinzeit wünschen, bis jetzt haben nur einzelne Sender ihre eigenen Produktionen mit einigermaßen kohärenten Retrospektiven bedacht. Mitten im Premierenmonat Februar stellt der Film Sommerfeeling her, denn er wurde überwiegend im August 1976 gedreht. Selbstverständlich gibt es mehr zu „Vermisst wird Peter Schnok“ zu schreiben, es steht in der -> Rezension.

Handlung

Autoelektriker Peter Schnok will am nächsten Tag in den Urlaub nach Burgas in Bulgarien fliegen. An seiner Arbeitsstelle wird er mal wieder von Kollege Ede wegen seiner Größe gehänselt – Schnok ist nicht einmal 1,60 Meter groß. Nach Feierabend wird er von Arthur Peltzer abgefangen. Schnok eröffnet ihm, dass er aussteigen will, und Peltzer warnt ihn, dass er einen Ausstieg bereuen werde. Nachmittags fährt Schnok zur Postangestellten Eva Klein, die er liebt. Er schenkt ihr einen Farbfernseher, und Eva Klein und er planen ihr gemeinsames Leben. Dies sorgt für den Unmut von Fleischer Günter Decker, der zwar verheiratet ist, aber ein Verhältnis mit Eva hatte. Sie hat ihn verlassen, weil er sich nicht von seiner Frau trennen wollte. Als Schnok bei ihr ist, erscheint auch Decker von der gegenüberliegenden Fleischerei. Es kommt zum Streit zwischen Decker und Schnok, den auch Peltzer im Hausflur mithört. Er war Schnok nach seiner Absage heimlich gefolgt. Später geht er zu seiner Bekannten Gitta Gabler, einer Reinigungskraft im VEB Damenmode. Er berichtet ihr, dass Schnok aussteigen will. Beide sehen der Sprengung eines Schornsteins auf dem VEB-Betriebsgelände zu.

Zwei Wochen später will Eva Klein Schnok vom Flughafen abholen, erfährt dort aber, dass Schnok die Reise nie angetreten hat. Es ist Schnoks Zimmerwirtin Birgit Peukert, die die Polizei alarmiert. Oberleutnant Peter Fuchs, Leutnant Vera Arndt und Kriminalmeister Lutz Subras übernehmen die Ermittlungen. In Schnoks Zimmer finden sie ein an Frau Peukert adressiertes Päckchen, dass einen Ballen Stoff enthält. Auch Schnoks Reisetaschen, die Lutz Subras am Bahnhof Lichtenberg sicherstellt, enthalten zahlreiche Meter Stoff. Die Recherchen ergeben, dass seit zwei Monaten im VEB Damenmode rund 4000 Meter Stoff gestohlen wurden. Der Schaden beläuft sich auf 168.000 Mark. Nach einer Inventur und verstärkten Kontrollen konnte seit drei Wochen kein Diebstahl mehr festgestellt werden. Die Putzfrauen des VEB verdächtigen Gitta Gabler, etwas mit den Diebstählen zu tun zu haben. Die gelernte Modistin kommt immer herausgeputzt zur Arbeit und passt nicht zu ihnen. Zudem meldet sie sich oft krank. Eine andere Spur führt die Ermittler nicht weiter: Schnok hatte in seinem Zimmer das signierte Foto des Jockey Harald Büttner hängen, doch kannten sich beide nicht persönlich.

Die Ermittler kommen mit ihren Untersuchungen nicht weiter und lassen eine Vermisstenanzeige in der Zeitung veröffentlichen. Eva Klein geht zu Decker und will ihn dazu bewegen, bei der Polizei auszusagen, doch Decker weigert sich. Auch Peltzer sucht Decker auf und will von ihm den Verbleib seines „Freundes“ Schnok erfahren. Er droht, Deckers Frau von seiner Affäre zu berichten, und Decker besticht Peltzer mit Geld. Eva Klein merkt sich unterdessen das Kennzeichen von Peltzers Motorrad und zeigt ihn bei der Polizei an. Die Ermittler befragen Peltzer, der berichtet, dass er Schnok zuletzt einen Tag vor seinem Abflug in den Urlaub gesehen habe.

Peter Fuchs’ Vorgesetzter Major Lehn sieht zunächst keine Verbindung vom Verschwinden Schnoks, den Stoffdiebstählen und Peltzer. Es stellt sich jedoch heraus, dass der technische Zeichner Peltzer einst den Komplex des VEB Damenmode ausgemessen hat und eine Grundrisszeichnung anfertigte, nach der der Innenumbau des VEB durchgeführt wurde. Lehn stimmt nun einer Observierung von VEB und Peltzer zu. Peltzer hat unterdessen den kleinen Jockey Wegner als neuen Partner für seine Diebestour angeworben. Wegner ist Krimifan und will den Fall auf eigene Faust lösen. Sein Kollege Büttner verständigt jedoch die Polizei und Peter Fuchs startet einen Großeinsatz. Die Ermittler folgen Peltzer und Wegner bis auf das VEB-Gelände, auf dem kürzlich der Schornstein gesprengt wurde. Hier bringt Peltzer Wegner zum Einstieg in einen Schacht, in dem er gestohlene Stoffballen gelagert hat. Wegner soll die Ballen nach oben bringen. In dem Moment greifen die Ermittler ein und verhaften Peltzer. Wegner wiederum kehrt unverrichteter Dinge ans Tageslicht zurück: Der Stollen ist eingestürzt, vermutlich im Zuge der Schornsteinsprengung. Im Stollen findet sich Schnoks Rucksack und später auch die Leiche Schnoks. Er wollte von Peltzer unbemerkt den beiseitegeschafften Stoff stehlen, wie er es schon öfter getan hat. Der Schacht wiederum endet in den Produktionsräumen des VEB Damenmode, aus denen Gitta Gabler Stoffbahnen in den Schacht geschmuggelt hatte.

Rezension

Das kommt davon, wenn man gehänselt wird. Man entwickelt als kleiner Mensch eine Großmannsucht, wird kriminell und am Ende – das. Das Schicksal von Peter Schnok ist tragisch, weil er in Ausübung einer Tätigkeit, die nur ein kleiner Mann ausführen konnte, verschüttet wurde. An der Stelle hat der Film aber auch eine Schwäche. Wenn er nicht biegbare Stoffrollen von 1,50 Meter Länge in einem Stollen transportieren konnte, dann wäre auch ein größerer Mann durchgekommen. Aber so wie wir den Schluri Winfried Glatzeder einschätzen, wollte er sich bloß nicht die Hände schmutzig machen.

Er spielt den Bauzeichner Arthur Pelzer, der den Schacht „vergessen“ hatte, als er die Pläne zeichnete, die beim Umbau des VEB Damenmode verwendet wurden. Das ist eine der cleversten Ideen, die wir bisher bei einem der vielen Fälle gesehen haben, die sich mit dem Klau sozialistischen Eigentums aus sozialistischen Produktionsbetrieben befassen. Wenn man diese Häufung auf die Realität überträgt, handelt es sich hier um eine Art Massendelikt, aber die Summe war noch nie so hoch: 168.000 Mark. Das reicht schon fast an Münzklau und Museumseinbrüche heran, die Mitte der 1970er auch in Polizeiruf-Mode kamen.

Aber damit klar ist, dass kleine Menschen nicht generell zur Kriminalität neigen, weil sie mehr sein wollen, als ihre Körpergröße hergibt, wird der erfolgreiche Jockey gezeigt, der aus seiner Körpergröße respektive seinem geringen Gewicht sogar Kapital schlagen kann. Nur: Wie viele Jobs dieser Art gibt es schon? Und wie ist es, wenn man sich in Frauen verliebt, die jedes Mal größer sind als man selbst? Und von blöden Kollegen auf eine wirklich üble Art angemacht wird. Eines ist jedenfalls auch dieses Mal wieder festzuhalten: Das Arbeitskollektiv ist kein Hort sozialistischer Solidarität, sondern eine üble Brutstätte für Mobbing, das wird auch nicht gebremst durch Manieren oder Vorgesetzte. Auch die Putzkolonne ist wirklich derb. Dass die Frau, die da nicht so reinpasst, tatsächlich Dreck am Stecken hat, konnten die Flintenweiber mit den Kopftüchern ja nicht wissen. Selbst Leutnant Arndt, die dort eine Befragung durchführt, wird aufgrund ihrer etwas gediegeneren Kleidung taxiert oder mindestens darauf angesprochen. Nur eine ältere Frau hält sich bewusst zurück. Blöderweise deckt sich diese Beobachtung mit unserer Wahrnehmung bezüglich dem Verhalten von Ostdeutschen am Arbeitsplatz, die noch in der DDR sozialisiert wurden – noch lange nach deren Ende. Keinerlei Bedenken oder Beißhemmung beim Runtermachen von Menschen, die auf irgendeine Weise abweichen von dem, was man selbst für normal oder Standard hält.

Der Aufbau des Films ist strikt, klug und wie hier, vermutlich zum ersten Mal in einem Polizeiruf, jemand zum professionellen Dieb wird, weil er sich zurückgesetzt fühlt, entspricht dem Täteropferschema späterer Polizeirufe und vieler Tatorte. Das Drama kommt vor allem dadurch zustande, dass Peter Schnok seiner Freundin keine echten Gefühle zutraut und sie deshalb überreich beschenkt, schon seine vorherige Beziehung ging zu Bruch wegen seines Untergrößenkomplexes. So nett, wie seine Vermieterin ihm Bilder hingehängt hat von Napoleon und von Josef Schmidt (!). Tolle Idee. In der Mitte hängt das Bild des bewussten Jockeys, dessen Fan Peter natürlich ist.

Der Film hat ohnehin einen sehr robusten Ton, sehr interessant auch, wie sich das Verhältnis auf der Dienststelle der „K“ entwickelt hat. Subras redet immer von „scharf“, was damals unter jüngeren Leuten ein absolutes Modewort war, auch im Westen, Fuchs verdonnert Vera Arndt dazu, dass die beiden gemeinsam dem Major etwas verheimlichen, damit dieser einen Großeinsatz genehmigt und sie reicht ihrem Chef, Fuchs, einfach mal eine Akte zurück, die er an sie übergeben hatte, weil er sich davor drücken wollte, sie dem Major selbst auzuhändigen.

Das sind keine Kleinigkeiten, denn hinzu kommt ein Ton, der wesentlich lockerer ist als noch ein, zwei Jahre zuvor. Dadurch kann vor allem Sigrid Göhler als Vera Arndt viel mehr zeigen, hat auch mehr Spielzeit und wirkt sehr frei in ihrer Darstellung, Der Nachwuchs im Team, Lutz Subras, gewinnt ebenfalls Profil – und mit einem Mal muss Peter Borgelt sich durchaus anstrengen, um die anderen als Oberleutnant Fuchs zu überstrahlen, aber es wirkt nicht, als habe er keinen Spaß bei den Dreharbeiten gehabt. Dass man bei der Maske etwas nachlässig war und die Männer mit ziemlich geröteten Lippen auftreten und Haare nicht immer ganz frisch gewaschen aussehen, verstärkt noch den Eindruck, dass alles etwas mehr dampft als in der sehr sachlichen oder auch etwas sterilen Atmosphäre der frühen Polizeiruf-Jahre.

Mit der hier zu sehenden kollegialen und auch mehr egalitären Umgangsweise, die ziemlich konsequent auf DDR-Terminologie verzichtet – bis auf die Ansprachen mit Genoss*in zu Beginn natürlich – wirkt der Film sehr modern und mehr den Tatorten angenähert, wie sie sich zu jener Zeit entwickelten, nämlich mit zweiten Kräften, die durchaus ein charakterliches Eigenleben hatten und sich nicht beinahe wie Automaten verhalten mussten. Sigrid Göhler hatte ihre geringen Möglichkeiten in den ersten Jahren dadurch ausgeschöpft, dass sie Vera Arndt manchmal sehr dezidiert und ein bisschen dämonisch wirken ließ, davon ist in „Vermisst wird Peter Schnok“ kaum etwas zu sehen – aber: Wir kennen ja nun auch schon einige Polizeirufe der 1980er, da wirkt das innerdienstliche Verhältnis nicht mehr so statisch wie zu Beginn, aber manchmal auch, auf der Suche nach Individualität und etwas Humor, verkrampfter als in dieser 44. Produktion der Reihe.

Finale

„Vermisst wird Peter Schnok“ hat eine interessante Prämisse: Diskriminierung befördert kriminelle Energie. Er ist flott gefilmt und gut gespielt und hält fast das Niveau von „Bitte zahlen“, der etwas erlesener in der Bildgestaltung und war, außerdem führt uns „Vermisst wird Peter Schnok“ wieder in einige ziemlich stüsslig wirkende Settings, die uns zum Beispiel Altbauten zeigen, an denen noch nicht einmal alle Kriegsschäden beseitigt sind und in einen VEB, der zumindest als fiktionales Werk, das gerade erst umgebaut worden sein soll, aussieht wie in den 1920ern. In gewisser Weise ist das ein „Zwischenstil“ – nicht mehr so formell und linientreu wie in den Jahren, als der Polizeiruf sich erst etablieren musste, sondern recht selbstbewusst und trotz des tragischen Todes von Peter Schnok nicht so in Moll wie die Werke aus den Mitt-80ern, die wir bisher angeschaut haben.

7,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Otto Holub
Drehbuch Otto Holub, Eberhard Görner
Produktion Rainer Gericke
Musik Rudi Werion
Kamera Bernd Sperberg
Schnitt Brigitte Hujer

Peter Borgelt: Oberleutnant Peter Fuchs
Sigrid Göhler: Leutnant Vera Arndt
Alfred Rücker: Kriminalmeister Lutz Subras
Werner Senftleben: Major Lehn
Victor Deiß: Peter Schnok
Winfried Glatzeder: Arthur Peltzer
Monika Woytowicz: Eva Klein
Ilona Grandke: Gitta Gabler
Günter Naumann: Günter Decker
Marga Legal: Birgit Peukert
Wolfgang Ostberg: Jockey Harald Büttner
Charlotte Freygang: Erna Schütz
Dietmar Obst: Jockey Wegner
Hermann Hiesgen: Nachbar Schütz
Carola Braunbock: Putzfrau Olga
Gertrud Brendler: Putzfrau Adele
Peter Dommisch: Autoschlosser Ede
Otmar Richter: Autoschlosser Scholli
Gunter Sonneson: Fleischergeselle
Gisela Bestehorn: Betriebsleiterin
Klaus Nietz: Fernsehreporter
Günter Maass: Feuerwehrmann
Wolfgang Ernst: Erster Kriminalist
Wolfgang Franke: Zweiter Kriminalist
Mathias Blochwitz: Reiseleiter
Peter Kalisch: Kriminaltechniker

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s